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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2005. Die Revolte in den Banlieues feuert die Feuilletons zu analytischen Höchstleistungen an. In der Welt erklärt Michael Kleeberg den Aufstand aus dem Konservatismus der französischen Eliten. In der taz hält ihn der Soziologe Michel Pialoux für einen Ausdruck von Machismo. In der FR spricht Michel Wieviorka lieber von Subjektivität. Für die NZZ hat das alles mehr mit Hiphop als mit dem Islam zu tun. Die SZ macht Architekten und Stadtplaner verantwortlich. In der FAZ dagegen erklärt Emmanuel Todd seelenruhig: So funktioniert Assimilierung auf französisch.

Welt, 12.11.2005

Wie fade wäre der Feuilleton-Samstag zuweilen ohne die Literarische Welt! Der Autor Michael Kleeberg stellt in einem lesenwerten Essay über die französischen Jugendunruhen den Diskurs des Republikanismus in Gegensatz zu einer Praxis der Apartheid, deren Kehrseite ein unausgesprochener, aber sehr fest gefügter Elitismus ist: "Frankreich, auch dies ein Gegensatz zur offiziellen Rhetorik, (ist) ein erzkonservatives Land, in dem sich die Eliten fast ausschließlich aus den Eliten rekrutieren. Männer mit dem Bildungsparcours eines Helmut Kohl oder Gerhard Schröder (obskures Provinzgymnasium, womöglich auch noch zweiter Bildungsweg, Massenuni, keine Einheirat in höhere soziale Sphären) hätten es in Frankreich bestenfalls zum Bürgermeister einer mittleren Provinzstadt bringen können."

Ryszard Kapuscinski, der sich in seinem demnächst erscheinenden Buch "Meine Reisen mit Herodot" auf die Spuren des ersten Reporters der Menschheitsgeschichte begibt, denkt in einem Essay (oder Vorabdruck?) über die "Begegnung mit dem anderen" nach: "Wenn ich meine Reisen durch die Welt Revue passieren lasse, scheint mir manchmal, dass meine größten Probleme unterwegs weniger die Grenzen und Frontlinien waren, auch nicht die Tropenkrankheiten oder andere Gefahren, sondern die beständig wiederkehrende Unsicherheit darüber, wie sich meine Begegnungen gestalten würden, die Begegnungen mit anderen Menschen, die meine Wege kreuzten. Ich wusste, dass viel davon abhing, manchmal gar alles, auch mein Leben. Bei jeder dieser Begegnungen stellten sich dieselben Fragen: Wie würde sie sein? Wie würde sie sich entwickeln? Und zu was würde sie führen?"

Besprochen werden unter anderem Dubravka Ugresic' Roman "Das Ministerium der Schmerzen" (hier eine Leseprobe) und Bücher über die Pest und andere Seuchen. Und Tilman Krause spricht Klartext.

Im Kulturteil besichtigt Uwe Schmitt die Kultureinrichtungen von New Orleans, denen ein mühsamer Wiederaufbau bevorsteht. Gerhard Besier, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts in Dresden, verteidigt das katholische U-Boot in der evangelischen Theologie, Klaus Berger. Besprochen werden die Ausstellung "Summer of Love" über psychedelische Kunst und Hippie-Kultur in Frankfurt und eine Ausstellung bisher nicht öffentlich ausgestellter Fotos von Hildegard Knef in Braunschweig.

Im Forum wird ausführlich über den Spiegel diskutiert. Peter Bölke, ehemals Wirtschaftsressortchef des Hauses verteidigt die Mitarbeiter KG, die einen Machtkampf mit Chefredakteur Stefan Aust führt. Adolf Theobald, ehemals Geschäftsführer beim Spiegel, meint dagegen: "Die Mitarbeiter KG hat den Spiegel in eine Kolchose verwandelt"

FR, 12.11.2005

Im Gespräch erklärt der französische Soziologe Michel Wieviorka die Sprache jugendlicher Gewalt in Frankreich: "Ihre Gewalt ist mit Subjektivität geradezu aufgeladen, weil das ihre Sprache, ihr Ausdrucksmittel ist. Sie sagen uns: 'Ich will existieren! Aber ich kann nur existieren in der Zerstörung, im Feuer, in den Medien.' Warum sind sie in dieser völlig entleerten Subjektivität? Weil sie sich in einer Krise befinden, gegen die von staatlicher Seite nichts unternommen wird."

Auf der Medien-Seite informiert Markus Brauck über den offenen Streit beim Spiegel zwischen Franziska Augstein und Stefan Aust. (Hier übrigens die kurze und bündige Reaktion der Spiegel-Redaktion.)

Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk von Peter Kulka im Deutschen Architekturmuseum, die neue CD von Madonna ("rund und gut gemacht"), Stefan Märkis Inszenierung der "Maria Stuart" am Nationaltheater in Weimar und die neue Platte von Neil Young.

TAZ, 12.11.2005

In einem Interview zur Revolte in den Banlieues macht der französische Soziologe Michel Pialoux auf der Meinungsseite auf einen interessanten Geschlechterunterschied aufmerksam: "Mädchen aus dem Einwanderermilieu sind in der Schule und beim Einstieg in die Arbeit erfolgreicher. Die männliche Arbeitslosigkeit ist höher. Das nährt die Verzweiflung und zugleich den Machismo der Jungen in der Vorstadt. Hinzu kommt, dass die Kultur der Straße etwas typisch Männliches ist."

Im Kulturteil betreibt Robert Misik Ursachenforschung in Sachen Banlieues. Tilman Baumgärtel schickt eine "Mail aus Manila", in der es vor allem um Call Center geht. Krystian Woznicki stellt das von der spanischen Künstlergruppe Fiambrera Obrera entwickelte Computerspiel "Border Games" vor. Besprochen wird Madonnas neues Album "Confessions on a Dance Floor".

In der zweiten taz porträtiert Adrienne Woltersdorf den Anwalt und Kapitän der Reserve John E. Smathers, der Bagdad befreien half. Dankbar war allerdings nur der Straßenköter Scout.

Im taz mag macht Wolfgang Kraushaar den Auftakt zu einer Serie, deren Anlass sein Buch "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" ist: Es wird also um den Antisemitismus von links gehen. Kraushaar fasst noch einmal zusammen: "Festzuhalten ist: Bei dem missglückten Anschlag handelt es sich objektiv um ein antisemitisches Attentat." Jedoch: "Argumentationen wie etwa die von Götz Aly, der in einer Besprechung gemeint hat, nun die gesamte 68er Linke zur Verantwortung ziehen und sie in eine unmittelbare Parallele zur Generation der NS-Eltern stellen zu müssen, sind kurzschlüssig und entbehren der empirischen Belege."

Weitere Artikel: Martin Reichert berichtet von seiner Heimfahrt nach Wittlich, in die Stadt, in der der Autor geboren wurde, ein Jahr bevor dort Holger Meins im riesigen Knast starb. Georg Etscheit hat zwei Design-Ikonen der 70er besucht: die Spiegel-Kantine und das Münchner Sternelokal "Tantris". Jasna Zajcek schreibt über die Herausfoderung "arabischer Spracherwerb".

Besprochen Bücher, darunter Michael Chabons Kriminalroman "Das letzte Rätsel", Sarah Halls Roman "Der Elektrische Michelangelo" und Jared Diamonds universalgeschichtliche Gesellschaftsdiagnose "Kollaps" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).

Schließlich Tom.
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NZZ, 12.11.2005

Beat Stauffer erklärt, was muslimische Organisationen mit den Unruhen in Frankreich zu tun haben: Gar nichts. Nach Einschätzung des Politikwissenschafters Franck Fregosi und Benabdallah Soufaris, Präsident des regionalen Rats der Muslime der Region Mulhouse, "sind die allermeisten der Jugendlichen, die sich an den Ausschreitungen beteiligt haben, keine Moscheegänger. Die Adoleszenten hätten kaum rudimentäre Kenntnisse des Islam, seien weit mehr von der Hip-Hop-Kultur und von ihrem Medienkonsum beeinflusst als von islamischen Werten."

Weitere Artikel: Franz Haas sichtet Weihrauchschwaden über den Reden zu Pasolinis dreißigstem Todestag. Markus Jakob meldet kulturpolitische Burlesken aus Valencia. Barbara von Reibnitz stellt die Ausgabe "Mythos Bundesrepublik" der Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation vor.

Besprochen werden eine Aufführung von Lukas Bärfuss' "Der Bus" am Theater Basel und Bücher, darunter Julien Gracqs Buch "Witterungen" und Alberto Savinios privates Lexikon (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Literatur und Kunst widmet sich heute vor allem Israel. Naomi Bubis hat die Schriftstellerin Ronit Matalon in Tel Aviv besucht. Angelika Timm schreibt über Traditionen und Trends im israelischen Hochschulwesen. Und Valerie Rhein erzählt, wie die jüdische Bevölkerung Palästinas vor achtzig Jahren das Frauenstimmrecht durchsetzte. Außerdem: "Böcklin ist 'campy'", behauptet Beat Wyss in seiner Analyse der Künsterlaufbahn des Malers. Und Georg Kohler denkt über die ursprüngliche Vielfalt des Liberalismus nach.

Berliner Zeitung, 12.11.2005

Der Regisseur Andreas Dresen spricht im Interview darüber, wie nett Lothar Bisky, damals Rektor der Filmhochschule Babelsberg, ihm mitteilte, dass sein Dokumentarfilm über die Nationale Volksarmee "Was jeder muss" verboten worden sei: "Aber ein Verbot sah bei Lothar Bisky so aus, dass er mich Januar '89 in sein Büro holte: 'Du, Andreas, wir können deinen Film über die NVA jetzt erstmal nicht zeigen, gibt momentan Ärger damit. Wir müssen uns eine Weile ruhig verhalten. Aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als wenn so ein Film Aufsehen erregt, bis in die höchsten Kreise des Politbüros. Glückwunsch und weiter so.' So hat Bisky ein Verbot ausgesprochen. Durch diesen Rektor war es möglich, aufrechten Ganges durch das Studium zu gehen. Ohne daran zu verzweifeln, wie es vielen vor mir gegangen ist."

FAZ, 12.11.2005

Der französische Demograph Emmanuel Todd nimmt im Interview die Krawalle in den französischen Vorstädten als Beweis für die gelungene Integration der Einwandererkinder: "Mit ihrer Revolte integrieren sich die aufständischen Jugendlichen in die französische Tradition, werden von der Polizei gleich behandelt wie andere Revoluzzer. Trotz der absurden Rhetorik Sarkozys haben Polizei und Bevölkerung die Nerven nicht verloren. Wenn die Vorfälle jetzt einigermaßen ruhig zu einem Ende gebracht werden können, wird Frankreich wohl sehr sanft erwachen und sich sagen: Diese Revolte steht nicht für das Scheitern des französischen Modells, sie bestätigt vielmehr sein Funktionieren. Denn so funktioniert die Assimilierung auf französisch."

Im Aufmacher jubelt Dietmar Dath über die neue CD von Madonna: "Ja, das ist es, darauf hat die Welt gewartet. Denn in dieser üppigen Suppe, die man bis zur Neige saufen muss, um sie geschmeckt zu haben, schwimmt mehr Glück, mehr Euphorie, mehr - es gibt wirklich kein deutsches Wort, das dieses Moment vollumfänglich träfe - volupte, als alle Kokainströme Europas je mit sich führen könnten."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Daniel Kehlmann fürchtet, dass ihm eines Tages der Himmel auf den Kopf fällt, weil er von einer Arbeit leben kann, die ihm "solche Freude macht". Das erklärte er jedenfalls in seiner Vorstellungsrede für die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, in die er aufgenommen wurde. In der Comic-Reihe geht's diesmal um "Corto Maltese". Richard Kämmerling berichtet über eine Lesung von Imre Kertesz in Frankfurt. Judith Lembke informiert uns, dass Stella McCartneys Kollektion für H&M keinen Ansturm auf die Kleiderkette ausgelöst hat. Edo Reents gratuliert Neil Young zum Sechzigsten. Judith Leister schreibt zum zwanzigsten Jubiläum des Münchner Gasteigs.

In der ehemaligen Tiefdruckbeilage erinnert Stephan Mösch an die große Wagner-Sängerin Frida Leider. Abgedruckt ist Patrick Bahners Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Brigitte Kronauer. Auf der Medienseite verkündet Frank Kaspar traurig den Tod der "Woche des Hörspiels". Und Dirk Schümer schreibt über die letzte Folge von Adriano Celentanos Show "Rockpolitik" in der Rai.

Besprochen werden Doris Metz' Dokumentarfilm "Schattenväter" über die Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume und Bücher, darunter Alan Bennetts Kurzroman "Handauflegen" und neue Bücher über Schiller (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite werden zwei Neueinspielungen von Jacques Offenbachs "Großherzogin von Gerolstein" vorgestellt, außerdem neue Musik für Orgel von und mit Gerd Zacher und Willem Tanke, CDs von Fiona Apple und Sheryl Crow, eine Country&Soul-CD von Bobby Hebb und das "aus der Zeit gefallene Indie-Pop-Meisterwerk" "Tanglewood Numbers" von David Berman.

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinck ein Gedicht von Georg Trakl vor:

"An die Schwester
Wo du gehst wird Herbst und Abend,
Blaues Wild, das unter Bäumen tönt,
Einsamer Weiher am Abend.
..."

SZ, 12.11.2005

Die erste Seite des Feuilletons widmet sich heute aus architekturkritischer Sicht den Pariser Vorstädten. Holger Liebs hat sich dem Stadion genähert, in dem die deutsche Nationalmannschaft ihr Freundschaftsspiel austrägt: "Das Stadion liegt, zwischen den Autobahnen eingekeilt, meistens verlassen da. (...) Der monströse Gitterbau des Stadions mit der fliegenden Schallplatte darüber ist ein Ufo, eine gebaute Absage an seine Umgebung."

Gerhard Matzig fragt ganz allgemein nach der Verantwortung der Architekten und Stadtplaner und zeigt sich erschrocken: "Selten zuvor wurde das Formvokabular der Moderne, deren Nachfahren in der Banlieue größtenteils aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, so gründlich diskreditiert."

Der Schriftsteller Georg Klein wundert sich nicht über die Jugendunruhen, sondern darüber, dass sie angesichts des Testosteronvorrats im männlichen Jungvolk so selten sind: "Es ist nicht die Vernunft, es ist nicht die Moral, es ist nicht einmal die Angst vor Bestrafung. Es ist eine Illusion. Es ist die von der Wirklichkeit nur unzureichend gedeckte, im Kern wahnhafte Vorstellung, es lohne sich für jeden Halbwüchsigen, für jeden jungen Mann, sich in das System der herrschenden Ordnung zu fügen. Dies ist eine kostbare Illusion für alle, die anders im Leben stehen: für die kleinen Kinder, für die Frauen, für die Alten und nicht zuletzt für diejenigen, die sich regelmäßig ein neues Auto leisten können. Die Illusion, jeder könne es bei uns zu etwas bringen, ist ein Lügenmärchen, von dem Sie und ich täglich profitieren."

Weitere Artikel: Jörg Magenau liefert einen Bericht über die Literaturszene der bulgarischen Hauptstadt. Klaus Lüber hält Sonys Kopierschutzsystem für alles andere als kundenfreundlich. Warum Videospiel und Kino nicht zusammenpassen, erklärt Tobias Moorstedt. Von einer literaturwissenschaftlichen Tagung in Jerusalem zum Thema "Liebe" berichtet Thomas Meyer. Ungute Gefühle beschlichen Jörg Königsdorf bei einer Diskussion zum Thema Deutschland, auf der Christian Thielemann auf Stammtischniveau argumentierte. Alexander Kissler kommentiert die Seligsprechung von Charles de Foucauld.

Besprochen werden die Francis-Bacon-Ausstellung in Hamburg, Volker Hesses Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Das weite Land" am Berliner Maxim-Gorki-Theater, ein Auftritt der Stargeigerin Midori mit den br-Symphonikern, Niko von Glasows Film "Edelweißpiraten", Curtis Hansons Filmkomödie "In den Schuhen meiner Schwester" und John Mendelssohns Roman "Warten auf Kate" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende klagt Kurt Kister über die politischen Zustände in der Republik. Das Schlimmste freilich der Niedergang der CSU: "Selbst wenn man diese Partei nicht mag, schämt man sich derzeit, Bayer zu sein. Das ist mir bis letzte Woche übrigens noch nie passiert, Moshammer hin, Schönhuber her."

Weiteres: Willi Winkler gratuliert Neil Young zum 60. Geburtstag. Michael Zirnstein ist Liza Minelli begegnet: Es geht ihr gut. Von einer Auktion auf dem Frankfurter Flughafen berichtet Anne Siemens. Der Islamwissenschaftler Gernot Rotter hat die Stadt Hotzenplotz besucht, die es freilich seit 1945 nicht mehr gibt. Im Interview spricht der Regisseur Lars von Trier über "Tricks" und darüber, wie schön es ist, mal Urlaub von sich selbst zu machen: "Aber das kann natürlich nicht gut für die Arbeit sein, dass man sie macht, um sich selbst zu entkommen."