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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.11.2002. Die FAZ erklärt, warum die Schließung eines Opernhauses Berlin nicht retten wird. In der taz erklärt Javier Cercas den Unterschied zwischen deutscher und spanischer Vergangenheitsbewältigung. Die NZZ beschreibt das Wiedererwachen sephardischer Traditionen in Thessaloniki. In der FR sieht der Historiker Klaus Naumann die Beziehung zwischen Zivilgesellschaft und Militär auf dem Nullpunkt. Die SZ denkt über Generationengerechtigkeit nach.

FAZ, 20.11.2002

Berlins Kultursenator Thomas Flierl will sein Scherflein zum Abbau beitragen und kündigte "Strukturveränderungen größten Ausmaßes" an: nachgedacht wird - mal wieder - über die Schließung eines Opernhauses, berichtet Eleonore Büning, die in ihrem Artikel ein bitterböses Bild der Berliner Politikerkaste zeichnet. "Personalentscheidungen werden in der Berliner Kulturpolitik "ganz oben, ganz nüchtern und, bitte sehr, mit Rücksicht auf die persönlichen Geschmacksknospen der Obrigkeit" getroffen. "Auch Kultursenator Thomas Flierl (PDS) findet selbstverständlich, daß Künstlern ästhetisch die Richtung zu weisen sei ('zu viel neue Musik'), so, wie es auch schon sein Vorvorgänger Christoph Stölzl (CDU) in seinem gescheiterten 'Stölzl-Plan' mit der Profilzuweisung hielt. Finanzsenator Sarrazin, ausdrücklich kein Opernliebhaber, dachte das Wowereit-Motto 'Wer zahlt, schafft an' konsequent weiter und schlug vor, es möchten künftig nur diejenigen für die Oper zahlen, die auch hineingehen. Etwa so, wie für den Straßenbau bekanntlich auch nur Autofahrer zahlen; oder wie die Folgen des Berliner Bankenskandals kavaliersmäßig von eben jenen politischen Entscheidungsträgern aus eigner Tasche bereinigt werden, die ihn verursachten." Insgesamt kosten die drei Häuser 120 Millionen Euro im Jahr. Berlin hat 46 Milliarden Euro Schulden. Die Rettung aus der Schuldenkrise ist also ganz einfach: Berlin muss einfach 1.150 Opernhäuser schließen.

Weitere Artikel: Hans D. Barbier fragt sich, "wo ist eigentlich die FDP"? "...es kann doch nicht sein, dass sie nicht sieht, wie sehr jetzt die politische Stimme liberaler Gesittung gebraucht würde." Hd. kündigt eine Henze-Uraufführung und drei Mozartopern für die Salzburger Festspiele 2003 an. Wolfgang Sandner zieht den Hut vor Meredith Monk, die sechzig Jahre alt wird. Andreas Rosenfelder war auf einer Tagung zu Literaturwissenschaft und Linguistik in Marburg. Mark Siemons hat in der Deutchen Guggenheim das Gästebuch zu Gerhard Richters Ausstellung "Acht Grau" durchgeblättert. Andreas Kilb schreibt den Nachruf auf den Schauspieler James Coburn.

Auf der Medienseite stellt Eberhard Rathgeb Karl Wessels Fernsehfilm "Goebbels und Geduldig" vor, der heute abend in der ARD läuft. Und Roland Zorn denkt darüber nach, wer künftig die Spiele der Bundesliga übertragen könnte, falls Sat.1 seinen Vertrag nicht verlängern sollte. Auf der Stilseite berichtet Frank Kaspar über "Spuk als Selbstorganisation", ein Akademieprojekt in Berlin. Sara Hakemi hat einen Abend mit Ufologen verbracht. Auf der letzten Seite porträtiert Tilmann Buddensieg die Antiquarsfamilie Rosenthal, der gerade eine Ausstellung im Jüdischen Museum München gewidmet ist. Und Andreas Rosenfelder berichtet, dass Nordrhein-Westfalens Universitäten künftig statt von Staatsgeldern wenigstens zum Teil von der Patentvermarktung leben wollen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Maschinen-Skulpturen und meta-mechanischen Reliefs von Jean Tinguely in der Mannheimer Kunsthalle, Clint Eastwoods Film "Blood Work" und die internationale Stilleben-Ausstellung im Panorama Museum Bad Frankenhausen.

NZZ, 20.11.2002

Barbara Spengler-Axiopoulos erzählt aus Thessaloniki über das gewachsene Interesse an den sephardischen Tradition der Stadt. Bis zu ihrer Vernichtung in der Shoah war die Gemeinde das "bedeutendste und berühmteste" Zentrum des sephardischen Judentums in Europa. Dank eines gewachsenen Selbstbewusstseins der heutigen Generation würden nun wieder sephardische Romanzen gesungen und auch das aussterbende Ladino, das jüdische Spanisch, erlebe einige Wiederlebungsversuche.

Weitere Artikel: Jürgen Tietz lobt zwei neue Bauten des Londoner Architekten David Chipperfield (mehr hier, allerdings nur auf Italienisch) in Coesfeld-Lette und Gera. Das Schönste an ihnen, meint Tietz, seien ihre Selbstverständlichkeit und Unaufgeregtheit. Was uns bei den nächsten Salzburger Festspielen erwartet, verrät Peter Cosse. So soll das Profil geschärft werden - und "von Zugeständnissen an den sogenannten breiten Publikumsgeschmack gereinigt" (soll heißen: mehr zeitgenössische Musik).

"gü." hofft für den Deutschen Musikrat zwar zu überleben, bescheinigt dieser "zu hundert Prozent fehlbedarfsfinanzierte Institution" aber erheblichen Reformbedarf, schließlich wirke der einst so kraftvolle Riese inzwischen verfettet und lethargisch. Birk Ohnesorge stellt anlässlich einer Ausstellung in Magdeburg Joannis Avramidis' Plastik "Polis II" vor.

Besprochen werden Jacob Burckhardts neuediertes Standardwerk "Griechische Culturgeschichte" und eine eine ganze Kiste voll Kinderbücher, darunter Geschichten aus dem Kinderzimmer und Amerika (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 20.11.2002

Die Diskussion um die Beziehung zwischen Zivilgesellschaft und Militär hat ihren Nullpunkt erreicht, meint Klaus Naumann, Zeithistoriker und Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Die Politik begehe das militärische Terrain nur rhetorisch und weder die Medien noch die Bundeswehr wehrten sich dagegen. Doch dies, so Naumann, werde nicht so bleiben: "Drei Aufgaben zwingen zu einer Rückkehr der Politik in die Sicherheitsbelange. (...) Auf dem deutschen Spielplan steht die Reform der Bundeswehrreform, die Verabschiedung des längst überfälligen Entsendegesetzes und die Vorlage neuer verteidigungspolitischer Richtlinien." Diese Richtlinien "definieren Interessen, kalkulieren Mittel, beschreiben Handlungsräume und Optionen. Wo liegt der Auftrag der Streitkräfte in der Kadenz von Landesverteidigung, Bündnisverteidigung, Friedensmissionen und nun noch Terrorismus-Bekämpfung?"

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte an der Schweizer Universität Fribourg, beschäftigt sich mit dem gleichzeitig zeitgebundenen und doch im Wesentlichen gleichbleibenden Phänomen der Angst: "Auf den ersten Blick scheinen uns unsere Ängste alleine zu gehören. Die Angst vor dem Nuklearkrieg, dem Ozonloch und irreparabler Klimaveränderung können andere Zeiten so nicht gekannt haben. Auf den zweiten Blick mutet die dahinter lauernde Angst vor dem Weltuntergang vertraut an: Die Erwartung der Endzeit ist eine Konstante in der europäischen Geschichte der letzten zwei Jahrtausende. Und auch die heute in Deutschland allenthalben umgehende Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Absinken ist ein stetig wiederkehrendes geschichtliches Motiv; ebenso wie die Angst vor Krieg, Hunger, Naturkatastrophen und natürlich vor dem Tod ist sie eine historische Konstante, die in allen Epochen, vom Beginn der Geschichte bis heute, Mentalitäten prägend und Verhalten steuernd hervortritt. Kann man deshalb Angst historisch ausräumen - nach dem Muster: Gab es immer schon und wurde immer überstanden?"

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland fasst das Filmfestival Mannheim-Heidelberg zusammen.Petra Kohse erklärt, dass der wahre Luxus beim Kaufen ist, nicht darüber nachzudenken. In Times mager vergleicht "tt" die politische Großwetterlage in Deutschland mit einem rästelhaften Meteorsturm. Daniel Kothenschulte schreibt einen Nachruf auf den Leinwandschurken James Coburn (mehr hier), "den letzten der harten Männer". Laut einer dpa-Meldung hat der Berliner Kultursenator Thomas Flierl die Schließung eines der drei Berliner Opernhäuser "kategorisch" abgelehnt.

Auf der Medienseite berichtet Gabriella Vitiello aus Rom, dass auch im staatlichen Fernsehen regierungskritische Journalisten immer mehr unter Druck geraten. Georg Leppert lobt Kai Wessels satirisches Fernsehspiel "Goebbels und Geduldig". Ingrid Scheithauer berichtet, dass sich die Europäische Kommission den verstärkten Schutz der Meinungsfreiheit und des Pluralismus in den Medien zur Aufgabe machen will. Matthias Thieme erfreut sich an den Doppeldeutigkeiten im Penis-Satiren-Prozess und über dessen - für die taz - glücklichen Ausgang.

Besprochen werden Robbie Williams' neues Album "Escapology",das Frankfurter Konzert der skurrilen Dead Brothers, Soulpunker Rocko Schamonis Auftritt im Frankfurter Mousonturm und das von Augusta Read Thomas zuende gedachte Mozart-Requiem in der Alten Oper in Frankfurt.
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TAZ, 20.11.2002

Der spanische Autor Javier Cercas (mehr hier), der in seinem Roman "Soldaten von Salamis" (mehr hier) das Leben im frankistischen Spanien schildert, erklärt im Gespräch mit Jan Engelmann, inwiefern sich der spanische Umgang mit der faschistischen Vergangenheit von der deutschen Vergangenheitsbewältigung unterscheidet: "Bei Ihnen gäbe es von Sanchez Mazas sicher eine Biografie und er würde in den Geschichtsbüchern behandelt. Aber das ist bei uns nicht der Fall. Nach dem Tod Francos befürchtete man einen zweiten Bürgerkrieg, weil sich beide Lager weiterhin unversöhnlich gegenüberstanden. Man vermied gegenseitige Angriffe, um den Aufbau der Demokratie nicht zu gefährden." Allerdings hat Spanien "einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, denn das Ausmaß des Vergessens ist immens. Uns umgibt ein Nebel von Halbwahrheiten, Missverständnissen und Lügen. Niemand erinnert an Leute wie den republikanischen Kämpfer Miralles, der so etwas wie unser Che Guevara hätte sein können."

"Dürfen sich Deutsche über das Dritte Reich lustig machen?" fragt Arno Frank anlässlich der Fernseh-Groteske "Goebbels und Geduldig" (mehr hier). Ein ganzes Jahr lang sei der Film auf Auslandstournee gewesen - wo er gut ankam -, bevor sich die Verantwortlichen des SWR trauten, dem deutschen Publikum dieses "heiße Eisen" zu präsentieren. Für Frank zeigt der Film vor allem eins: "Die Frage ist also nicht, ob die Deutschen lachen dürfen, sondern ob sie es können. Ein so verklemmter, lauwarmer und auf allen Ebenen recht hilflos lavierender Film wie "Goebbels und Geduldig" zeigt exemplarisch, warum sie es nicht können. Nietzsche, selbst kein Spaßvogel, meinte: "Der Witz ist das Epigramm auf ein verstorbenes Gefühl." Lustigerweise aber ist die Scham zu lebendig, als dass wir darüber lachen könnten."

Weitere Artikel: Christiane Kühl berichtet, dass der New Yorker Bügermeister Michael Bloomberg ein umfassendes Rauchverbot anstrebt. In den Themen des Tages berichtet Michael Ringel, dass die "taz" den Prozess wegen Persönlichkeitsverletzung von "Bild"-Chefredakteur Kai Dieckmann gewonnen hat. Axel Krämer findet die Neuauflage des schwul-lesbischen Magazins "Queer" eher inhaltsschwach. Und im Schlagloch fragt sich Mathias Greffrath, wie das 21. Jahrhundert aussehen wird: Fortschritt der Säkularisierung oder Rückkehr der Religionen?

Besprochen werden der verfallsträchtige Lyrikband von Rammstein-Sänger Till Lindemann, ein Gesprächsband mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster über fraktale Ethik und "Cadenza", das neue Buch von Jazz-Alt-Kritiker Michael Naura.

Und schließlich TOM.

SZ, 20.11.2002

Susan Vahabzadeh findet Michael Moores Dokumentarfilm "Bowling for Colombine" einfach "großartig", weil er nie so tut, als habe er Antworten parat", sondern schlicht versucht, die amerikanische Sicherheits-Paranoia und den Waffenfetischismus zu verstehen: "Wenn die 'urban legends' so sehr ins vermeintliche Allgemeinwissen eingesickert sind, dass Leute fürchten, ihre Kinder würden von Fremden mit Halloween-Süßigkeiten vergiftet, obwohl sowas in den letzten vierzig Jahren nie passiert ist - das geht über den Achterbahnkick hinaus. Amerika hat übertrieben mit dem Gruselspaß - und jetzt haben alle richtig Angst."

Die Floskeln der "sozialen Gerechtigkeit" und der "Solidarität" sind Passe, verkündet Gustav Seibt: "Mit dem Ausdruck 'Generationengerechtigkeit' hat sich fast über Nacht ein Begriff in die vorderste Linie der politischen Sprache geschoben." Keine Klassenschranken also, sondern ein "ein ganz anderer Schnitt durch die Gesellschaft". Die "politische Kraft" eines solchen Begriffes beruhe auf seiner "Bildhaftigkeit": "Braungebrannte Rentner schunkeln auf Mallorca, während - Schnitt! - verarmte kinderreiche Familien mit übergroßen Einkaufswägen durch Billigsupermärkte rollen."

Weitere Artikel: Ralf Berhorst berichtet über den deutschen Schnäppchenrausch und seine Gefahren. In der Kolumne zeigt "Jhl", dass abgewiesene Frauen Klasse beweisen. "Klüv" meldet die Gründung der italienischen Intellektuellen-Vereinigung "Liberta e Giustizia", die gegen die Berlusconi-Regierung Widerstand leisten will. Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf "den letzten Hollywood-Samurai" James Coburn. Jürgen Heizman feiert den 250. Geburtstag des englischen Dichters Thomas Chatterton (mehr hier), der sich mit siebzehn Jahren das Leben nahm. Urlich Kühne schreibt über die Eröffnung des Mitmach-Museums "Mathematikum" in Gießen.

Auf der Medienseite berichtet Marcus Jauer wenig geschmackvoll über den "Phall Dieckmann" und Christopher Keil vergibt mäßiges Lob an die Komödie "Goebbels und Geduldig". Außerdem berichtet Hans Leyendecker, dass die vom "Stern" und vom ZDF eingereichten Verfassungsbeschwerden wegen Angriff auf die Pressefreiheit nun verhandelt werden.

Auf der Musikseite erklärt der senegalesische Sänger Youssou N'Dour im Gespräch mit Jonathan Fischer seine Rückkehr zur traditionellen Musik, und Uwe Kirbach erklärt, wie die Wiederauflage der Stones-Platten bis 1970 dem SACD-(Super Audio CD)-Format auf die Sprünge helfen soll.

Besprochen werden eine Azteken-Ausstellung in der Londoner Royal Academy, "Hirngespinste", ein Stück über Alzheimer in Stuttgart, Bücher - David Wagners Erzählungen "Was alles fehlt", ein Sammelband über die "Juden in der DDR" und ein Buch über Günther Anders - und CDs - Johnny Cash, Carrera, Soft Boys, die neuseeländische Electronic-Compilation "Strewth" und Rubin Steiners "Wunderbare Drei".