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Heute in den Feuilletons

Die Kunst bin ich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2008. Während die Architektur die Utopie gerade neu entdeckt, hat das deutsche Theater sie schon aufgegeben, diagnostiziert die NZZ. Die SZ hat in Uwe Tellkamp ihren Thomas Mann des Ostens gefunden. Die FR fragt sich, warum es einen Barack Obama, aber keine deutsch-türkischen Bürgermeister gibt. Autor Ulrich Holbein plant in der taz, einmal ein Buch über seine Drogenerfahrungen herauszubringen, dass Ernst Jüngers "Annäherungen" um einige Jointlängen schlägt. Und in der FAZ reist Andrzej Stasiuk ins öde Krasnokamensk, in dessen Straflager russische Ex-Oligarch Michail Chodorkowski festgehalten wird.

NZZ, 13.09.2008

Die elfte Architekturbennale in Venedig, die eine Architektur jenseits des Bauens verspricht, erlebt Hubertus Adam im Feuilleton als eine Wiedergeburt der optimistischen Utopie. Visionen jenseits vom erdenschweren Ziegel und Zement sind angesagt. "'Feed Back Space' ist eine Installation von Coop Himmelb(l)au, die aus einem Gerüst und einem riesigen transparenten Ballon besteht. Stellt man sich unter diesen und greift an die mit Sensoren ausgestatteten Griffe, so wird der Herzschlag zu einem Ton- und Licht-Spektakel, der individuelle Körper transformiert sich in den Raum. Die Idee für die Arbeit stammt aus den Jahren 1969/1971, doch konnte sie damals nicht realisiert werden. Dass sie nun doch noch Wirklichkeit werden konnte, ist Indikator vielleicht weniger für den technischen Fortschritt als für das heutige Interesse an den Utopien der siebziger Jahre."

Ausgeträumt hat es sich dagegen fürs deutsche Theater, wie Dirk Pilz in der Beilage Literatur und Kunst feststellt. Die neue Unübersichtlichkeit nach dem 11. September hat den Dramatikern hierzulande das einst utopieverstärkte Genick gebrochen. "Keiner ist schuld, alle sind Opfer und Täter gleichermaßen. Ist es so, bleiben dem Theater tatsächlich nur jene kunstreichen Formen eines höheren Abschreibens einer widersprüchlichen Wirklichkeit. Deren angebliche Unveränderbarkeit wird so zementiert. Wer jedoch so von Geschichte spricht, wird leicht zum Ideologen der Beliebigkeit. Auf diese Weise hat sich das Gegenwartstheater in eine zwar nicht ästhetische, sehr wohl aber inhaltliche Sackgassen-Situation bugsiert. Möglich wurde sie nur auf der Grundlage jener Hoffnung, die notwendig unerfüllt bleiben musste. Das deutschsprachige Theater wollte, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren, der Motor für Gesellschaftsveränderung, Ort des Utopischen sein. Diese Hoffnung aber wurde nachhaltig enttäuscht, sowohl in Ostdeutschland wie im Westen, und diese Enttäuschung prägt zutiefst den heutigen Blick auf die Geschichte."

Weiteres: Jürgen Tietz bestaunt die Architekturhausse in Toronto. Dann wird es religiös: Der Altphilologe Walter Burkert untersucht die "heiligen Schauer" der religiösen Erfahrung aus biologischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Der Theologe Jan-Heiner Tück verurteilt den neuen, "zelotisch verschärften Ton" in der Auseinandersetzung zwischen Atheisten und Gläubigen. Thomas Laux würdigt den französischen Schriftsteller Henri Thomas.

Im Feuilleton antwortet die Schweizer Schauspielerin Laura de Weck mit einem helvetisch-germanischen Drama auf die allsamstagliche Frage nach dem Schweizerischen. Auf der Kunstmarkt-Seite fragt sich Georges Waser, was Damien Hirsts Direktverkauf von 223 Werken bei Sotheby für das Verhältnis von Künstler und Galerist bedeutet.

Besprochen wird eine Schau mit Bildern von Giorgio de Chirico im Kunstmuseum Winterthur, Paul Celans Übertragung von Henri Thomas' "Das Vorgebirge" sowie Daniel C. Dennetts Handbuch "Den Bann brechen" über die Religion als §natürliches Phänomen",

TAZ, 13.09.2008

 Frank Schäfer hat tief im Wald den Autor Ulrich Holbein besucht, der da als langbärtiger Hippie in einer ungeheizten, mit Büchern und Papieren vollen Hütte sitzt und bildungsgesättigte Riesenromanwerke schreibt. Aber er hat auch manches erlebt im Leben: "Eine meiner Nähkästchen-Dateien heißt 'Chronologie meiner vollkommensten Augenblicke, Aha-Erlebnisse, perfektesten Momente, metaphysischsten Träume, schönsten Erleuchtungen, Ekstasen und Drogentrips, seltsamsten Zustände': darin sammle ich sowohl drogeninduzierte wie auch spontane, drogenfreie Kleinodien. Manche kommen leider nur alle drei Jahre oder seltener. Sehr intim, aber irgendwann, wenn ich mal Zeit hätte, mache ich sicher ein Buch draus. Titel: 'Doktor Ekstaticus'. Da steht dann a bisserl mehr drin als in Ernst Jüngers 'Annäherungen'."

Isolde Charim informiert über feministischen Streit um Sarah Palin, in der etwa Camille Paglia - hier nachzulesen - das neue Modell eines "muskulösen amerikanischen Feminismus" erkennt.

Besprochen werden neue CDs in der "Achse des Techno", Adam McKays Film "Stiefbrüder", Constanze Macras' neue Choreografie "Paraiso sem Consolacao" im Berliner Hebbel-Theater und Bücher, darunter Orhan Pamuks neuer Roman "Das Museum der Unschuld" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auch in einem Artikel der zweiten taz geht es um Sarah Palin: Adrienne Woltersdorf kann beim besten Willen nichts Gutes an ihrer Kandidatur entdecken. Judith Luig befasst sich mit dem "totgeschwiegenen Thema" Adoption. Ebenfalls Luig erklärt auch, wie sich Köln, als hätte es das nötig, schön machen will.

Fürs Dossier des taz mag hat Anja Maier den gerade achtzig gewordenen "Sexpapst" Oswald Kolle getroffen. In einem Auszug wird Ralph Bollmanns neues Buch "Reform: Ein deutscher Mythos" vorgestellt.

Und Tom.

SZ, 13.09.2008

Die DDR hat ihren Thomas Mann gefunden, schwärmt Jens Bisky, und zwar in Uwe Tellkamp, der in seinem Tausendseiter "Der Turm" die Vergangenheit wiederauferstehen lässt: "Wenn in Zukunft einer wissen will, wie es denn wirklich gewesen ist in der späten DDR, sollte man ihm rasch und entschlossen den neuen Roman von Uwe Tellkamp in die Hand drücken: 'Nimm und lies'... Hier lernt man die späten Jahre des Sozialismus in einer Intensität kennen, für die es in der Literatur nach 1989 kein Beispiel gibt. So wie wir heute die Welt des Bürgers mit den Augen Thomas Manns sehen, werden spätere Generationen in Tellkamps Roman Erstarrung und Implosion der DDR nacherleben können... Intelligenzia, Nomenklaturkader, Ausreisewillige, Arbeiter, aufmüpfige Künstler, bösartige Nachbarn haben ihren Auftritt. Tellkamps episches Panorama zielt auf Totalität und erfasst die wichtigen Schichten und Milieus der DDR-Gesellschaft."

Weitere Artikel: Holger Liebs kann die konzeptuelle Chuzpe durchaus bewundern, mit der Damien Hirst sagt: "Die Kunst bin ich." Die Aktion Johannes Kreidlers, der 70.200 Gema-Anträge zum Wittenbergplatz kutschierte, um ein hoch verdichtet gesampeltes Stück dort anzumelden, kommentiert Georg Diez. Gerhard Matzig hat sich die an diesem Wochenende eröffnende, vor allem dem Thema Nachhaltigkeit gewidmete Architekturbiennale von Venedig schon angesehen. Wolfgang Schreiber unterhält sich mit Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper in Berlin, über ihr Haus, an dem es wieder aufwärts geht. Hans Hoff war bei den Dreharbeiten zu Lars von Triers "Antichrist"-Film im deutschen Wald. Manfred Schwarz gratuliert dem Künstler Robert Indiana zum Achtzigsten.

Auf der Medienseite resümiert Armin Mahler, Chef der Mitarbeiter KG des Spiegel, die nicht immer glücklichen Aktionen der letzten Zeit: "Wir haben erstmals richtig mitgestaltet, nicht alles hat geklappt, wir lernen."

Besprochen werden die "Uraufrekonstruktion" von Bertolt Brechts, wie Egbert Tholl findet, leider rechtschaffen schlechtem "Judith"-Stück, die Jeff-Koons-Ausstellung in Versailles, Viviane Blumenscheins und Elena Bromunds Film "Dance For All" und Bücher, darunter Bernhard Buebs neuer Pädagogik-Ratgeber "Von der Pflicht zu führen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die SZ am Wochenende befasst sich monothematisch mit Orhan Pamuks neuem Roman "Das Museum der Unschuld". Thomas Steinfeld hat für den Aufmacher das Werk gelesen und berichtet von einer Reise ins tatsächlich entstehende Privatmuseum von Pamuk selbst. Kai Strittmatter war im Viertel Cucurcuma unterwegs, in dem dieses Museum entsteht. Auf vier ganzen Seiten werden Gegenstände aus dem "Museum der Unschuld" präsentiert. Und im das Ganze krönenden Interview spricht Orhan Pamuk über "Dinge" und erklärt den einfachen Unterschied, den diese monumentale Beilage ja eher nicht beachtet: "Ein Roman ist eine Welt für sich. Ein Museum ist eine andere Welt."
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FR, 13.09.2008

Arg scheinheilig findet Mely Kiyak die rasende Begeisterung für Barack Obama, der hierzulande nicht den Hauch einer Chance hätte: "Wenn Teilhabe bedeutet, dass Migranten politisch integriert sein sollen, dann haben wir beschämende Zustände in den politischen Hierarchien. Denn türkischstämmige Politiker strengen sich an und verwenden einen großen Teil ihrer Energie darauf, in den eigenen Gremien um aussichtsreiche Listenplätze zu kämpfen. Nicht einmal ein halber Prozentsatz der Deutsch-Türken verfügt über ein Mandat. Und mit den über die Jahre erschwerten Einbürgerungsbedingungen müssen sie sich anhören, dass sie primär bei deutschen Wählern ankommen müssen. Kennt irgendjemand einen türkischen Bürgermeister? Warum haben wir nicht einen einzigen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund? Wieso nicht in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Bayern, mit der größten Anzahl an Migranten?"

Weitere Artikel: Marcia Pally kennt keine Sarah-Palin-freien Zonen mehr und stellt fest: "Ihre nicht anders als betrügerisch zu nennenden Fähigkeiten sind doch sehr beachtlich." Hans-Jürgen Linke porträtiert die griechische Filmmusikkomponistin Eleni Karaindrou. In einer Times Mager macht Johannes Schneider auf den Spuren Günter Eichs Inventur.

Besprochen werden die Wiener Uraufführung der Brecht-Rekonstruktion "Die Judith von Shimoda", der deutsche Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig, die Ausstellung "Künstler in der Irre" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn und Bücher, nämlich Josef H. Reichholfs Sachbuch "Warum die Menschen sesshaft wurden" und der Band mit W.G. Sebalds ausgewählten Gedichten "Über das Land und das Wasser" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 13.09.2008

Der Philosoph Otfried Höffe lässt sich von dem schlechten Umfragewerten der Demokratie nicht beunruhigen und erklärt sie mit dem Phänomen der hedonischen oder evaluativen Diskontierung: "Werden Dinge selbstverständlich, in unserer Demokratie etwa eine unparteiliche Justiz und eine korruptionsfreie Verwaltung, die Anerkennung der Grundrechte und die Pressefreiheit sowie ein trotz verdienter Feinkritik hochrangiges Bildungs- und Gesundheitswesen, so verlieren sie an subjektiv erlebtem Wert... Auch wenn die verzerrte, übrigens keineswegs "typisch deutsche" Wertschätzung verständlich ist, verdient sie Einspruch. Beispielsweise darf man an die Stimme aus einem der chilenischen Armenviertel, der poblaciones, erinnern, die Gabriel Garcia Marquez aus der Zeit der Pinochet-Diktatur zitiert: 'Wohnung und Essen sind uns nicht so wichtig, aber man soll uns unsere Würde zurückgeben'. Vielerorts spricht man dagegen von Demokratie, meint aber das Recht auf sicheren Wohlstand."

Auf den Forumsseiten korrigiert der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf unser Bild von den sehr unterschätzten Krähen: " Ihre Verwandtschaft im fernen Neuguinea prunkt in Form der Paradiesvögel mit dem prächtigsten Gefieder und mit den ausgefallensten Balztänzen der Vogelwelt. Die Raben und Krähen im engeren Sinne haben in ihrer Entfaltung jedoch nicht auf Schönheit, sondern auf Intelligenz gesetzt."

Im Feuilleton stimmt uns Hanns-Georg Rodek auf einen stürmischen Kinoherbst ein. Dankwart Guratzsch freut sich auf den morgigen Tag des offenen Denkmals. Johannes Wetzel besichtigt die große Jeff-Koons-Schau im Schloss von Versailles. Uta Baier atmet auf, dass für die Sanierung des Deutschen Museums in München endlich die nötigen Gelder bewilligt wurden. Michael Stürmer erinnert an die Begegnung von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer vor fünfzig Jahren, die das Ende der Erbfeindschaft einleitete. Kevin Clarke stellt das Qatar Symphony Orchestra vor. Und Hendrik Werner führt die neue ZDF-Serie "Kommissarin Lund" ein.

FAZ, 13.09.2008

Seinen Sommerurlaub hat der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk am äußersten Rand Russlands verbracht. In sicherer Entfernung passiert er auch das Gefangenenlager Krasnokamensk, in dem Michail Chodorkowski einsitzt. "Die Gegend war ideal als Ort der Verbannung, der Isolation, des Vergessens. Die Stadt hörte auf wie mit dem Messer abgeschnitten. Nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Hund hätte im Umkreis von annähernd hundert Kilometern schwer ein Versteck gefunden. Außer Gras wuchs dort nichts. Die Steppe ist Nacktheit. Nur der eigene Schatten begleitet den Wanderer, Verstecken kann man sich nur unter der Erde. Ich stelle mir vor, wie der Flüchtling über Monate, Jahre, Jahrzehnte einen Tunnel gräbt, um am Ende festzustellen, dass er mindestens eine Ewigkeit brauchen würde, um freizukommen. Hier ist schon die Idee der Flucht sinnlos, und der grenzenlose Raum wird zum Gefängnis."

Weiteres: Auf der letzten Seite berichten Marcus Jauer und Andreas Kilb vom Dokumentarfilmprojekt 24h Berlin, bei dem 80 Drehteams einen Tag in der Hauptstadt aufzeichneten. Jürgen Dollase reitet eine Attacke gegen die Pseudo-Feinschmecker und die Industrie, die allesamt das Streben nach unbedingter Qualität kompromittieren. Am Sonntag ist Tag des offenen Denkmals, weshalb Dieter Bartetzko die ostdeutschen Städte bedauert, die ihre Bodendenkmale für menschenleere Malls eintauschen. Jan-Frederik Bandel erinnert an den Adorno-Schüler Alfred von Meysenburg, dessen Comics einen Hauch von Roy Lichtenstein und Andy Warhol in die deutschen Sechziger brachten. Kerstin Holm notiert, dass der russische Buchmarkt von krimischreibenden Frauen beherrscht wird.

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht es um Metallicas 'überraschend gute" Platte "Death Magnetic" und George Enescus Werke für Violine und Klavier.

In "Bilder und Zeiten" empört sich die Soziologin Necla Kelek in einem Vorgriff auf ihr neues Buch "Bittersüße Heimat" über die Stellung der Frau in der Türkei. Freddy Langer dekliniert anlässlich einer Rüsselsheimer Ausstellung Romy Schneiders Verhältnis zu ihren Fotografen durch. Auf der letzten Seite unterhält sich Uta Bittner mit dem Neurochirurgen Volker Sturm. Den Aufmacher der Wochenendbeilage bestreitet Gerhard Stadelmaier mit seiner Hymne auf den humorigen Kollegen Friedrich Torberg, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden die "Urauflügung" von Bert Brechts "Judith von Shimoda" im Wiener Theater in der Josefstadt ("Darin verhakeln sich mindestens ein halb Dutzend Lügen', rügt Gerhard Stadelmaier. "Es gibt keine 'Judith von Shimoda' von Brecht."), eine Schau mit "Skulpturen der Maler" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, und Bücher, darunter Heinz Janischs und Wolf Erlbruchs "fulminantes" Kinderbuch "Der König und das Meer" sowie Norbert Hummelts Neuübberträgung von T.S.Eliots Langgedicht "The Waste Land".

In der Frankfurther Anthologie bespricht Thomas Gottschalk Joseph von Eichendorffs Gedicht "An Görres".

"Wo einer noch Christi Fahne hält
Hoch über dem Erden-Plunder,
Für einen Narren hält ihn die Welt
Für gar fabelhaft Wunder.
..."