Heute in den Feuilletons

Gott sei gerühmt für das Getüpfelte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2010. In der Welt bereitet uns Laszlo F. Földenyi auf einen Schock vor: bei den ungarischen Wahlen in einer Woche könnten Rechtsextreme und Populisten achtzig Prozent bekommen. In der taz erklärt der Schriftsteller Petros Markaris, den Griechen könnte es viel besser gehen, würden sie nicht so viele Rüstungsgüter von den Deutschen kaufen. Die FR ist glücklich über die Pirahas. Die NZZ rühmt die ekstatische Daseinsfeier der Schönheit in den Gedichten von Gerard Manley Hopkins. In BoingBoing erklärt Cory Doctorow, warum er niemals ein Ipad kaufen wird.

Welt, 03.04.2010

Finster geht es zu in Ungarn, wo der rechtspopulistischen Partei Fidesz um Viktor Orban bei den Parlamentswahlen am 11. April sechzig Prozent vorausgesagt werden - und hinzukommen 20 Prozent für die rechtsextreme Partei Jobbik. Gehetzt wird gegen Juden, Homosexuelle, Roma und die bekannten Intellektuellen des Landes, sagt der Literaturwissenschaftler und Autor Laszlo F. Földenyi im Gespräch mit Paul Jandl: "Vor einiger Zeit erschien in einer Wochenzeitschrift ein Artikel, in dem die Bevölkerung dazu aufgerufen wurde, Bücher von Imre Kertesz, Peter Esterhazy, Peter Nadas und György Konrad zu vernichten, ihre Werke aus Bibliotheken zu entleihen und sie zu zerstören. Es sollte also eine Art Bücherverbrennung werden. Das kommt aus einer Zeitung, die immerhin Viktor Orban nahesteht. Wenn so etwas geschehen kann, dann sieht man, wie die Stimmung ist. Wer kritische Meinungen zu Ungarn äußert, gilt sofort als Nestbeschmutzer. Man weiß, dass diese Schriftsteller im Ausland hoch angesehen sind, das macht die Leute nervös. Auch Orban selbst hat kürzlich in einer Rede die 'Starintellektuellen' beschimpft."

In einem zweiten interessanten Artikel verteidigt der in Amerika lehrende Germanist Christophe Fricker den Poeten Stefan George gegen den Vorwurf der Päderastie: "Der Kurzschluss zwischen der Knabenliebe in der antiken Polis und dem unvermeidlich modernen Deutschland ist in jedem Fall intellektuell unredlich und menschlich verwerflich. George geht es um langsam wachsende, in gegenseitigem Respekt verbundene Gemeinsamkeit."

Außerdem druckt die Welt einen Text von Christopher Hitchens zu den zehn Geboten nach (hier das Original). Besprochen werden unter anderem Maarten t'Harts neuer Roman "Der Schneeflockenbaum", Max Frischs "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch" und zwei Helmut-Kohl-Biografien.

Im Feuilleton weist Hendrik Werner auf einige Dante-Neuerscheinungen hin. Besprochen wird Ben Jonsons "Volpone" am Zürcher Schauspielhaus.

Tagesspiegel, 03.04.2010

Letzte Woche kriegte Pierre Boulez es hin, in Wien ein Programm mit den Philharmonikern zu dirigieren - mit Werken von Strawinsky, Debussy, Janacek und ihm selbst - das viele Abonnenten verschreckte. Dazu sagt er im Interview: "Für mich sind die Institutionen wichtig, mit denen ich arbeite. Und die wollen von mir nun einmal keine gewöhnlichen Programme. Apropos: Was ist an Janaceks Glagolitischer Messe oder an Strawinskys Psalmen-Symphonie so schrecklich? Wer nicht bereit ist, die Tatsache zu akzeptieren, dass in einem Abonnement- Konzert Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingt, der ist in meinen Augen, pardon, nicht kultiviert."
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