Etwas verwirrend klingt das Resümee in Micha Brumliks
taz-
Artikel über
Erasmus als Namensgeber der
AfD-Parteistiftung. Die AfD, so Brumlik, mache aus Erasmus einen "einen
aufgeklärten,
letztlich intoleranten Verteidiger des christlichen Abendlandes". Ist Aufklärung letztlich intolerant? Brumlik selbst stellt Erasmus als einen Pazifisten dar, der zwar Versöhnliches über Muslime schrieb, zugleich aber
Antisemit gewesen sei: Vor allem die
getauften Juden, die Marranos hätten seinen Verdacht erregt: "Während ihm die ungetauften Juden als Inbegriff des Starrsinns galten, witterte er zumal in getauften Juden eine besondere Gefahr: 'Unter dem Deckmantel der Verteidigung des Glaubens', so Erasmus 1531, 'wird die Welt mit Raub erfüllt. Spanien hat viele geheime Juden, Deutschland sehr viele, die von Natur aus oder durch Kriege geübt der Räuberei zuneigen. Dieses Gesindel wird erst Deutschland und dann den Erdkreis überschwemmen.'" Den eigentlichen Skandal der Parteistiftung - die Stiftungen der traditionellen Parteien haben sich so großzügig am Staatsgeld bedient, dass nun auch der AfD
70 Millionen Euro im Jahr zustehen - erwähnt Brumlik am Rande.
Drei attraktive Männer, einer etwas älter, räkeln sich auf der Terrasse eines Cafés. Bei den dreien handelt es sich um
Edouard Louis, Autor des Romans "Das Ende von Eddy",
Geoffroy de Lagasnerie, Soziologe, und Feuilletonliebling
Didier Eribon - die Speerspitze des Pariser Linksradikalismus. "Seit acht Jahren verlassen sie sich nicht mehr",
schreibt Zineb Dryef in
Le Monde einem Porträt der drei. Louis hat sich 2010 in Eribons Kurse in Amiens eingeschrieben. "Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon haben sich zehn Jahre zuvor kennengerlernt. Im Alter von zwanzig Jahren folgte der Student an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales eine von Eribon präsentierten 'Soziologie der Homosexualität'. Und sie
verlassen sich nicht mehr. Als Didier ihm ein Jahr später diesen jungen Studenten aus Amiens vorstellt, von dem er ihm so viel gesprochen hat, nimmt er sich sofort seiner an. Jeden Tag gehen sie ins
Fitness-Studio, bevor sie Didier zum Mittagessen treffen."
"Person of color" sitzen nicht alle im selben Boot, erkennt in einem interessanten
Essay im
Freitag die mit ihren Eltern einst aus Afghanistan geflohene, jetzt in Deutschland lebende Künstlerin
Moshtari Hilal. Denn mit diesem Begriff werden
soziale Unterschiede einfach unter den Tisch gekehrt: "Was für einen Gehalt hat eine Politik, die Solidarität schaffen soll, wenn sie nicht intersektional gedacht wird, wenn Gründe für Diskriminierung nicht unterschieden werden? Wenn ökonomische und soziale Voraussetzungen der Familiengeschichte oder Ausbildung nicht benannt werden, aber gleichzeitig von 'white privilege' gesprochen wird wie von einer Eintrittskarte in den
trendy Widerstand gegen den Imperialismus, dann hinkt die Analyse. Denn was heißt 'of color' für eine Person, die als Expat nach Berlin kommt, fließend Englisch spricht und im eigenen Land noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist? Im Kontrast zu jemandem, dem
das Kapital und die Sprachkompetenz fehlt, um aus dem eigenen Stadtteil wegzuziehen, geschweige denn in einem anderen Land zu arbeiten, das nicht mehrheitlich weiß ist?"
Außerdem:
Identitätspolitik ist rassistisch und macht Menschen zu Gefangenen der eigenen Kultur,
lernt René Scheu aus dem Band "
Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik". Und der Philosoph
Roberto Esposito rekonstruiert in der NZZ die Genealogie des
Populismus aus der Geschichte der "
Biopolitik" in den letzten zwei Jahrhunderten.