Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 59

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - London Review of Books

Rivka Galchen liest zwei hervorragende Bücher zur Geschichte der Impfgegner, die sich, seit Großbritannien die Impfpflicht gegen Pocken einführte, auf drei Motive stützen: die Verunreinigung des Körpers, persönliche Freiheit und Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Von Jonathan Bermans "Anti-Vaxxers. How to Challenge a Misinformed Movement" lernt Galchen, dass diese Kampagnen von Beginn an immer auch von Scharlatanen befeuert und finanziert wurden, die um ihre Einkünfte bangten. Wie man ihnen allerdings am besten beikommt, kann Berman nicht sagen: Für jeden wissenschaftlichen Artikel produziere die Gegenseite mittlerweile einen irreführenden Texte im selben Format. Noch hilfloser fühlt sie sich nach Lektüre des dennoch sehr lesenswerten Buchs "Stuck. How Vaccine Rumours Start - and Why They Don't Go Away" von Heidi Larson. Larson hat für die WHO gearbeitet und mitbekommen, wie Impfprogramme in Nigeria und Kolumbien durch haltlose Gerüchte zum Erliegen gebracht wurden: "Was hätte anders gemacht werden können? Die Bedenken von verängstigten Eltern lächerlich zu machen, dürfte nichts bringen, aber auf sie zu hören, wenn auch nur scheinbar, kann noch mehr Schaden anrichten. 1998 unterbrach die französische Regierung ihr Impfprogramm gegen Hepatitis B an den Schulen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass ihre Befürchtungen vor einem möglichen Link zu Multipler Sklerose ernst genommen werden. Die Impfraten fielen, am Ende waren selbst die französischen Ärzte verwirrt. Die große Mehrheit gab an, von der Sicherheit des Vakzins nicht überzeugt zu sein, zwei Drittel zweifelten an der Wirksamkeit. Etwas ähnliches passierte 2014 in Japan. Als Antwort auf wissenschaftlich unbegründete Befürchtungen von Müttergruppen senkte die Regierung ihre Impfpolitik in Bezug auf Gebärmutterhalskrebs (HPV) von 'aktiv' auf 'bei Bedarf erhältlich'. Die Nutzung des Angebots fiel bei Mädchen im Schulalter von siebzig auf 0,3 Prozent. Es gibt einen globalen wissenschaftlichen Konsens, dass die Impfstoffe gegen HPV sowie gegen Hepatitis B sicher und wirksam sind." (Sehr sehenswert auch die Dokumentation "Impfgegner - Wer profitiert von der Angst" auf arte.)

 Conor Gearty fürchtet, dass Britanniens Oberster Gerichtshof auch ohne Druck von der Regierung eine konservative Richtung eingeschlagen hätte: "Boris Johnsons Brexit-Regierung ist in vieler Hinsicht eine Übung in Nostalgie, die Suche nach dem verlorenen England, und der Supreme Court unter Lord Robert Reed ist ähnlich rückwärtsgewandt. Er ist zurückkehrt zu rechtlichem Formalismus und einer extrem engen Auffassung von Rechtstaatlichkeit, während er ein altmodisches Desinteresse für die gelebte Erfahrung derjenigen an den Tag legt, deren Not sie vor die Richterbank geführt hat."

Außerdem schreibt Wolfgang Streeck über Technopopulismus. Und Terry Eagleton bewundert Malcolm Bull trotz seines leichten Hangs zum Nihilismus.

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - London Review of Books

Mit einem gewissen Amüsement liest Tim Parks Joseph Farrells Geschichte des Duells, mit dem über Jahrhunderte die Ehre des Edelmanns auf Leben und Tod verteidigt wurde, bis diese Sitte schließlich endete wie das Tieropfer: Keiner wusste mehr, wie es überhaupt angefangen hatte und was der ganze Unsinn sollte: "Farrell, Professor für Italienisch an der Universität von Strathclyde, beginnt sein Buch mit Giacomo Casanova, der sich 1766 mit Franciszek Branicki duellierte. Casanova war damals Anfang vierzig und hielt sich in Warschau auf, um sein Glück am polnischen Hof zu versuchen. Nach einer Theatervorstellung gerieten er und Branicki in Streit um die Gunst ein Tänzerin. Als Casanova nachgab, beschimpfte ihn Branicki als Feigling und noch dazu als venezianischen Feigling. 'Es gibt keinen Menschen', schrieb Casanova später, 'der ein Wort verzeihen kann, das seine Nation verleumdet'. Der Streit war trivial, aber nicht unbemerkt geblieben. Nachdem Casanova eine Nacht lang gegrübelt hatte, entschied er, dass Philosophie und Religion zwar zur Untätigkeit rieten, dass dies aber bedeuten würde, 'an keinem Hof mehr leben zu können' ... Duelle waren in Polen verboten und wurden mit dem Tode bestraft. Die geheimen Verhandlungen zur Vorbereitung des Treffens förderten daher eine gewisse Komplizenschaft zwischen den Kontrahenten. Sie wurden zu Komplizen eines Verbrechens, wenn auch eines, das die meisten ihrer Altersgenossen billigten und sogar bewunderten. Farrell bemerkt perplex, dass Casanova den Einsatz von Pistolen ablehnte, weil sie 'zu gefährlich' seien, aber schließlich einwilligte, als Branicki ihn darum bat, 'einem Freund diese Gunst zu erweisen'. Er zeigt sich auch verwundert über Casanovas Versuche, Branicki in Smalltalk zu verwickeln. Was ihn jedoch noch mehr staunen lässt: Nachdem die beiden Männer gleichzeitig aus der vorgeschriebenen Entfernung von zehn Schritten geschossen hatten, fiel Branicki mit einer Kugel in der Brust zu Boden, doch als  sein Sekundant mit gezogenem Schwert auf Casanova zustürmte, rief der Verwundete: 'Canaille, respectez ce cavalier'. Casanovas Ehre wurde von seinem Widersacher wiederhergestellt."
Stichwörter: Duelle, Casanova, Giacomo

Magazinrundschau vom 04.01.2022 - London Review of Books

Über zehn Prozent des Öls, das die großen Konzerne in Nigeria produzieren, wird abgeschöpft und in illegalen Raffinerien verarbeitet. Nach der Ermordung des Aktivisten Ken Saro-Wiwa durch das Militärregime 1995 hatte sich eine sehr disziplinierte Guerilla formiert, erzählt Adewale Maja-Pearce, die mit kalkulierten Entführungen und lokaler Ökonomie dafür sorgte, dass zumindest ein Teil der Gewinne im Nigerdelta blieb: "Doch jetzt herrscht Gesetzlosigkeit. Es gibt zahllose Berichte über bewaffnete Piraten in militärischer Tarnung, die Konvois von Flugbooten angreifen und ihre Opfer töten oder in den Mangrovensümpfen aussetzen... Die illegalen Raffinerien, die nur nach Einbruch der Dunkelheit betrieben werden, beschäftigen zwei Drittel der schätzungsweise dreitausend Einwohner der Stadt Bille und der umliegenden Gebiete. Ein Teil von ihnen arbeitet im Raffinerieprozess, erklärt der Umweltaktivist Fyneface Dumnamene Fyneface, der Rest sorgt für Unterkünfte, transportiert die fertigen Produkte oder verkauft Essen und Getränke. Die Arbeiter werden in die kleinen Buchten gebracht, wo es etwa zwanzig Raffinerien und Lager geben soll. Vor Ort werden sie mit Lebensmitteln, Alkohol, Zigaretten und Marihuana sowie mit Stiefeln versorgt, die ihnen helfen, mit dem Bitumenschlamm fertig zu werden, einem Nebenprodukt, das an Straßenbauunternehmen verkauft wird. Ein Lager, das Fyneface und seine Kunden besuchten, beschäftigt fünfzehn Männer; es wird von drei Generatoren angetrieben und produziert zwischen 80 und 150 Zweihundert-Liter-Fässer pro Tag. Ein Fass wird für etwa 60 Dollar verkauft, wovon die Arbeiter nur 2,50 Dollar erhalten, die sie zusammenlegen und am Ende einer langen Nachtschicht verteilen. Bei hundert Fässern bringt das jedem von ihnen 16 Dollar pro Tag ein, kaum ein königliches Vermögen, aber fürstlich genug in einem Land, in dem der lächerliche Mindestlohn von 30.000 nigerianischen Naira im Monat - etwa 70 Dollar - kaum eingehalten wird. Der Besitzer der Raffinerie hat seine Investition von 5.000 Dollar, die Kosten für die Einrichtung eines Lagers, schnell wieder hereingeholt."

Weiteres: Adam Phillips versucht, dem Aufgeben etwas Positives abzugewinnen. Patricia Lockwood nähert sich vorsichtig Karl Ove Knausgard. Alan Bennett erzählt sein Jahr 2021.

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - London Review of Books

In einem etwas mäandernden Artikel zeichnet James Meek die verwickelte Lage zwischen Russland und der Ukraine nach, erkennt aber auch sehr klar, wie sich in Wladimir Putins Politik Aggresion und Negation verbinden: "In der Ukraine begann und befeuerte er einen Krieg zwischen zwei Völkern, Ukrainern und Russen, von denen er immer wieder behauptet, dass sie zusammengehörten. Seine verheerendsten Interventionen 2014 waren verbaler Natur. Indem er leugnete, dass Russland in den Krieg involviert war, von dem jeder wusste, dass er ihn führte, und indem er erklärte, er glaube nicht, dass die Ukraine ein eigenständiges Land sei, machte er einen Friedensschluss unmöglich: Wie kann man mit einem Invasoren verhandeln, der leugnet, einmarschiert zu sein. und der die Existenz des okkupierten Landes leugnet? Da er keinerlei Andeutungen machte, wann und wo er seine Angriffe beenden würde, ließ er der Ukraine keine andere Wahl, als um jeden Zentimeter Boden zu kämpfen. 'Ich erinnere Sie daran, dass dies Novorossiya ist', sagte er über die Süd- und Ostukraine im April 2014, als die separatistische Rebellion im Donbass in ihre bewaffnete Phase überging. 'Und Charkow, Luhansk, Donezk, Cherson, Nikolajew, Odessa gehörten in zaristischer Zeit nicht zur Ukraine. All diese Territorien wurden der Ukraine von der sowjetischen Regierung überlassen. Weiß der Himmel, warum.'"

Magazinrundschau vom 07.12.2021 - London Review of Books

John Lanchester liest eine ganze Reihe von Büchern zur Corona-Pandemie, die ihm alle sehr eindrücklich rekapitulieren, was wir in den vergangenen beiden Jahren erlebt haben: Rachel Clarke schildert die Schlacht des Gesundheitssystems NHS, die beiden Times-Reporter Jonathan Calvert und George Arbuthnott das gigantische Versagen der britischen Regierung und Adam Tooze die zunehmende Spaltung in Arm und Reich auch dank der üppigen Wirtschaftshilfen: Die Armen sterben überproportional, die Reichen vergrößern ihre Aktiendepots. Natürlich weiß Lanchester aber auch als geborener Reporter sehr eindrücklich von seiner eigenen Covid-Erkrankung zu berichten: "Mein Körper schien in meinem Halbdelirium zu wissen, dass er mit einer neuen Krankheit umging. Mal fühlte ich mich ok, mal nicht, es wechselte in Schüben. In jener Woche kam mir das Bild in den Kopf, dass ich in einem nicht sehr guten Hotel im Bett liege und jemand versucht, die Tür zu öffnen, er rüttelt am Knauf, gibt auf und geht weg, nur um einige Stunden später wiederzukommen und es noch mal zu versuchen. Es fühlte sich an, als würde Covid ein Schloss öffnen wollen. Nie zuvor hatte ich bei einer Krankheit so etwas erlebt: Das Gefühl, Covid hat Absichten, und sie bedeuten nichts Gutes. Ich lese jetzt seit einem Jahr über die Krise - und meterweise journalistische Kommentare, und ich glaube inzwischen, dass sich Covid unmöglich zusammenfassen lässt, weil wir noch nicht wissen, wo wir in dieser Geschichte stehen."

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - London Review of Books

Im britischen Streit um Gender-Identitäten steht der Gender Identity Development Service (GIDS) des NHS, auch bekannt als Travisstock-Klinik, zwischen allen Fronten. Von konservativer Seite wurde der GIDS dafür kritisiert, dass er bei Jugendlichen mit ungeklärter Gender-Identität auch Pubertätsblocker einsetzt, von Aktivisten dafür, dass er das nur nach psychologischer Diagnose tut. Wer mit den Details der Debatte nicht vertraut ist, wird Bernadette Wrens Artikel nicht in allen politischen und juristischen Wendungen nachvollziehen können. Doch sehr anschaulich macht die klinische Psychologin, wie um das Jahr 2015 herum die öffentliche Debatte aufbrach, und plötzlich alle Jugendlichen mit Gender-Problemen zum GIDS geschickt wurden, egal unter welchen traumatischen Erfahrungen sie sonst litten. Dabei ist sie davon überzeugt, dass die Nichtanerkennung von Transgender-Identitäten ein grobes "epistemisches Unrecht" wäre: "Die bedeutendste Veränderung war jedoch der wachsende Widerstand von Familien gegenüber dem relativ langsamen Pfad, den das GIDS als Behandlung verfolgt. Wenn junge Menschen und ihre Eltern Monate nach ihrem Antrag in die Klinik kamen, forderten sie nachdrücklich, ihre neue Gender-Identität bestätigt zu sehen und einen schnellen, einfachen Weg zu einer hormonellen Therapie. Typischerweise erschienen Kinder zum ersten Gespräch nach einer vollständigen sozialen Umwandlung. Viele sahen überhaupt keinen Sinn in der diagnostischen Arbeit des GIDS. Oft meinten sie, unser Vorgehen konzentriere zu viel Macht in den Händen der Profis, deren Erfahrung und Autorität sie nicht sonderlich hoch schätzten. Die Werte der öffentlich anerkannten Kompetenz - Reflexion, Einschätzungsvermögen, vorsichtiger Umgang mit Aussagen - lösten sich auf in einem Wust von persönlichen Geschichten, Gefühlen und  online angelesenen Anekdoten. Und eine Reihe privater Anbieter standen in den Startlöchern, um die Nachfrage ohne umständliche Prozedur zu bedienen."

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - London Review of Books

Jährlich sterben zwischen sieben und zehn Millionen Menschen an Luftverschmutzung, das sind viermal mehr als an Covid, und zwanzigmal mehr als an Krieg, Terror und Mord zusammen, mahnt David Wallace-Wells in einem deprimierenden Artikel. Besonders schlimm ist es in Indien: "Mehrere hundert Millionen Menschen leben und atmen in Städten, deren Luft permanent durch giftige Abgase verunreinigt ist. Im November mussten die Behörden in Delhi Schulen und Universitäten für unbestimmte Zeit schließen, Bauarbeiten einstellen lassen und die Hälfte der Kohlekraftwerke dicht machen, nachdem der Oberste Gerichtshof in Indien Notmaßnahmen gegen den giftigen Smog angeordnet hatte. Dabei war der Smog nicht neu, die Reaktionen waren es. In der ganzen Stadt hängt der Ruß in Büros, Foyers und Wohnungen, selbst in denen mit Luftfiltern. Oft wird er so dick, dass er den Luftverkehr lahmlegt. Selbst den Eisenbahnverkehr hat er unterbrochen, weil die Lokführer durch den Smog hindurch nicht mehr die Gleise erkennen können. Taxifahrer benutzen Anlagen, die den Ruß  aus der Luft filtern. Fußgänger können ihm nicht entkommen, was einer der Gründe ist, dass das Leben in Delhi, besonders an Smog-Tagen, dem Rauchen von mehreren Packungen Zigaretten am Tag gleichkommt. Die Stadt jat die höchste Rate an Lungenkrankheiten in der Welt: 60 Prozent der Einwohner, die mit mit COPD diagnostiziert werden, der Chronischen Lungenobstruktion, sind keine Raucher."

Perry Anderson rühmt die moldawische Philosophin und Historikerin Stella Ghervas, die sich mit ihrer europäischen Geschichte "Conquering Peace" in die Gruppe großer osteuropäischer Denker wie Dmitri Furman, Gáspár Tamás, Slavoj Žižek, Jan Zielonka einreihe: "Mit einem Titel von Shakespeare und Bildern von Tiepolo und Max Ernst behabndelt 'Conquering Peace' die verschiedenen Versuchen seit dem 18. Jahrhundert, Europa den Krieg auszutreiben. Für Ghervas waren die Friedensschlüsse, die jeden großen Ausbruch von Feindseligkeiten beendeten, ebenso bedeutsam wie die Konflikte selbst und oft von längerer Dauer. Jeder von ihnen wurde, so Ghervas, von einem bestimmten Zeitgeist inspiriert: Der Frieden von Utrecht 1714 vom Geist der Aufklärung, der Kongress von 1815 vom Geist von Wien; die Gründung des Völkerbundes 1920 vom Geist von Genf; in Europa nach 1945 Geist der Nachkriegsordnung vom Geist der Nachkriegsordnung; und schließlich das Ende des Kalten Krieges seit 1991 vom Geist des erweiterten Europas. All diese Regelungen seien durch einen 'Ariadnefaden' miteinander verbunden, das Streben nach Einheit und Frieden auf dem Kontinent. Ghervas zufolge waren diese Ziele untrennbar miteinander verbunden, auch wenn bei weitem nicht alle Akteure diese Sicht teilten. Dagegen standen die aufeinander folgenden Bestrebungen verschiedener Despotien - bourbonisch, napoleonisch, wilhelminisch, nationalsozialistisch, sowjetisch - nach einem universellen Imperium in Europa. Eine Periodisierung der Geschichte des Kontinents als Abfolge von Ideen, die seine langfristige Entwicklung bestimmen, kann kaum vermeiden, in den Verdacht des Idealismus zu geraten - nicht nur im moralischen Sinne des Begriffs, sondern in seiner philosophischen Bedeutung, deren Gegenteil der Realismus ist."

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - London Review of Books

Der Bildungsehrgeiz chinesischer Eltern hat hysterische Ausmaße angenommen, während zugleich die Arbeiterklasse gar nicht mehr einsieht, sich abzurackern, weil das bisschen Lohn sowieso für keine Wohnung reicht. Die KP muss also gegensteuern, wie Wang Xiuying in einem ihrer ungeheuer lesenswerten Berichte aus China erzählt. Als erstes hat Xi Jinping Videospiele für Kinder und Jugendliche verbieten lassen, zumal sie nur ein Prozent der Klientel stellen, aber 99 Prozent des Ärgers ausmachen. Aber Xi plant noch mehr: "Einige Journalisten behaupten, dass China zum deutschen Modell der beruflichen Bildung strebt, um seine Industriepläne besser umsetzen zu können. Das würde einen grundlegenden Kulturwandel bedeuten. Seit mehr als zweitausend Jahren wertet die chinesische Gesellschaft intellektuelle und literarische Beschäftigungen höher als technische oder manuelle Tätigkeiten, die eher mit Bauern, Handwerkern und Händlern verbunden werden. Wie Mengzi sagte: Wer mit dem Kopf arbeitet, herrscht, wer mit den Händen arbeitet, wird beherrscht.' Der Lohn von Arbeitern ist ist in den vergangenen Jahren schnell gestiegen, aber es wird noch lange dauern, bis ihr sozialer Status dem eines Doktors oder eines Professors gleichkommt. Die westlichen Geisteswissenschaften wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in das chinesische Bildungssystem integriert. Für Xi ist das Problem, dass die Universitäten zu viele Geisteswissenschaftler produzieren. Ägypten ist dafür sein abschreckendes Beispiel: ein aufgeblähtes Bildungssystem mit zu vielen Abgängern in den Geisteswissenschaften führt unaufhörlich zu Protesten und Revolten. Viel Gerede, kein Machen. Im April stellte ein Bericht der Chinesischen Volksbank fest, dass die ostasiatischen Länder wegen ihrer geisteswissenschaftlichen Überzahl in die Mittelschichtsfalle tappen. Es ist klar, dass die Bildung nun in eine utilitaristische Richtung gelenkt werden soll: Mehr Schüler werden in eine Berufsausbildung gedrängt, und die akademische Bildung auf Naturwissenschaften und Technologie konzentriert. Meine humanistisch ausgebildeten Freunde trösten sich damit, dass wir immerhin nicht im Krieg sind: Die Todesschwadronen der japanischen Kamikaze-Flieger schickten während des zweiten Weltkriegs 'nutzlose' Kunststudenten auf Selbstmordmission."

Magazinrundschau vom 09.11.2021 - London Review of Books

Der schwedische Humanökologe und militante Klima-Aktivist Andreas Malm glaubt nicht an das Heraufziehen eines Goldenen Zeitalters, wenn wir nur endlich mit dem Greeen New Deal in eine erneuerbare Zukunft starten. Den Historiker Adam Tooze wundert dies nur auf den ersten Blick, wie er zu Malms neuen Manfesten schreibt: "Als historische Analogie bevorzugt Malm den Ersten Weltkrieg und seine Folgen, eine Phase revolutionärer Umwälzungen und faschistischer Gewalt. ... Malms eigener politischer Hintergrund liegt im Trotzkismus, aber er erklärt sich selbst jetzt zum ökologischen Leninisten. Seine Mitautoren von 'White Skin, Black Fuel' nennen sich selbst das Zetkin-Kollektiv nach der deutschen Kommunistin und Feministin Clara Zetkin, deren Asche 1933 an der Kremlmauern bestattet wurde und auf deren Faschismus-Interpretation sie sich berufen. Einige werden Malm vorwerfen, Revolution spielen zu wollen, während der Planet in Flammen steht. Aber seine Position ist tatsächlich eine des tragischen Realismus. Für ihn und seine Mitstreiter ist das entscheidende Merkmal des Klimawandels, dass er ein 'revolutionäres Problem ohne revolutionäres Subjekt' ist. Die Umweltbewegung mag sich mit sozialen Bewegungen verbunden haben, aber sie selbst war nicht in der Lage, 'sich dem Kapitalismus mit derselben Kraft entgegenzustellen, die einst die Dritte Internationale oder die nationalen Befreiungsbewegungen aufbrachten, oder sogar die Sozialdemokraten; eine lahme Nachfolgerin: Sie gewann keinen Vietnamkrieg und baute nichts auf, was dem Sozialstaat gleichkommt'. Die Verbindung zwischen unserer Realität von heute und den Revolutionen vor hundert Jahren ist das Bewusstsein der drohenden Katastrophe. Die Revolutionäre des frühen 20. Jahrhunderts betrachteten die Versprechen des 19. Jahrhundert vom unaufhaltsamen Fortschritt als leer, oder wie Walter Benjamin als desaströs. Den totalen Krieg vor Augen pochten sie darauf, dass ihr Handeln entscheidend war, um die Katastrophe abzuwenden." Statt auf einen Green New Deal setzt Malm auf Kriegskommunismus.

In einem zweiten Text zu Andreas Malm kreist James Butler um Malms Manifest "Wie man eine Pipeline in die Luft jagt" und die Frage, wie militant die Umweltbewegung werden wird. In einem Schlenker scheint ihm ausgerechnet die Lausitz eine Bestätigung für Malms düstere Prophetie zu liefern: "In den letzten zehn Jahren ist Deutschland zum weltweit größten Produzenten von Braunkohle geworden. 2019 war das Land für 21 Prozent der Emissionen in der EU verantwortlich, 2018 war es der sechsgrößte Emittent von CO2 aus fossiler Energie. Sieben der zehn größten Einzelquellen von CO2 in Europa sind mit der deutschen Braunkohle verbunden. Mit wahrscheinlich keiner anderen Einzelaktion könnte man so entscheidend die europäischen Emissionen reduzieren wie mit der Schließung der Minen. Aber die Lausitz, wo viele der Gruben liegen, ist eine Hochburg der rechten AfD: Als die große Koalition 2017 über eine Schließung dieser Minen nachdachte, errang die Partei in der Region über dreißig Prozent."

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - London Review of Books

Jenny Turner versteht mit Samantha Hills kurzer Biografie zu Hannah Arendt, wie sich diese den Ruf der Lady Arrogant verdiente. Hill stelle auch klar, wie verfehlt es war, Arendt als Lifestyle-Philosophin, Frauenautorin oder Fernsehpopulistin abzutun. "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft" etwa ist ein heillos unorganisiertes Buch, so Turner, aber ungeheuer dicht, und vor allem in den Kapitel zu Antisemitismus und Imperialismus schlichtweg brillant. Man müsse es einfach als ein Archipel des Denkens begreifen. "Wie Hill berichtet, plante Arendt zunächst ein Buch mit dem Titel 'Die Elemente der Schande: Antisemitismus, Imperialismus, Rassismus'. Dann ging sie über zu 'Die drei Säulen der Hölle' mit Kapiteln wie 'Der jüdische Weg ins Zentrum des politischen Sturms',  'Die Desintegration des Nationalstaats', 'Rasse und Expansion', 'Ausgewachsener Imperialismus'.  ... Im letzten Kapitel des 'Imperialismus'-Teils erzählt sie die traurige Geschichte der Menschenrechte, seit sie 1789 zum ersten Mal proklamiert wurden. In Arendts Augen wurden sie niemals und nirgendwo richtig in Kraft gesetzt. Von Anfang an sei die Idee der universalen Menschenrechte mit dem Nationalismus verquickt gewesen, glaubte sie, mit den Kriegen und Revolutionen des modernen Europas, wie bei der Reise nach Jerusalem: Wenn die Musik aufhört und die Grenzen wieder geschlossen werden, finden sich die Glücklichen in Nationalstaaten, in denen sie erwünscht sind und die die Mittel haben, sich um sie zu kümmern. Die Unglücklichen sehen, auf beiden Seiten der Grenzen, dass ihnen ihre unveräußerlichen Rechte als Menschen überhaupt nichts nützen."

Nicht nur Julian Reichelts Karriere hat New-York-Times-Reporter Ben Smith gerade mit einem einzigen Artikel beendet, auch das gehypte Online-Magazin Ozy des Medienunternehmers Carlos Watson hat er mit einem Stich zum Platzen gebracht. Es war eine einzige Luftnummer. Für Ozy hatte der charismatische und auf allen Kanälen funkende Watson sehr erfolgreich Startkapital akquiriert, bis sich herausstellte, dass alles nur Fake war, wie Pooja Bhatia gelernt hat, die selbst drei Jahre bei Ozy gearbeitet und sich immerhin manchmal gefragt hatte, warum niemand die Seite kennt, wenn sie doch Millionen von Leser habe. Und sie berichtet von alten Bekannten: "Watson hatte eine unheimliche Fähigkeit, seriöse Journalisten zu rekrutieren, einige am Beginn ihrer Karriere, andere in der Mitte und erfolgreich. In seinem ersten Jahr erzielte Ozy massive Investments, angeführt von dem deutschen Mediengiganten Axel Springer. Mathias Döpfner, der CEO von Springer, wurde sogar Mitglied des Aufsichtsrats. Bei einem Besuch der Nachrichtenredaktion lobte er eine kurz zuvor erschienene Geschichte als bestes Porträt über Angela Merkel, das er je gelesen hatte. Das ist komisch, dachte ich. Der Autor hatte mit mit keiner einzigen Person gesprochen, es stand also nichts Neues drin."