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Heute in den Feuilletons

Oh, gib mir zu trinken vom Eisenbahnwasser

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2012. Die NZZ verteidigt den Liberalismus gegen all jene, die Freiheit als Pathosbegriff schätzen, im Alltag aber lästig finden. Die SZ erkennt bei den Attacken auf Christian Kracht und Gerhard Gnauck auf zwielichtigen Gesinnungsjournalismus. Die taz hat Hinweise erhalten, dass Gauck vielleicht doch kein "reaktionärer Stinkstiefel" ist, sondern der Emanzipation der Bürger dienlich. In der Welt annonciert Reinhard Mohr die Rückkehr der Salonlinken. Der Tagesspiegel versinkt in den meeresgleichen Klangwellen Luigi Nonos. Die FAZ rühmt die Makellosigkeit der Filmkünstlerin Maya Deren.

NZZ, 03.03.2012

Gerhard Schwarz, früherer Wirtschaftsressortleiter der NZZ, versucht sich zu erklären, warum der Liberalismus als Idee einen solch schlechten Stand hat: "Mehr als der 'Verkauf' sind einige Charakteristika des Produktes selbst, der Idee der Freiheit, schuld an dessen harzigem Erfolg - unabhängig von der derzeitigen Kultur der Empörung über Kapitalismus, Banker, Finanzwesen und Gier. Zu diesen Eigenschaften gehört an vorderster Stelle, dass Freiheit als pathetischer Begriff, als Gegenpol zur Sklaverei, zwar eine gewisse Attraktivität besitzt, dass sie im Alltag aber oft als unbequem empfunden wird. 'Die Qual der Wahl', 'sich entscheiden müssen' - Redewendungen verraten, dass das, was der Liberalismus als Lust versteht, von vielen als Last empfunden wird."

Außerdem beschreibt Ho Nam Seelmann, warum die Koreaner nicht von sich selbst sprechen: "Im Koreanischen ist es auf der Ebene der Sprache schwierig, ein Ich zu konstruieren, da es mehrere Wörter gibt, die 'ich' bedeuten und deren Benutzung von Höflichkeitsstufen abhängt." In den Bildansichten schreibt Alain Claude Sulzer über Pieter Bruegels "Die niederländischen Sprichwörter".

Für's Feuilleton besichtigt Gabriele Detterer Renzo Pianos Erweiterungsbau des Gardner Museum in Boston. Martin Meyer gratuliert Iring Fetscher zum Neunzigsten. In der Reihe "When the Music's over" erinnert sich Oleg Jurjew an die sowjetische Weise "Oh, gib mir zu trinken vom Eisenbahnwasser". Roger Fayet erzählt die Geschichte von August Weckessers Gemälde "Brand im Sabinergebirge".

Besprochen werden die Ausstellung "Die Leidenschaften" im Hygienemuseum in Dresden, Stewart O'Nans Roman "Emily, allein", Ciorans gesammelte Notate und Jürg Laederachs Erzählungen "Harmfuls Hölle in dreizehn Episoden" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 03.03.2012

Die Inszenierung von Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" im Berliner Kraftwerk Mitte, ist Ulrich Amling etwas zu bombastisch geraten, aber da Oper "nichts für Vernünftige" ist, trübt dies nicht seine Begeisterung: "Das Mysterium lebt in Nonos Klangsprache, die dem Meer gleicht, mit seiner gespannten Stille, seinen Wellen, die alles Gegenständliche auflösen und im Fluss halten, unaufhörlich. Und die Erinnerung bewahren an alle, die hoffen an den Küsten, durch die Zeiten hinweg. Mit Ingo Metzmacher wacht ein umsichtiger Dirigent über die Partitur des Venezianers, die trotz des harten Takts der Unterdrückungsmaschinerie den Klang immer wieder aufbricht und für das Zarte, das dolcissimo, atmet."

Im Interview mit Anna Pataczek begutachtet die Berliner Dramatikerin Marianna Salzmann die dramatischen Qualitäten der russischen Präsidentschaftswahl: "Es gibt den bösen Diktatur Putin, den bösen Oligarchen, den rot-roten Kommunisten, den rechts-rechts-rechts-konservativen Rechten und einen No-Name, der zur Wahl wahrscheinlich nicht zugelassen wird. Dramaturgisch ist das gut gebaut."

TAZ, 03.03.2012

Ist dies das Ende des "Schweinejournalismus"? Jedenfalls rudert die taz in Sachen Joachim Gauck ordentlich zurück: Ilko-Sascha Kowalczuk etwa räumt gründlich auf mit der linken - und vor allem in der taz geäußerten - Kritik an Gauck, für den er zwar kein rundum positives, aber umfangreiches Plädoyer schreibt: "Ob Joachim Gauck ein idealer oder nur guter Bundespräsident werden wird, weiß zurzeit niemand. Er verkörpert das, was in der ostmitteleuropäischen Opposition mit 'Antipolitik' beschrieben wurde - ein politisches Verständnis, das sich weniger an Strukturen und Hierarchien, sondern stärker an der eigenen Emanzipation und Partizipation, wie auch immer die obwaltenden Umstände aussehen, orientiert." Dazu passend: Wolfgang Benz verteidigt im Gespräch mit Ines Kappert den Bundespräsidenten in spe.

Weitere Artikel: Beate Seel hört sich in der ägyptischen Kulturszene um, die dem politischen Erfolg der Islamisten mit teils großer Sorge begegnen. Dorothea Hahn unterhält sich ausführlich mit Marin Alsop, der Chefdirigentin des Baltimore Symphony Orchestra. Rainer Wandler schaut sich die Mona-Lisa-Kopie in Madrid genauer an. Jörg Sundermeier informiert, dass auch Big-Brother-Gewinner Steuern zahlen müssen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Mark Morrisore in der Villa Stuck in München, das neue Album des Rappers Common, das Fatma Aydemir unbeschwert mit dem Kopf nicken lässt, und Bücher, darunter Ernst Augustins Roman "Robinsons blaues Haus" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).
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FR/Berliner, 03.03.2012

Staunend und voller Entdeckerdrang begutachtet Peter Iden die Sammlung von Gegenwartskunst im neueröffneten, unterirdischen Anbau des Städel Museums in Frankfurt. Sorgen bereitet ihm allerdings, dass das Städel nun in Konkurrenz zum ebenfalls in Frankfurt ansässigen Museum für moderne Kunst tritt: "Überschneidungen sind nicht zu vermeiden und in einigen Fällen auch bereits sichtbar. ... Ist es sinnvoll, wenn in einer Stadt von zwei Museen derart doppelt gesammelt wird? Geboten ist eine Koordination der Sammlungsaktivitäten der beiden Häuser."

Außerdem: Das Hintertreffen, in das die Katholiken mit dem Rücktritt Wulffs politisch geraten sind, lässt sich auch als Indikator für die Krise des Katholizismus lesen, findet Joachim Frank. Judith von Sternburg unterhält sich mit dem Schriftsteller Michael Stavaric. Besprochen werden die neue LP von Bruce Springsteen und der Debütroman des Bloggers Oleg Kaschins, eine Putin-Satire namens "Es geht voran" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Welt, 03.03.2012

In der Literarischen Welt beobachtet Reinhard Mohr mit Grausen die Rückkehr des Salonlinken: Jakob Augstein, Frank Schirrmacher, Nils Minkmar, Karin Leukefeld, Georg Diez und Dietmar Dath sind seine Beispiele. "Zur Verachtung des zugleich übermächtigen wie röchelnd dahinsiechenden Finanzkapitalismus gesellt sich noch eine beinahe kindliche Freude am Aufruhr: 'Der kommende Aufstand geht von Berlin aus', jubelt Augstein. 'Hier brennen die Autos, hier werden die Benzinflaschen gefunden, die an den Gleisen liegen... Wenn eine Gesellschaft im Inneren in Trümmern liegt, werden die Trümmer auch im Äußeren wachsen.' Was hier so deutsch-düster dräut und wabert, ist von rechten Untergangsfantasien nur schwer zu unterscheiden. Hier bricht sich eine offenbar tiefe Sehnsucht nach dem vermeintlich 'ganz Anderen' Bahn, ein namenloses Verlangen, das Selbsthysterisierung und Realitätsverweigerung schon für den Vorschein einer besseren Welt hält."

Besprochen werden u.a. Franziska Gerstenbergs Roman "Spiel mit ihr", ein Band über den Maler Pierre Bonnard, William Boyds Roman "Eine große Zeit", Friederike Mayröckers Gedichtband "Ich sitze nur grausam da", Lothar Müllers Geschichte des Papiers "Weiße Magie" und ein Band über Flauberts Reise nach Ägypten 1849-1850.

Im Kulturteil spottet Manuel Brug über den vergeblichen, aber dafür sehr teuren Versuch der Staatsoper, Avantgarde im Plattenbau zu sein. Martin Klein unterhält sich mit Charlotte Roche und Jan Böhmermann über deren Talkshow. Richard Kämmerlings bittet Piper-Chef Marcel Hartges zu Tisch.

Besprochen werden die Ausstellung "1912" im Marbacher Literaturmuseum, eine Aufführung von Ibsens Stück "John Gabriel Borkman" an Wiens Theater in der Josefstadt und Bruce Springsteens CD "Wrecking Ball".

SZ, 03.03.2012

Von Gauck bis Kracht: Gesinnungsdebatten haben "zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR" wieder Konjunktur, meint ein darüber nicht erfreuter Hilmar Klute in der SZ am Wochenende: "Das Unappetitliche ist die dahinter lauernde Absicht, den ganzen Kerl in den Halbschatten zu rücken. Wäre man konsensbemüht, ließe sich sagen: Schau mal her, diese Einlassung ist aber fragwürdig und diese andere ist zumindest diskutabel, wenn nicht erklärungsbedürftig, da müsste man mal drüber reden. Nein, die Botschaft ist eindeutig: Wer solche Ansichten in summa vertritt, ist schon aufgrund der Quantität zweifelhafter Zitate eine zweifelhafte Person."

Weitere Artikel: Peter Münch erinnert an den israelischen Überraschungsangriff auf irakische Nuklearanlagen im Juni 1981. Christina Berndt unterhält sich mit Nathan Wolfe über Viren. Außerdem ist Joseph Mittchells Erzählung "Roy Pools Traum vom Hafengrund" abgedruckt.

Im Feuilleton fühlt sich Alex Rühle bei der Reise durch Griechenland an die Situation in Island 2008 erinnert: Die Stimmung sei "irritierend", "man erwartet Menschen, die sich in einem gesamtkatastrophischen Elend häuslich eingerichtet haben. ... Stattdessen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier in den vergangenen Monaten kollektiv Schock-Serotonin ausgeschüttet wurde. Nie war so viel zu hören von neu erwachter Solidarität."

Weitere Artikel: Renate Meinhof schaut dem bald seine Haftstrafe antretenden Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi bei dessen neuer Arbeit in einem Fotostudio über die Schulter. Dorothea Baumer betrachtet den Jubiläumsjahrgang zum 25-jährigen Bestehen der Kunstmesse Tefaf in Maastricht. Volker Breidecker schreibt den Nachruf auf Lucio Dalla. Beim Konzert in Rostock boten Deichkind ihrem Publikum samt Jan Kedves die "Lizenz zum temporären Ausklinken".

Besprochen werden die von Rudolf Neumaier als "Sensation" gefeierte Ausstellung "Lux Arcana", die im Musei Capitolini in Rom erstmals zahlreiche Dokumente aus den Archiven des Vatikans öffentlich präsentiert, und Bücher, darunter Thomas von Steinaeckers "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 03.03.2012

Auf der Medienseite weist Detlef Borchers anlässlich von Googles Datenhunger darauf hin, dass es auch Suchmaschinen gibt, die ihre Nutzer nicht aussaugen: "Empfehlenswert ist Duck Duck Go, ein amerikanischer Versuch, das gesamte Nutzerprofiling auszuschalten. Unter dontbubble.us haben die Macher dieser Suchmaschine zudem eine einfache Erklärung ins Netz gestellt, wie verzerrend der 'Filter-Bubble' von Google oder Microsoft Bing sich auf die Suche nach Informationen auswirkt."

Im Feuilleton selbst freut sich Gina Thomas schon jetzt auf Julian Fellowes' Titanic-Vierteiler, der Ostern im ZDF zu sehen sein wird. Eher nicht empfehlen kann Jürgen Dollase die neue ZDF-Sendung "Lanz kocht". Als vorbildlich in Sachen Kunstgewerbe lobt Andreas Platthaus das wieder eröffnete Grassimuseum in Leipzig. Und Kerstin Holm erzählt von Opfern des russischen Gummiparagrafen 159, mit dessen Hilfe korrupte Unternehmer und Beamte ihre Rivalen ins Gefängnis stecken.

Besprochen werden die Ausstellung "1912" im Literaturmuseum Marbach, eine Aufführung von Ibsens "John Gabriel Borkman" im Wiener Theater in der Josefstadt, Besprochen werden Bruce Springsteens neue CD "Wrecking Ball" und das Album "Narrow" der Österreicherin Anja Plaschg alias Soap & Skin sowie Bücher, darunter Felicitas Hoppes Roman "Hoppe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Bilder und Zeiten huldigt Dietmar Dath der amerikanischen Filmkünstlerin Maya Deren, deren Filme "Meshes of the Afternoon" oder "At Land" historisch "nicht dementierbar" seien: "Noch hat niemand erschöpfend erklären können, woher bei all den Brüchen, Rissen und sichtbaren Fugen der Eindruck der Makellosigkeit rührt, den diese Filme nach wie vor ausstrahlen."



Weitere Artikel: Im Interview mit Andreas Kilb erklärt Steven Soderbergh, wie er mit "Haywire" einen 1a-Flop produzierte ("Bei den Zuschauerbefragungen kriegte der Film ein 'D', die schlechteste Note. Dafür bekam ich ein paar der besten Kritiken meiner Karriere.") Adam Krzeminski erklärt das Dilemma, in dem sich Polen in der EU sieht: "Ist es besser für das Land, die erste Geige in der zweiten Liga zu spielen, oder in die erste aufzusteigen, mit der Gefahr, dort in der Abstiegszone zu verweilen?" Daniela Roth berichtet von einem Symposium in Dakar zu Kunsträumen in Afrika.

In der Frankfurter Anthologie stellt Rüdiger Görner Kurt Drawerts "Wintergedicht" vor":

"Leicht fällt das Jahr in den Schnee,
und langsam sinkt auch das Licht
..."