Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 22.06.2010 - New York Times

Deep Blue mag Garri Kasparow besiegt haben, aber der Schachmeister wusste trotzdem um die Grenzen des Computers. IBMs neuer, Fragen beantwortender Supercomputer heißt Watson, und von ihm erhofft sich die Firma, "dass er den Computer von einer bloßen Rechenmaschine in etwas verwandelt, das die Intelligenz von Menschen erhöhen kann, die Entscheidungen treffen" - in der Medizin zum Beispiel oder - ausgerechnet! - an der Börse. In einem langen Artikel versucht Clive Thompson herauszufinden, wie nah IBM diesem Ziel bereits gekommen ist. Eine Hürde, die der Computer nehmen musste, war der Test seiner Fähigkeiten, auch mit Idiosynkrasien und impliziten Bedeutungen klarzukommen: Er musste in der Quiz-Show "Jeopardy!" antreten. Bei diesem Spiel muss man keine Antworten raten, sondern die Fragen zu den Antworten. Mit hunderten von Algorithmen und Superrechenpower ausgestattet, schlug sich Watson ganz gut. Die Zuschauer entdeckten sogar menschliche Züge: "Viele seiner menschlichen Opponenten fanden den Computer am reizendsten, wenn er klar daneben lag. Wenn er die Hinweise missdeutete, wenn er seltsame Fehler machte, so wie wir, wenn wir im Rampenlicht stehen. Während einer Runde ging es, zufällig, um IBM. Die Frage schien ein Kinderspiel für Watson zu sein... Aber aus welchem Grund auch immer, versagte Watson. Er kam mit falschen Antworten oder solchen, denen er selbst nicht traute. Das Publikum, das zum größten Teil aus IBM-Angestellten bestand, schien völlig in den Bann geschlagen." (Was Joseph Weizenbaum im Himmel vielleicht zum erstenmal provoziert, seine Eliza wie einen Menschen zu behandeln: Guck mal, altes Mädchen, das haben wir doch schon in den Sechzigern hingekriegt.)

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - New York Times

Russell Shorto porträtiert den niederländischen Politiker Job Cohen, der als Amsterdams Bürgermeister so großen Erfolg hatte, dass er als sozialdemokratischer Spitzenkandidat bei den Wahlen in der nächsten Woche Geert Wilders auf die Plätze verweisen könnte. Cohens Stunde schlug nach dem Mord an Theo van Gogh: "In Amsterdam betrieb Cohen seine eigene Agenda, in gewisser Entfernung von der nationalen Debatte. Das Management seiner äußerst multiethnischen Stadt in der Zeit nach dem 11. September ließ ihn Abstand nehmen von seinem traditionellen holländischen Liberalismus. Immigranten, meinte er, müssten Teil der Gesellschaft werden, und dies beinhaltet auch das Erlernen der Sprache, die Achtung der Gesetze und den Respekt vor dem, was er für den überragenden holländischen Wert hält: die Freiheit. Neuankömmlinge sollten, sagte er mir, einen holländischen Kanon wichtiger historischer Ereignisse und Persönlichkeiten lernen. Cohens Idee war, vom multikulturellen Extrem abzurücken, gleichzeitig aber das migrationsfeindliche Extrem zu meiden und eine pragmatische Einbeziehung zu betreiben. 'Die Dinge zusammenhalten', war, wie er mehrfach erklärte, das Motto seiner Stadtregierung." Die marokkanische Community steht übrigens geschlossen hinter ihm.

Einen ziemlich unterkomplexen Blick auf die Lage in Sri Lanka wirft Lynn Hirschberg der Agitprop-Rapperin M.I.A. vor. Verlobt mit Ben Bronfman, Sohn des Chefs von Warner Music, unterstützt sie in ihren Liedern gern den Kampf der Tamil Tigers ("You wanna win a war? / Like P.L.O. I don?t surrender") und liebt Provokationen: "'Ich möchte irgendwie ein Außenseiter sein', erklärte sie, Pommes mit Trüffelgeschmack kauend." Bei M.I.A. selbst hat das Interview schon wüste Reaktionen hervorgerufen.

In der Sunday Book Review verteidigt der konservative Kolumnist Nicholas D. Kristof den Islam gegen Ayaan Hirsi Ali und ihr neues Buch "Ich bin eine Nomadin": "Auf uns, die wir viel durch Afrika und Asien gereist sind, wirken Beschreibungen des Islams oft richtig, aber unvollständig. Die Unterdrückung der Frauen, der Verfolgungskomplex, der Mangel an Demokratie, die Unbeständigkeit, der Antisemitismus, die Schwierigkeit, sich selbst zu modernisieren, sein überproportionaler Anteil am Terrorismus, - das alles ist real. Aber wenn dies das einzige Gesicht des Islams sein sollte, wäre er heute nicht die am schnellsten wachsende Religion in der Welt. Es gibt auch die warmherzige Gastfreundschaft, die auch Christen und Juden einschließt; die Wohltätigkeit gegenüber den Armen; die ästhetische Schönheit des koranischen Arabisch; das Gefühl einer demokratischen Einheit, wenn Arm und Reich Schulter an Schulter in der Moschee beten."

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - New York Times

In einem hübschen Essay für das (ebenfalls bald zahlbare) New York Times Magazine vergleicht Virginia Heffernan das Web mit einer Großstadt, offen, chaotisch, hässlich, voller Abenteuer, aber auch Gefahren wie Spam, Pornos und Phishing. "Jetzt gibt es einen Ausweg, eine ordentliche Vorstadt, wo Sie die Vorteile des Netzes genießen können, ohne mit dem Pöbel in Kontakt zu kommen. Diese Vorstadt ist bebaut mit Apps aus dem Designkatalog des vornehmen App Stores, hübsche Eigenheime, weit weg vom Stadtzentrum, naturnah gelegen in den Applecrest Estates. Der Auszug aus dem offenen Netz in teure und abgeschlossene Apps ist gleichbedeutend mit urbaner Dezentralisierung und dem 'white flight', der Stadtflucht der reichen Weißen."

Ganz begeistert schreibt Lloyd Grove über Sarah Ellisons Buch "War at the Wall Street Journal", das die Übernahme des Wall Street Journal durch Rupert Murdoch und die Niederlage der bis dahin regierenden Bancroft-Familie "filmreif" nacherzählt. Nur mit dem Titel ist er nicht ganz einverstanden: "Vielleicht ist Krieg - als eine Auseinandersetzung zwischen annähernd gleichen Gegnern - gar nicht das richtige Wort. Denn Murdochs Überlegenheit stand wie seinerzeit, als die UdSSR über Ungarn herfiel, in keinem Moment in Frage." (Na, dann hoffen wir mal, dass für die New York Times nicht das gleiche gilt!)

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - New York Times

Im NYT Magazin stellt Andrew Rice neue journalistische Projekte wie The Faster Times, True/Slant, Demand Media und Business Insider vor. Eine Lektion haben sie alle gelernt: Wenigstens etwas Geld machen sie nur, wenn sie die Leserinteressen berücksichtigen. Und die klicken eher auf Klatsch als auf Informationen. Im März schrieb Henry Blodget von Business Insider, das sowohl echte News als auch Klatsch veröffentlicht: "'Vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Theorie zu lancieren: Wir suhlen uns alle gern in der Gosse. Das, worauf wir klicken, zeigt genau, wofür wir uns interessieren, egal, wie sehr wir dagegen protestieren oder vom Gegenteil überzeugt sind.' Wenige Tage später präsentierte Blodget in einer Diskussion mit dem Reuter-Kolumnisten Felix Salmon eine Rechnung, wonach ein Online-Journalist, der sein Jahreseinkommen von 60.000 Dollar wieder einspielen will, kolossale 1,8 Millionen Seitenaufrufe generieren muss." Und vermarkten!"

Weiteres: Wie sich die chinesische Zensur auch in den Köpfen westlicher Journalisten und Akademiker festsetzt, beschreibt Emily Parker in der Book Review: "Während die Zensur Pekings allgemein bekannt ist, wird die Selbstzensur westlicher Autoren mit unbehaglichem Schweigen zugedeckt. Die Vorstellung, dass Wissenschaftler 'kollektiv ihre akademischen Ideale kompromitieren, um Zugang zu China zu bekommen, beleidigt die Leute intellektuell, aber wir alle tun es', sagte mir kürzlich ein Professor einer amerikanischen Universität im Telefoninterview.

Und Anthony Julius preist Paul Berman als den Julien Benda unserer Zeit. Berman mache in "The Flight of Intellectuals" den heutigen Verrat der Intellektuellen an drei Punkten fest: "Der falschen Gleichsetzung liberaler Werte mit einem unterdrückenden Westen und des politischen Islamismus mit einer unterdrückten Dritten Welt; eine unreflektierte, unqualifizierte Gegenerschaft zu jeder amerikanischen Machtausübung; eine gewisse Blindheit oder sogar Gewogenheit gegenüber Äußerungen eines zeitgenössischen Antisemitismus."

Magazinrundschau vom 11.05.2010 - New York Times

Brook Larmer schickt eine Reportage aus Sichuan, wo im Mai 2008 87.000 Menschen bei einem Erdbeben starben. Die Regierung lässt sich einiges einfallen, um die Sache in den Griff zu bekommen: Aus dem Erdbebengebiet wird ein Touristenziel und staatliche Agenturen bringen Witwer und Witwen zusammen, auf dass sie sich neu verheiraten. "Indem sie 'Erdbebenhochzeiten' unter Chinas fünf-Sterne-Banner abhält, verwandelte die Regierung den Akt, vorwärts zu schauen und sich neu zu verheiraten, in eine patriotische Pflicht. Wiederverheiratung kann handfeste Vorteile bringen, nicht nur für die Individuen, sondern auch für den Staat. Im armen ländlichen Sichuan hat eine Familie mit zwei Erwachsenen größere Chancen, ohne staatlich Hilfe zu überleben, als ein einzelner Mann oder eine Frau mit Kind. Die Last des Wiederaufbaus wird von zwei Häusern auf eins reduziert. Das Vorwärtsgehen, auf das die Regierung solchen Nachdruck legt, ist auch eine Art des Vergessens. Um Kritik am Zusammensturz tausender instabil gebauter Schulen abzuschwächen, in denen über 5.300 Schüler starben, zahlte die Regierung Eltern, die Kinder verloren hatten, nur eine Entschädigung, wenn diese eine Klausel unterschrieben, wonach sie 'dem Gesetz gehorchen und Ruhe bewahren' müssten - eine indirekte Drohung, die Angelegenheit nie wieder zu erwähnen."

In der Sunday Book Review bespricht Harold Bloom ein Buch von Anthony Julius über die Geschichte des Antisemitismus in England - Bloom ist besonders unglücklich über Shakespeares Zeichnung des Shylock: "Keine Darstellung eines Juden in der Literatur wird Shylock jemals an Macht, negativer Eloquenz und Überzeugungskraft übertreffen." Auch wenn ein Martin Heidegger ein Nazi war, sollte man seine Bücher wirklich aus den Philosophieregalen entfernen und ins Propagandaregal neben Alfred Rosenberg stellen, wie Emmanuel Faye in seinem Buch über Heidegger vorschlägt? Das scheint dem Rezensenten Adam Kirsch etwas zu weit zu gehen, mit Daniel Maier-Katkins Buch über die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger kann er sich aber auch nicht anfreunden - zu apologetisch. Und auch Francis Fukuyama hat die Biografie eines Mannes gelesen, der politisch unmöglich ist und doch endlos faszinierend: Julian Youngs Nietzsche-Biografie.

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - New York Times

Es gibt einen neuen Trend: Self tracking. Man zeichnet alle mögliche Daten über sich auf, vom Kalorien-Verbrauch bis zu den Themen bei Kneipengesprächen und sucht nach Korrelationen und Querverweisen. Längst gibt es Geräte wie Tachometer in Sportschuhen und Websites wie CureTogether, die die Datenaufzeichnung unterstützen. Und die Methoden verfeinern sich. Er selbst habe lange Zeit seine Arbeitstunden gezählt und sich wie ein böser Boss aufgeführt, schreibt Gary Wolf in einem epischen Artikel für das New York Times Magazine, dann habe er im Netz verfeinerte Methoden gefunden: "Nach ein paar Wochen guckte ich auf die Daten und war verblüfft. Mein Tag war ein Flickenteppich aus Zerstreuung, unterbrochen von kostbaren, aber zu seltenen Inseln der Konzentration. Insgesamt betrug die Zeit ungeteilter Aufmerksamkeit weniger als drei Stunden. Nachdem ich die Demütigung überstanden hatte, sah ich ein, wie wertvoll diese Erkenntnis war. Die Effizienzlektion war, dass ich viel gewinnen konnte, wenn ich meinen Arbeitstag nur um einige wenige Minuten verlängerte, solange diese Minuten gut nutzbar gemacht wurden."

Und in der Sunday Book Review: "If the Oxford English Dictionary had a listing for 'all over the place,' Vollmann would take up the entire entry. And the next one", erklärt ein erschöpfter Pico Iyer nach Lektüre von William T. Vollmans neues Werk "Kissing the mask. Beauty, Understatement and Femininity in Japanese Noh Theater With Some Thoughts on Muses (Especially Helga Testorf), Transgender Women, Kabuki Goddesses, Porn Queens, Poets, Housewives, Makeup Artists, Geishas, Valkyries and Venus Figurines" (Leseprobe), Josef Joffe nimmt Tony Judts Buch über den Zustand der Sozialdemokratie "Ill fares the land" (Leseprobe) auseinander und David Gates liest Tom Nolans Biografie des Jazzklarinettisten Artie Shaw.

Hören Sie hier - zusammen mit Paulette Godard und Fred Astaire - Artie Shaws "Concerto for Clarinet":


Magazinrundschau vom 27.04.2010 - New York Times

Im New York Times Magazin schreibt Mark Leibovich über das 2007 gegründete und seitdem enorm einflussreiche politische Internetmagazin Politico und den Mann, der niemals schläft: Politico-Reporter Mike Allen, dessen Newsletter Playbook zwischen 5.30 und 8.30 Uhr morgens etwa 30.000 Leute täglich lesen. Die meisten sind Journalisten, Politiker, Lobbyisten - Washingtonleute eben. "Die Leute in dieser Community wollen alle dieselben 10 Geschichten lesen', sagt er. 'Um die zu finden, muss ich 1000 Geschichten lesen.' ... Allen ist ein Meisteragreggator. Das führt dazu, das einige Playbook als copy-und-paste-Übung abqualifizieren. Aber dieser Vorwurf ignoriert Allens Fähigkeit, Neuigkeiten als erster zu lancieren (und sei es auch nur für 15 Minuten), aus Emails auszuwählen, die nur er erhält, Vorabexemplare von Büchern und Magazinen zu bekommen und die Hauptnachricht vom Grund des Reporterpools zu bergen. Er hat eine Gabe, genau die Informationen herauszufiltern, die eine informationsgesättigte Meute am meisten interessieren und von denen sie nichts wusste, als zu Bett ging. Playbooks Politik ist 'agressiv neutral', und Allen sagt, seine sei es auch - er weigert sich zu wählen. So wie viele Quellen mit [Bob] Woodward reden, weil sie glauben, dass alle anderen es auch tun, flüstert das Weiße Haus Allen früh Themen zu, weil sie wissen, dass zum Beispiel Dick Cheney Allen mit seiner Kritik an der jetzigen Regierung füttert." Kritik an Politico? Gibt es auch, zum Beispiel von Mark Salter, einem Wahlkampfhelfer von John McCain. "'Es ist die Verkürzung des Nachrichtenzykluses. Es ist die Trivialisierung von Neuigkeiten. Es ist die Klatschnatur der Nachrichten. Es ist die Eigenwerbung.' Er bittet mich, wenn ich das zitiere, auch zu erwähnen, dass er viele Politico-Reporter mag und respektiert, allen voran Mike Allen."

In der Book Review rezensiert NYT-Chefredakteur Bill Keller höchstpersönlich Alan Brinkleys Biografie des Time- und Life-Gründers Henry Luce. Keller schätzt Luce als Journalisten alter Schule, obwohl das Time Magazin wie ein Blog begann - als Aggretator von Meldungen aus verschiedenen Zeitungen. Luces "erklärte Mission war es, 'die ungebildete Oberschicht, den geschäftigen Geschäftsmann, die müde Debütantin zu bedienen und sie wenigstens einmal die Woche auf ein Tischgespräch vorzubereiten'". Luce selbst wurde, so Keller, in einer anderen Biografie von David Halberstam als "zum Teil hinterwäldlerisch beschrieben, und er hielt fest, dass 'unsere besten Redakteure immer schon wenigstens zum Teil hinterwäldlerisch waren. Alles war neu und frisch und möglich für sie, sie hielten nichts für garantiert.'" Vielleicht genau das, was Keller abgeht?

Magazinrundschau vom 13.04.2010 - New York Times

Hört nicht auf die Klimaskeptiker, rät Nobelpreisträger und New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman in einem epischen Artikel für das Magazin der Zeitung: "Building a Green Economy" ist der Titel, und seine Herangehensweise definiert Kurgman so: "Unsere Analyse sollte von der nicht abzuweisenden Perspektive der schieren Katastrophe geleitet sein." Optimistisch bleibt er trotzdem: "Wie die Debatte über den Klimawandel selbst sieht die Debatte über die Klimaökonomie von innen ganz anders aus als von außen. Der Gelegenheitsleser mag bezweifeln, dass es möglich sein soll, Emissionen zu reduzieren, ohne der Wirtschaft schwer zu schaden. Aber sobald man den Lärm der Lobbys herausfiltert, entdeckt man eine große Einmütigkeit unter Umweltökonomen, dass ein marktwirtschaftliches Programm zur Bekämpfung des Klimawandels große Ergebnisse zu bescheidenen, wenn auch nicht geringen Kosten zeitigen kann."

Außerdem in der New York Times Book Review: Edith Grossman, Don-Quichotte-Übersetzerin und laut Harold Bloom sowieso der "Glenn Gould der Übersetzer" hat eine Polemik gegen die Übersetzungsfaulheit der Amerikaner geschrieben (Auszug) - Richard Howard, selbst Übersetzer, kann nicht umhin, sie zu feiern. Hierzu auch ein kleines Interview mit Grossman. Besprochen wird auch Ian Burumas neues Buch "Taming the Gods - Religion and Democracy on Three Continents" (Auszug).

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - New York Times

Das Titelbild des New York Times Magazines zeigt zwei entzückende weiße Kaninchen, fotografiert von Jeff Koons. Die Frage, die in Regenbogenfarben darüber liegt, lautet: Sind sie schwul? Jon Mooallem hat Wissenschaftler besucht, die gleichgeschlechtliche Handlungen bei Tieren untersuchen. Bei 450 Arten wurden man bisher fündig. Diese Untersuchungen, erklärt er, haben auch einen großen Einfluss auf die Vorstellung von menschlicher Sexualität. "In der viktorianischen Ära wurden Beobachtungen gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Schwänen oder Insekten als Beweis dafür angesehen, dass Homosexualität bei Menschen unmoralisch ist. Denn zu Beginn der Industrialisierung und des Darwinismus glaubten die Menschen, sie seien zivilisierter als die 'niederen Tiere'. Robert Mugabe und die Nazis haben dieselben Argumente benutzt, ebenso die Antischwulen-Aktivistin aus den Siebzigern, Anita Bryant, die, wie der Biologe Bruce Bagemihl [in seinem 1999 erschienenen Buch 'Biological Exuberance'] notiert hat, in einem Interview behauptete, 'nicht einmal Farmtiere tun, was Homosexuelle tun'. Sie blieb unbeeindruckt, als der Interviewer ihr erklärte, was tatsächlich auf einem Bauernhof alles geschieht. Auf der anderen Seite hat eine australische Drag Queen, bekannt als Dr. Gertrud Glossip, Bagemihls Buch benutzt, um eine feierliche Schwule-Tiere-Tour für schwule und lesbische Touristen durch den Zoo von Adelaide zu gestalten. Bagemihls Buch wurde auch zitiert in einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs 2003, die das Sodomieverbot in Texas abschaffte, und es wurde zitiert in einer britischen Parlamentsdebatte um ein neues Gesetz."

Magazinrundschau vom 30.03.2010 - New York Times

Mit Blick auf etliche Manifeste der letzten Zeit - David Shields "Reality Hunger" oder Jaron Lanier "You Are Not a Gadget" - erinnert Wen Stephenson daran, dass Manifeste eine europäische und ganz unamerikanische Form des Protestes sind: "Wir schreiben Jeremiaden". Den Unterschied erklärt er mit Rückgriff auf Sacvan Bercovitchs "The American Jeremiad" so: "Wenn das Manifest furchtlos in die Zukunft blickt und die etablierte Ordnung durch etwas gänzlich Neues ersetzen will, dann ist die Jeremiade überspannt und nostalgisch zugleich und blickt ängstlich über ihre Schulter in eine paradiesische Zukunft zurück. Die amerikanische Jeremiade, beobachtet Bercovitch, macht die Angst zu ihrem Mittel und ihrem Zweck."

Wie willkürlich rassische Unterscheidungen sind, hat Linda Gordon in Nell Irvin Painters schön provokanter "History of White People" gelernt: "Einige antike Schilderungen betonten die Hautfarbe, etwa wenn die Griechen bemerkten, dass ihre 'barbarischen' nördlichen Nachbarn, die Skythen und Kelten, hellere Haut hatten, als die Griechen für normal erachteten. Die meisten Völker des Altertums definierten Bevölkerungsunterschiede kulturell, nicht physisch, und betrachteten hellere Menschen als weniger zivilisiert. Jahrhundert später hielten europäische Reiseschriftsteller ausgerechnet die hellhäutigen Kaukasier als am besten für die Sklaverei geeignet, kürten kaukasische Frauen aber zugleich zum Inbegriff der Schönheit. Frauen von angeblich niederer 'Rasse' zu exotisieren und sexualisieren, hat eine lange und andauernde Tradition im rassischen Denken, nur dass es heute meistens schwarze Frauen trifft."