Nun greifen auch die Feuilletons die Debatte um
A. Dirk Moses' Pamphlet gegen den "Katechismus der Deutschen" auf (unsere
Resümees). In der
FAS findet Jürgen Kaube schon die Behauptung, der
Bezug auf den Holocaust habe das bundesdeutsche Selbstverständnis nach dem Krieg geprägt, faktisch falsch: "Im Kontext der bundesrepublikanischen Staatsgründung spielte die Absetzung vom Staat Hitlers eine Rolle, auch die Konfrontation mit dem Kommunismus, aber der Holocaust keine. Die Gesellschaft Konrad Adenauers und noch Willy Brandts hatte
andere Gesichtspunkte. Als dann allmählich durch Forschung, Massenmedien und lokale Initiativen die Beschäftigung mit dem Judenmord prominent wurde, bestand wiederum
gar kein dringliches Bedürfnis mehr, die Bundesrepublik durch eine Geschichte angenommener Schuld zu legitimieren."
Die "Katechismus"-Debatte ist auch weitgehend eine Debatte von
Nichtdeutschen über Deutschland und von Professoren, die an
amerikanischen oder britischen Unis lehren, auch wenn sie aus Deutschland kommen. Dort ist der antirassistische Konsens, der den Holocaust als
Genozid unter vielen betrachtet, längst etabliert, scheint es. So
stellt es in
New Fascism Syllabus etwa der ideenhistoriker
Sébastien Tremblay dar, der an der FU Berlin lehrt: "Dirk Moses' Beitrag in
Geschichte der Gegenwart hat eine Welle von Reaktionen ausgelöst. Für diejenigen, die außerhalb Deutschlands leben, sogar für Spezialisten, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigen, mögen der Zorn und die Giftigkeit einiger Reaktionen überraschend gewesen sein." Er selbst habe den "Katechismus" von seiner Warte als
queerer Histoiker in Frage stellen gelernt: "Als queerer Wissenschaftler, der über queere transatlantische Erinnerungen an den Nationalsozialismus arbeitet, bin ich besonders daran interessiert, wie
weiße schwule Cis-Männer wie ich, Männer, deren Geschlechtsidentität mit ihrem Geburtsgeschlecht übereinstimmt, den Katechismus als Waffe benutzten und sein Evangelium predigten, um eine Selbstreflexion über Rassismus zu vermeiden."
Außerdem schreiben im
New Fascism Syllabus noch
Fabian Wolff, der darlegt, dass Moses' Katechismus natürlich nur ein westdeutscher sei (
hier), die Rechtsprofessorin
Christiane Wilke (
hier) und der Islamwissenschaftler
Ussama Makdisi (
hier), der es ganz unverblümt so ausdrückt: "Die Nachfahren der Täter des Holocausts haben die Sünden ihrer Vorfahren gesühnt, indem sie sich moralisch und materiell
zu einem fremden Staat bekannten, der wiederum den Anspruch erhebt, das jüdische Volk zu vertreten." Das führe dazu, dass Palästina nicht nur ignoriert werde "weil es nicht-westlich ist. Es wird
aktiv verleugnet und unterdrückt... Palästina ist zutiefst und und auf paradoxe Weise unsichtbar in Deutschlands ausgeklügeltem moralischen Kalkül der historischen Reflexion."
Die Ethnologin und Islamforscherin
Susanne Schröter legt in der
FAZ (Gegenwartsseite) einen Essay über die Tücken des Begriffs "
Kulturelle Aneignung" vor. In seinem heute vulgarisierten Verständnis zementiere er "auch die Vorstellung, Menschen seien unentrinnbar an
gewisse äußere Merkmale gebunden". Dabei, so Schröter, war dieser Begriff
ursprünglich positiv gemeint: "Kullturelle Aneignung war das Zauberwort, das man verwendete, wenn man den
erfolgreichen Widerstand autochthoner Gesellschaften gegenüber einem dominanten Westen hervorheben wollte. Gemeint war, dass Gesellschaften des globalen Südens selektiv Dinge aus dem Norden aufgriffen und für eigene Zwecke nutzbar machten. Dabei wurden Bedeutung und Gebrauch nicht selten
radikal vom Ursprung gelöst."