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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2005. In der FAZ wirft der Germanist Helmuth Kiesel dem Lyriker Michael Lentz und seinen Thesen zur Lyrik mangelnde Zukunftsfreude vor. Die SZ erinnert die Wirtschaft daran, dass sie von der Kultur lebt. In der Berliner Zeitung bringt sich der Schauspieler Christian Grashof als Intendant für das Deutsche Theater ins Spiel. Die taz versucht zu verstehen, was Schiller hat, was andere Klassiker nicht haben.

NZZ, 11.01.2005

Beat Stauffer stellt die Fondation Orient-Occident vor, eine der "herausragenden privaten Initiativen, die in Marokko in den letzten Jahren einen wahrhaften Boom erlebt haben". Gegründet wurde sie vor zehn Jahren von Yasmina Filali, der Tochter des damaligen Premierministers. 2001 hat sie das erste Kulturzentrum in einem "einfachen Viertel" von Rabat eröffnet. Für einen geringen Mitgliedsbeitrag können Jugendliche dort Bibliothek, Mediathek, einen Lesesaal mit in- und ausländischen Zeitschriften nutzen oder den Internetraum. "Das Zentrum will damit einen Beitrag leisten zur Verteidigung der traditionellen Offenheit und Toleranz in Marokko, die von reaktionären und islamistischen Kreisen zunehmend bedroht wird. Daneben stehen auch weiterhin Anlässe auf dem Programm, bei denen es um den Dialog zwischen den Kulturen im Mittelmeerraum geht." Am 7. Oktober wurde in Oujda nahe der algerischen Grenze ein zweites Zentrum eröffnet, und bis im Frühjahr 2006 sollen weitere Häuser in Casablanca, Larache, Safi und Essaouira dazukommen. (Hier eine Reportage von Paulo Moura über die Flüchtlinge im Wald von Missnana, nahe Oujda.)

Weiteres: Andrea Köhler berichtet, dass der Fall der drei 1964 in Mississippi ermordeten Bürgerrechtsaktivisten James Chaney, Michael Schwerner und Andrew Goodman wieder aufgerollt wird. Gegen den damals freigesprochenen Hauptverdächtigen, ein Führungsmitglied des Ku Klux Klan, sind neue Beweise aufgetaucht.

Besprochen werden eine Ausstellung von Alex Katz in der Wiener Albertina, die Uraufführung von Andrzej Stasiuks "Nacht" in Düsseldorf und Bücher, darunter Friedrich Christian Delius' Roman "Mein Jahr als Mörder" und Francois Julliens Studie über chinesische Lebensphilosophie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 11.01.2005

Die Wirtschaft lebt von der Kultur behauptet Thomas Steinfeld im Aufmacher anlässlich der heute in San Francisco beginnenden Fachmesse "Macworld", auf der Apple-Chef Steve Jobs seine neuen Produkte vorstellen wird. Darum schneide sich die Wirtschaft mit der Missachtung der Geisteswissenschaften ins eigene Fleisch. Existiert bei den Herstellern, fragt Steinfeld, "ein Bewusstsein davon, wie eng nicht nur die Form von Automobilen, sondern auch deren Erfolg mit Ereignissen der volkstümlichen Leidenschaft für Fantasy verknüpft ist, wie sehr der Funktionalismus von Geräten der Firma Apple mit der protestantischen Ethik zusammenhängt, wie stark der Backbeat der populären Musik die Funktion von fotografierenden Handys beherrscht?"

Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz, beschreibt, wie Australien mit Auffanglagern wie in Villawood Flüchtlinge abschreckt. In einem Interview erklärt der australische Opernregisseur Barry Kosky, der derzeit an der Komischen Oper Berlin den "Figaro" inszeniert, wie Theater entsteht: "im Probenraum, und zwar durch Knochenarbeit". Hendrik Birus und Virginia Richter kommentieren den in Bologna beschlossenen Harmonisierungsversuch der europäischen Hochschulen und plädieren für Bachelor- und Masterstudiengänge. Georg Reithel erinnert an den 250. Geburtstag des amerikanischen Politikers und Washington-Zeitgenossen Alexander Hamilton. "akis" weist auf das heute stattfindende Treffen zwischen Muslimen und Protestanten, auf dem es darum gehen soll, künftig miteinander statt übereinander zu reden. Und in der "Zwischenzeit" legt uns Wolfgang Schreiber in Zeiten von Pisa einige der "musikalischen Haus- und Lebensregeln" von Robert Schumann ans Herz. Gemeldet wird schließlich, dass Mel Gibson und Michael Moore die People's Choice Awards erhielten.

Besprochen werden Franz Wittenbrinks famoser Heimat-Liederabend "Kein schöner Land" in den Münchner Kammerspielen, Per Flys Filmmelodram "Das Erbe" ("Arven"), ein mit einem märchenhaften Meer ausgestatteten "Tristan" am Teatro San Carlo in Neapel, und Bücher, darunter eine Studie über Adolf Harnacks Stellung zum Judentum ergänzt um seinen Briefwechsel mit Chamberlain, ein Sammelband zur zeitgenössischen ukrainischen Literatur und Thomas Weiss' Roman "Schmitz" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 11.01.2005

Harald Jähner spricht mit dem Schauspieler Christian Grashof, der sich nun auch noch als Intendantenkandidat fürs Deutsche Theater ins Spiel gebracht hat und sich nun mit den Worten empfiehlt: "Ich möchte nicht, dass irgendjemand verletzt wird. Ich möchte auch nichts von mir geben, das nach einem aufgeplusterten Clown klingt. Dieses Theater muss mit großer Liebe und Vorsicht behandelt werden - ohne Schuldzuweisungen." Zum Theater in Ost und West meint er: "Der Vorhang geht im Westen genau so hoch wie im Osten."
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Stichwörter: Clowns

FR, 11.01.2005

Frank Keil führt durch die groß angelegte Retrospektive "Nichts ist erledigt" mit Arbeiten von Klaus Staeck in den Räumen der Sammlung Falckenberg in Hamburg. Staeck, stellt Keil fest, sei "immer ein Künstler des Wortes und weit weniger des Bildes gewesen; damals, als die postmoderne Ironie noch nicht mal in den Kinderschuhen steckte". Genau genommen habe man seine Plakate aber nie an Häuserwände oder auf Telefonkästen geklebt, vielmehr "wechselten sie aus dem Öffentlichen schnell ins Private, wurden demonstrative Insignien eines Lebenswandels, mit dem man die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollte. [...> Dazu gehörten der flauschige Flokati, das schlichte braune Teegeschirr und die Korbstühle, die noch knisterten, wenn man längst schlafend auf der Matratze lag. In diesem Sinne verwandelten sich seine Plakate in Möbelstücke und damit in manifeste Versprechungen eines diesseitigen Lebens, das auf die furnierte Schrankwand und das eichenschwere Ehebett verzichten wollte."

Weitere Artikel: Peter Fuchs geißelt den gegenwärtigen "Wettbewerb um moralische Achtungspunkte", dessen Ziel es sei, "so etwas wie den Weltmeister in Spenden- und Hilfsbereitschaft zu ermitteln". Und Helmut Höge erzählt aus dem brandenburgischen Pritzwalk die "traurige Geschichte" der ehemaligen LPG-Arbeiter Günter, Gabi, Uschi und Max in Zeiten von ABM.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs "Skizze" von Heiner Müllers "Philoktet" an der Berliner Volksbühne, Andrzej Stasiuks Stück "Nacht" am Theater Düsseldorf und Bücher, darunter ein "Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung", das Bilanz aus 30 Jahren zieht, und eine Studie über "Politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung" des Tübinger Philosophen Otfried Höffe (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 11.01.2005

"Was hat er nur, was andere Klassiker nicht haben", versucht Jürgen Busche in seinem Essay zum anbrechenden Schiller-Jahr anlässlich des 200.Todestages zu ergründen. "Schillers Verse wirken wie der nach ihm benannte Schillerkragen, und viele erinnern sich heute noch daran, wie schön Rudolf Bahro ihn trug. Die Deutschen, das ist der Ausgleich für ihren Methodenehrgeiz, ihre Disziplin, ihren Arbeitsernst, lieben das Leben in kurzen Hosen. Ihr Lieblingsfilm ist die 'Feuerzangenbowle', hier darf ein erfolgreicher Schriftsteller zum Zwecke nachgeholten Schulbesuchs noch einmal in kurzen Hosen herumlaufen, im übertragenen Sinne natürlich. Und es wird fleißig Schiller zitiert, er ist der einzige Dichter, der hier im Deutschunterricht zitiert wird, und zwar aus dem 'Don Karlos' und dem 'Wallenstein'. Der Schillerkragen ist das erhabene Pendant zur kurzen Hose."

Weiteres: Helmut Höge erzählt aus einer Berliner Wagenburg und plädiert für selbstausgebaute Wohnwagen, die - laut Erzählung einer Bewohnerin - "viel sensibler" auf ihre Bewohner reagieren als der soziale Wohnungsbau. Jan-Hendrik Wulf wirft einen Blick in die neuesten Ausgaben der Zeitschriften Vorgänge und Merkur, in denen die "Protestmüdigkeit bei Hartz IV" erklärt und die "larmoyante Stimmung der gegenwärtigen 68er-Kritik" gegeißelt werden. Besprochen wird die Uraufführung einer Theaterfassung von DBC Pierres Roman "Jesus von Texas" am Schauspielhaus Köln.

Schließlich Tom.

FAZ, 11.01.2005

Der Germanistikprofessor Helmuth Kiesel nutzt Michael Lentz' jüngst publizierte zehn Thesen zur Lage der deutschen Lyrik zu einem ausführlichen historischen Streifzug durch die deutsche Literaturgeschichte, um dem Autor im letzten Viertel seines Textes überraschenderweise mangelnde Zukunftsfreude vorzuwerfen: "Von den jüngsten zehn Thesen zur Poesie gelten neun den Defiziten des gegenwärtigen literarischen Schaffens, und nur der eine eben zitierte Satz spricht davon, dass 'neue Konzepte' zu entwickeln seien, doch bleibt es beim ratlosen Postulat. Wenn die jüngsten zehn Thesen zur Poesie repräsentativ für die Mentalität der literarisch Schaffenden sein sollten, so wäre festzustellen, dass diesen der Mut, der Literatur kulturelle Aufgaben zuzuschreiben und sie als Gestaltungsmittel der kulturellen Entwicklung ins Spiel zu bringen, völlig abhanden gekommen ist."

Weitere Artikel: Im Aufmacher wirft der amerikanische Historiker Jeffrey Herf der neuen amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice vor, nicht die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen und den zu erwartenden Widerstand im Irak unterschätzt zu haben. "Rh" kommentiert in der Leitglosse die Berliner Schwierigkeiten, der Mauer zu gedenken. Gemeldet wird, dass Theaterregisseure sich mit dem Dresdner Theater solidarisieren, dem von den Rechteinhabern Gerhart Hauptmanns eine Aufführung der "Weber" untersagt wurde. Christian Schwägerl beklagt mangelnden Mut der Bildungspolitiker zur eigentlich gewollten Elite-Universität. Der Archäologe Joachim Reichstein wehrt sich gegen Vorwürfe, man habe die Nebra-Himmelsscheibe nicht ausreichend auf Echtheit untersucht. Ernst Köhler macht sich Gedanken zur Funktion des Schöffen in der modernen deutschen Gerichtsbarkeit. Dieter Bartetzko gratuliert der Schauspielerin Christine Kaufmann zum Sechzigsten. Melanie Mühl erzählt die Geschichte einer Kosovo-Albanerin, die in einem demnächst erscheinenden Buch über ihre Zwangsheirat und den Mord ihres Manns an seiner 16-jährigen Tochter schreibt.

Auf der Medienseite gratuliert Jürg Altwegg der NZZ in einem lesenwerten Artikel zum 225. Geburtstag ("Der Gotthard war ausgebrannt, die Swissair ist abgestürzt - die NZZ wird bleiben"). Michael Hanfeld will sich Forderungen von Fußballmanagern nach einer Gebührenerhöhung für die Übertragung von Bundesligaspielen in den Öffentlich-Rechtlichen nicht anschließen.

Auf der letzten Seite schreibt Robert von Lucius einen traurig schönen Hintergundbericht über ein in großen Bibliotheken, und hier offensichtlich besonders in Skandinavien, immer wieder anzutreffenden Brauch: Bibliothekare klauen kostbare Bücher, die praktischerweise oft keine Signatur tragen, um sie bei Auktionen gewinnbringend versteigern zu lassen (in Kopenhagen gingen so "Erstausgaben von Tycho Brahe, Johannes Kepler und Martin Luther, Thomas Moore, John Milton und Immanuel Kant sowie die schwedische Gustav-Wasa-Bibel von 1541" verloren). Paul Ingendaay exemplifiziert an einem Streit um Akten, die vom Franco-Regime zentralisiert wurden und die nun von den Regionen zurückgefordert werden, das immer noch hysterische Verhältnis von Zentrale und Regionen in Spanien. Und Gina Thomas schreibt über die Eröffnung eines kleinen Churchill-Museums in den ehemaligen Cabinet War Rooms, einem Bunker, in dem sein Kabinett während des Krieges tagte.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien Guy Bourdins in Düsseldorf, Donizettis "Lucia di Lammermoor" in Freiburg und eine Ausstellung der Künstlerin Carol Roma in Innsbruck.