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Heute in den Feuilletons

Mitschnacker

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2010. In der NZZ fragt Cora Stephan: Schaffen Apple und Amazon die Verlage ab? Und was heißt das für die Autoren? In der FR klagt die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez den Postkonzern DHL an, bei der Zensur im Lande mitzuwirken. Außerdem stellt die FR einige Fakten zu Helene Hegemann richtig. Frederic Fillou fragt in seinem Blog: Gibt es noch britische oder französische Zeitungen, die nicht in die Hände von russischen Oligarchen übergehen? In der FAZ reitet der Theologe Friedrich Wilhelm Graf eine Attacke gegen den Filz in den Kirchen.

NZZ, 01.04.2010

Das Internet bleibt der Autorin Cora Stephan auch weiterhin nicht geheuer, aber der digitalen Zukunft der Bücher sieht sie ganz freudig entgegen. Sie könnte nämlich die Macht der großen Buchhandelsketten brechen: "Es wird Amazon sein, der Online-Handels-Riese, der das Bündnis zwischen Buchhandel, Verlagen und Autoren zerschlagen könnte. Amazon stellt seit kurzem eine Plattform zur Verfügung, auf der Autoren ihre Bücher selbst veröffentlichen können - und zwar auch ohne Verlag. Man will dabei die Autoren mit 70 Prozent am Erlös beteiligen (zum Vergleich: An den Buchhandel gehen bis anhin um die 50 Prozent). Auch Apple verhandelt momentan mit den sechs größten amerikanischen Verlagsgruppen über ähnliche Konditionen. Eine Revolution? Zweifellos. Nur in Europa versucht man die Sache zu verschlafen."

Besprochen werden Catherine Corsinis Ehedrama "Partir", Noah Baumbachs Tragikomödie "Greenberg", die bisherigen Konzerte der Berliner "MaerzMusik", Krystian Zimermans Chopin-Konzert in Luzern und Melanie Mühls Reportagen "Menschen am Berg" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 01.04.2010

Nicht nur Internetkonzerne beugen sich staatlicher Zensur. Die Post ist da auch nicht sicherer, berichtet die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez. Ihr argentinischer Verlag schickte ihr über den deutschen Logistikkonzern DHL ein Paket mit zehn Exemplaren ihres in Kuba verbotenen Buches "Cuba Libre". Sie hat es nie erhalten. Wie DHL ihr mitteilte, wurde es vom Zoll beschlagnahmt. "Welchen Risiken setzt DHL die Fracht aus, die man ihr anvertraut? DHL müsste in all seinen Büros auf der ganzen Welt darauf hinweisen, dass man im Verkehr mit Kuba für die Unversehrtheit des Pakets nicht garantieren könne, weil hier ein ideologischer Filter gute von schlechter Post trennt."

Peter Michalzik stellt ein paar Fakten in der Hegemann-Debatte richtig. So hatte Helene Hegemann in der zweiten Auflage ihres Buchs Airen mit Credits bedacht - eine Woche, bevor der Blogger Deef Pirmasens auf einige Ähnlichkeiten mit Airens Roman "Strobo" aufmerksam machte. "Was bleibt? Erstens: Eine zu Unrecht beschädigte junge Autorin. Zweitens: Eine Bestätigung alter literarischer Frontlinien. Auf der einen Seite stehen die Verfechter einer gemessenen und immer angemessenen Sprache, die sozusagen die Wirklichkeit beherrscht. Auf der anderen Seite stehen die Fans einer Sprache, die von der Wirklichkeit durchgeschüttelt wird und die sie deswegen für authentisch halten. Drittens: Die Erkenntnis, dass die Literaturkritiker auch lieber junge Mädchen treffen als Bücher lesen. Viertens: Eine Verunklarung dessen, was Copy & Paste bedeutet und was ein Plagiat ist. Vielen Dank."

Weitere Artikel: Wenn Männer morden, gelten sie als faszinierend. Wenn Frauen morden, sind sie dagegen "mad or bad", lernt Sebastian Moll aus einem Artikel in der New York Times über die Ermordung von sechs Wissenschaftlerin durch die Biologieprofessorin Amy Bishop. Sylvia Staude bewundert Yu Wanqing, die den Schwanensee in Spitzenschuhen auf dem Kopf ihres Partners tanzt (hier ein Video).

Besprochen werden Jessica Hausners Film "Lourdes", Noah Baumbachs Filmkomödie "Greenberg", Antoine Fuquas Polizeifilm "Brooklyn's Finest" und Anna Mitgutschs Roman "Wenn du wiederkommst" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 01.04.2010

(Via Alan Rusbridger) Frederic Filloux hält in seinem Blog einen kleinen Moment in der großen Geschichte der britischen und französischen Zeitungen fest: "Coincidence. At the same time as the Russian billionaire Alexandre Lebedev was finalizing the acquisition of the British paper The Independent, France-Soir was relaunched with great fanfare and money from another oligarch, Sergey Pugachyov. It is not a coincidence, it is an emerging pattern. A terrible one. In which huge amounts of money of questionable origin will take over dying media." (Andererseits: Ist "Geld aus zweifelhaften Quellen" bei Medienbaronen nicht Tradition?)
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Freitag, 01.04.2010

Dietrich Kuhlbrodt, Filmkritiker und ehemaliger Staatsanwalt, erzählt in Sachen Missbrauch von seinen Erfahrung bei Onkel Trauer ("Wäschst Du dir auch die Falte am Bauch?") und plädiert gegen den großen Staatsapparat und für eine Stärkung der Widerstandskräfte in der Gesellschaft: "Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der mir Angst vor etwas Namenlosen gemacht wurde. Ich war zwölf, und das Wort Missbrauch war nicht gebräuchlich. Meine Mutter warnte mich vor einem Wesen, das in Hamburg Mitschnacker genannt wurde. Was ein solcher mit mir anstellen könnte blieb ungesagt. Für mich war das eine Art schwarzer Mann, wie er sich auf dem Dorf in Mecklenburg zuvor gezeigt haben sollte. Alle hatten Angst, aber vor was eigentlich, wusste keiner."
Stichwörter: Hamburg, Mutter

Welt, 01.04.2010

Eckhard Fuhr erzählt die Geschichte einer Villa in der Leipziger Karl-Heine-Straße, die mit Wagner- und Nietzsche-Büsten verziert ist und nach aufwändiger Restaurierung zur Kulturstätte umfunktioniert werden soll. Paul Jandl resümiert österreichische Debatten um eine ORF-Dokumentation, in der zwei Skinheads angeblich dazu aufgestachelt wurden, sich noch rechter zu verhalten als sie es ohnehin schon tun - der ORF streitet ab. Wieland Freund schreibt eine Glosse über den Umstand, dass Stephenie Meyer einen weiteren Vampir-Roman angekündigt hat. Peter Zander unterhält sich mit dem jungen Historiker Tobias Becker über aktuelle Wundergläubigkeit. Stefan Keim porträtiert den Schauspieler Herbert Fritsch, der sich nach seinem Abgang von der Volksbühne als Regisseur turbulenter französischer Komödien profiliert und jetzt einen eigenen Film herausbringt: "Elf Onkel". Kai-Luehrs Kaiser ist nicht überzeugt von einer weiteren Opernausgrabung an der Deutschen Oper Berlin, "Oberst Chabert" von Hermann-Wolfgang von Waltershausen.

Besprochen werden Filme, darunter Jessica Hausners "Lourdes" und die Komödie "Greenberg" mit Ben Stiller.

Im Forumsessay fordert Richard Herzinger eine stärkere Solidarisierung des Westens mit der Opposition im Iran.

TAZ, 01.04.2010

Auf der Meinungsseite erklärt die Philosophiedozentin und Radiojournalistin Giuliana Parotto, was die heterogenen Parteien der gegenwärtigen Regierungskoalition in Italien eint: Fremdenfeindlichkeit. "Die Islamphobie und die Angst vor dem Einwanderer überlagern sich, aus religiösen Symbolen wie dem Kruzifix wird eines der nationalen Identität... Das Bild von den 'braven Leuten' ist ein Mythos. Was die Italiener dringend brauchen, ist ein Moment der kritischen Selbstreflektion."

Im Kulturteil unterhält sich Cristina Nord mit Jessica Hausner über Wunderheilungen, Sozialvoyeurismus und ihren neuen Film "Lourdes". Doris Akrap informiert über den Feldzug des ehemaligen Popkritikers und Plattenrezensenten Holger in't Veld für die königliche Kakaobohne Criollo und sein begleitend dazu erschienenes Buch "Schokoladenrebellen. Der Sound der neuen Kakao-Kultur". Philipp Goll wirft einen Blick in die Schweizer Zeitschrift Widerspruch und die erste Ausgabe von "Ilinx. Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft".

Besprochen werden das Projekt "Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben" der Künstler Antje Schiffers und Thomas Sprenger, für das sie europaweit Bauernhöfe gemalt und im Gegenzug von den Landwirten ein Video mit einer Dokumentation ihrer Arbeit erhalten haben, und das neue Album von Johanna und Klara Söderberg alias First Aid Kit.

Und Tom.

Weitere Medien, 01.04.2010

Mark Brown stellt im Guardian einen Entwurf von Anish Kapoor vor, einen Turm, der das Londoner Olympiazentrum zieren wird: "Kapoor's Orbit, a vast, snaking steel structure, will dominate the 2012 Olympic park. It is being hailed as London's answer to the Eiffel tower and is part of an ambition to make the Olympics site a permanent visitor attraction."




Seine monatliche Reihe mit Bildern aus Afghanistan setzt The Big Picture im März mit diesen beeindruckenden Bildern aus Kandahar fort.

SZ, 01.04.2010

Zum Karwochenende eine ganze Seite Johann Sebastian Bach: Warum die Aufführungstradition der Matthäus-Passion (zum Beispiel hier) mit Bachs historischer Situation nicht vereinbar ist, legt Reinhard J. Brembeck im Referat musikwissenschaftlicher Debatten der letzten dreißig Jahre dar. Die Rede vom "pietistischen Bach" ist laut Johann Schloemann historisch nicht zu halten.

Weitere Artikel: In der jungen Schauspielerin und Filmemacherin Greta Gerwig (mehr), die "eigentliche Faszinationsgestalt" des heute anlaufenden "Greenberg" (mehr), hat ein begeisterter Rainer Gansera die Verkörperung des Lebensgefühls jener jungen Erwachsenen entdeckt, für die "das endgültige 'Generation'-Label erst noch gefunden werden" muss. Cara Wuchold referiert diesen Artikel im New Yorker, demzufolge in Italien ein gefälschtes Interview mit dem Schriftsteller Philip Roth erschienen ist. Susan Vahabzadeh hat diesen Artikel im Guardian gelesen, demzufolge der Film "Motherhood" mit Uma Thurman am britischen Startwochenende mit gerade mal 11 Zuschauern einen heftigen Bauchplatscher hingelegt hat. Dem Theaterschauspieler Arnulf Schumacher gratuliert Christine Dössel zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Filme "Das Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest" (mehr), "Greenberg" mit Ben Stiller und "From Paris with Love" (mehr) mit John Travolta, sowie das Dance Umbrella Festival in Johannesburg, Calixto Bieitos "Parsifal"-Inszenierung in Stuttgart (mehr) und Bücher, darunter Kati Mortons Buch "Die Flucht der Genies" über neun ungarische Juden, die die Welt veränderten. Die Literaturbeilage widmet sich ganz dem Kinder- und Jugendbuch (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 01.04.2010

Gleich zwei theologische Schwergewichte äußern sich heute in der FAZ vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals ausführlich zum Verhältnis von Kirchen und Welt: Der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf zieht in einem langen Artikel die beiden großen christlichen Kirchen kräftig an den Ohren: "Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt - der ideale Nährboden für Schweigekartelle und Wagenburgmentalität. ... Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit."

"Umkehr tut not", räumt Karl Kardinal Lehmann in seinem Artikel im vorderen Teil der Zeitung ein, in dem er von der "sündigen Kirche" spricht: "Zweifellos haben wir auf die Spiritualität einer erneuerten Kirche, gerade wenn sie mehr Weltzuwendung wagt, zu wenig geachtet."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Hans Christoph Buch schickt eine Reportage aus Haiti, das seiner Meinung nach auch einen politischen Neuanfang braucht, damit die Hilfsgelder nach dem Beben nicht wirkungslos bleiben. Die Informatikerin Constanze Kurz informiert in der Kolumne "Aus dem Maschinenraum" darüber, dass demnächst digitale und von Ferne ablesbare "Smart Meter" Strom-, Gas- und Wasserzähler in unseren Häusern messen werden und fordert, dabei von Anfang an Datenschutz sicherzustellen. In einer Glosse meint Swantje Karich, dass Damien Hirsts Formaldehydhai von seinem neuen Ausstellungsort, dem ozeanografischen Museum Monaco, gründlich entzaubert wird. Der unabhängige Verleger Stefan Weidle antwortet auf Ulf Erdmann Zieglers Vorschlag, dass Verlage mit der Gründung eines "Gegenkonzerns" die marktbedrohende Stellung der Buchhandelskonzerne brechen sollen: Aussichtsreicher fände Weidle es, den unabhängigen Buchhandel zu unterstützen.

Besprechungen gibt es zu Bernd Damovsky Inszenierung von Hermann Wolfgang von Waltershausens "Oberst Chabert" an der Deutschen Oper in Berlin, einer Wiener Aufführung des "Sommernachtstraums" in einer Choreografie von Jorma Elos, Lancelot von Nasos Irakkriegsfilm "Waffenstillstand", eine Ausstellung des Renaissancemalers Cima da Conegliano im italienischen Conegliano, eine Schau über den Renaissancearchitekten Jacques Androuet Du Cerceau in Paris und eine Ausstellung über Goethes Weggefährten Johann Heinrich Meyer im Zürcher Museum Strauhof. Außerdem werden Gail Jones' Roman "Perdita" und Jakob Heins Roman "Liebe ist ein hormonell bedinger Zustand" rezensiert (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).