
Die mexikanische
Schriftstellerin Valeria Luiselli hat mit ihrer Familie die
Grenze zwischen den USA und Mexiko besucht. Weil sich die Kinder bei den Recherchen langweilten, besuchten sie zwei Grenzstädtchen, die vom
Reenactment historischer Ereignisse leben (die Schießerei am OK Corral etc.). Und hier
lernt Luiselli langsam mehr über die Mentalität der Grenzbewohner, die zum Teil freiwillig auf Patrouille gehen, um illegale Flüchtlinge aufzuspüren. Einen Zusammenhang mit der in den Reenactments gefeierten schießwütigen Selbstjustiz des 19. Jahrhunderts, oder mit der Tatsache, dass Mexikaner, Schwarze und Indianer nur als
feindselige Angreifer vorkommen, will man dort nicht sehen. "Die Geschichte von Grenzstädten wie Shakespeare und Tombstone ist eine, in der vor allem
weiße Bevölkerungsgruppen nach Westen zogen, Territorium beanspruchten und diejenigen, die bereits dort waren, gewaltsam vertrieben oder getötet wurden, dann dieses Territorium gegen 'Eindringlinge' verteidigten, die oft die früheren Bewohner waren - also Indianer und später Mexikaner - und schließlich Gesetze aufstellten. Diese letzte Phase der Grenzgeschichte ist das, was am häufigsten für Reënactments ausgegraben wird: eine manichäische Darstellung von guten (weißen) Gesetzeshütern gegenüber schlechten (weißen) Cowboys, die letztlich eine
Feier zur Gründung des weißen Amerikas ist. Der Rest - der Teil, in dem es darum geht, nicht-weiße andere zu töten oder zu verbannen, um beanspruchtes Land zu verteidigen - wird bequemerweise weggelassen. Aber die Praxis lebt weiter, in einer Art Reënactment mit sehr realen Folgen, bei dem die Protagonisten
zivile Grenzpolizisten sind - Menschen, die überzeugt sind, dass sie das Recht haben, alles tun zu dürfen, um andere, insbesondere nicht-weiße andere, von diesem Land fernzuhalten."
Jon Lee Anderson
untersucht die Spaltung der
venezolanischen Gesellschaft zwischen
Juan Guaidó (Voluntad Popular) und
Nicolás Maduro (Vereinigte Sozialistische Partei), die mit harten Bandagen kämpfen und drohen, eine internationale Krise heraufzubeschwören. Inzwischen hat man sich aber, unter dem Druck der Verhältnisse auf Verhandlungen geeinigt. "'Die große Unsicherheit ist,
was das Militär tun wird'", sagt Luis Vicente León, Venezuelas prominentester politischer Meinungsforscher, zu Anderson. "Es sei ein Fehler gewesen, die Armee zu zwingen, sich von Maduro zu trennen, sagt er. 'Die Militärs sind die Regierung und sie wollen wissen, wo sie
nach Maduro stehen.' Er weist außerdem darauf hin, dass ein erfolgreicher Coup nicht notwendigerweise zu einer weniger brutalen Regierung führen muss. 'Was passiert, wenn das Militär gegen Maduro vorgeht, aber sich auch nicht mit der Opposition verträgt? Es kann
mächtiger und repressiver werden. Dann haben wir eine echte Diktatur.' Die einzige realistische Lösung, so León, besteht darin, irgendwie einen Konsens zu finden. 'Wir sind dazu verdammt, mit den Bösewichten zu verhandeln', sagte er. 'Sonst wird dieses Land bald unregierbar.'"
Außerdem in dieser
Ausgabe, die fast ganz der
Literatur gewidmet ist:
Orhan Pamuk erzählt von seiner Schulzeit in einer Schweizer Grundschule. Und auch
Ta-Nehisi Coates (
hier),
Han Ong (
hier),
Jennifer Egan (
hier),
Dinaw Mengestu (
hier) und andere erzählen von ihren Erfahrungen in einem "fremden Land".