9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2021 - Ideen

Die New York Review of Books ist zwar auch nicht mehr, was sie mal war. Aber es gab in Europa immer mal wieder den Traum, ein europäisches Pendant zu schaffen (Bourdieu hat's mal versucht, auch der Perlentaucher, mit signandsight.com). Nun gründet sich, auch mit Crowdfunding, eine European Review of Books (Website), in Zusammenarbeit mit der linken amerikanischen Zeitschrift n+1. Der Herausgeber George Blaustein ist ein Amerikaner, der seit langem in Amsterdam lebt. Und Amerika spielt in dem Gespräch, das Peter Kuras mit ihm für die Literarische Welt führt, eine große Rolle: "Ich denke, es ist wichtig zu erkennen, dass das Europa der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - zumindest teilweise - eine amerikanische Erfindung war. Ein einheitlicher westeuropäischer Kulturblock war ein Imperativ des Kalten Krieges und auch eine transatlantische Produktion. Denken Sie an all die Zeitschriften aus der Mitte des Jahrhunderts, die von der CIA finanziert wurden, halbgeheim. Der Monat in Deutschland, Encounter in England, Preuves in Frankreich. Das waren großartige Zeitschriften, auch wenn sie versuchten, linksliberale Intellektuelle vom Kommunismus weg und zu amerikanischen Werten hin zu locken."

Auch die Berliner Zeitung steigt jetzt in die Debatte um die Rede von Carolin Emcke (unsere Resümees) ein. Hanno Hauenstein verteidigt sie gegen den Vorwurf, Antisemitismus zu verharmlosen: Es sei hier ein "destruktiver Philosemitismus" am Werk, und es sei kein Zufall, dass Emcke in dem Moment angegriffen werde, "wo Gedankenanstöße verschiedener Wissenschaftler:innen, zu versuchen, den Holocaust - etwa in einer Art multiperspektivischer Rückkopplung an die koloniale Gewaltgeschichte - besser zu verstehen, als Verharmlosung des ersteren gebrandmarkt werden. Oder wo medienaffinen Kulturschaffenden, die auf sehr unterschiedliche Weisen versuchen, Stoßluft in die in formalistischen Phrasen erstarrte Erinnerungskultur zu bringen, von den deutschen Leitmedien größtenteils Ignoranz oder Aversion entgegenschlägt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2021 - Ideen

Die komplett hysterisierte Diskussion über einen nicht so gelungenen, aber sicher nicht antisemitischen Satz Carolin Emckes geht weiter (während Wichtigeres wie die Relativierung des Holocaust von links durch die Adepten des Postkolonialismus in den Feuilletons ängstlich beschwiegen wird). Jens Jessen schreibt in der Zeit zur Verteidigung Emckes: "Eine Verharmlosung des Holocausts durch inflationäre Vergleiche zu fürchten ist ohne jede Frage berechtigt, sie ist sogar eine gefährliche Tendenz unserer Gegenwart, aber in diesem Falle ist es nicht Carolin Emcke, die ihr Vorschub geleistet hat. Es sind die Kritiker, die ohne jeden genaueren Befund alles, was ihnen irgend missfällt, als Antisemitismus bezeichnen."

Schon vor einigen Tagen hatte sich bei cicero.de Bernd Stegemaann mal nicht nur mit dem einen Satz, sondern der ganzen Emcke-Rede auseinandergesetzt. An ihrem Satz aber stört ihn ein "Opfertrick": Sie handle nicht unbedacht, sondern schaffe einen absichtlich unscharfen Begriff von Eliten und erreiche damit, "dass alle, die zu der von ihr definierten Elite gehören, verteidigt werden müssen gegen eine ebenso große Bedrohung, wie es der Antisemitismus für die Juden ist. Damit hat sie sich selbst und ihrem politischen Milieu den ultimativen Opferstatus zugesprochen."

Der Philosoph Christoph Türcke schreibt in der FAZ über die "Sprachmagie" der "Critical Theories" und der Political Correctness. Wörtern werde eine realitätsschaffende Macht zugeschrieben, darum können man etwa das "N-Wort" selbst dann nicht mehr aussprechen, wenn man es kontextualisieren will. Aber gerade diese Political Correctness mache durch die Hintertür die Begriffe, die sie zu bekämpfen vorgibt, wieder stark, wie Türcke etwa an dem Namen der Bewegung "Black Lives Matter" zeigen will: "So oder so aber besagt black lives matter: Das Grundfalsche des Eurozentrismus war nicht, dass er Menschen nach Hautfarben einteilte, sondern dass er das mit falschen Prioritäten tat. Nun müssen die richtigen gesetzt werden. Rethinking color ist angesagt: Farbe neu denken. Wie unter umgekehrten Vorzeichen ein Hautfarben-Revival anläuft, so in gewisser Weise auch ein Rassen-Revival."

In der Welt laviert Slavoj Zizek ein wenig hin und her, um dann klar zu machen, dass er die Ziele der Wokisten (Gleichberechtigung und den Kampf gegen Rassismus) zwar teilt, nicht aber deren "Verbotskultur" und "Gleichmacherei": "Es ist leicht, sich den nächsten Schritt auf dem Weg zu einem falschen Egalitarismus vorzustellen: Ist nicht auch die Tatsache, dass einige Individuen sexuell viel attraktiver sind als andere, ein Fall von höchster Ungerechtigkeit? Sollten wir nicht auch eine Art Vorstoß in Richtung Gleichberechtigung beim Genuss erfinden, einen Weg, die Attraktiveren auszubremsen, da es keinen Grenzwert gibt, der bestimmt, wann eine Person sexuell attraktiv ist und eine andere nicht? Die Sexualität ist tatsächlich eine Domäne erschreckender Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Gleichheit im Genuss ist der ultimative Traum falscher Gleichmacherei." In der Berliner Zeitung schildert Harry Nutt, wie die Wokeness an die Stelle des Prinzips der sozialen Gerechtigkeit tritt.

Außerdem: Jennifer Evans, eine der Betreiberinnen des Blogs The New Fascism Syllabus beendet die Debatte um A. Dirk Moses' Polemik "Der Katechismus der Deutschen" mit einigen abschließenden Bemerkungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2021 - Ideen

In der NZZ plädiert der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai in einem Essay für einen neuen tätigen Liberalismus, der die Freiheit des Bürgers in den Mittelpunkt stellt: "Der Liberalismus erneuert sich nicht, indem er zum Sammelsack für alle auf dem Markt befindlichen Ideen wird, sondern indem er die Freiheit aus der Rumpelkammer der Phrasen holt und sie zum politischen Anker macht. Denn die Freiheit ist der Genius Europas. Das Konzept der Freiheit beruht auf dem mündigen Bürger, der weder der 'Wahrheitssysteme' noch der 'Interpretationseliten' bedarf."

Ziemlich happy über die Debatte, die er auslöste, aktiviert A. Dirk Moses jetzt in The New Fascism Syllabus ein zweites Mal und resümierend die Walsersche Moralkeule, um dem deutschen Publikum eine Linke zu versetzen. Er resümiert die weitgehend zustimmenden Äußerungen seiner Anhänger und spricht über Kritiker, die er nicht namhaft macht: "Keiner von ihnen ging auf meine Punkte über die Einschüchterung insbesondere von 'rassifizierten' Minderheiten in Deutschland ein. Wenn sie sich für Afrika oder Palästina einsetzen, wird ihr Status als historisch unterdrückte Minderheiten konsequent mit dem Verweis auf eine Kategorie absoluter reiner Opferschaft geleugnet, die nicht das Produkt der Geschichte ist, sondern der geistigen Akrobatik derselben Männer der Vernunft, deren Rechtschaffenheit von der Existenz des absolut Guten und des absolut Bösen abhängt, die sie allein kraft ihrer 'Vernunft' zu erkennen vermögen." (Die Anführungszeichen beim Wort "rassifiziert" haben wir gesetzt, d. Red.)

A. Dirk Moses spielt auch schon auf die Debatte über einen missverständlichen Satz von Carolin Emcke an, der von der Bild-Zeitung attackiert worden war. Eine Gruppe Autoren, die wohl zum größten Teil jüdisch sind, haben Emcke darauf hin im Merkur-Blog in Schutz genommen und dem Springer-Verlag vorgeworfen, einen falschen Antisemitismusbegriff zu verwenden (unser Resümee).

Die Bild-Zeitung, die wir im Perlentaucher selten zitieren, hatte zu Emckes Satz, dass gegen Klimaforscher einst Ressentiments geschürt werden könnten wie gegen Juden, gesagt: "Der Vergleich zwischen Kritik an Klimaforschern und antisemitischer Hetze und Verfolgung von Juden, ist zutiefst geschmacklos. So verglichen zum Beispiel auch die Corona-Leugner der sogenannten 'Querdenker'-Bewegung sich immer wieder mit 'den Juden', um sich als verfolgte Minderheit zu stilisieren." Ergänzt am 17. Juni: "Auch bei radikalen Palästinenser-Demonstrationen kommt es immer wieder zur Behauptung, dass früher die Juden verfolgt wurden und nun man selbst", so der Bild-Kommentar weiter. Dies sei eine "antisemitische Behauptung, die das Ausmaß der Juden-Verfolgung relativiert und kleinredet".

Und Alan Posener hatte in der Welt am Sonntag geschrieben: "Natürlich wollte Emcke, das sei vorweggesagt, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nicht mit heutiger Kritik an Klimaforschern und Aktivistinnen gleichsetzen." Dennoch ist Emckes "Relativierung des Judenhasses" für ihn "eine unverzeihliche Dummheit und einer Frau, die für die Aufklärung streiten will, unwürdig. Nein, der Judenhass wird nicht ersetzt durch den Hass auf Klimaforscherinnen."

In der FR fragt Aleida Assmann nun mit Blick auf die Kritik an Emcke: "Ist Denken noch erlaubt?" Für sie ist die Kritik in den Springer-Zeitungen ein Antisemitismusvorwurf gegen Emcke, der "ungeheuerlich" sei "und das schlimmste Stigma, das für ernsthafte Deutsche denkbar ist. Gleichwohl wird diese Ächtung reflexhaft ausgesprochen und von der Springer-Presse inzwischen serienmäßig vergeben."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Hans Ulrich Gumbrecht Judith Butler.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2021 - Ideen

An französischen Universitäten ist die Stimmung vor allem in den Geisteswissenschaften offenbar noch um einiges hysterischer als hierzulande, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ. In Grenoble mussten neulich zwei Wissenschaftler wegen kritischer Äußerungen unter Schutz gestellt werden (unsere Resümees). Beide Seiten, die modische Linke und die Säkularen kämpfen mit harten Bandagen - physische Bedrohungen haben allerdings meist mit islamistischem Kontext zu tun: "Mit der 'Dekadenz' der Universitäten in Amerika befasst sich Arnaud Lafferière im Sommerheft der Zeitschrift Commentaire. Schwerpunkt des Heftes: 'Islamophobie et Islamogauchisme'. Nathalie Heinich beschreibt Exzesse des Feminismus, der Philosoph Philippe Raynaud analysiert den 'Islam-Gauchismus'. Er ist der neue Herausgeber der von Raymond Aron begründeten Zeitschrift. Raynaud erinnert an die Hegemonie des Marxismus und das linke Engagement der Studenten in den sechziger Jahren. Doch damals habe es 'relativ stabile akademische Institutionen' gegeben."

Unermüdlich arbeitet das Historiker-Blog New Fascism Syllabus weiter an der Durchsetzung von A. Dirk Moses' "Neuem Katechismus". Heute schreibt Kate Davison vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Die "Mbembe-Affäre ist, wie schon andere vor gesagt  haben, nur die jüngste dieser Affären, aber allein die Tatsache, dass sie eine so große Aufmerksamkeit erregte, ist meiner Ansicht nach ein Zeichen für ein stärkeres Tauwetter tief im Permafrost des 'Deutschen Katechismus'. Die vorhersagbare künstliche Empörung ('pearl-clutching') als Reaktion auf Moses' doch eher milde wissenschaftliche Provokation, ganz zu schweigen auf die Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer, erscheint mir eher trostlos als abschreckend, manchmal grenzt es an einen intellektuellen Sturm in einer Meißner Teetasse, der wenig mehr als schwachen schwarzen Tee über das neueste Feuilleton zu verschütten droht."

Außerdem: In einer beim Merkur veröffentlichten Petition nehmen einige Autoren Carolin Emcke gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. Sie hatte beim Parteitag der Grünen vor Verschwörungstheorien gegen Juden und Klimaforscher gewarnt (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2021 - Ideen

Nun greifen auch die Feuilletons die Debatte um A. Dirk Moses' Pamphlet gegen den "Katechismus der Deutschen" auf (unsere Resümees). In der FAS findet Jürgen Kaube schon die Behauptung, der Bezug auf  den Holocaust habe das bundesdeutsche Selbstverständnis nach dem Krieg geprägt, faktisch falsch: "Im Kontext der bundesrepublikanischen Staatsgründung spielte die Absetzung vom Staat Hitlers eine Rolle, auch die Konfrontation mit dem Kommunismus, aber der Holocaust keine. Die Gesellschaft Konrad Adenauers und noch Willy Brandts hatte andere Gesichtspunkte. Als dann allmählich durch Forschung, Massenmedien und lokale Initiativen die Beschäftigung mit dem Judenmord prominent wurde, bestand wiederum gar kein dringliches Bedürfnis mehr, die Bundesrepublik durch eine Geschichte angenommener Schuld zu legitimieren."

Die "Katechismus"-Debatte ist auch weitgehend eine Debatte von Nichtdeutschen über Deutschland und von Professoren, die an amerikanischen oder britischen Unis lehren, auch wenn sie aus Deutschland kommen. Dort ist der antirassistische Konsens, der den Holocaust als Genozid unter vielen betrachtet, längst etabliert, scheint es. So stellt es in New Fascism Syllabus etwa der ideenhistoriker Sébastien Tremblay dar, der an der FU Berlin  lehrt: "Dirk Moses' Beitrag in Geschichte der Gegenwart hat eine Welle von Reaktionen ausgelöst. Für diejenigen, die außerhalb Deutschlands leben, sogar für Spezialisten, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigen, mögen der Zorn und die Giftigkeit einiger Reaktionen überraschend gewesen sein." Er selbst habe den "Katechismus" von seiner Warte als queerer Histoiker in Frage stellen gelernt: "Als queerer Wissenschaftler, der über queere transatlantische Erinnerungen an den Nationalsozialismus arbeitet, bin ich besonders daran interessiert, wie weiße schwule Cis-Männer wie ich, Männer, deren Geschlechtsidentität mit ihrem Geburtsgeschlecht übereinstimmt, den Katechismus als Waffe benutzten und sein Evangelium predigten, um eine Selbstreflexion über Rassismus zu vermeiden."

Außerdem schreiben im New Fascism Syllabus noch Fabian Wolff, der darlegt, dass Moses' Katechismus natürlich nur ein westdeutscher sei (hier), die Rechtsprofessorin Christiane Wilke (hier) und der Islamwissenschaftler Ussama  Makdisi (hier), der es ganz unverblümt so ausdrückt: "Die Nachfahren der Täter des Holocausts haben die Sünden ihrer Vorfahren gesühnt, indem sie sich moralisch und materiell zu einem fremden Staat bekannten, der wiederum den Anspruch erhebt, das jüdische Volk zu vertreten." Das führe dazu, dass Palästina nicht nur ignoriert werde "weil es nicht-westlich ist. Es wird aktiv verleugnet und unterdrückt... Palästina ist zutiefst und und auf paradoxe Weise unsichtbar in Deutschlands ausgeklügeltem moralischen Kalkül der historischen Reflexion."

Die Ethnologin und Islamforscherin Susanne Schröter legt in der FAZ (Gegenwartsseite) einen Essay über die Tücken des Begriffs "Kulturelle Aneignung" vor. In seinem heute vulgarisierten Verständnis zementiere er "auch die Vorstellung, Menschen seien unentrinnbar an gewisse äußere Merkmale gebunden". Dabei, so Schröter, war dieser Begriff ursprünglich positiv gemeint: "Kullturelle Aneignung war das Zauberwort, das man verwendete, wenn man den erfolgreichen Widerstand autochthoner Gesellschaften gegenüber einem dominanten Westen hervorheben wollte. Gemeint war, dass Gesellschaften des globalen Südens selektiv Dinge aus dem Norden aufgriffen und für eigene Zwecke nutzbar machten. Dabei wurden Bedeutung und Gebrauch nicht selten radikal vom Ursprung gelöst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2021 - Ideen

In einem leider etwas sprunghaften Spiegel-Interview verteidigt der französische Intellektuelle und Autor Didier Eribon soziale Bewegungen gegen die Identitätspolitik, grenzt sich gegen die Hypersensibilitäten der amerikanischen Wokeness ab und plädiert für praktikables Gendern: "Ich finde, dass das Gendern Texte recht unleserlich macht. Wichtiger als mein ästhetisches Empfinden ist aber etwas anderes: Die Beherrschung der Grammatik ist ein anspruchsvolles Klassenprivileg. Sie ist einer der Hauptfaktoren für die Eliminierung von Arbeiterkindern aus dem Schulsystem, der Universität und den nicht handwerklichen Berufen... Sprache darf sich ändern, und sie ändert sich. Wir müssen aber eher vereinfachen, statt alles komplexer zu machen. Es wäre paradox, wenn ein Projekt, das geschlechtsspezifisch inklusiv sein will, die Ausgrenzung sozialer Schichten festigt."

In der taz fragt der Philosoph Axel Honneth, wie Menschen für die Teilhabe an der Demokratie motiviert werden können, wenn sie in der Arbeitswelt nicht die Erfahrung machen, dass diese gefragt ist: Die Teilnahme an der demokratischen Öffentlichkeit, schreibt Honneth, verlange Selbstachtung und Selbstwertgefühl: "Ohne Vertrauen darauf, dass die eigenen Stellungnahmen es wert sind, öffentlich gehört zu werden, mangelt es den Bürgerinnen und Bürgern am Mut, sich an demokratischen Auseinandersetzungen mit eigenen Beiträgen zu beteiligen. Will man zu einem umstrittenen Thema in aller Öffentlichkeit Position beziehen, muss man annehmen können, dass die eigenen Äußerungen von den anderen Teilnehmern für sinnvoll und zweckdienlich gehalten werden. Das Gefühl, als eine verlässliche Diskussionspartnerin zu gelten, entsteht aber nicht erst in den Foren der demokratischen Öffentlichkeit. Es bildet sich in einer langen Vorgeschichte. Wer in seiner Arbeit keine soziale Anerkennung genießt, wer hier nicht als jemand gilt, der allgemein geschätzte Fähigkeiten beherrscht und einen wertvollen Beitrag erbringt, der wird auch nicht über das nötige Selbstwertgefühl verfügen, um in politischen Auseinandersetzungen seine Meinung ohne innere Bedrängnis kundzutun."

Was der amerikanische Historiker A. Dirk Moses in seinem Wellen schlagenden polemischen Text als den "Katechismus der Deutschen" bespottete, der sie innerlich zwinge, den Holocaust als singular anzusehen (unsere Resümees), heißt bei den Rechtsradikalen "Schuldkult", ätzt Alan Posener in der Welt und sieht auch sonst von dem amerikanischen Historiker einige revisionistische Narrative einfach von rechts auf links gedreht: "Nun ist die Tatsache, dass Moses mit seiner Polemik den Rechten dient, kein Beleg dafür, dass seine Behauptungen nicht stimmen. Wir haben aber oben gesehen, dass es den Katechismus nicht gibt, erstens. Zweitens aber begründet Moses die Gewöhnlichkeit des Holocausts durch eine haarsträubende Verniedlichung des Nationalsozialismus: 'Das Nazi-Reich war ein kompensatorisches Unternehmen, das permanente Sicherheit für das deutsche Volk anstrebte: Nie wieder sollte das Volk z.B. einer (sic) Hungersnot erleiden müssen, wie es sie in der Blockade der Alliierten während des Ersten Weltkriegs erlebt hatte...'"

Thomas Wessel ist Pastor in Bochum. Als solcher kann er beurteilen, "in welchen Metaphern Moses spricht und was er mit ihnen transportiert". Moses wählt die religiöse Sprache bewusst, schreibt Wessel bei den Ruhrbaronen. Und es wimmelt in seinem Artikel von "Häresieprozessen, Exorzismen, Hohepriestern, Katechismus, Glaubensartikeln" und so weiter. Am meisten stutzt Wessel aber bei der von Moses eingeführten Figur des "selbsternannten Hohepriesters", denn hier schließe die Koryphäe des Postkolonialismus an klassische christlich-antisemitische Denkfiguren an: "Der Hohepriester ist eine jüdische Figur. Und nicht irgendeine." Bis zur Zerstörung des Tempels durch die Römer war er "der höchste Repräsentant des jüdischen Volkes". In christlich-antisemitischer Sicht bringt der Hohepriester Pontius Pilatus dazu, Jesus kreuzigen zu lassen, so Wessel. "Warum um alles in der Welt baut Moses diese Figur des Gottesmörders, Urmodell jüdisch-geheimer Macht, in seine Metaphern-Welt ein? Will er andeuten, dass es die Juden seien, die heute das Denken in Deutschland bewachen? Die ihre Agenda herunterbeten und Unschuldige denunzieren und Häresieprozesse führen gegen Moses so wie Kaiphas gegen Jesus?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2021 - Ideen

Der Historiker Joachim Haeberlen von der University of Warwick interveniert in der Debatte um A. Dirk Moses' Text "Katechismus der Deutschen" und wundert sich über die Holocaust- und Israel-Fixierung der Texte - wird die eigentlich genozidale Politik zur Zeit nicht zur herzlichen Indifferenz der akademischen Linken von Baschar al-Assad betrieben? Was ist mit den Opfern seiner Politik? "Können wir nicht einfach zuhören, was sie über ihre Geschichte, über ihre politischen Visionen zu sagen haben, was so viel reicher ist als dieses ständige Kreisen um die Frage, wie singulär der Holocaust war oder nicht war, wie er mit dem Kolonialismus zusammenhing und so weiter? Ich bezweifle, dass ein Essay über Assads völkermörderische Politik, über die Frage, ob dieses Etikett zutrifft, oder über die deutsche Politik in Bezug auf die Situation in Syrien eine ähnlich hitzige Debatte ausgelöst hätte. Wie provinziell in der Tat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2021 - Ideen

Ausgerechnet jene liberalen Bildungsbürger, die lautstark das Canceln des "Rassisten" Kant fordern, hüllen sich in Schweigen, wenn es um die "rassistischen" Äußerungen von Rudolf Steiner geht, ärgert sich der Philosoph Peter Strasser in der NZZ, der den Gründer der Anthroposophie zur Entstehung der "fünf Rassen" zitiert: "Man möchte sagen, in der Mitte schwarz, gelb, weiß, und als ein Seitentrieb des Schwarzen das Kupferrote, und als ein Seitenzweig des Gelben das Braune - das sind immer die aussterbenden Teile." Strasser meint: "Wir haben es hier mit dem seltsamen Fall zu tun, dass ein Mann, der in abstrusen rassistischen Äußerungen geradezu schwelgte, vollständig exkulpiert wird. Trotz einer Fülle an rassistischen Äußerungen kein Rassist! Warum? Weil er keinen Vernichtungswillen gegenüber den niederen Rassen zeigte. Kein Wunder, ging er doch davon aus, dass sie ohnehin nicht überleben könnten, wegen zu viel oder zu wenig Sonne oder zu schwerer Knochen oder . . ."

Außerdem: Die Historikerin Mirjam Brusius will in der Debatte über A. Dirk Moses' Polemik "Der Katechismus der Deutschen" auf newfascismsyllabus.com nicht in seine Behauptung von einem deutschen Schuldkult einsteigen, aber sie stimmt ihm bei anderen Punkten zu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2021 - Ideen

Die Debatte im Blog newfascismsyllabus.com zu A. Dirk Moses' Polemik gegen den "Katechismus der Deutschen" (unsere Resümees und mehr hier) geht weiter. Der amerikanisch-jüdische Historiker Andrew Port stimmt Moses mit Einschränkungen zu und erzählt, wie er selbst schon seit einiger Zeit vom "Glauben" abfiel - und wieder einmal zeigt sich, dass es in dem neuen Historikerstreit eigentlich um Israel geht: "Lange Zeit habe er fest geglaubt, an der Seite Israels stehen zu müssen, "eine Art religiöses Dogma, um bei Moses' religiöser Terminologie zu bleiben. Juden, so schworen wir, würden nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank gehen, eine Überzeugung, die oft zu einer reflexhaften Verteidigung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern führte. In meinem letzten College-Jahr aber sagte mir ein Kommilitone in einer politischen Diskussion, dass der Holocaust das 'Beste' sei, was den Juden je passiert sei, weil sie ihn benutzten, um ihre Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen. Die Bemerkung fand ich damals ungeheuerlich, und ich finde die Formulierung immer noch anstößig und extrem geschmacklos, um das Mindeste zu sagen. Manche würden sie als antisemitisch bezeichnen. Aber es war das erste Mal, dass ich mit solchen Argumenten konfrontiert wurde, und es setzte einen schwierigen Prozess der Selbstreflexion und Gewissensprüfung meinerseits in Gang, der bis heute andauert."

Da wir nun fortwährend aus dem in Deutschland eher unbekannten Blog New Fascism Syllabus zitieren, hier auch ein Link auf die "About"-Seite des Blogs: "Der #NewFascismSyllabus ist eine durch Crowd Sourcing organisierte-Sammlung von Schriften zur Geschichte faschistischer, autoritärer und populistischer Bewegungen und Regierungen im 20. und 21. Jahrhundert. Sie soll als populärer Einstieg in die wissenschaftliche Literatur für diejenigen dienen, die tiefere Einblicke darüber suchen, wie vergangene Gesellschaften zu Varianten des rechten Autoritarismus tendierten und diese erlebten." Der Link zum Editorial Board des Blogs funktioniert leider nicht, hier ein Link zum Team.

Auf geschichtedergegenwart.ch bringt die postkolonialistische Historikerin Zoé Samudzi die Debatte um A. Dirk Moses in den Kontext mit der jüngsten Anerkennung des Völkermords an den Herero durch die deutsche Regierung, die erst jüngst erfolgte (unsere Resümees) und mit der Zahlung von einer Milliarde Euro verbunden wird. Für Samudzi ist das bei weitem zu wenig. Und dafür legt sie dar, dass der Völkermord in den deutschen Kolonien in einer Linie mit dem Holocaust steht: "In den Herero-Kriegen von 1904-08 wurden 80 Prozent der Ovaherero und fast die Hälfte der Nama vernichtet. Wenn man das wissenschaftliche Nachleben dieses Genozids, der durch eine grundsätzliche Anti-Blackness angetriebenen wurde, und dessen Beziehungen zu anderen rassifizierenden Denkkonzepten und Praktiken untersucht, wird der imperiale Denkhorizont besser verständlich, der nicht nur die wilhelminische, sondern auch die nationalsozialistische Rassenpolitik als 'Kampf um Lebensraum' ermöglichte." Bei dem Text handelt es sich ebenfalls um eine Übernahme aus newfascismsyllabus.com. Hier der Originaltext.

In der NZZ hält Slavoj Žižek unsere Covid-19-Müdigkeit für "ideologisch verursacht" - durch zu viel kapitalistischen Leistungszwang: "Die Pandemie hat uns auch daran erinnert, dass wir nicht Mittelpunkt, sondern Teil der Natur sind, weshalb wir unsere Lebensweise ändern müssen. Wir müssen unseren Individualismus einschränken, eine neue Solidarität entwickeln und unsere bescheidene Stellung im Leben auf unserer Erde akzeptieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2021 - Ideen

Der Historiker und Rechtsextremismusexperte Volker Weiß hat sich auf Facebook sehr kritisch über A. Dirk Moses' Polemik "Katechismus der Deutschen" geäußert. In der taz erläutert er diese Kritik am postkolonialistischen Historiker - den er in die Nähe rechter Holocaustrelativierer stellt: "Eine ganze Reihe von Moses' Motiven findet sich auch in Rolf Peter Sieferles antisemitischem Pamphlet 'Finis Germania'. Das beginnt schon bei seiner Terminologie. Beispielsweise wirft Moses jenen vor, die auf die Unterschiede von kolonialer Gewalt und NS-Vernichtungspolitik hinweisen, als 'Hohepriester' zu agieren und 'Exorzismen' zu betreiben, er fühlt sich an 'Häresieprozesse' erinnert. Seine 'Sakralisierungsthese' ist ja nicht gerade neu. In der Regel wird sie von Kreisen vorgetragen, die den Bedeutungsverlust von Religion beklagen und in der Gedenkpolitik Sinnstiftungskonkurrenz sehen." Mehr zu der Kontroverse im Perlentaucher, und hier unsere Resümees. Hier außerdem unsere Resümees zur Debatte über Sieferles Buch "Finis Germania" im Jahr 2017. Und geschichtedergegenwart.ch bringt den Beitrag von Johannes von Moltke (unser Resümee) auf Deutsch.

Außerdem: In der FR denkt Artur Becker über die Krise der Linken nach. In der Welt stellt Hannes Stein Peter Singers neues Journal of Controversial Ideas (Website) vor, in dem Texte veröffentlicht werden sollen, die sich ausdrücklich gegen die Verbote der akademischen Linken richten.