9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 - Ideen

Anlässlich der von ihm in Lüneburg ausgerichteten Utopie-Konferenz träumt der Philosoph Richard David Precht im Dlf-Kultur-Gespräch mit Nicole Dittmer vom Jahr 2025: "Die Digitalisierung wird dafür sorgen, dass ein ganz erheblicher Teil der Berufe, die man bisher als Intelligenzberufe bezeichnet hätte, dass die in Zukunft von Maschinen gemacht werden. Manches schon in fünf Jahren, anderes vielleicht erst in zwanzig Jahren, aber das wird dazu kommen. Sehr viele Menschen werden nicht mehr im klassischen Sinne erwerbstätig sein. Dann leben wir nicht mehr in der Gesellschaft der Bundesrepublik im Jahre 2018, sondern in einer anderen Art von Gesellschaft - und wir müssen uns jetzt überlegen, was sind die humanen, humanitären Spielregeln für eine Gesellschaft, in deren Mittelpunkt nicht mehr die Erwerbsarbeit steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2018 - Ideen

Recht vertrackt wird es, wenn der Soziologe Armin Nassehi im Standard mit Ronald Pohl über "Links" und "Rechts", das Problem mit den offenen Gesellschaften, der Migration und dem Sozialstaat spricht: "Ich will als Soziologe beschreiben, dass eine sozialdemokratische Interventionspolitik, wie wir sie kennen, das 'rechte' Problem der Zugehörigkeit quasi unsichtbar schon als gelöst voraussetzt." Und: "Häufig genug ähnelt die Kapitalismuskritik vieler Linker einem 'Posing': zu glauben, dass man den Kapitalismus überwindet, wenn man in der Lage ist, die Staatstätigkeit zu erhöhen. Damit setzt man die Struktur wieder voraus, die vorher dazu geführt hat, dass man die Bändigung des Kapitalismus durch sozialdemokratische Politik im nationalstaatlichen Rahmen nicht mehr voraussetzen kann."

Wir brauchen ein neues Gleichgewicht zwischen res und pragmata, also zwischen den Dingen, auf die man sich bezieht und den Dingen, die man tut, schreibt der Kulturtheoretiker Jan Söffner in der NZZ. Denn der postmoderne Grundsatz, Beliebigkeit immer nur im Reich der Realität durchzuspielen, nicht aber in der Praxis, werde in der "Politik des Postfaktischen" außer Kraft gesetzt: "Die Dinge, auf die man sich bezieht - die Fakten -, sind gar nicht der maßgebliche Austragungsort dieser Politik. Davon zeugt nicht zuletzt die Beobachtung, welche Effizienz sie darin entwickelt hat, die politisch korrekte Haltung und damit das pragmatische Erbe der Postmoderne als 'unrealistisch' zu brandmarken. Dabei hatte es sich ja nie um eine realistische Rede gehalten - sondern um eine pragmatische: eine, die nicht sagen wollte, wie die Dinge sind, sondern eine, die erreichen wollte, dass sie eines Tages so würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2018 - Ideen

Daniele Dell'Agli denkt im Perlentaucher über den seit den neunziger Jahren dank der Kulturwissenschaften und Medien immer weiter aufgeblähten Rassismusbegriff nach: "Längst hat die Dialektik der Begriffsaufblähung den kritischen Impetus entwertet: am Ende steht die Verwunderung über gute Sprachkenntnisse neben der verweigerten Wohnung und dem Anzünden eines Flüchtlingsheims unter demselben Rassismusverdacht."

Leichtes Unbehagen beschleicht den italienischen Schriftsteller Giorgio Fontana, der als Stipendiat in Montricher den Luxus kreativen Schaffens in idyllischer Abgeschiedenheit genießen durfte. Womit hat er das Privileg verdient? Wie lässt sich der Elfenbeinturm rechtfertigen? "Ich gestehe freilich, dass mir die Vorstellung einer moralischen Gegenleistung nicht fremd ist. Es müsste eine Gegengabe sein, die dem Privileg der Klausur ebenbürtig wäre. Für die Rückkehr in den komplexen und konfliktreichen Alltag werde ich brauchen können, was ich in diesem Turm aus Beton und Glas einübe: weniger Rhetorik, weniger reflexartige Antworten auf die Fakten, einen gemäßigten Skeptizismus, vor allem aber: gelassene Nüchternheit."

Welt-Autor Thomas Schmid erklärt, wie Liberale sein müssten, wenn es in Deutschland Liberale oder gar eine liberale Partei gäbe. Sie dürften "nicht einem anthropologischen Optimismus anhängen, sie müssen die Gefahren, die etatistische Versuchung, die allgegenwärtigen Hindernisse und auch das Böse in Rechnung stellen. Der Philosoph Helmuth Plessner hat schon neun Jahre vor Hitlers Griff zur Macht festgestellt: 'Mit der Wirklichkeit rechnen heißt mit dem Teufel rechnen.' Das selbstgenügsame Verwalten scheinbar ewiger Gewissheiten macht den Liberalismus zahnlos und entkräftet ihn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2018 - Ideen

Colin Crouch vom Max-Planck- Institut für Gesellschaftsforschung hält die Idee einer linken Sammlungsbewegung in der Zeit für nicht so gut. Stattdessen möchte er die Sozialdemokratie reparieren. Zwar "wäre es eine Gefahr für die sozialdemokratische Linke, sich allein auf die abgehängte Arbeiterklasse zu konzentrieren: Diese Klasse wird niemals wieder aus sich heraus eine Mehrheit stellen." Die Arbeiter bei Amazon und Co. müssten es darum richten: "Die sozialdemokratische Linke muss ihre starke Verbindung zu Sozialstaat und Gewerkschaften wiederaufleben lassen. Dazu muss sie die neuen, oftmals mit großer beruflicher Unsicherheit konfrontierten Arbeitnehmer im privaten Dienstleistungssektor davon überzeugen, dass sie ebenso sehr wie Handarbeiter und Staatsbedienstete eine Vertretung ihrer Interessen durch Gewerkschaften benötigen."

Auf den Kulturseiten, ein bisschen weiter hinten klagt ein weiterer Vordenker der Kapitalismuskritik, David Graeber, über die vielen "Bullshit-Jobs", die sich diese Gesellschaft offenbar leisten kann: "Wenn wir die Arbeit betrachten, die in den Dreißigerjahren verrichtet wurde, dann ist davon die meiste verschwunden - oder in andere Länder abgewandert. Als Gesellschaft hat uns das vor die Frage gestellt: Sollen wir die Zahl der Wochenarbeitsstunden massiv reduzieren? Das wäre die beste Lösung gewesen. Wir haben uns für eine andere entschieden: Jemand hat sich sinnlose Berufe ausgedacht, um uns weiterzubeschäftigen. Jetzt sitzen viele von uns in Büros herum, sie basteln Katzen-Meme und sind unglücklich, weil sie sich nicht mehr als selbstwirksam erleben."

Und noch eine weitere Idee wird in der Zeit gleich doppelt erwogen: Sind die globalen Probleme und die Flüchtlingskrise tatsächlich eine Frucht des Kolonialismus, wie Gero von Randow neulich behauptete? Nein, rufen gleich drei Autoren: Die Idee des Dschihad im Islam sei zum Beispiel gut 800 Jahre älter als der Kolonialismus. Und im Feuilleton ergänzt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter unter dem Titel "Der Wille zur Schuld": "Nach dieser Logik könnte freilich auch jemand argumentieren, dass Hitler ohne den Versailler Vertrag wohl kaum an die Macht gekommen wäre und daher die Siegermächte des Ersten Weltkrieges schuld an den Nazigräueln gewesen seien."

Au0erdem: Michael Hüther und Knut Bergmann vom Institut der deutschen Wirtschaft antworten in der FAZ auf Wolfgang Streecks Aufruf für eine linke Sammlungsbewegung (unser Resümee) und raten der SPD, "sich noch rückwirkend mit ihren eigenen Erfolgen der Schröder-Zeit auszusöhnen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2018 - Ideen

Den Soziologen Michael Hartmann wundert es nicht, dass der Populismus in Deutschland immer stärker wird, denn vor allem die politischen Eliten (die wirtschaftliche war schon immer abgekoppelt) haben sich seit der rot-grünen Regierung 1998 immer weiter vom Durchschnitt der Bevölkerung entfernt. In der SPD etwa gebe es immer weniger Arbeiter, erklärt Hartmann im Interview mit der SZ: "Was die SPD angeht, müsste man eigentlich einen großen Teil des Spitzenpersonals austauschen, weil die alle mit der Politik der letzten zwanzig Jahre verbandelt sind. Die Partei müsste sich wie Labour in Großbritannien von unten erneuern. Man könnte auch darüber nachdenken, ob Parteien nicht ganz grundsätzlich ähnlich wie Frauenquoten Arbeiterkinderquoten einführen sollten. Das wäre im Übrigen in allen gesellschaftlichen Eliten begrüßenswert - also etwa auch in Wirtschaft, Wissenschaft und in den Medien."

Hedwig Richter, Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung, kann das Jammern über die Fehler oder den Niedergang der Demokratie nicht mehr hören: Demokratie war weltweit noch nie so erfolgreich wie heute, schreibt sie in der SZ. "Gab es in den Zwanzigerjahren rund 30 Länder mit demokratischer Herrschaft, so waren es 1989 knapp 70 und 1995 schon 115, während es heute mehr als 120 sind. Noch nie lebten so viele Menschen in Demokratien wie in diesem Jahrtausend - sowohl absolut als auch prozentual. Nur Zyniker können darüber hinwegsehen, welch ein Gewinn das für die Bevölkerungen bedeutet."

In Amerika ist der kanadische Psychologe Jordan Peterson längst ein Phänomen und charismatischer Tröster für alle, die den neuen Gender-Sprech verabscheuen (unsere Resümees). Die Soziologin Hella Tietz versucht, dies Phänomen in Zeit online zu fassen zu bekommen: "Wofür genau steht Jordan B. Peterson? Und was fasziniert seine Follower an ihm?" Sie setzt sich gründlich mit seinen Artikeln und Vorträgen auseinander. Eines seiner Erfolgsrezepte sei, dass er seine Beispiele aus der Evolution für seine Theorien über Mann und Frau völlig willkürlich herbeizitiere. Warum zum Beispiel Krebse? Damit schaffe er es zwar, "auf unterhaltsame Weise den Mechanismus wie auch die Frustration in der männlichen, auf Fortpflanzung ausgerichteten Dominanzhierarchie illustrieren. Doch versucht Peterson nicht einmal zu begründen, warum ausgerechnet die Krebse das noch heute für Menschen gültige Modell (und nicht etwa eine auf spezifische Umweltherausforderungen reagierende Abweichung) darstellen sollten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2018 - Ideen

Etwas verwirrend klingt das Resümee in Micha Brumliks taz-Artikel über Erasmus als Namensgeber der AfD-Parteistiftung. Die AfD, so Brumlik, mache aus Erasmus einen "einen aufgeklärten, letztlich intoleranten Verteidiger des christlichen Abendlandes". Ist Aufklärung letztlich intolerant? Brumlik selbst stellt Erasmus als einen Pazifisten dar, der zwar Versöhnliches über Muslime schrieb, zugleich aber Antisemit gewesen sei: Vor allem die getauften Juden, die Marranos hätten seinen  Verdacht erregt: "Während ihm die ungetauften Juden als Inbegriff des Starrsinns galten, witterte er zumal in getauften Juden eine besondere Gefahr: 'Unter dem Deckmantel der Verteidigung des Glaubens', so Erasmus 1531, 'wird die Welt mit Raub erfüllt. Spanien hat viele geheime Juden, Deutschland sehr viele, die von Natur aus oder durch Kriege geübt der Räuberei zuneigen. Dieses Gesindel wird erst Deutschland und dann den Erdkreis überschwemmen.'" Den eigentlichen Skandal der Parteistiftung - die Stiftungen der traditionellen Parteien haben sich so großzügig am Staatsgeld bedient, dass nun auch der AfD 70 Millionen Euro im Jahr zustehen - erwähnt Brumlik am Rande.

Drei attraktive Männer, einer etwas älter, räkeln sich auf der Terrasse eines Cafés. Bei den dreien handelt es sich um Edouard Louis, Autor des Romans "Das Ende von Eddy", Geoffroy de Lagasnerie, Soziologe, und Feuilletonliebling Didier Eribon - die Speerspitze des Pariser Linksradikalismus. "Seit acht Jahren verlassen sie sich nicht mehr", schreibt Zineb Dryef  in Le Monde einem Porträt der drei. Louis hat sich 2010 in Eribons Kurse in Amiens eingeschrieben. "Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon haben sich zehn Jahre zuvor kennengerlernt. Im Alter von zwanzig Jahren folgte der Student an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales eine von Eribon präsentierten 'Soziologie der Homosexualität'. Und sie verlassen sich nicht mehr. Als Didier ihm ein Jahr später diesen jungen Studenten aus Amiens vorstellt, von dem er ihm so viel gesprochen hat, nimmt er sich sofort seiner an. Jeden Tag gehen sie ins Fitness-Studio, bevor sie Didier zum Mittagessen treffen."

"Person of color" sitzen nicht alle im selben Boot, erkennt in einem interessanten Essay im Freitag die mit ihren Eltern einst aus Afghanistan geflohene, jetzt in Deutschland lebende Künstlerin Moshtari Hilal. Denn mit diesem Begriff werden soziale Unterschiede einfach unter den Tisch gekehrt: "Was für einen Gehalt hat eine Politik, die Solidarität schaffen soll, wenn sie nicht intersektional gedacht wird, wenn Gründe für Diskriminierung nicht unterschieden werden? Wenn ökonomische und soziale Voraussetzungen der Familiengeschichte oder Ausbildung nicht benannt werden, aber gleichzeitig von 'white privilege' gesprochen wird wie von einer Eintrittskarte in den trendy Widerstand gegen den Imperialismus, dann hinkt die Analyse. Denn was heißt 'of color' für eine Person, die als Expat nach Berlin kommt, fließend Englisch spricht und im eigenen Land noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist? Im Kontrast zu jemandem, dem das Kapital und die Sprachkompetenz fehlt, um aus dem eigenen Stadtteil wegzuziehen, geschweige denn in einem anderen Land zu arbeiten, das nicht mehrheitlich weiß ist?"

Außerdem: Identitätspolitik ist rassistisch und macht Menschen zu Gefangenen der eigenen Kultur, lernt René Scheu aus dem Band "Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik". Und der Philosoph Roberto Esposito rekonstruiert in der NZZ die Genealogie des Populismus aus der Geschichte der "Biopolitik" in den letzten zwei Jahrhunderten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2018 - Ideen

Wenn das Böse heute einen Namen hat, dann trägt es den Namen Kapitalismus, spottet Pascal Bruckner in der NZZ. Alle hassen ihn, von links bis rechts. Dabei nähert er sich von der Kritik, "seine Dynamik zieht er aus den Attacken, denen er dauernd ausgesetzt ist - denn so ist er gezwungen, sich zu reformieren". Und das sei nach wie vor nötig, deshalb müssten ihn auch Kapitalismusbefürworter kritisieren: "Sonst droht er zum Staatskapitalismus zu werden, also zu jener Ideologie der Plünderung, die die russischen Oligarchen oder die südamerikanischen Kartelle kennzeichnet. Um lebensfähig zu sein, muss sich der Kapitalismus mit demokratischen Regimen und starken Rechtsstaaten verbinden, die gnadenlos den Finger auf seine Schwächen legen und seine Skandale ans Licht holen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2018 - Ideen

Aufstehen ist jetzt das große Ding. Sahra Wagenknechts neue "Bewegung" hat zwar kein Programm, aber die Sympathien fliegen ihr nur so zu. Statt des Flüchtlings zählt hier der deutsche Arbeiter, statt der Political correctness die Kapitalismuskritik. Nicht ohne Stolz erzählt Zeit-Redakteur Adam Soboczynski, dass alles in der Zeit angefangen habe, und zwar mit einem Artikel des Dramaturgen Bernd Stegemann (der seinerzeit vom Perlentaucher nur gestreift wurde), der Wagenknecht auf die Idee brachte: "Der Text zählte damals zu den wenigen Beiträgen, die die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin von linker Seite aus angriffen. 'Wenn man als Akademiker in einer Eigentumswohnung lebt, ist es sehr gratismutig, eine Willkommenskultur zu fordern und die Nase über diejenigen zu rümpfen, die gegen ein Flüchtlingsheim protestieren, das in ihrem Wohnghetto gebaut wird', schrieb Stegemann." Zu den Intellektuellen, die sich nun um Wagenknecht scharen, zählt Soboczynski den (neulich von abhs hübsch aufgespießten) Emeritus Wolfgang Streeck, den Autor Eugen Ruge und den Politologen Andreas Nölke. Antje Vollmer macht auch mit.

Auf zeit.de mokiert sich Mely Kiyak über den professionellen Kitsch der auf die Seite gestellten Bekenntnisvideos: "Am 4. September ist ganz großes Aufstehen. Als 'Start der Bewegung' wird es angekündigt. Wo und wie aufgestanden wird, erfährt man nicht. Alle Informationen dringen tröpfchenweise durch. Das geht schon seit Monaten so. So haben die Architekten im Hintergrund immer die Möglichkeit, nachzujustieren."

Der Parteienforscher Ulrich von Alemann gibt Wagenknechts Bewegung aber im Interview mit Tobias Peter von der Berliner Zeitung schon wegen ihrer Position in der Flüchtlingspolitik wenig Chancen: Zwar gebe es "viele potenziell linke Wähler, die eine solche Kursänderung attraktiv fänden. Sowohl die SPD als auch die Linke haben Wähler an die AfD verloren. Sollte Wagenknecht aber versuchen, diese Karte offensiv zu spielen, würde sie ihre Bewegung gleich wieder sprengen. Die Linken in der SPD und bei den Grünen, auf die Wagenknecht schielt, sind auf gar keinen Fall mit ihrer Migrationspolitik einverstanden."

Und Michael Wuliger fragt sich in der Jüdischen Allgemeinen, ob Sitzenbleiben nicht eher Wagenknechts Ding ist: "2010 hielt Schimon Peres im Bundestag eine Rede zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit. Er erinnerte dabei nicht nur an die Ermordeten, sondern wies auch auf die aktuelle Bedrohung Israels durch den Iran hin. Für Sahra Wagenknecht und zwei ihrer Genossinnen war das Grund genug, demonstrativ sitzen zu bleiben, als sich alle anderen Abgeordneten nach Peres' Rede zu stehendem Beifall erhoben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2018 - Ideen

Die Bücher von Yuval Noah Harari, der vor Biotechnologien und Künstlicher Intelligenz warnt, sind auf dem Buchmarkt ein Phänomen. Neulich zitierte sie der Guardian als Beispiel dafür, dass ernsthafte Bücher wieder den Markt eroberten (unser Resümee). Im Interview mit dem Guardian warnt Harari vor "freier Information", wobei er auch mit dem Doppelsinn von "free" und "kostenlos" spielt: "Die Idee der freien Information ist in der Nachrichtenindustrie extrem gefährlich. Wenn es so viele kostenlose Informationen gibt, wie bekommt man dann die Aufmerksamkeit der Leute? Sie wird zum eigentlichen Rohstoff. Der Anreiz, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen - und sie dann dann an Werbetreibende oder Politiker zu verkaufen - liegt jetzt darin, immer neue und sensationellere Geschichten zu schaffen, egal ob sie wahr oder relevant sind. (...) Wir sind bereit, für hochwertige Lebensmittel, Kleidung und Autos zu bezahlen, warum also nicht auch für hochwertige Informationen?"

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Ulrike Baureithel die amerikanische Biologin Donna J. Haraway, die unter Erfindung neuer Begriffe wie dem "Chtuluzän" für eine "artenübergreifende ökologische Gerechtigkeit" eintritt. In der NZZ findet Slavoj Zizek, wir sollten doch froh sein, dass sich die "Wahrheit der liberal-demokratischen Meistererzählung" des Westens als "Lüge" entpuppt. Was genau er damit meint, erfahren wir möglicherweise in einem neuen Artikel. Sonja Zekri hat sich für die SZ eine Reihe von Büchern über die Krise der Demokratie gelesen und wundert sich: "Eine eigenartige Lust am Untergang greift um sich, die naiv nennt, was nur vernünftig ist: das Vertrauen in die Durchsetzungsfähigkeit eines Modells, das Winston Churchill 'die schlechteste aller Staatsformen' nannte - 'ausgenommen alle anderen'. Bislang hat nichts und niemand diesen Satz widerlegt." Im Tagesspiegel stellt Gregor Dotzauer den jüngsten Themenband der Zeitschrift Osteuropa vor, der sich mit der Demokratiekrise in Mitteleuropa beschäftigt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2018 - Ideen

Amerika fliegt auseinander, die tribalen Primaten in uns brechen wieder durch. In der NZZ macht der Sozialpsychologe Jonathan Haidt in einem zweiseitigen Essay deutlich, dass rechte Medien wie Fox News und die Republikaner die destruktive Aggression in die politische Arena eingeführt haben. Aber er gibt auch der Linken an den Universitäten eine Mitschuld an der Polarisierung der Gesellschaft, besonders der von Kimberlé Crenshaw eingeführten Intersektionalität: "Was passiert, wenn junge Leute Intersektionalität studieren, wie das heute in vielen Fächern Usus ist? Da geht es nicht nur um das Verhältnis von privilegierten Weißen und unterdrückten Schwarzen, privilegierten Männern und benachteiligten Frauen; es geht um Heterosexualität gegen andere sexuelle Orientierungen, gesund gegen behindert, jung gegen alt, attraktiv gegen unattraktiv, sogar fruchtbar gegen unfruchtbar. Was immer eine Gruppe an Gutem oder Wertvollem besitzt, wird als eine Art Privileg betrachtet, das automatisch als Unterdrückungsfaktor gegen all jene wirkt, die diese Sache nicht haben. Wenn man nun den tribalen Primaten in uns mit solchen binären Vorstellungen füttert, wo immer eine Seite gut und die andere böse ist, dann versetzt man ihn fast automatisch in Kampfmodus."

Sieht so das Ende aus?, fragt Sonja Zekri in der SZ angesichts der vielen Bücher, die in diesem Herbst der Demokratie das Totenglöckchen läuten. Doch so leicht lässt sich Zekri nicht bange machen. Mag sein, dass die Autokratien auf einmal wirtschaftlich so erfolgreich und außenpolitisch so schön aggressiv auftreten dürfen. Aber von Dauer werden sie nicht sein: "Unübertroffen ist die Demokratie beispielsweise in allen Angelegenheiten des Machtwechsels. In jeder Autokratie ist dies ein krisenhafter, sogar systemgefährdender Moment. Stirbt der Despot, fallen ähnlich üble Prätendenten übereinander her. Einen Herrscher zu Lebzeiten abzulösen ist nicht leichter. Da ein politischer Neustart nach ein paar Jahren ausgeschlossen ist, und der Gefallene die politische oder juristische Rache der Rivalen fürchten muss, bleibt ein freiwilliger Machtverzicht Selbstmord - mit der Folge schier unendlicher, immer verbissener verteidigter Regentschaften. Keiner der vermeintlich so fest installierten Autokraten - weder Orbán noch Erdoğan noch Putin - hat diesen heiklen Übergang bislang gemeistert."