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Heute in den Feuilletons

Figur der Jederzeitlichkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.05.2012. Wie können die Europäer eigentlich in ein Land kommen, wo gefoltert wird, um ein Fußballfest zu feiern?, fragt Juri Andruchowytsch in der FR. Aber sie singen ja auch in Baku, notiert die taz. Im sonnigen Cannes hebt sich die Düsternis dänisch-österreichischer Autorenfilme besonders vorteilhaft ab, findet die Welt. Im Perlentaucher plädiert Katharina Hacker für das Teilen von Texten - und gegen "Geistiges Eigentum". Die NZZ lernt in Japan: Wer hundert werden will, muss lernen, lernen, lernen. 

FR/Berliner, 21.05.2012

In einem sehr lesenswerten Interview nimmt der Schriftsteller Juri Andruchowytsch kein Blatt vor den Mund, was die Zustände in der Ukraine angeht: "Die Ukraine ist vor allem ein Land, in dem es politische Häftlinge gibt. Ich weiß nicht, wie das mit den europäischen Werten zu vereinbaren ist. Wie die Europäer zu einem Fußballfest in so ein Land kommen, in dem die vielen Häftlinge zum Beispiel gefoltert werden. Oder in dem man massenhaft Straßenhunde vernichtet, vergiftet. Oder in dem ab und zu junge Frauen vergewaltigt werden. Das ist ein Land, das nicht mal eine Krise erlebt, sondern einfach einen Untergang. Die Euro 2012 passt überhaupt nicht in diese Situation." Dennoch ist er gegen einen Boykott: "Kommt zu uns, und wir machen die Massenproteste zusammen!"

Außerdem: Anke Westphal berichtet über neue Filme von Michael Haneke, Cristian Mungiu und John Hillcoat beim Filmfestival in Cannes. Doris Meierhenrich resümiert das Berliner Theatertreffen. Sabine Rohlf schreibt zum Achtzigsten von Gabriele Wohmann.

Perlentaucher, 21.05.2012

Die Idee des "Geistigen Eigentums" trifft nicht, was Katharina Hacker unter Schreiben versteht. Sie schlägt in einem Debattenbeitrag zur Urheberdebatte im Perlentaucher einen Blick auf die mittelalterliche Praxis des Schreibens vor und bezieht sich dabei auf Autoren wie Mary Carruthers: "Im mittelalterlichen Denken gibt es die Figur der Jederzeitlichkeit, wie Auerbach formuliert. Carruthers argumentiert, diese Zeitauffassung sei nicht nur dem Glauben an die Ewigkeit (und damit Überzeitlichkeit) Gottes geschuldet, sondern ebenso sehr der mittelalterlichen Instituition des Gedächtnisses, der Praxis also, Texte präsent zu halten, indem sie memoriert werden als Grundlagen eigener Invention und Textproduktion."

TAZ, 21.05.2012

Der Sänger und Gitarrist Jamal Ali, der vor vier Tagen aus Aserbaidschan geflohen ist, erklärt im Interview, was für ein Land das ist, in dem morgen der Eurovision Song Contest beginnt: "Die Menschen haben einfach Angst, ihre Meinung zu sagen. Und dazu bekommen sie auch keine Möglichkeit. Sie haben überhaupt keine Freiheiten, und die Mehrheit hat sich schon längst damit abgefunden, dass Präsident Alijew bis zum Ende des Jahrhunderts herrschen wird. Die Aserbaidschaner wollen sich auch schon nicht mehr dagegen auflehnen. Ich aber bin damit nicht einverstanden. Solche Leute wie ich lassen sich das freie Denken nicht verbieten und wollen, dass sich etwas zum Besseren verändert."

Außerdem: Bernhard Clasen beschreibt die politische Situation in Aserbaidschan. Ein weiterer Schwerpunkt auf den Tagesthemenseiten ist das Verhältnis der Grünen zu den Piraten.

Im Kulturteil macht Christiane Rösinger auf ihrer Tour nach Baku in Batumi Station. Viel Freude hatte Cristina Nord mit Michael Hanekes "Amour" in Cannes: "Alles an diesem Film ist dicht und nuancenreich." Klaus Walter berichtet über den Auftritt von Michael Hardt und David Graeber bei den Protesten in Frankfurt.

Besprochen werden die Ausstellung "Made in Germany Zwei" in Hannover, Aufführungen von Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" und Coetzees "Schande" bei den Wiener Festwochen, ein Konzert von The Robert Glasper Experiment in Berlin und Maggie Perens Film "Die Farbe des Ozeans".

Und Tom.
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Welt, 21.05.2012

Im schönen Cannes regiert der Autorenfilm. Das ist für Kritiker auch nicht immer ein reines Vergnügen, schreibt Hanns-Georg Rodek: "Wenn der Österreicher Ulrich Seidl einen Film 'Paradies: Liebe' benennt, kann man getrost mit 'Hölle: Schrecken' rechnen. Obwohl das neue Werk seines Landsmannes Michael Haneke 'Amour' heißt, sollte niemand auf ein Happy End hoffen. Und wenn die Hauptfigur von Thomas Vinterbergs 'Jagten' in Dänemark ihre Büchse auf ein Reh anlegt, kann man davon ausgehen, dass bald sie gejagt werden wird..."

Weitere Artikel: Manuel Brug annonciert in der Leitglosse eine wahre "Ring"-Flut fürs kommende Wagner-Jahr noch in den kleinesten Opernhäusern der Republik. Matthias Heine resümiert das Berliner Theatertreffen.

Besprochen werden eine Ausstellung des New Yorker Malers Christopher Wood in Paris, eine CD des schottischen Quartetts Django Django und eine "Ariadne" in Hamburg.

In der Welt am Sonntag streiten Richard Kämmerlings und Tilman Krause über die designierte Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe.

NZZ, 21.05.2012

Florian Coulmas hat sich von dem hundertjährigen Herrn Hinohara erklären lassen, warum lebenslanges Lernen heute wichtiger ist den je: "Heranwachsen, Lernen, Arbeiten, Ausruhen - diese vier Phasen stellen keine sinnvolle Einteilung mehr dar. Die Menschen in einer schrumpfenden und weiter alternden Gesellschaft länger arbeiten zu lassen, ist nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit; außer bei den Gebrechlichen und Kranken wird das auch ihren Bedürfnissen gerecht. Hier liegt die eigentliche Bedeutung des lebenslangen Lernens. Es stellt keine Beschäftigungstherapie für die Alten dar, die sich sonst langweilen würden, sondern die Voraussetzung dafür, aktiv zu bleiben."

Weitere Artikel: David Chipperfield hat die diesjährige Architekturbiennale Venedig kuratiert. Im Gespräch mit Jürgen Tietz erklärt er: "Ich habe zur Party in die Kirche eingeladen." Joachim Güntner stellt den Metrolit Verlag vor, den der Berliner Aufbau Verlag und der Zürcher Verlag Walde + Graf gemeinsam gegründet haben.

Besprochen werden Antú Romero Nunes' Adaption von Stanislaw Lems Roman "Solaris" für die Bühne in Zürich ("Laientheater", meint Barbara Villiger Heilig) und eine Aufführung der Matthäuspassion beim Bachfest in Schaffhausen.

FAZ, 21.05.2012

Nils Minkmar hat den Autor und Aktivisten David Graeber getroffen, der zu "Blockupy" und zur Promotiontour für sein Buch "Schulden" (in dem sich der Kapitalismus als bloße "Laune der Kulturgeschichte" entpuppt) nach Frankfurt gereist ist. Hannes Hintermeier inspiziert den von den Architekten Sauerbruch und Hutton verantworteten Neubau für den ADAC in München (Bilder). Verena Lueken hat in Cannes unter anderen Michael Hanekes neuen Film "Liebe", in dem Jean-Louis Trintignant einen liebenden, seine von Emmanuelle Riva gespielte Frau pflegenden Ehemann spielt. Jordan Mejias hat das neue Haus der Barnes Collection in Philadelphia besucht.

Besprochen werden Emmanuel Mourets Film "Die Kunst zu lieben", neue Choreografien in Brüssel und Bücher, darunter ein Essayband von Joachim Kalka (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Sonntags-FAZ bezieht sich Bruno Kramm von der Piratenpartei auf einen Artikel Frank Schirrmachers zum Urheberrecht und versucht die Position der Piraten zum Thema klar zu stellen: "Das ganze Internet baut als offenes Medium der Teilhabe auf die kulturelle Kraft des Sharings, das natürlich im Widerspruch zur grenzenlosen Einhegung jedweder Vermittlung durch restlos erschöpfende Verwertungsverträge der modernen Kulturindustrie steht. Einer Industrie, die ihre straff organisierte Medienmacht lautstark wie keine andere zu vertreten weiß und die eigenen Versäumnisse kaschiert."

SZ, 21.05.2012

Trotz der tragischen Geschehnisse erscheint das Feuilleton der größten Münchner Zeitung wie gewohnt.

Ach, Toscanini! ruft Helmut Mauro angesichts einer Edition des Dirigenten mit 82 CDs und besonders seiner Interpretation der Fünften von Beethoven: "Mit heutigen Aufführungen, dem fröhlichen Pletnev, dem sausenden Immerseel, dem flott rauschenden Rattle, dem plakativ kolorierenden Järvi und dem umsichtigen Antonini hat das alles nichts zu tun. Auch der konservative Thielemann huldigt eher der Klangdramatik Karajans. Toscanini braucht das alles nicht, er geht andere Wege."

Hier gehts zum Finale:



Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh steht beim Filmfestival in Cannes im Regen und findet auch in trüben Filmen von Michael Haneke und Thomas Vinterberg wenig Trost. Franziska Augstein redet mit dem Anthropologen und Occupy-Vordenker David Graeber über Abstraktionen der Geldwirtschaft und alternative Gesellschaftsentwürfe. Cathrin Kahlweit beleuchtet die unzulängliche ungarische Vergangenheitsaufarbeitung. Peter Laudenbach beobachtet beim Berliner Theatertreffen einen Trend zum langen Stück (eindeutiger Sieger: "John Gabriel Borkman" an der Volksbühne mit lässigen 12 Stunden).

Besprochen werden neue DVDs, die Filmkomödie "Our Idiot Brother", Miloš Loli?s Inszenierung von Wolfgang Bauers "Magic Afternoon" am Volkstheater Wien, die Aufführung von "Amadigi di Gaula" bei den Händelfestspielen in Göttingen, bei der Reinhard Brembeck "etliche Arien in einer altbacken albernen Art" illustriert sah, und Bücher, darunter Veronica Buckleys Biografie über "Madame de Maintenon", der geheimen Ehefrau Ludwigs XIV. (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).