Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 39 von 43

Magazinrundschau vom 17.02.2003 - Economist

Tony Blair steht unter Druck, erklärt der Economist. Denn auch in der britischen Bevölkerung sei der Wille zu einem Krieg im Irak im Laufe der letzten Wochen drastisch gesunken. Bei einer BBC-Umfrage zu den Gründen für einen Krieg gegen den Irak, habe die häufigste Antwort der Briten gelautet: "Um die Ölversorgung zu sichern". Und so setze nun der sonst so öffentlichkeitshörige Blair zu einer Art Alleingang an, halte er doch an einer offensiven Haltung fest, im Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten. Das Problem dabei sei, dass er auch das zunehmend kriegsunwillige Europa nicht aus den Augen verlieren dürfe. Doch "es ist nicht so, wie einige behauptet haben, dass Blair zwischen Europa und Amerika wird wählen müssen. Vielmehr ist das hauptsächliche Ziel britischer Außenpolitik seit 1945, dem Blair sich energischer und leidenschaftlicher gewidmet hat als je ein anderer seit Winston Churchill, jetzt wirklich in Gefahr. Der Premierminister wird weiterhin darauf beharren, dass Großbritannien die Brücke zwischen Europa und Amerika sein sollte. Doch wenn der Abgrund zu breit wird, kann auch die beste Brücke nicht bestehen."

Mehr über den sich auftuenden transatlantischen Abgrund ist auch im Aufmacher zu lesen, allerdings nur in der Printausgabe.

Der Prozess um Slobodan Milosevic ist mit Sicherheit die größte Legitimations-Chance und der größte Prüfstein für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es ist noch zu früh, meint der Economist, um jetzt schon über den Ausgang dieser Prüfung befinden zu können. Da aber sogar Milosevic mittlerweile in gewisser Hinsicht "mitspiele", und sei es nur, um ausgedehnt vor laufenden Fernsehkameras - denn der Prozess wird in Serbien live übertragen - sich und Serbien als die eigentlichen Opfer darzustellen, stehen die Chancen gut, dass mit diesem Prozess Zeichen gesetzt werden, die auch internationale Wirkung haben könnten. "Der Gerichtshof könnte jetzt schon dabei sein, eine wichtige Lektion zu erteilen: Wenn die zivilisierte Welt wirklich an fairen und öffentlichen Prozessen gegen Personen festhalten will, die entsetzlicher Kriegsverbrechen angeklagt sind, dann kann sie das tun - auch im politisch umstrittensten aller Fälle und mit dem unbehaglichsten aller Angeklagten in der Hauptrolle. Hat das irgendjemand in Bagdad bemerkt?"

Das dürfte sogar die Nicht-Naturwissenschaftler unter uns interessieren: Wie alt ist das Universum? Woraus besteht es? Und stimmt das Inflations-Erklärungsmodell? Der neue amerikanische Satellit WMAP, berichtet der Economist, hat nun die Antwort geliefert: "Das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt. Es besteht aus drei Substanzen. Und die Theorie über seinen Ursprung, die als Inflations-Theorie bekannt ist, hat sich bestätigt." Doch damit sei bei weitem nicht alles geklärt: "Es scheint, dass lediglich 4,4 Prozent des Universums aus 'gewöhnlicher' Materie (d.h. aus Atomen) bestehen. Etwa 23 weitere Prozent bestehen aus 'kalter, dunkler Materie', deren Beschaffenheit unbekannt ist. Und 73 Prozent stellt die noch mysteriösere 'dunkle Energie' dar, die als Abstoßungskraft wirkt und den Rest auseinander treibt." Nun ja, "scheinbar ist die Wahrheit genauso seltsam wie die Theorie".

Weiter zu lesen: Ein Nachruf auf den deutschen Rennfahrer Manfred von Brauchitsch, der auf der Rennbahn vor nichts zurückschreckte. Außerdem erfahren wir, dass George Bush sich jetzt überraschenderweise für eine umweltbewusste Energiereform einsetzt, warum in Amerika wieder größere Angst vor erneuten Terrorangriffen herrscht und inwiefern eine britische Starhochzeit die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre stellt.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - Economist

Wer hat in Europa das Sagen? Nach dem jüngst erneuerten "Liebesschwur" zwischen Deutschland und Frankreich, verbringt das Paar, das sich als maßgeblicher "Motor" der EU sehe, nun getrübte Flitterwochen, so der Economist. Die "Gang der Acht" habe den beiden mit ihrer gemeinsamen Solidaritäts-Erklärung an die USA einen gehörigen Dolchstoß versetzt. Die Wirkung dieser Erklärung sei weniger, dass die "europäische Spaltung die amerikanische Isolation in Sachen Irak schwächt", sondern dass "die Gang der Acht, ziemlich absichtlich, die Idee untergraben hat, dass das deutsch-französische Paar weiterhin die EU-Agenda bestimmen kann". (Fragt sich nur, wer das sonst übernehmen will.)

Weitere Artikel: Führen die USA einen "Kreuzzug", so wie es viele befürchten? Nein, lautet die etwas überraschende Antwort des Economist. Mit den von Colin Powell vorgelegten Beweisen hat es etwas Seltsames auf sich, findet der Economist, denn alle Staaten sehen darin die Bestätigung ihrer eigenen - und grundverschiedenen - Position. Was daraus folgt: Es wird zur Verabschiedung einer zweiten Resolution in puncto Irak kommen, doch die Konflikte bleiben. Auch zeigt sich der Economist skeptisch, was eine Verbindung zwischen Irak und Al-Qaida angeht. Vielmehr macht er sich über die humanitären Konsequenzen eines Irak-Krieges Sorgen.

Sehr gelobt wird William I. Hitchcocks Studie "The Struggle for Europe", ein Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Hitchcock komme zu dem Schluss kommt, dass Europa viel in puncto demokratischer Aufbau geleistet hat. Dazu passt auch ein Artikel, in dem behauptet wird, es könne längst nicht mehr von einer europäischen Aufholjagd die Rede sein. Jüngste Studien hätten im Gegenteil bewiesen, dass Europa die USA im Hinblick auf den Lebensstandard überholt habe.

Weiter zu lesen: ein Nachruf auf die sieben Astronauten der Columbia, welche Fragen der Columbia-Absturz aufwirft, warum Saddam keine Freunde hat, sondern nur Urlaubsbekanntschaften, warum der Werbe-Jingle sterben musste.

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - Economist

Frankreich war schon immer "schwierig", meint zähneknirschend der Economist. Und die derzeitige französische Außenpolitik sei da keine Ausnahme. Doch den USA ein europäisches Schnippchen schlagen zu wollen, könnte weitreichende Folgen haben. "Aus welchem Grund auch immer, Tatsache ist, dass Frankreich ein riskantes Spiel spielt. Die Drohung, sein UN-Vetorecht zu nutzen, könnte Amerika davon überzeugen, den Inspektoren mehr Zeit zu lassen. Sollte es jedoch tatsächlich zu einem Veto kommen und Amerika unbeeindruckt voranschreiten, würde das Veto und das System des Sicherheitsrats bedeutungslos werden - und Frankreichs Anspruch, der Wächter des Multilateralismus zu sein, könnte hohl erscheinen."

Der Friedenstaube Colin Powell sind Klauen gewachsen, beobachtet der Economist. In der Tat sei dem ärgsten Verfechter der "militärischen Vorsicht" und der multilateralen Bündnispolitik nach dem deutsch-französischen Ausscheren der Geduldsfaden gerissen. Ob er damit nun zum Falken geworden ist, darüber möchte der Economist nicht entscheiden. Doch eins sei klar: "Wie jeder andere Aspekt der amerikanischen Außenpolitik hat sich auch die Powell-Doktrin an die Wirklichkeit der Al-Qaida anpassen müssen."

Alles spricht vom Krieg: So sicher ein letztendlicher Sieg über den Irak auch ist, es wird in vielerlei Hinsicht keine Neuauflage des letzten Golfkrieges sein, meint der Economist, denn die USA müssten sich auf unkonventionelle, "asymetrische" Faktoren in der irakischen Kriegsführung gefasst machen. Außerdem träumt der Economist von (sich noch in Entwicklung befindenden) elektromagnetische Waffen, die angeblich elektronische Systeme zerstören und Menschen nur "zeitweilig außer Gefecht setzen". Weiter wird danach gefragt, wie man Bioterrorismus entgegentreten kann. Klingt nach Krieg, ist es aber nicht: Der Economist grüßt "Caesar", ein neues, sauberes Atomenergie-Verfahren, das laut seinem Entwickler Claudio Filippone Strom aus Atommüll gewinnt. Und schließlich doch wieder Blut: Ein Nachruf auf den japanischen Regisseur Kinji Fukasaku, der mit seinen Filmen entscheidend zu "Japans Karneval der Grausamkeit" beigetragen hat.

Intelligenz ade! Der Economist erklärt, warum es höchste Zeit ist, den Mythos vom hochintelligenten Schachspieler zu begraben. Dass auch Schriftstellerei nichts für Intelligenzbestien ist, zu diesem Fazit kommt der Economist nach der Lektüre von "The Time of Our Singing" (mehr hier), dessen Autor, Richard Powers, Gewinner eines MacArthur "Genie"-Forschungsstipendiums ist.

Außerdem zu lesen: warum sich Großbritannien überlegt, aus dem Genfer Abkommen oder aus der Europäischen Menschenrechtskonvention auszutreten, worüber sich die palästinensischen Verteter in Kairo einigen wollten, aber nicht konnten, und wie Hernando de Soto beabsichtigt, dem Terrorismus mit dem Kapitalismus den Garaus zu machen.

Nur im Print zu lesen: ein Dossier zum bevorstehenden Irak-Krieg, mit unter anderem einem Kommentar zum Blix-Bericht. Außerdem, eine Einschätzung des israelischen Wahlergebnisses und die Analyse von Bushs "Rede zur Lage der Nation".

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - Economist

Was für ein Glückspilz, dieser George Bush! Glaubt man den Meinungsumfragen, so der Economist, ist in den USA die öffentliche Meinung in Sachen Irak-Krieg so gespalten, dass Bush gar nichts falsch machen kann. "Zieht er in den Krieg, werden die Leute ihn unterstützen (der erste Effekt wird garantiert ein riesiger Schulterschluss um die Flagge sein). Sollte er den Inspektoren mehr Zeit geben, werden die Leute auch das unterstützen. Aus Sicht der Wähler wäre eine zweite UN-Resolution wünschenswert, aber nicht unverzichtbar. Einzig ungewiss ist, was passieren würde, sollte das Unwahrscheinliche eintreten und Bush sich dazu entschließen, nicht in den Krieg zu ziehen. In diesem Fall würde seine konservative Basis ihn sicherlich des Klein-Beigebens anklagen, wie sein Vater. Doch für die Bevölkerung könnte sogar dieser Kurs tolerierbar sein, wenn der Präsident sie überzeugen kann, dass seine Drohungen den Irak entwaffnet haben. Kurz, in Sachen Handlungsfreiheit ist zögerliche und appetitlose Kriegs-Akzeptanz günstiger als blutrünstige Begeisterung."

Der Pomp, mit dem das 40-jährige Jubiläum des Elysee-Vertrages gefeiert wurde, ist kaum zu überbieten, so der Economist. Doch wirklich glauben an die so innbrünstig demonstrierte deutsch-französische Eintracht mag er nicht. Das sähe schon dem gaullistisch geprägten Frankreich nicht ähnlich.

Außerdem wagt der Economist einen Blick in die Zukunft und fragt sich, wie die Internet-Gesellschaft aussehen wird. Und da es ums Internet geht, sind auch alle Artikel online zu lesen: Wie steht es zukünftig um die Privatsphäre? Wie sieht unser Leben im Jahr 2033 aus? Wie steht es um die Urheberrechte? Wird das Internet zu einem neuen Demokratieverständnis im Sinne einer Direktdemokratie führen? Kann das Internet zum Repressionsmittel werden? Bestimmt die Technologie oder der Mensch die Zukunft der Gesellschaft?

Weitere Artikel: Überraschendes hat der Economist aus China vernommen: Es soll eine Schulreform geben, die die Schüler statt zum Auswendiglernen zum selbstständigen Denken ermutigt. Ob das gut geht? Seit fünfzig Jahren dauert der Zwist zwischen Israelis und Palästinensern an, doch die Lösung kann heute wie damals nur die Schaffung eines palästinensischen Staates sein.

In Kürze: ein Nachruf auf die französische Journalistin Francoise Giroud, eine Besprechung von Amos Elons Buch "The Pity of it all" (Auszug), in dem er die deutsch-jüdische Geschichte seit Moses Mendelsohn aufrollt, und schließlich die Antwort auf die Frage, warum die Briten sich mit Großprojekten so schwer tun.

Leider nur im Print ist ein ganzes Dossier der Frage gewidmet, ob Ariel Sharon in der Lage ist, Frieden zu schaffen.

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - Economist

Es kann einem manchmal vorkommen, meint der Economist, als hätte die EU ein wahres Sendungsbewusstsein entwickelt und verkünde nunmehr unverdrossen die frohe Botschaft "ihrer Zauberkraft, Frieden und Stabilität zu schaffen, wo immer sie auch hinkommt". Doch dieser blauäugig anmutende "Optimismus" könnte auf Zypern tatsächlich bestätigt werden. Denn sowohl dort als auch in der Türkei sei man nun der Meinung, dass der Zypern-Konflikt von entscheidender Bedeutung für einen türkischen EU-Beitritt sein werde. Darüberhinaus wäre "die weitere Auswirkung einer Zypern-Einigung für Europa enorm. Sie könnte die Türen zu einer dauerhaften Versöhnung zwischen der Türkei und Griechenland öffnen, an einem Ort, an dem sich das christliche Europa an der islamischen Welt reibt. Nicht nur die neue türkische Regierung scheint begierig, diese Chance zu ergreifen, Griechenland ist genauso eifrig bei der Sache. Anstatt die EU-Mitgliedschaft des griechischen Zypern als eine Möglickeit zu sehen, die Türkei zu beschämen oder auszubremsen, vermeidet die griechische Regierung Triumphalismus und ist zu einem der leidenschaftlichsten Anwälte einer türkischen EU-Mitgliegschaft geworden. George Papandreu, der griechische Außenminister, sieht die deutsch-französische Versöhnung innerhalb der EU als Vorbild für Griechenland und die Türkei."

Der Economist mag im Allgemeinen nicht viel für die Boulevardpresse übrig haben, doch die jüngsten Übergriffe auf die höchsten Lords findet er "witzig": Die Sun ließ bei hohen Würdenträgern, die nach öffentlichem Ermessen zu nachsichtig mit Kriminellen umgehen, einbrechen - um die Lords in puncto Unsicherheit zu sensibilisieren.

Ein sehr interessanter Special Report befasst sich mit der Frage, warum die Entertainment-Industrie sich so schwer mit Inhalten tut und sich in betriebswirtschaftlichen Formalismen erschöpft. Springender Punkt: der unglückliche Umgang der "Anzugträger" mit den "Pferdeschwänzen", den kreativen Köpfen.

In einem Dossier verschafft der Economist dieses Mal einen Überblick über den Iran und gelangt zu dem Schluss (wie schon im Eröffnungsartikel zu lesen ist), dass das Modell der "Theodemokratie" versagt habe und dass der Iran sich langfristig zwischen Gottesmacht und Staatsmacht entscheiden müsse.

Weitere Artikel: George Bush ist eine Sphinx, so glatt wie undurchdringlich, behauptet der Economist nach der Lektüre von zwei kürzlich erschienen Biografien. Außerdem erfahren wir, wie ein sozialpädagogisches Handy aussehen könnte, das den Nutzer zur Diskretion erzieht, dass, obwohl im Nordkorea-Konflikt alle Beteiligten miteinander reden wollen, von Gesprächen aber weit und breit nichts zu sehen ist, und dass die US-Regierung in puncto Schadstoffausstoß jetzt unter Druck gerät, und zwar im eigenen Land.

Nur im Print: Artikel über den deutsch-französischen Motor in Europa, die deutsche Irak-Politik und die Welt nach Vaclav Havel.

Magazinrundschau vom 13.01.2003 - Economist

Ist Folter je zu rechtfertigen? Ein vor kurzem in der Washington Post veröffentlichter Bericht, der die amerikanischen Vernehmungsmethoden darlegte, hat neben offiziellen Dementis nur wenige, meist zögerliche Kommentare hervorgerufen. Eine der wenigen Ausnahmen war der Strafverteidiger Alan Dershowitz, der dezidiert Stellung bezog. Zwar ist Dershowitz' Szenario der "tickenden Bombe" (Angenommen eine Bombe ist aktiv, die tausende Opfer fordern wird. Ein Gefangener weiß, wo sie ist, aber nur Folter könnte ihm ein Geständnis entlocken. Würden Sie die Folter erlauben?) seit dem 11. September nicht mehr nur eine "theoretische Perspektive", doch der Economist warnt eindringlich davor, dem Gebrauch von Folter in Extremfällen zuzustimmen. Denn ab wann wird ein Fall zum Extremfall? Wie hoch auch immer der Wert einer unter Folter gewonnenen Information sein möge, "für den demokratischen Westen würde der Schaden überwiegen. Das Folter-Verbot ist eins der mächtigsten Tabus des Westens und manche Tabus (wie auch der Gebrauch von Nuklearwaffen) sind es wert, sogar zu einem hohen Preis gewahrt zu werden. (?) Sollten sich die Vereinigten Staaten für den Gebrauch von gewissen Foltermethoden entscheiden, wie eingeschränkt auch immer die Bedingungen dazu sein mögen, würde es das Tabu brechen. Das würde für die westliche Moral in dem, was ein langer Krieg gegen den Terrorismus werden könnte, einen harten Rückschlag bedeuten. Um stark zu bleiben, müssen die liberalen Demokratien sicher sein, dass sie besser sind, als ihre Feinde". Zum Thema Folter gibt es noch mehrere andere Artikel, unter anderem über das Wahrheitsserum, die aber leider nicht frei zugänglich sind.

Ist es denn hoffnungslos, überhaupt gegen George Bush, der auf der amerikanischen Politik "wie ein Koloss reitet", im Rennen um das Weiße Haus anzutreten?, fragt sich der Economist. Vielleicht nicht hoffnunglos, aber sicher kein Zuckerschlecken, denn "gegen einen beliebten Präsidenten und gegen Karl Rove, den rücksichtslosesten Krieger in der politischen Landschaft Amerikas, um dieses Amt zu kandidieren, ist für die meisten Menschen die genaue Definition der Hölle." Und so gibt der Economist Tipps, wie die amerikanischen Demokraten ihre Wahlkampagne bestreiten sollten. Die Hauptsache sei, "eine kohärente Botschaft" zu vermitteln. "Die gute Nachricht ist, dass eine solche Botschaft nicht jenseits des Menschenverstands liegt. Die Schlechte, dass dabei politische Geschicklichkeit vonnöten ist."

Weitere Artikel: Zweimal London, bitte. London steht kurz vor der Rezession, so der Economist, und das sollte Restgroßbritannien eher mit Zerknirschung als mit Schadenfreude erfüllen. Umso vorsichtiger, heißt es im zweiten Artikel, müsse man in der angekündigten Reform jener juristischen Grauzone vorgehen, die es reichen Ausländern so angenehm macht, in London zu wohnen - und Geld auszugeben. Björn Lomborgs Buch "Apocalypse No!" (mehr hier), in dem er die "Umweltlobby des systematisch übertriebenen Pessimismus" anklagt, schlägt weiter Wellen, diesmal anderer Art: Der Economist findet es höchst seltsam, dass das "Dänische Kommitee für Wissenschaftliche Unredlichkeit" ein wissenschaftliches Urteil über ein sich unwissenschaftlich gebendes Buch fällen will. Die Krönung des Ganzen sei jedoch, dass das Kommitee selbst in seiner Urteilsfindung höchst unwissenschaftlich und "unredlich" vorgegangen sei.

Weiterhin lesen wir, warum die Anthologie "Writing in L.A." eine wahre "Schatztruhe" ist, warum das erzkonservative Saudi-Arabien von allen Seiten zu Reformen gedrängt wird, wie es um die Stabilisierung des Friedens in Afghanistan steht und dass Hamid Karsais größte Herausforderung sein könnte, überhaupt am Leben zu bleiben. Schließlich ein Nachruf auf Sir Roy Jenkins, den geistigen Vater des New Labour.

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - Economist

Wer hat Recht, diejenigen, die behaupten, Amerika und Europa teilen dieselben Werte, oder die "transatlantischen Pessimisten"? Der Economist geht dieser Frage anhand von drei neueren Untersuchungen nach, darunter die von der University of Michigan durchgeführte Studie, die aufgrund ihrer ungewöhnlichen Fragestellung den Kernpunkten des europäisch-amerikanischen Konflikts auf die Spur gekommen sei. Das Ergebnis: eine 'Weltkarte', auf der sich die Position der Länder anhand von zwei Hauptkriterien ermitteln lasse - Werte und Lebensqualität - und auf der Europa und die USA weit auseinanderliegen. Was kann also passieren? "Zwei Dinge. Erstens könnte der Werte-Graben sich allmählich vergrößern und anfangen, die Wahrnehmung des außenpolitischen Interesses zu beeinflussen, auf der die transatlantische Allianz beruht. Zweitens wurden in der Vergangenheit die kulturellen Unterschiede von den geteilten Werten der amerikanischen und europäischen Eliten unterdrückt - und gerade die Meinung der Elite ist jetzt sogar schärfer gespalten als die volkstümliche Meinung. Es ist die Verbindung verschiedener Faktoren, die die gegenwärtigen transatlantischen Meinungsverschiedenheiten beunruhigend erscheinen lassen. Da ist es ein geringer Trost, dass die Bush-Regierung angesichts der gegenseitigen Feindseligkeit darauf beharrt, dass alles nur eine Sache der Politik ist, und nichts Tieferliegendes."

Angesichts der Ankündigung Nordkoreas, sein Nuklearwaffenprogramm wiederaufzunehmen, befinden sich die USA in der Bredouille, so der Economist, denn sie wollen weder einen Krieg führen, noch verhandeln. Auch Sanktionen und gutes Zureden der Nachbarstaaten, wie es die USA derzeit ins Auge fassen, scheint für den Economist keine wegbare Lösung zu sein - schon deshalb, weil die Nachbarstaaten Russland, China, Südkorea und Japan diesen Isolationskurs nicht befürworten. Mehr zu den wenigen Optionen, über die Amerika in diesem Konflikt verfügt, gibt es auch im Aufmacher "Der explosive Mr. Kim" - der allerdings leider den zahlenden Internetlesern vorbehalten ist.

Weitere Artikel: Eve ist uns geboren und wirft so manche Frage auf, wie der Economist in zwei Artikeln über das menschliche Klonen darlegt. Ein weltweites Verbot des Klonens sei weder wünschenswert noch durchführbar, doch sei es unbedingt notwendig, das Klonen zu reglementieren, so der erste Artikel. Der zweite Artikel befasst sich mit dem vermeintlich geklonten Baby Eve und erläutert die Bedingungen, unter denen eine sachgerechte Prüfung des Sachverhalts gewährleistet wäre. Es steht gut um den Balkan, behauptet der Economist, oder zumindest besser. Doch wie sieht die Zukunft aus? Außerdem: Es mag verwundern, doch der Wächter der britischen Moral war ein Amerikaner, so der liebevolle Nachruf auf den Filmzensor James Ferman.

Weiterhin erfahren wir, dass die neue republikanische Mehrheit im Senat keine uneingeschränkte Handlungsfreiheit für George Bush bedeutet, warum die politischen Morde im Jemen drastisch zunehmen, und warum der Microsoft-Herausforderer Larry Ellison nach Ansicht seiner Anleger und Angestellten sich lieber mit seiner IT-Firma Oracle beschäftigen solle, als rastlos Segel-Welt-Cups zu bestreiten.

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Economist

Neuerdings, so der Economist, sei man damit beschäftigt, Marx' intellektuelles Vermächtnis aufzuwerten und ihn - demzufolge - aus dem realkommunistischen Fiasko auszunehmen. Dies höre sich dann etwa so an: "Verwerft unbedingt den Kommunismus, so wie er in der Sowjetunion und Osteuropa praktiziert wurde (und in China, Nordkorea, Kuba und eigentlich überall da, wo er immer noch praktiziert wird). Aber bitte, verwerft Marx nicht." Überraschend ist daran für den Economist, dass Marx noch immer eine solche Breitenwirkung besitzt, wo er doch "seltsam irrelevant" für die "moderne Ökonomie" ist. "Wie kann man das erklären? Was, wenn überhaupt, kann in Marx' Schriften noch gelten?"

Auf welch unterschiedliche Weise man eine konservative Tradition beerben kann, zeigt der Vergleich zwischen amerikanischen Republikanern und britischen Tories. Während die Tories ihren Platz als zweitstärkste Partei nur mit Mühe halten könnten, haben sich die Republikaner zur wirklichen Volkspartei entwickelt. Dies allerdings "ist nicht nur eine Sache des politischen Erfolgs, sondern der Philosophie" - und bei der Aufzählung dieser philosophischen Leistungen kann man sich ein ironisches Lächeln nicht verkneifen: "Man kann sich keine europäische Partei vorstellen, die eine so große Steuersenkung durchsetzen würde wie die von George Bush, die das Kyoto Protokoll zu Ramsch erklären würde, die auf Schärfste für den Waffenbesitz und die Todesstrafe ins Feld ziehen würde, die aus Abtreibung einen solchen moralischen Kreuzzug machen würde, die einer 'Achse des Bösen' den Krieg erklären würde, die Israel so zielstrebig unterstützen und die Vereinten Nationen unverhohlen angrinsen würde." Als Hillary Clinton dies eine große Rechts-Verschwörung genannt hat, so der Economist, "hat sie übertrieben - aber nicht viel".

Pünktlich zu Weihnachten, ein Blick in die Puppenkiste. Ist sie der "amerikanische Traum" oder der amerikanische Albtraum? Der unbestreitbare Erfolg der Barbie-Puppe gibt so manches Rätsel auf - und stachelt sogar Akademiker dazu an, Barbies mysteriöses Innere auszuleuchten: "Barbie repräsentiert die Art zeitgenössischer Individualität, die manche als militant und andere als befreit ansehen. Ihr Selbst ist ein veränderliches, proteisches, verarbeitendes, kontextgebundenes Selbst, dessen Verhalten sich von Situation zu Situation und von Rolle zu Rolle verändert... Ihre Persönlichkeit ist undefiniert, ja sogar ätherisch; ihre moralischen Werte sind mehr implizit als ausgesprochen oder bekräftigt; ihr intimes Leben - ihre Träume, ihre Leidenschaften, ihre treue Gebundenheit - bleibt ein Rätsel." Da bleibt kein Auge trocken.

Außerdem erfahren wir, dass 2002 ein gutes Jahr war - gemessen an den schlechten Erwartungen -, dass der Fitnesskult ein finsterer Puritanismus ist, dass die Zukunft des Personenfluges "pilotenlos" sein könnte, dass es ihn doch gibt - den lohnenswerten e-commerce und schließlich, dass der EU-Erweiterungs-Gipfel in Kopenhagen historisch war.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - Economist

In Zusammenhang mit der Cheriegate-Affäre übt der Economist Kritik an der britischen Presse: "Die Vorherrschaft der Labour-Partei scheint sich endlos hinzuziehen. Die offizielle Opposition hat die Energie und den Biss eines übergewichtigen und ältlichen Labradors. Doch kein Einschüchterungsvermögen." Die Zeitungen, so der Economist, "schauen auf die heutige konservative Partei und sehen bloß einen mutlosen Haufen. Sie kochen vor Frust beim Anblick einer widerwärtigen und inkompetenten Regierung, die unvernünftig populär und wahltechnisch unbezwingbar bleibt. Und so schreiten sie in dieses politische Vakuum, bewaffnet mit dem Gefühl, einem moralischen Vorsatz zu dienen, das aus der Gewissheit entspringt, nun die wirkliche Opposition zu sein." Doch leide die Qualität der Opposition erheblich unter diesem Sendungsbewusstsein: "Seriöse, effiziente Opposition verlangt eine fundierte Kritik an der Regierung, die sich auf einen plausiblen und kohärenten Satz von Prinzipien stützen. Nichts, worin Zeitungen üblicherweise besonders gut wären."

Weitere Artikel: Die baltischen Staaten haben in den letzten Jahren "Wunder gewirkt", um den europäischen Anforderungen zu genügen - nun sind sie "so stabil und ordentlich, dass es schon fast langweilig ist". Doch auf vielen Gebieten, unter anderem der Nuklearsicherheit, stehen die Reformen erst am Anfang. Ein umfangreicher Artikel ist dem vielversprechenden Bereich der Bioinformatik gewidmet, die "die Laborratte durch die Computer-Maus" ersetzt. Ein weiterer Artikel beschäftigt sich mit Chinas Fortschreiten auf dem Gebiet der Biotechnologie, das die westliche Welt mit ethischer Sorge erfüllt. Der Iran ist gespalten, zwischen dem verhassten Nachbar Irak und den strategischen Anbiederungsversuchen der nicht gerade geliebten USA.

Außerdem kann man lesen, warum das gesetzlich festgelegte Rentenalter ein Anachronismus ist, warum Nelson Mandela dem südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki in Sachen AIDS-Politik in die Quere kommt, und warum die jetzt in den USA verhandelten Terrorismus-Prozesse zeigen, wie dringend eine spezifische Anti-Terror-Gesetzgebung nötig ist.

Das Titel-Dossier handelt vom Irak. Die meisten Artikel sind nicht freigschaltet. Lesen darf man ein Stück über die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Irak. Im Books and Arts-Teil werden die Bücher des Jahres vorgestellt.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - Economist

Die interessantesten Artikel dieser Ausgabe dürfen wir leider nicht online lesen: so der Leader "Die Türkei gehört zu Europa". Ein ganzes Dossier ist Deutschland gewidmet. Lesen dürfen wir jedoch nur einen Artikel, in dem Xan Smiley Deutschland einen "unsicheren Giganten" nennt, ein Land, das gerade "aus seiner Nachkriegsmuschel gestiegen ist", und sich nun in der schwierigen Lage befinde, große wirtschaftliche Probleme meistern zu müssen und gleichzeitig seinen weltpolitischen Standort zu finden. Nur im Print lesen dürfen wir die Antworten auf Fragen wie: Is Deutschland AG kaputt? Is the sun rising in the east at last? Who's a German, then?

Wer sitzt in den hundert Top-Positionen in Großbritannien? Welche Ausbildung haben diese Leute durchlaufen? Dies hat der Economist schon zweimal gefragt: 1972 und 1992 (siehe hier). Jetzt ist es wieder soweit. Während das Durchschnittsalter gleichgeblieben ist und jetzt bei 57 Jahren liegt, gab es in manch anderer Hinsicht Überraschungen: Die Zahl der Public-School- (Privatschul-) und Oxbridge- (Oxford- oder Cambridge-) Absolventen ist allgemein rückläufig, und besonders bei sakrosankten Institutionen wie der BBC, der Church of England und der Times sind jetzt andere am Ruder. Pikantes Detail: Außer bei der Labour Party hat kein politischer Spitzenmann eine public school und/oder Oxbridge durchlaufen. Und nicht zu vergessen: die ironisch bestaunten Frauen! "Der Frauenanteil unter den 'top people' ist um massive 25 Prozent gestiegen - von vier auf lediglich fünf. Zwanzig Prozent des gegenwärtigen Kontingents stellt die Queen."

Diese Studie nimmt der Economist gleichzeitig zum Anlass, sich für die Wiedereinführung der "grammar schools" auszusprechen, die wieder mehr "soziale Beweglichkeit", sprich Aufstiegschancen für Kinder aus sozial schwächeren Familien, ermöglichen sollen.

Das Establishment, tot? Ja und nein, wenn man dem Economist glaubt. Er hat entdeckt, dass die Briten "korrekt sprechen" wollen. Doch was heißt korrekt? Lange Zeit, so lesen wir, schien es, als würde die britische Standardaussprache, genannt RP (Received Pronunciation), das Zeitliche segnen, weil sie mit "Brutalität, Arroganz und Dummheit" assoziiert wurde. Doch tatsächlich, so der Economist, "gibt es eine große und wachsende Nachfrage nach 'besserem Sprechen'". Allerdings nicht um des RP willen, sondern eher um den Anforderungen einer globalisierten Handelswelt zu genügen, zur besseren Verständigung vor allem mit ausländischen, "Standard-Englisch" sprechenden Handelspartnern.

Weiterhin kann man einen Nachruf lesen auf den Philosophen John Rawls, der beinahe, glaubt man dem Autor, zum "perfekten dritten Baseman" beim Baseball geworden wäre, ein Posten, der blitzschnelles Reaktionsvermögen und kein langes Nachdenken verlangt? Amüsant, wenn man bedenke, wie vergleichsweise "langsam" und bedächtig Rawls sich auf dem Gebiet der "stringenten Argumentation" bewegt habe.

Der Economist verleiht den diesjährigen Freedom of the Press Award an Lira Baysetova, die kasachische Journalistin und Herausgeberin der oppositionellen Zeitung "Respublica 2000", für ihre "mutige Berichterstattung".
Stichwörter: Baseball, England, Labour, Rawls, John