9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2018 - Ideen

Descartes hat noch gefordert, alles zu bezweifeln, was nicht klar und deutlich erkannt werden könne. Aber kann man das im digitalen Zeitalter so aufrecht erhalten? Der Philosoph Walther Ch. Zimmerli bezweifelt es in der NZZ: "Wir Menschen sind durch die Notwendigkeit der - analogen - Interpretation nolens volens immer Mitspieler im Bereich des Digitalen. Ja, noch mehr: Wir sind zwingend natürliche Digital-analog-Wandler (DAW). Allen modischen begrifflichen Pseudoversprechen wie 'autonomes Fahren', 'künstliche Intelligenz' oder 'Singularity' zum Trotz wird es nie bloẞ binär operierende Maschinen alleine, sondern immer Mensch-Maschine-Tandems geben. Dann aber greift das schon seit langem diagnostizierte 'informationstechnologische Paradox': Je besser der Maschinenteil des Mensch-Maschine-Tandems 'funktioniert', desto unmöglicher wird die Einlösung des Descartes-Postulats, nichts für wahr zu halten, was nicht klar und unterscheidbar perzipiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2018 - Ideen

Selbst Joi Itō, seit 2011 Leiter des Media Lab des Massachusetts Institute of Technology, ist derzeit vom digitalen Zeitalter etwas enttäuscht, gibt er im Gespräch mit Zeit online zu. Ganz mag er seinen Optimismus aber nicht aufgeben: "Gibt man jedem eine Stimme, sind die Arschlöcher die Lautesten. Sie übertönen alle anderen. Wir waren sehr naiv damals, als es mit dem Netz losging. Manche sind es bis heute. Aber eigentlich bin ich wirklich ein Optimist. ... Ich würde empfehlen, sich Martin Nowaks Studien anzuschauen, der in Harvard Mathematik und Biologie lehrt und dort das Programm für Evolutionary Dynamics leitet. Seine Computersimulationen legen die These nahe, dass für die Evolution kooperatives Verhalten bedeutsamer war als Konkurrenzverhalten. Schon die Darwinistische Vorstellung der Evolution wurde oft zu sehr auf die Lesart reduziert, dass der Stärkere stets gewinnt. Nahe liegender wäre, sich einfach noch mal die Biene und die Blume anzuschauen und von deren kooperativem Verhältnis zu schwärmen. Statt gegeneinander sollten wir miteinander arbeiten."

Im Guardian verficht die Vordenkerin des Linkspopulismus Chantal Mouffe erneut ihre Idee, dass die Linke nur mit Populismus auf den Populismus der Rechten reagieren könne. "Der einzige Weg, Rechtspopulismus zu bekämpfen ist, ist eine progressive Antwort auf die Forderungen zu geben, die er in fremdenfeindlicher Sprache formuliert. Das heißt, man muss den demokratischen Kern in diesen Forderungen anerkennen und die Möglichkeit sehen, diese Forderungen in radikaldemokratischer Richtung durch einen neuen Diskurs zu artikulieren. Dies ist die politische Strategie, die ich 'Linkspopulismus' nenne."

Die FAS druckt Eva Menasses Eröffnungsrede zum Internationalen Literaturfestival Berlin, in der sie das Internet für den Rechtspopulismus verantwortlich macht: "In Verbindung mit den neuen technologischen Möglichkeiten jedoch sind Macht und Einfluss der neuen Rechten in einem Ausmaß angeschwollen, das noch vor kurzem unvorstellbar war. 'Flood them with shit', wird Steve Bannon zitiert, der sich vorgenommen hat, Vernunft und Glaubwürdigkeit ganz generell und global zu zerstören, sowohl die von Medien als auch die von herkömmlicher Politik."

Außerdem: In der NZZ berichtet Urs Hafner von einem internationalen Philosophiekongress in Basel zum Thema "Was ist Geist?".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2018 - Ideen

Johannes Simon untersucht für Zeit online noch einmal die Texte von Sahra Wagenknecht und Bernd Stegemann (hier, inzwischen online) und Wolfgang Streeck (hier) und stellt fest, dass sie am Ende ähnlich argumentieren wie die Rechtspopulisten: "Die Texte von Wagenknecht, Stegemann und Streeck kritisieren nicht, sondern affirmieren vielmehr die gängigsten rechtspopulistischen Argumentationsmuster. Das kulminiert darin, dass Streeck sich sogar in einer der wichtigsten Fragen des neuen deutschen Kulturkampfes auf die falsche Seite stellt, indem er nämlich behauptet, 2015 habe sich die Bundesregierung für eine 'Grenzöffnung' entschieden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2018 - Ideen

Hart geht der britische Philosoph John Gray in der SZ mit Linksliberalen ins Gericht, denen er nicht nur vorwirft, ebenso anfällig für Verschwörungstheorien zu sein wie Rechte und sich vor Verantwortung zu drücken, sondern er attestiert dem Linksliberalismus auch eine Abkehr von Toleranz hin zu einer "Orthodoxie", die ihre Abweichler unter Druck setze: "Nur wenige Liberale, die Universitäten, Medienkonzerne und andere Unternehmen leiten, zeigen ein Gespür für die komplexe und widersprüchliche Sphäre von Ethik und Politik. Für viele von ihnen besteht die Welt aus einfachen moralischen Fakten. Der westliche Kolonialismus sei durch und durch böse, historische nationale Identitäten seien dem Wesen nach rassistisch und Religionen nichts weiter als Strukturen der Unterdrückung. Jeder, der diese angeblichen Fakten in Frage stellt, hat eine Umschulung nötig oder die fristlose Kündigung zu erwarten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2018 - Ideen

In Fankreich, wo man keine Erfahrung mit Stasi-Debatten hat, kommt Julia Kristeva mit ihren Beteuerungen, die Meldungen über ihre IM-Arbeit für den bulgarischen Geheimdienst im Paris der Sechziger und Siebziger seien komplett erlogen, widerstandslos durch (unsere Resümees). Für den New Yorker liest Dimiter Kenarov, selbst Bulgare, noch einmal das 400-seitige Kristeva-Dossier und findet durchaus angeregte Diskussionen Kristevas mit den Geheimdienstleuten: So sprach sie etwa "über ihre bulgarischen Kollegen bei Radio Paris, wo sie eine Zeitlang wöchentliche Kritiken beitrug. Aber sie blieb bei kleinen und irrelevanten Details: Ein Kollege klagte über Magenschmerzen, eine andere hatte Geldprobleme und lebte mit ihrer Tochter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Informationen wurden dennoch an die Abteilung der Staatssicherheit weitergeleitet, die Emigranten und 'Verräter des Mutterlands' überwachte. Auch scheinbar nutzlose Informationen konnten später mit einem ideologischen Drall ausgebreitet werden. Als Gegenleistung erhielt Kristeva laut Dossier Hilfe für ihre Familie. Ihre jüngere Schwester Ivanka, eine Geigerin, die kürzlich in Frankreich angekommen war, brauchte eine Verlängerung für ihren Pass..."

In der Zeit versucht Etienne Balibar Prinzipien einer neuen Flüchtlingspolitik zu definieren: "Hier geht es nicht darum, das Umherirren der Migranten und Asylsuchenden per Gesetz zu beenden; es geht auch nicht um eine Beseitigung der Ursachen, die zu ihrer Flucht geführt haben. Vielmehr soll verhindert werden, dass Staaten den Exodus unter dem Vorwand von Sachzwängen in einen Prozess der Aussonderung oder gar der Eliminierung münden lassen." Wie genau er seine Liberalisierung international durchsetzen will, lässt Balibar offen.

Außerdem: Nicht ohne linksliberalen Degout inspiziert Thomas Assheuer ebenfalls in der Zeit den fröhlichen Linkspopulismus der Philosophin Chantal Mouffe, der Bewegungen wie Jean-Luc Mélenchons "Unbeugsames Frankreich" oder Sahra Wagenknechts "Aufstehen" beflügelt. Im nicht ganz auf den Punkt kommenden Interview mit Fatma Aydemir von der taz versucht Max Czollek zu erklären, was er mit seinem Aufruf "Desintegriert euch" eigentlich meint.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2018 - Ideen

Vor hundert Jahren ist Oswald Spenglers "Untergang des Abendlands" erschienen. Seine Aktualität bis heute liegt angesichts linken und rechten Identitätsdenkens vor allem in einem Begriff, dem der Kultur, schreibt Andreas Kilb in der FAZ: "Indem er all das, was Kunst und Wissenschaft an konkretem Inhalt, an Sinn produzieren, dem 'Formproblem' unterordnet, erledigt Spengler mit dem Gedanken des Fortschritts zugleich den der Humanität. Die Kulturen blühen 'in erhabener Zwecklosigkeit' nach- oder nebeneinander auf, und wenn sie sich begegnen, sind sie einander bestenfalls gleichgültig. Ihr Naturzustand aber ist der Kampf. Alles, was die Realgeschichte an Greueln bereithält, ist deshalb bei Spengler 'notwendig', jedes Gemetzel als Stufe kultureller Entwicklung gerechtfertigt."

Außerdem: Die SZ hat Gustav Seibts Besprechung von David Christians "Big History. Die Geschichte der Welt - vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit" online nachgereicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2018 - Ideen

Mit Blick auf Rechtspopulismus, Rekonstruktionsarchitektur und den allgemeinen Nostalgietrend und nach der Lektüre der Bücher von Mark Lilla, Zygmunt Bauman und Valentin Groebner zum Thema diagnostiziert Nils Markwardt bei ZeitOnline einen neuen "Retrofetischismus". Den habe es allerdings immer gegeben, meint er und betont aber, dass im Hinblick auf geschichtspolitische Wiederholungen Geschichtlichkeit nicht ausgeblendet werden dürfe: "In der Reinszenierung von Geschichte kommen stetig neue Elemente dazu, während andere gleichzeitig herausfallen, sodass das Ergebnis dieser Wiederholung sich gewissermaßen auf einer höheren Stufe befindet. Das zeigt sich etwa dann, wenn vormals marginalisierte Akteure - etwa Frauen und Migranten - und zuvor vergessene, unterdrückte oder ausgeblendete Traditionen, etwa die von Minderheiten oder Zugezogenen, in die kollektive Erinnerung mit aufgenommen und gewürdigt werden. Diese Form der Wiederholung ist also einerseits offen und verweist damit andererseits indirekt auf ihre eigene Gemachtheit. Mit ihr ließe sich die historische Identität einer multikulturellen Gesellschaft erzeugen, eine Identität etwa, in der Christentum, Judentum und Islam, in der Kartoffeln, Kreplach und Kebab nebeneinander existieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2018 - Ideen

Wolfgang Streeck antwortet in der Zeit empört auf Colin Crouch, der letzte Woche Sahra Wagenknechts Sammlungsbewegung "Aufstehen"als fremdenfeindlich kritisiert hatte und lieber auf eine modernisierte SPD setzt (unsere Zusammenfassung): "Ist Fremdenfeind, wer Einwanderer als Konkurrenten um Arbeits-, Kita- und Wohnplätze erlebt und deshalb Einwanderung begrenzt sehen will? Wer für seine Kinder funktionsfähige öffentliche Schulen braucht, weil er nicht umziehen oder auf private Schulen ausweichen will oder kann? Wer um seine traditionelle, regional geerdete Lebensweise fürchtet? Wer zwischen erwünschten und unerwünschten Neuankömmlingen unterscheiden will?"

Die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink verreißt in der Zeit Thilo Sarrazins neues Buch "Feindliche Übernahme" wie zu erwarten als unfundiert und pauschal, ohne allzu skandalöse Stellen zu zitieren: "In einer überwältigenden Vortäuschung von Sachlichkeit präsentiert er die Begründung dafür, warum das in 'Deutschland schafft sich ab' geschilderte Schreckgespenst auf nichts anderes als den Islam zurückgehe." Schwächen findet sie gerade bei Sarrazins Steckenpferd, der Demografie: "So führt er wiederholt die Nettoreproduktionsrate mehrheitlich muslimischer Länder des subsaharischen Afrikas an, ohne zu erwähnen, dass es um mehrheitlich christliche Länder dieser Region wie etwa die Demokratische Republik Kongo nicht besser bestellt ist. Seine selektiven Statistiken ergänzt Sarrazin darüber hinaus noch um die unzutreffende Behauptung, dass in Ländern wie Tansania, Nigeria und Äthiopien die muslimische Minderheit zu einer Mehrheit geworden sei."

Viel polemischer schreibt Sonja Zekri in der SZ, obwohl sie sich vorgenommen hat, "sine ira et studio" zu schreiben. Für sie disqualifiziert sich Sarrazin schon, weil er den Koran nicht auf arabisch lesen kann (womit auch die meisten Muslime als Gesprächspartner bei dem Thema ausfielen). Dann wirft sie ihm aber wieder vor, dass er den Koran wörtlich nimmt: "Nun gibt es durchaus Muslime, die - wie Sarrazin - jede Historisierung und Kontextualisierung noch der blutrünstigsten Stellen ablehnen. Allerdings nicht sehr viele. Sie tragen meist lange Bärte und gelegentlich einen Sprengstoffgürtel."

Weitere Kritiken von Eren Güvercin im Freitag, Torsten Krauel in der Welt, Bert Rebhandl im Standard.

Für radikale, antiwestliche Linke ist "der weiße Mann" oder "der Westen" längst zur Projektionsfläche für die Erbsünde geworden, schreibt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. Dabei entsorge die Linke Menschenrechte gleich mit: "Menschenrechte sind keine universellen Rechte, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, sondern nichts anderes als ein Mittel des Westens, um imperialistische Ambitionen durchzusetzen. Und Verteidiger der Universalität der Menschenrechte in den Gesellschaften der Dritten Welt sind keine mutige Verbündete, sondern 'Verräter, die ihre Kultur hassen'. Die Leugnung der Universalität der Menschenrechte ebnet den Weg zur Tyrannei und Unfreiheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2018 - Ideen

Was unterscheidet einen echten Menschen von einem künstlichen? Bernard-Henri Levy sucht in der NZZ Rat bei den Philosophen. Mensch zu sein, schließt er, ist vor allem ein Abenteuer. Es "bedeutet, dass man gegen alle Arten des gesellschaftlichen Drucks in sich einen Ort der Intimität und Heimlichkeit bewahrt, zu dem das große Ganze keinen Zutritt hat. Es heißt, diesen Bereich, in dem uns die drei transzendenten Mächte - Gott, Natur, Gesellschaft - nichts anhaben können, nicht nur zu schaffen, sondern ihn zu sichern, zu verteidigen und, wenn möglich, auszudehnen. Die Kraft dazu mag uns nicht von vornherein gegeben sein. Wir sind nicht als Menschen geboren; wir werden es. Menschlichkeit ist keine Seinsform; sie ist ein Schicksal. Sie ist auch kein stabiler, ein für alle Mal erlangter Zustand, sondern ein Prozess."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2018 - Ideen

Der Ökonom Ulrich Brand, Anhänger der "Degrowth"-Theorie, erklärt im Interview mit Ruth Fulterer von der taz, wie weit er gehen würde, um eine Gesellschaft ohne Wachstum zu erreichen: "Der liberale Freiheitsbegriff tut so, als könnten alle frei sein. Aber das stimmt nicht. Im Moment sind die frei, die Geld haben. Wir müssen uns demokratisch Regeln setzen, die unsere Freiheiten bewusst beschränken. Bei Kinder- und Sklavenarbeit ist es ja einsichtig, die Freiheit der Unternehmer zu beschränken. Es geht also um Verbote oder hohe Steuern, auf Flugreisen und SUVs zum Beispiel."

Es ist naiv, den Liberalismus als "natürliches" Vorbild aller menschlicher Gesellschaften zu betrachten, schrieb der britische Philosoph John Gray im Mai im New Statesman und diagnostizierte mit Blick etwa auf Ungarn, Italien oder Russland ein "Zeitalter der starken Männer". In der NZZ erklärt der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser Grays Gedanken aufgreifend, wie die Fragilität des Liberalismus und die Unsicherheit sozialer, politischer und wirtschaftlicher Situationen von dessen Gegnern genutzt werde, "um die Bevölkerung mit Bedrohungsszenarien auf Kurs zu bringen. Dabei kleistern solche Szenarien oft die disparatesten Elemente zusammen: von Migration und Multikulturalismus über neue Technologien und verschwindende Arbeitsplätze bis zum Verfall von alten Eliten und christlicher Sitte. Oppositionelle drangsaliert man nicht, man belegt sie einfach mit wirtschaftlichen Sanktionen. Bekannte und finanzstarke Verfechter der offenen Gesellschaft, wie etwa George Soros in Ungarn, dämonisiert man in regierungsgesteuerten Plakatkampagnen als 'Verschwörer'. Eine gerissene Mischung aus Steuersenkungen und ökonomischem Nationalismus sichert dem Regime von Viktor Orban die breite Unterstützung durch Habenichtse und Wohlhabende. Was die Verschlagenheit der politischen Mittel angeht, sticht der Anti-Liberalismus den Liberalismus aus."