9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 - Gesellschaft

Nach der Polizeikolumne diskutiert die taz weiter. Heute berichten RedakteurInnen mit dunklerer Hautfarbe über ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Polizei. Jasmin Kalarickal schreibt: "Ich kann kaum zählen, wie oft ich in Deutschland anlasslos kontrolliert wurde. In EU-Grenzbereichen, am Bahnhof, im Auto, mitten auf der Straße ... Ich selbst habe nie körperliche Gewalt vonseiten der Polizei erfahren. Manche Polizist*innen haben mich abfällig behandelt, die meisten waren höflich. Trotzdem: Nur wegen der Hautfarbe immer wieder kontrolliert zu werden, hat etwas mit mir gemacht."

Felix Lee wehrt sich dagegen, einen ganzen Berufsstand zu verdammen: "Als Lokalreporter hatte ich 2001 über einen Neonazi-Aufmarsch zu berichten. Nach dem Aufmarsch sah ich mich plötzlich von einer Gruppe Neonazis umzingelt. Einer schlug mir mit der Faust seitlich an den Kopf. Eine Polizistin, die das gesehen hatte, eilte sofort herbei und stellte sich dazwischen. Sie hatte sich selbst in Gefahr gebracht, denn Verstärkung rückte erst kurze Zeit später an. Wäre sie nicht gewesen - ich wäre nicht nur mit einem blauen Auge davongekommen."
Stichwörter: Polizeigewalt, Hautfarbe, Faust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 - Gesellschaft

Die Gewalt in Stuttgart soll eine neue Qualität haben? Iwo, meint taz-Redakteur Jan Feddersen. "Das hat nie aufgehört und wird es nie. Riots in den französischen Vorstädten, in Hamburg bei Rock-'n'-Roll-Konzerten von Bill Haley, die Schwabinger Krawalle Anfang der Sixties, vor Paris oder anderswo, in Zürich, Tumulte im London der achtziger Jahre - Empörung nicht nach dem Schema Rassismus/Ausgrenzung/Diskriminierung, sondern mit der Lust am eigenen Irresein, an der Noch-nicht-Eingepasstheit der Erwachsenen mit der Ungewissheit an der eigenen Perspektive, die man aber, siehe aktuell Stuttgart, wenigstens für einen lauen Sommerabend vergisst."

In der FAZ findet Sandra Kegel die Vorurteile gegen deutsche Polizisten, die oft einfach mit den amerikanischen Kollegen gleichgesetzt würden, gefährlich: "Jede Situation, jede noch so kleine Kontrolle sei inzwischen unvorhersehbar und könne eskalieren, wissen sie, befeuert durch Vorwürfe eines 'latenten Rassismus' wie zuletzt von Saskia Esken. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte, wenn etwa nach offiziellen Angaben unter den 49000 Bundespolizisten seit 2012 nur fünfundzwanzig Verdachtsfälle mit rassistischem Hintergrund aufgefallen sind."
Stichwörter: Rassismus, Diskriminierung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 - Gesellschaft

Die "Initiative Schwarze Menschen" in Deutschland und das Kunstkollektiv "Peng" haben eine Deutschlandkarte erstellt, die koloniale Spuren zeigt. Es gibt Hunderte Straßen, die auf Umbenennung, und Denkmäler, die auf ihren Sturz warten. Erik Peter unterhält sich in der taz mit der Aktivistin Simone Dede Ayivi, die einen kreativen Rausch in Aussicht stellt: "Wenn wir eine antirassistische Gesellschaft wollen, müssen wir fragen, wer sind die Opfer, die wir ehren wollen? Ein leerer Sockel ist ein guter Schritt, um das herauszufinden. Über diese Leerstellen sollen breite Diskussionen geführt werden. Dann kann man etwa Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent einladen, die Plätze, auf denen bislang Kolonialisten gedacht wurde, neu zu gestalten."

Tobias Gralke würdigt bei 54books die Verdienste der Kartierung von kolonialistischen Denkmälern: "Jetzt, wo die Puzzleteile des deutschen Kolonialerbes ihrer Verstreutheit in Kleinstädten, Wäldern und Museumsarchiven entrissen und digital zusammengeführt werden, fällt auf, wie omnipräsent und gleichzeitig unbewusst, wie unzeitgemäß und gewaltvoll eine offizielle Geschichtsschreibung ist, die den deutschen Kolonialismus seit Jahrzehnten aus Sicht heroisierter Täter*innen erzählt."

In Berlin-Zehlendorf wurde die Statue einer schwarzen Frau mit Baseballschlägern attackiert. Ob aus Rassismus oder Protest gegen Rassismus, ist noch unklar, berichtet Peter Richter in der SZ. Letzteres sei aber wahrscheinlicher: "Der Bezirk Zehlendorf wollte die Skulptur auf jeden Fall schon seit einiger Zeit aus dem Stadtbild zu entfernen: Der Titel 'Hockende Negerin', die primitivistische Art ihrer Darstellung, auch die spätere NSDAP-Mitgliedschaft ihres Erzeugers, eines Bildhauers mit dem Namen Arminius Hasemann, hatten schon vor der Attacke zu dem Beschluss geführt, die Plastik in die Zitadelle Spandau bringen zu lassen, wo sich Berlins Endlager für abgeräumten Stadtschmuck befindet." Richter fragt sich, ob man Plätze überhaupt mit Statuen schmücken sollte.

Auch in Frankreich werden Statuen gestürzt, erzählt Claudia Mäder in der NZZ. Um Ambivalenzen schert sich dabei niemand: "Victor Schœlcher zum Beispiel ist eine überaus interessante Figur. Noch bevor die Statuenstürze im angelsächsischen Raum begannen, waren am 22. Mai zwei Monumente demoliert worden, die an den Sklavenbefreier erinnerten. Ja, der aus dem Elsass stammende Schœlcher hat das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei initiiert, das Frankreich im Jahr 1848 erließ. Aber Schœlcher war auch als Politiker in der Dritten Republik aktiv, die ab den 1870er Jahren das französische Kolonialreich ausbaute. Also haben Aktivisten auf Martinique die Schœlcher-Denkmäler zerstört, um Platz zu schaffen für andere, eigene, eindeutigere Helden."

In der NZZ staunt Pascal Bruckner, wie schnell manche in der Coronakrise die Alten wegsperren wollten, um den Jungen mehr Freiraum zu verschaffen: "Die Phantasie, dass ein parasitäres Gesellschaftssegment abtreten oder zumindest aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, um den Platz den Jüngeren zu überlassen, ist absolut erbärmlich - auch wenn diesen Traum natürlich längst nicht alle Jungen teilen und beileibe nicht jeder dazu bereit wäre, seine Eltern und Großeltern über Bord zu werfen. Es würde zuletzt auch gar nichts bringen, denn die ganze Fokussierung auf die 'Altersschwachen' ist eine illusorische Beruhigung: Nur die Forschung kann die gesundheitliche Krise lösen."

Bei Emma zeigt sich die kanadische Journalistin Megan Murphy schockiert über das Ausmaß des Hasses, der J.K. Rowling wegen eines Tweets von Transfrauen und ihren Unterstützern entgegenschlägt. Rowling hatte sich über die Formulierung "Menschen, die menstruieren" lustig gemacht. Ben O'Keefe, ein ehemaliger Berater von US-Senatorin Elizabeth Warren, etwa tweetete zurück: 'Halt die Fresse, du transphobisches Dreckstück'. Auch die drei bekanntesten Harry-Potter-Darsteller distanzierten sich sofort von Rowling. "Der extreme Backlash aus Hass und Frauenfeindlichkeit ist zur Norm geworden. Die Reaktion auf jemanden wie Rowling zeigt das Ausmaß, wie trans AktvistInnen und ihre KumpanInnen sich daran gewöhnt haben, die Macht zu besitzen, Personen des öffentlichen Lebens, PolitikerInnen, FreundInnen und Familie so einzuschüchtern, dass sie sich ihrer Sichtweise unterwerfen. Und dass sie es einfach nicht mehr akzeptieren können, wenn eine bekannte Frau, die in der Öffentlichkeit steht, sich dem widersetzt. Es versetzt diese Leute in Angst und Schrecken, dass sie ihre Allmacht verlieren könnten."

In der Zeit fragt Christine Lemke-Matwey, warum sich der Streit eigentlich immer um Frauen dreht: "Männer jedenfalls, männliche Befindlichkeiten spielen im neuen Diskursgewitter so gut wie keine Rolle. Geben ihre Körper biopolitisch nichts her? Überwölbt die Performanz von Maskulinität weiterhin alles? Von 'Personen mit Prostata' jedenfalls spricht niemand, was auch statistische Gründe haben könnte. Abgesehen davon, dass um das Jonglieren mit Identitätsschablonen gerade unter Jugendlichen ein regelrechter Hype entbrannt ist, wollen achtmal so viele Mädchen Jungen werden wie Jungen Mädchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 - Gesellschaft

In der Berliner Zeitung denkt Harry Nutt über Polizeigewalt in den USA und die Randale von Stuttgart nach und erkennt einen allgmein gestiegenen Level an Aggressionen: "Angreifer verfügen über ein feines Gespür für die Schwäche ihrer Gegner, und der Staat bietet derzeit erstaunlich viele offene Flanken für die Gelegenheit, zumindest versuchsweise hineinzustechen. Aus einer Laune heraus richtet sich, nicht nur in Stuttgart, die Aggression plötzlich gegen Repräsentanten der Ordnungsmacht, die leider nicht nur in satirischen Texten, wie zuletzt in einer wenig unterhaltsamen Kolumne in der taz, infrage gestellt wird. Immer häufiger scheinen die Konflikte dabei identitätspolitisch aufgeladen zu sein. Wer angreift, wirft seine vollständige Existenz in den Ring."

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur gibt in der SZ Einblicke in die Lage des Corona-gebeutelten Iran, wo sich Momente der Vernunft und des Wahns immer wieder abwechseln. Und mitunter gibt es anscheinend auch kleine unbeherrschbare Ausbrüche von Frohsinn: "Um sich ein wenig Freude dabei zu erhalten, scheint iranisches Krankenhauspersonal regelmäßig Tanz-Challenges abzuhalten. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Videos, in denen das Personal in voller Schutzmontur zu traditioneller oder moderner iranischer Musik tanzt. Obwohl gemeinsames Tanzen nur verheirateten Frauen und Männern erlaubt ist und in der Öffentlichkeit verboten ist, schreiten die Behörden nicht gegen die Performances ein. Ein Twitter-Nutzer witzelte daher schon, Krankenhäuser mit Coronavirus-Patienten seien die einzigen Orte, an denen sich die religiöse Sittenpolizei nicht blicken lasse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2020 - Gesellschaft

Die Debatte um J.K. Rowling (mehr hier) die entgegen der Transgender-Lehre auf der Existenz von Frauen besteht, zieht in Großbritannien dagegen immer weitere Kreise. Wie der Guardian berichtet, haben mehrere Autoren die gemeinsame Literaturagentur verlassen: "In einem Schreiben erklären Fox Fisher, Drew Davies und Ugla Stefanía Kristjönudóttir Jónsdóttir, sie hätten nach Rowlings Intervention die Agentur gebeten, ' ihr Engagement für Transgender-Rechte und -Gleichberechtigung zu bekräftigen'. Nach vertraulichen Gesprächen sagten sie: 'Die Agentur sah sich offenbar nicht in der Lage, auf eine Art zu handeln, die wir für angemessen und sinnvoll gehalten hätten.' Im Ergebnis wollten die Autoren nicht länger von der Agentur repräsentiert werden und fügten hinzu: 'Meinungsfreiheit kann nur aufrechterhalten werden, wenn strukturelle Ungleichheiten, die der Chancengerechtigkeit für unterrepräsentierte Gruppen entgegenstehen, bekämpft und verändert werden.' In ihrer Antwort erklärte die Agentur Blair Partnership, dass sie stolz auf die Diversität sei, die in den Ansichten ihrer Autoren zum Ausdruck komme, aber sie könne keine Kompromisse machen, wenn es um die fundamentale Freiheit ihrer Autoren gehen, Gedanken und Meinungen zu äußern."

In der taz berichtet Gabriele Lesser von den Tiraden, mit denen Polens regierende PiS die LGBT-Community überzieht: "Tags zuvor war ein Nationalpopulist aus einer Talkshow des Privatsenders TVN geflogen. Seine Hetztirade 'LGBT sind keine Menschen, sondern eine Ideologie' war der Moderatorin zu viel: 'Es gibt Grenzen!' Doch nicht nur Polens Staatsoberhaupt verteidigte den Satz, mit dem über eine Million Staatsbürger und Staatsbürgerinnen Polens zu 'Nichtmenschen' erklärt wurden. Auch der PiS-Abgeordnete Przemysław Czarnek hieb in diese Kerbe. Im Staatssender TVP, im früheren öffentlich-rechtlichen Rundfunk, hielt er das Bild einer Pride-Parade in Los Angeles in die Kamera und empörte sich: 'Hören wir auf, uns diese Idiotismen von irgendwelchen Menschenrechten oder irgendeiner Gleichheit anzuhören. Diese Leute sind nicht wie normale Menschen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2020 - Gesellschaft

Empirie! In der NZZ schlüsselt Meret Baumann sehr genau auf, wie Amerikas Justiz Schwarze härter und häufiger bestraft als Weiße: "Der Kampf gegen Drogen ist deshalb Ursache sowohl für die Masseninhaftierung generell als auch für die Ungleichbehandlung der Ethnien im Besonderen. Obwohl Afroamerikaner 13 Prozent der Drogenkonsumenten ausmachen, was ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, betreffen 36 Prozent der Verhaftungen und 46 Prozent der Verurteilungen wegen Drogendelikten Schwarze. Dabei handeln sie nicht öfter mit illegalen Substanzen als andere Bevölkerungsgruppen. Studien haben gezeigt, dass Drogenkonsumenten den Stoff in der Regel bei Angehörigen ihrer eigenen Ethnie beziehen."

In der FAZ sieht Paul Ingendaay die weltweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt als überfälligen Impuls, langanhaltende und lange kleingeredete Ungerechtigkeiten ins Visier zu nehmen: "So verständlich es sein mag, dass sich Weiße in den wohlhabenderen Zonen der Erde darüber ärgern, wenn sie neue Begriffe und Bezeichnungen lernen sollen - wenn das Befremden darüber sich gelegt hat, müsste die Erkenntnis dämmern, dass hinter vielen Forderungen von Menschen afrikanischer Herkunft ein historisches Versäumnis steht, dessen wahre Dimension uns in den vergangenen Jahrzehnten, nicht zuletzt durch wissenschaftliche und künstlerische Arbeit, in seiner sprachlos machenden Unermesslichkeit vor Augen geführt wurde." Auf Politico meldet Maia de la Baume, dass das EU-Parlament in einer Resolution den Sklavenhandel zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt hat.

In einem sehr offenen Text in der taz berichtet Yasaman Soltani, wie sie am Leben in Deutschland verzweifelte, mit welcher Gehässigkeit sie immer wieder konfrontiert wurde und wie sie schließlich zurück in den Iran ging, den ihre Eltern verlassen hatten, als sie selbst sechs Jahre alt war: "Die Armut war direkt vor der Haustür, die Menschen waren hilflos und wütend. Und ich - ich war hierhergekommen, um mich selbst zu finden? Ich schämte mich. Der Blick vieler Menschen schien zu sagen: 'Die hat keine Ahnung. Diese verwöhnten Europäer, die dort im Überfluss leben, wissen nicht, was wirkliche Probleme sind.' Und sie hatten recht. Das dicke Fell, das sich die Menschen hier hatten zulegen müssen, fehlte mir. Nach einem halben Jahr machte mir alles zu schaffen. Die Luftverschmutzung, die mir in meiner Wohnung den Atem nahm, das Chlor im Wasser, das unter der Dusche in meinen Augen brannte, das blöde Kopftuch, das meine Haare platt drückte. Ich gehörte nicht mehr zu diesem Land, schon lange nicht mehr. Doch ich wollte bleiben, mir beweisen, dass es ging. Wie konnte ich nach sechs Monaten aufgeben und einfach an das Leben in Deutschland anknüpfen? Es war kein Entweder-oder, es war zu einem Weder-noch geworden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2020 - Gesellschaft

Lockerungen ja, aber dann muss auch die Maskenpflicht durchgesetzt werden, fordert Sabine Beikler im Tagesspiegel angesichts der steigenden Zahl von Neuinfektionen in Berlin: "Nur mit einem Bußgeld haben BVG-Sicherheitsleute und die Polizei eine rechtliche Handhabe, die Maskenpflicht zu kontrollieren und sie auch durchzusetzen. Die Zahlen der BVG belegen, dass nur noch zwei von drei Berlinern in der U-Bahn Maske tragen."

Auch an den Universitäten wünschen sich Lehrende wie Lernende langsam wieder eine Rückkehr zum Präsenzunterricht, meint in der SZ der Historiker Norbert Frei, der fürchtet, die Digitalisierung könnte künftig als Einsparungspotenzial von Personal und Räumlichkeiten verstanden werden: "Universität erschöpft sich nicht in Stoffvermittlung, Universität bedeutet intellektuellen Austausch und kritische Reflexion in der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Das aber erfordert Präsenz, wie ganz zu Recht ein von Germanisten initiierter offener Brief zur Lage konstatiert, den mittlerweile mehr als 4000 Hochschullehrerinnen und -lehrer unterzeichnet haben, darunter keineswegs nur die gerne als technikfeindlich verschrienen Geisteswissenschaftler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2020 - Gesellschaft

Wenn die Polizei nicht als Schutz, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird, dann gerät die Demokratie in Gefahr, weiß Joachim Käpnner in der SZ. Aber trotz NSU oder Fälle von Polizeigewalt und Rassismus, könne man die Polizei hierzulande nicht mit den USA vergleichen, meint Käppner: "In Deutschland ist die Polizeiausbildung gründlicher und ziviler als in den USA, wo mancherorts Leute a gun and a badge tragen dürfen, die man in Europa gar nicht erst zur Aufnahmeprüfung zulassen würde. .. Es fehlt jener giftige Mix aus Slums, Armut von Afroamerikanern, daraus resultierender Gangkriminalität, rassistischen Einstellungen keineswegs aller, aber doch vieler Polizeibeamter, der Allgegenwart von Schusswaffen und einer Militarisierung der Polizei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2020 - Gesellschaft

In der Debatte um J.K. Rowling und Transgender-Fragen (Unsere Resümees) plädiert der Sozialwissenschaftler und Transmann Till Randolf Amelung auf ZeitOnline vorsichtig für eine Mäßigung der Debatte auf beiden Seiten, führt aber etliche Beispiele an, in denen die Trans-Community völlig aus dem Ruder gelaufen ist: Die Parole "Erstick an meinem Frauen-Schwanz" sei etwa durchaus frauenfeindlich. Und warum wird selbst in Schwangerschaftsratgebern die verbale Abschaffung der "Frau" gefordert, aber nirgends die des Mannes? "Auseinandersetzungen gibt es auch um den 'Internationalen Frauentag' oder 'Internationalen Frauenkampftag' am 8. März. Inzwischen firmieren viele Veranstaltungen unter der Bezeichnung 'Feministischer Kampftag', so soll niemand durch die Verwendung von 'Frau' ausgeschlossen werden. Kritikerinnen empfinden dies als 'Auslöschung' des Begriffs und beklagen, dass es so unmöglich gemacht werde, spezifische Anliegen von Frauen klar zu benennen, womit man dem Patriarchat in die Hände spiele. In der Tat wird hier ein gewisses Missverhältnis sichtbar, denn vergleichbar vehemente Forderungen fehlen, wenn es um Männer geht. Nirgends wird zum Beispiel prominent gefordert, dass in Materialien zum Thema Prostatakrebs nur von 'Personen mit Prostata' die Rede sein soll, um diejenigen nicht auszuschließen, die eine Prostata haben, aber keine Männer sind."

Die harsch geführte Debatte um J.K. Rowling  ist "beispielhaft für den Kulturkampf einer zum Bildersturm und Denkmalsturz bereiten Jugend, die sich in Großbritannien mit schlechten Zukunftschancen konfrontiert sieht", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ Rowling verteidigend: "Viele treten nach dem Studium das Berufsleben mit einer hohen Schuldenlast an, so dass die Hoffnung, ein Haus zu erwerben - das Statussymbol des Erfolgs in diesem Land -, in weite Ferne rückt. Dennoch: Wer die Protestierenden von 'Black Lives Matter' als Tugendprahler abtue, schrieb die Times, übersehe eine historische Wahrheit: 'Dies ist eine Generation des Wandels, wie es sie seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben hat.' Der Widerspruch dieser Generation ist ihr Verlangen nach einem Wandel hin zu übergreifender Toleranz, Inklusion und Offenheit - Werte, die sie selbst gegenüber anderen nicht hochhält."

Jahrzehntelang wurden in Berlin Pflegekinder an pädophile Väter vermittelt, auf Betreiben des Sozialpädagogen Helmut Kentler und seines Pädagogischen Zentrums. In der FAZ versteht Hannah Bethke allerdings nicht, warum sich der Berliner Senat dagegen sträubt, die Betroffenen zu entschädigen: "Immer wieder wurde behauptet, niemand habe von den Vorfällen wissen können. Wer die Schriften von Kentler liest, die sehr eindeutig auf eine Legitimierung pädosexueller Handlungen abzielen, mag allerdings kaum glauben, es sei nicht klar gewesen, wes Geistes Kind der Mann ist. Allein war er mit diesen Positionen nicht: Berlin avancierte in den siebziger Jahren zum Zentrum der Bildungsreform und antiautoritären Erziehung, unter deren Deckmantel die Emanzipation und vermeintliche Freiheit der Kinder in Missbrauch übersetzt werden konnte."

Die taz bringt ein ganzes Dossier zum Thema Reisen. "Sommer ist keine Jahreszeit, sondern ein geträumter Zustand", sagt der Historiker Valentin Groebner, der im Interview mit Jan Feddersen seine eigenen Reise-Unlust bekennt. Anderen gönnt er den Urlaub durchaus, möchte nur auf den Wandel hindeuten, zum Beispiel was den Strand betrifft: "Vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts ging da niemand zum Vergnügen hin. Historisch gesehen ist der Strand die Zone für den Müll - und der gefährliche Transitraum zwischen Land und Meer, ein eher riskanter und gefährlicher Ort. Das änderte sich erst durch die Industrialisierung. Seitdem es Fabriken gab, im 19. Jahrhundert, fand man den Strand plötzlich schön."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2020 - Gesellschaft

Im Observer warnt Kenan Malik vor dem Vorwurf des "weißen Privilegs", denn er lenke von den wahren Problemen nur ab: "Das Problem des Rassismus ist in erster Linie ein soziales und strukturelles - von Gesetzen, Praktiken und Institutionen, die Diskriminierung aufrechterhalten. Die Betonung des 'weißen Privilegs' verwandelt ein soziales Problem in ein psychologisches. ... Mehr als die Hälfte der von der amerikanischen Polizei Getöteten sind Weiße, und während die Zahl der Tötungen von Afroamerikanern durch die Polizei in den letzten Jahren proportional zurückgegangen ist, hat die Zahl der getöteten Weißen stark zugenommen. Einige Analysen legen nahe, dass der größte Einflusswert bei Tötungen durch die Polizei nicht die Hautfarbe, sondern das Einkommensniveau ist - je ärmer man ist, desto wahrscheinlicher ist es, getötet zu werden. Andere Studien haben gezeigt, dass sich die erschreckend hohe Anzahl von Inhaftierten in Amerika besser durch Klassenzugehörigkeit erklären lassen und dass es 'bei Masseninhaftierungen in erster Linie um die systematische Verwaltung der unteren Klassen geht, unabhängig von der Hautfarbe'."

In Nigeria hat die Zahl der Vergewaltigungen seit dem Lockdown stark zugenommen, berichtet Johannes Dieterich in der FR: Nigerias Frauenministerin Pauline Tallen spreche von einer Verdreifachung. Nachdem jetzt mehrere Frauen und Mädchen so schlimm misshandelt worden waren, dass sie an ihren Verletzung starben, gingen die Nigerianerinnen auf die Straße: "Schon zu 'normalen' Zeiten gab jede vierte Nigerianerin bei einer Unicef-Umfrage an, schon einmal sexuell misshandelt worden zu sein. In den meisten Fällen kommt es dabei nicht einmal zur Anzeige: Die Frauen wollen die Tortur nicht noch weitere Male vor der Polizei und dem Gericht durchleben. Und zu einer Verurteilung kommt es so gut wie nie. Uwaila Omozuwas Tod rüttelte Nigeria allerdings auf. 'Wir haben genug!', riefen Demonstrantinnen in der Hauptstadt Abuja. In Benin City versammelten sich zornige Frauen vor dem Hauptquartier der Polizei und in der Hafenstadt Lagos drückten sie ihren Unmut vor dem Parlamentsgebäude aus."