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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2006. In der Welt behauptet Niall Ferguson mit Blick auf George W. Bush: Ein Präsident in der zweiten Amtszeit ist nicht zwingend eine lahme Ente. In der FAZ bedauern sich die Opfer der alten Bundesrepublik. Die SZ geriet bei einer Ausstellung chinesischer Foto- und Videokunst im Berliner Haus der Kulturen in Vibration. Die taz outet sich als die eigentlich bürgerliche Zeitung.

FR, 28.03.2006

Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst ist gerade neben Thomas Demands "Klause" Max Beckmanns grafischer Zyklus "Apokalypse" ausgestellt. Ulf Erdmann Ziegler gefielen vor allem die Engel: "Zu sehen gibt es ausschließlich den gesamten Zyklus der von Beckmann handkolorierten Lithografien ohne die zugehörige Typografie, die dann Vorbild waren für weitere Kolorierungen von anderer Hand. Dezent sind die Referenztexte der Offenbarung unter jedem Rahmen an die Wand gebracht. Man schaut also direkt in Beckmanns Werkstatt zum Zeitpunkt der Vollendung. Natürlich hat er, gegen den Text, seinen Spaß gehabt, die 'große Hure' auftreten zu lassen, eine blonde Liegende von Crumbscher Dimension mit nacktem Po in Gesellschaft dreier zechender Königsknirpse. Ein blauflügeliger Engel, gemodelt auf Garbo, trocknet einem liegenden Greis mit Beckmannscher Physiognomie die Tränen; im Bullaugenfenster erscheint eine Seelandschaft mit aus der Zeit gefallenen Himmelslichtern. Alles, was an Schlachtenszenen grenzt oder Paraden darstellt, gerät ihm schwächer - zu diffus oder zu schwarz -, wie überhaupt die kleineren Vignetten viel lebendiger sind als die ganzseitigen Illustrationen."

Weitere Artikel: Christoph Schröder berichtet über die "Turbulenzen" im Dumont Verlag. Erst ging der Leiter, dann der "wichtigste Lektor", weitere Mitarbeiter und Autoren. Der Grund: Der neue Leiter Marcel Hartges will "weniger Titel, die sich besser verkaufen sollen", auf den Markt bringen. Christian Broecking berichtet über die Jazz-Fachmesse JazzAhead in Bremen. Karin Ceballos Betancur schreibt zum Siebzigsten von Mario Vargas Llosa. Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod von Richard Fleischer.

Besprochen wird Tschechows "Kirschgarten" in Berlin.

TAZ, 28.03.2006

Neue Bürgerlichkeit? War die taz schon immer, meint Jörg Magenau. Denn bürgerlich ist links. "Die frühe taz war mehr als nur eine Zeitung. Sie war ein Ort, an dem selbstbestimmtes Leben erprobt wurde. Genauso wichtig wie das entstehende Produkt war das eigenverantwortliche, basisdemokratische, hierarchiefreie Arbeiten und das Zusammenleben zwischen WG-Plenum und Redaktionskonferenz. Die taz wurde primär nicht als wirtschaftliches Unternehmen begriffen, sondern als 'Projekt'. Projekte ersetzten bürgerliche Karrierevorstellungen. Sie sollten den Widerspruch zwischen Arbeit und Leben aufheben. Das, was ein Mensch im Dienst tat, und das, was er fühlte und dachte, sollte in Einklang gebracht werden. 'Identität' und 'Selbsterfahrung' waren Großbegriffe der Epoche. Das Subjekt wurde gegen entfremdetes Arbeiten wieder in sein Recht gesetzt. Der Citoyen betrat die Arbeitswelt."

Wulf Herzogenrath, Direktor der Bremer Kunsthalle, erklärt im Interview, warum fünf deutsche Museen eine Ausstellung zur Geschichte der Videokunst organisiert haben: "Dass die Museumsleute Grafik sammeln, ist selbstverständlich. Dafür haben alle großen Museen Kupferstichkabinette. Eigene Abteilungen für Film und Video, wie in den USA seit 30, wie in Frankreich und England seit 20 Jahren, gibt es hier nicht."

Weitere Artikel: Christian Broecking erzählt, wie amerikanische Kritiker auf der Bremer Messe jazzahead nach der Identität des deutschen Jazz suchten. Jan Hendrik Wulf weist auf das wunderbare du-Heft zu Johann Sebastian Bach hin. Dietmar Kammerer resümiert das österreichische Filmfestival, die Diagonale. Und Annett Gröschner meldet sich aus Sachsen-Anhalt, dem Land des Negativrekords.

Schließlich Tom.

Welt, 28.03.2006

Der Harvard-Historiker Niall Ferguson warnt auf den Forumsseiten davor, George Bush verbliebene Kraft zu unterschätzen: "Ein Präsident in seiner zweiten Amtszeit ist nicht notwendig eine lahme Ente. Ebenso ist er ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. Deshalb meine Vermutung: Bush wird zurückbeißen. Und der naheliegende Weg, das zu tun, führt über den Iran... Die Vereinigten Staaten werden im UN-Sicherheitsrat nach Sanktionen verlangen, sollte der Iran die Anreicherung von Uran nicht unterlassen. Die übrigen ständigen Mitglieder werden dem nicht zustimmen. Und dann ... Nun - sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt."

In der Kultur verabschiedet Hannes Stein den großen polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, der gestern in Krakau 84-jährig gestorben ist. "Er war Satiriker und Philosoph, er war ein erzfröhlicher Pessimist - und seinen Lesern häufig mindestens eine Nasenlänge voraus. Er war der berühmteste und wahrscheinlich auch der intelligenteste polnische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 'Was sagt die Physik über das Glück?' fragte er einmal und antwortete sich selbst: 'So viel wie über das Klatschen mit einer Hand.'"

Ekhard Fuhr kommentiert die Kommentare zur geringen Wahlbeteiligung vom Sonntag: "Vielleicht könnte das journalistische Wir einmal die Tonart ändern. Der deutsche Michel muss nicht dauernd geweckt werden. Er schläft nicht mehr als andere und ist ein ziemlich erfahrener Demokrat. Demagogen haben bei ihm keine Chance. Und wenn er das politische Angebot zum Kotzen findet, bleibt er zu Hause."

Weiteres: Ein wenig seltsam muten Peter Dittmar die Vorwürfe an, Picasso habe geistigen Diebstahl an der afrikanischen Kunst begangen, die etwa der Sprecher des südafrikanischen Kulturministeriums, Sandile Memela, erhebt. Denn "Picasso hat nie die Inspiration geleugnet, die für ihn von der afrikanischen Kunst ausging." Paul Badde glaubt, dass Nanni Morettis bemühte Polit-Komödie "Il Caimano" Berlusconi recht gelegen kommt. Leni Höllerer stellt die Thesen des britischen Historikers Bryan Ward-Perkins vor, der über die Unfähigkeit der Germanen schreibt, die römische Zivilisation zu bewahren. "Ward-Perkins' Urteil über die Germanen lautet demnach: Nicht Mord, aber Totschlag." Wolf Lepenies gratuliert dem Schriftsteller und "Weltbürger" Mario Vargas Llosa zum Siebzigsten. Peter Zander schreibt einen Nachruf auf den Hollywood-Regisseur Richard Fleischer. Besprochen wird Benjamin Brittens "Sommernachtstraum", die laut Manuel Brug Simone Young und Simon Phillips in Hamburg als "traumschöne Erziehungsopernphantasie" inszeniert haben.
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NZZ, 28.03.2006

Alfred Zimmerlin annonciert das Musikfestival "Archipel" in Genf. Martin Meyer schreibt zum zehnten Todestag des Philosophen Hans Blumenberg, Leopold Federmair zum siebzigsten Geburtstag von Mario Vargas Llosa und Ulrich M. Schmid zum Tod des Schriftstellers Stanislaw Lem.

Besprochen werden eine Ausstellung zu den Orten des Nationalsozialismus in München im Architekturmuseum der TU in der Pinakothek der Moderne, Tschechows "Kirschgarten" am Deutschen Theater Berlin und Bücher, darunter Judith Kuckarts Roman "Kaiserstrasse" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 28.03.2006

Die Pekinger Kunstszene brennt an allen Enden, staunt Werner Bloch, nachdem er die "vibrierende" Ausstellung chinesischer Foto- und Videokunst im Berliner Haus der Kulturen besucht hat. "Eine grandiose Fülle qualitativ hochwertiger Werke haben die Kuratoren Wu Hung und Christopher Phillips zusammengetragen. Alle wichtigen Künstler sind vertreten. 'Die Fotografie', schwärmt Wu, sei 'ein extrem schnelles, dynamisches, für China mit seinen rasanten Veränderungen geradezu ideales Medium.' Und auch ein ideales Medium der Subversion. Wenn Li Wei mit einem Spiegel durch Peking läuft, in den er ein Loch geschnitten hat, durch das er seinen Kopf steckt, dann erscheint sein Kopf losgelöst vom Körper und schwebt über dem Boden wie ein Geist, während sich die Umgebung seitenverkehrt abbildet. Nichts ist, wie es scheint, die Frage nach Realität und Wahrnehmung wird hier, wie so oft in China, neu gestellt."

Weitere Artikel: Angesichts der Kinderlosigkeit könnte das Patriarchat eine Renaissance erleben, behauptet Phillip Longman in der aktuellen Ausgabe von Foreign Policy (siehe unsere Magazinrundschau vom 1. März). Petra Steinberger resümiert Longmans Artikel im Aufmacher. Kristina Maidt-Zinke wünscht dem peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa alles Gute zum Siebzigsten. Die 1880 erbaute ehemalige Bergwerksdirektion in Saarbrücken (mehr) wird wohl in ein Einkaufscenter umgebaut, kolportiert Ira Mazzoni. Joachim Kaiser wünscht sich, dass Heinrich Heine wieder mit der gleichen Unvoreingenommenheit betrachtet wird, die Karl Kraus und Bertolt Brecht an den Tag gelegt haben. Ralf Dombrowski hält die erste jazzahead!-Messe in Bremen für einen vollen Erfolg. Hans Schifferle genießt das "aufregende Nebeneinander" auf dem Filmfestival "Diagonale" in Graz.

Im Literaturteil hält Jens-Christian Rabe den Auftritt des um Worte nicht verlegenen slowenischen Philosophen Slavoj Zizek im Münchner Literaturhaus für "mutig", aber auch "enervierend". Und Lothar Müller begeht den siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers, Filmemachers und Dramatikers Jürgen Lodemann.

Im Medienteil erklärt der Vorstandschef von Gruner und Jahr, Bernd Kundrun, Hans-Jürgen Jakobs im Interview, wie lange neue Titel wie Park Avenue unprofitabel sein dürfen. "Man muss warten können . . . sicher nicht zu lange."

Besprochen werden zwei sehr unterschiedliche Tschechow-Inszenierungen in Berlin, Stefan Puchers "Die Vaterlosen" an der Volksbühne ("genialischer Dilettantismus", meint Christopher Schmidt) und Barbara Freys "Kirschgarten" am Deutschen Theater ("gediegenes Mittelmaß"), Benjamin Brittens Oper "A Midsummer Night's Dream" unter der musikalischen Leitung von Simone Young an der Staatsoper Hamburg, Florian Hoffmeisters Film "3 Grad kälter", Gernot Rolls "stilvolle" Verfilmung von Otfried Preußlers Kinderbuch "Der Räuber Hotzenplotz", und Bücher, darunter Volker Weidermanns "sehr kurze" Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute sowie Bernd Roecks Geschichte von Augsburg (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 28.03.2006

Sandra Kegel schreibt über die Generation der zwischen 1960 und 1980 Geborenen, die sie als Verlierer der Renten- und Sozialpolitik der alten Bundesrepublik darstellt: "Das ist jenen Politikern der siebziger bis neunziger Jahre zu verdanken, die um des kurzfristigen Wahlsiegs willen die langfristigen Herausforderungen ausgesessen haben - wissend, dass sie davon nie betroffen sein würden." Also dem seinerzeit auf diesen Seiten hochverehrten Helmut Kohl.

Weitere Artikel: Christian Geyer greift einen Artikel Jan Philipp Reemtsmas im Merkur zur Hirndebatte auf und wirft ihm vor, gegenüber den Erkentnissen der Hirnforscher abzuwiegeln. In der Leitglosse mokiert sich Gina Thomas über die multikulturelle Beflissenheit in Großbritannien, wo Kinderverse über schwarze Schafe verboten werden sollten, weil sie die Gefühle der Schwarzen hätten verletzen können. Walter Haubrich gratuliert Mario Vargas Llosa (mehr hier und hier) zum Siebzigsten. In der Reihe über die Lage der Nationalsprachen weist Joseph Hanimann daraufhin, dass Frankreich, das international eifersüchtig über den Status des Französischen wacht, "als eines der wenigen Länder die europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen bis heute nicht unterzeichnet hat". Andreas Platthaus schreibt zum Tod des Trickfilmpioniers Richard Fleischer. Notar Peter Rawert macht uns mit den Problemen Hamburger Notare bekannt, denen der Justizsenat einen Zusammenschluss zu größeren Sozietäten verbieten will und setzt dies in Beziehung zum 200. Geburtstag des Notars, Politikers und ersten deutschen Juden in einem unabhängigen Richteramt Gabriel Riesser. Gerhard Koch schreibt zum Tod der Dirigentin Sarah Caldwell.

Auf der Medienseite berichtet Roland Zorn von einer Pressekonferenz des Kabelsenders Arena, der Premiere bekanntlich die Übertragungsrechte an der Bundesliga weggeschnappt hat. Und Jochen Staadt berichtet über neue Stasivorwürfe gegen Sportreporter. Auf der letzten Seite schreibt Kerstin Holm, dass die in Russland durch Bevölkerungsschwund und Alkoholismus entstandenen Nischen von einwandernden Chinesen gefüllt werden könnten, wenn die Korruption die wirtschaftliche Entwicklung nicht immer wieder bremsen würde. Michael Jeismann porträtiert de Ethnologin Barbara Mück, die Bundeswehrsoldaten über die kulturellen Gegebenheiten in Einsatzländern in Kenntnis setzt. Und Michael Gassmann berichtet über umstrittene Umbaupläne im Freiburger Münster, wo sich Erzbischof Robert Zollitsch einen seiner Bedeutung, nicht aber dem baulichen Gefüge der Kirche angemessenen Thron aus Stein errichten möchte.

Besprochen werden ein Konzert des kolumbianischen Popstars Juanes in Frankfurt, das neue Album von Prince, das von mehreren Museen organisierte Ausstellungsprojekt "40 Jahre Videokunst" (allerdings erweisen sich ältere Bänder bereits als unspielbar und könnten demnächst einem neuen Restauratorenstand zu Lohn und Brot verhelfen, berichtet Catrin Lorch), das Theaterstück "Fasten Seat Belts oder Viel Glück im Alltag!" des estnischen Autors Jaan Tätte in Bochum, ein Konzert des südafrikanischen Jazzpianisten Abdullah Ibrahim in Frankfurt sowie Oksana Sabuschkos Roman "Feldstudien über ukrainischen Sex" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).