Die "Initiative Schwarze Menschen" in Deutschland und das Kunstkollektiv "Peng" haben eine Deutschlandkarte erstellt, die
koloniale Spuren zeigt. Es gibt
Hunderte Straßen, die auf Umbenennung, und
Denkmäler, die auf ihren Sturz warten. Erik Peter
unterhält sich in der
taz mit der Aktivistin
Simone Dede Ayivi, die einen kreativen Rausch in Aussicht stellt: "Wenn wir eine antirassistische Gesellschaft wollen, müssen wir fragen,
wer sind die Opfer, die wir ehren wollen? Ein
leerer Sockel ist ein guter Schritt, um das herauszufinden. Über diese Leerstellen sollen breite Diskussionen geführt werden. Dann kann man etwa
Künstler*
innen vom afrikanischen Kontinent einladen, die Plätze, auf denen bislang Kolonialisten gedacht wurde, neu zu gestalten."
Tobias Gralke
würdigt bei
54books die Verdienste der Kartierung von kolonialistischen Denkmälern: "Jetzt, wo die Puzzleteile des deutschen Kolonialerbes ihrer Verstreutheit in Kleinstädten, Wäldern und Museumsarchiven entrissen und digital zusammengeführt werden, fällt auf, wie
omnipräsent und gleichzeitig unbewusst, wie unzeitgemäß und gewaltvoll eine offizielle Geschichtsschreibung ist, die den deutschen Kolonialismus seit Jahrzehnten aus Sicht heroisierter Täter*innen erzählt."
In Berlin-Zehlendorf wurde die
Statue einer schwarzen Frau mit Baseballschlägern attackiert. Ob aus Rassismus oder Protest gegen Rassismus, ist noch unklar, berichtet Peter Richter in der
SZ. Letzteres sei aber wahrscheinlicher: "Der Bezirk Zehlendorf wollte die Skulptur auf jeden Fall schon seit einiger Zeit aus dem Stadtbild zu entfernen: Der Titel 'Hockende Negerin', die primitivistische Art ihrer Darstellung, auch die spätere NSDAP-Mitgliedschaft ihres Erzeugers, eines Bildhauers mit dem Namen
Arminius Hasemann, hatten schon vor der Attacke zu dem Beschluss geführt, die Plastik
in die Zitadelle Spandau bringen zu lassen, wo sich Berlins Endlager für abgeräumten Stadtschmuck befindet." Richter fragt sich, ob man
Plätze überhaupt mit Statuen schmücken sollte.
Auch in
Frankreich werden Statuen gestürzt,
erzählt Claudia Mäder in der
NZZ. Um Ambivalenzen schert sich dabei niemand: "
Victor Schœlcher zum Beispiel ist eine überaus interessante Figur. Noch bevor die Statuenstürze im angelsächsischen Raum begannen, waren am 22. Mai zwei Monumente demoliert worden, die an den
Sklavenbefreier erinnerten. Ja, der aus dem Elsass stammende Schœlcher hat das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei initiiert, das Frankreich im Jahr 1848 erließ. Aber Schœlcher war auch als Politiker in der Dritten Republik aktiv, die ab den 1870er Jahren das französische Kolonialreich ausbaute. Also haben Aktivisten auf Martinique die Schœlcher-Denkmäler zerstört, um Platz zu schaffen für andere, eigene,
eindeutigere Helden."
In der
NZZ staunt Pascal Bruckner, wie schnell manche in der Coronakrise die
Alten wegsperren wollten, um den Jungen mehr Freiraum zu verschaffen: "Die Phantasie, dass ein
parasitäres Gesellschaftssegment abtreten oder zumindest aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, um den Platz den Jüngeren zu überlassen, ist
absolut erbärmlich - auch wenn diesen Traum natürlich längst nicht alle Jungen teilen und beileibe nicht jeder dazu bereit wäre, seine Eltern und Großeltern über Bord zu werfen. Es würde zuletzt auch gar nichts bringen, denn die ganze Fokussierung auf die 'Altersschwachen' ist eine
illusorische Beruhigung: Nur die Forschung kann die gesundheitliche Krise lösen."
Bei
Emma zeigt sich die kanadische Journalistin Megan Murphy schockiert über das Ausmaß des Hasses, der
J.
K.
Rowling wegen eines Tweets von Transfrauen und ihren Unterstützern entgegenschlägt. Rowling hatte sich über die Formulierung "Menschen, die menstruieren" lustig gemacht.
Ben O'
Keefe, ein ehemaliger Berater von US-Senatorin Elizabeth Warren, etwa tweetete zurück: 'Halt die Fresse,
du transphobisches Dreckstück'. Auch die drei bekanntesten Harry-Potter-Darsteller distanzierten sich sofort von Rowling. "Der extreme
Backlash aus Hass und Frauenfeindlichkeit ist zur Norm geworden. Die Reaktion auf jemanden wie Rowling zeigt das Ausmaß, wie trans AktvistInnen und ihre KumpanInnen sich daran gewöhnt haben,
die Macht zu besitzen, Personen des öffentlichen Lebens, PolitikerInnen, FreundInnen und Familie so einzuschüchtern, dass sie sich ihrer Sichtweise unterwerfen. Und dass sie es einfach nicht mehr akzeptieren können, wenn eine bekannte Frau, die in der Öffentlichkeit steht, sich dem widersetzt. Es versetzt diese Leute in Angst und Schrecken, dass sie
ihre Allmacht verlieren könnten."
In der
Zeit fragt Christine Lemke-Matwey, warum sich der Streit eigentlich immer um Frauen dreht: "
Männer jedenfalls, männliche Befindlichkeiten spielen im neuen Diskursgewitter so gut wie keine Rolle. Geben ihre Körper biopolitisch nichts her? Überwölbt die Performanz von Maskulinität weiterhin alles? Von '
Personen mit Prostata' jedenfalls spricht niemand, was auch statistische Gründe haben könnte. Abgesehen davon, dass um das Jonglieren mit Identitätsschablonen gerade unter Jugendlichen ein regelrechter Hype entbrannt ist, wollen
achtmal so viele Mädchen Jungen werden wie Jungen Mädchen."