Einen seltenen Einblick in die
japanische Gesellschaft gibt Patrick Welter in der
FAS. Er schildert den Einfluss der
Moon-Sekte, besonders auf die eher reaktionären Faktionen in der LDP, jener ewigen Regierungspartei, der auch der ermordete Ex-Premier
Shinzo Abe angehörte. Der Mörder gab Abes Nähe zu Moon als Motiv an. Die Nähe zur Sekte ist auch frappierend, weil sich die Ideologien von Moon und LDP kaum überschneiden. Weller sieht darin einen Reflex auf die
japanische Kriegsschuld gegenüber Korea. "Nicht zuletzt weist die Sekte den Koreanern die Stellung des
auserwählten Volkes zu, während den Japanern eine nur dienende Rolle zukommt. In der Lehre Moons wird Korea als Adam-Nation gesetzt, während Japan, das Korea 35 Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs besetzt hatte, als Eva-Nation
Schuld trägt und diese ableisten muss. Das hat sehr reale Auswirkungen, etwa auf die Wartezeit für Paare von der Massensegnung bis zur Hochzeit."
Die
Queen war vor allem eine
Heldin des Rückzugs, sie präsidierte der Dekolonisierung und wandelte durch ihre huldvolle Präsenz das
Empire in den
Commonwealth,
schreibt Dominic Johnson inn der
taz. In
Kenia hatte es in den Fünfzigern zwar den
Mau-Mau-Aufstand mit Zehntausenden Toten gegeben. Aber anders als in Algerien gegenüber Frankreich, bleibt in Kenia
kein Hass, so Johnson: "Kenias Elite floriert in englischen Clubs und an englischen Universitäten, Nairobis Start-up-Szene ist eng mit London verbunden, das britische Militär trainiert in Kenia. All dies wäre für Frankreich in Algerien undenkbar. Auch das Denken der einstigen weißen Landbesitzer in Kenia, das Land als riesigen Freizeitpark zu betrachten, überdauert im militärisch abgesicherten Tier- und Naturschutz. Der britische Idealismus ab 1945, als Großbritanniens Labour-Regierung junge Entwicklungshelfer ins Empire entsandte, um dort Aufbauarbeit zu leisten, lebt weiter in der
modernen Entwicklungspolitik."
Der Autor
Hari Kunzru, Sohn einer Engländerin und eines Inders,
ist sich in der
New York Times nicht ganz so sicher, ob das mit der
Kontinuität im Bruch so gut funktioniert hat: "Ein Leben lang lächelte und winkte sie
jubelnden Eingeborenen auf der ganzen Welt zu, lebendes Gespenst eines Systems räuberischer und blutrünstiger Ausbeutung. Während dieser Zeit berichteten die britischen Medien enthusiastisch über königliche Touren durch die neuen unabhängigen Länder des Commonwealth, über exotische Tänze für die weiße Königin und über Cargo-Kulte, die ihrem Gemahl gewidmet waren. Ich hoffe, dass es den Briten leichter fallen wird, die ungesunde Abhängigkeit von der
imperialen Nostalgie zu erkennen, wenn die
Projektionsfläche Elizabeth verschwindet."
Die Queen hat etwas geleistet, aber sie hat
auch versagt, meint im
Interview mit dem
WDR der Historiker
Jürgen Zimmerer: Sie hat "nie ihre Stimme erhoben, um die
Kolonialverbrechen als solche zu benennen. ... Die Queen hätte das eigentlich, genau weil sie die Monarchin am Übergang vom Empire zum Commonwealth und dann eben zum modernen Großbritannien war, auch reflektieren müssen. Das hat sie nicht gemacht, und ich denke, dass kann man einfach benennen und sagen, ja, sie ist diese große Identifikationsfigur, aber vielleicht ist sie das auch, weil sie nie jemanden auf die Füße getreten ist... " Nicht mal als Oberhaupt der Windsors, die auch ganz persönlich von den Kolonialverbrechen profitiert haben, habe sie Reue ausgedrückt "über
das Blut,
das an ihrem Vermögen klebt".
Kenan Malik wirft im
Observer als Republikaner einen zwar respektvollen, aber skeptischen Blick auf die Queen und das, was sie verkörperte: "Monarchie mag als
über der Politik stehend angesehen werden, aber ihre bloße Anwesenheit ist selbst eine zutiefst politische Aussage; eine Aussage darüber, inwieweit man dem Volk und dem
demokratischen Prozess vertrauen kann, und darüber, warum jemand, der in die richtige Familie hineingeboren wurde, besser geeignet ist, die Nation zu repräsentieren, als jemand, der vom Demos gewählt wurde."
Die Queen war auch deshalb so beliebt, weil sie sich (fast) immer
aus der Tagespolitik heraushielt, erklärt Nick Cohen in der
Welt. Bei Charles hat er Zweifel. Und dann sind da noch die Folgen des
Brexit: "Im Jahr 1953 war das Vereinigte Königreich noch der
Herrscher über ein globales Empire. Es hatte dazu beigetragen, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Und vor allem war es
vereint - was man vom Vereinigten Königreich, das Elisabeth II. im Jahr 2022 hinterlässt, nicht behaupten kann. Die Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen, hallt in diesem Land noch nach ... Die
Wiedervereinigung Irlands, die einst wie ein Fantasiegespinst erschien, scheint nicht mehr so unwirklich zu sein. Auch Schottland hat für den Verbleib in der EU gestimmt. Die
schottischen Nationalisten nutzen die Tatsache, dass die Engländer ihnen den Brexit aufgezwungen haben, als guten Grund für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. Der Respekt vor und die Loyalität gegenüber der Königin haben dieses seltsame Land zusammengehalten. ... Jetzt, da sie von uns gegangen ist, haben wir das Gefühl, dass die Träume, die ihr Königreich zusammen hielten, im Sterben liegen."
Waslat Hasrat-Nazimi, die als Vierjährige mit ihren Eltern aus
Afghanistan geflohen war, hat ein Buch veröffentlicht,
"Die Löwinnen von Afghanistan", das den
Widerstand der Frauen gegen die Taliban beschreibt. Im
Interview mit dem
Standard macht sie dem Westen bittere Vorwürfe, diese Frauen mit seinem Rückzug im Stich gelassen zu haben: "Die Frauen in Afghanistan waren immer ein Spielball der Mächte. Gerade das Thema
Mädchenschulen ist ein sensibles. Dass Mädchen in Afghanistan zur Schule gehen, war das Vorzeigeprojekt der Westmächte, das sie als ihren Erfolg verbuchten. Für die Taliban ist es daher die wirksamste Rache,
diesen Erfolg zu zerstören und die Mädchenschulen zu schließen. Allerdings war dieser westliche Erfolg nie einer. Wir wissen mittlerweile von den 'Ghost Schools', in die viel Geld floss und die gar nicht existierten. Auch vor dem Abzug der Westmächte 2021 besuchten
nicht alle Mädchen eine Schule."