9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2020 - Gesellschaft

Der Verein Berlin Postkolonial, der nur noch von der "M-Straße" spricht, schlägt vor, die Mohrenstraße in "Anton-Wilhelm-Amo-Straße" umzubenennen, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Der aus dem heutigen Ghana stammende Anton Wilhelm Amo (1703-1759) war im Kindesalter als Sklave über Amsterdam an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel gekommen, war dort 'Kammermohr', durfte Philosophie unter anderem in Halle studieren, unterrichtete an mehreren Universitäten. Ein Professor dichtete Spottgedichte auf ihn, es wird nicht die einzige Form von Rassismus gewesen sein, der er ausgesetzt war. 1747 ging Amo zurück nach Afrika." Von "hastigen Umbenennungen" hält Andrea Nüsse im Tagesspiegel nichts, aber "Maurenplatz" wäre doch in Ordnung, meint sie: "Das ist wahrscheinlich die ursprüngliche Herkunft des 'Mohren'- die Mauren waren die Berber Nordafrikas, der ehemals römischen Provinz Mauretanien, die von arabischen Stämmen islamisiert wurden und ab 711 die iberische Halbinsel eroberten."

Wie es mit der Berliner Mohrenstraße weitergehen wird, entscheidet ohnehin nur das Bezirksamt Mitte gemeinsam mit den 55 Ehrenamtlichen der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), weiß Boris Pofalla in der Welt. Und denen liegt bisher nicht mal ein Antrag vor. Die Zwischenzeit sollte für wissenschaftliche Gutachten und Parlamentsanhörungen zum Thema genutzt werden, meint Pofalla, der den Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden befragt hat: "Diese Hofmohren wurden nicht schlechter behandelt als irgendein Kammerdiener oder eine Magd, sagt Ulrich van der Heyden, im Gegenteil. Sie waren Exoten und als solche etwas wert. Ist Mohr also okay? 'Ich kenne keinen einzigen Afrikaner, der sich aufregt oder meint, er wäre negativ berührt von diesem Begriff', sagt der Kolonialhistoriker." Pofalla wendet ein: "Nun wirkt es humaner, wenn Menschen am Hof in einer Fantasieuniform repräsentieren anstatt sich auf einer karibischen Zuckerplantage zu Tode zu schuften, aber das macht die Berliner Herrscher nicht zu Befreiern der Schwarzen. Eine Mohrenstraße als Ausweis der Toleranz und Anerkennung, so einfach kann man es sich nicht machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2020 - Gesellschaft

Sehr deutliche Worte findet Slavoj Zizek in der NZZ für die antirassistischen Proteste nach der Ermordung Georg Floyds: Die Protestanten brauchten nur einen Grund, die Corona-Abstandsregeln zu missachten, schreibt er und wirft ihnen vor, dass sie "von der Leidenschaft eines neuen Puritanismus beherrscht werden, der darauf abzielt, alle Spuren von Rassismus und Sexismus zu tilgen - diese Leidenschaft rückt sie paradoxerweise in die Nähe ihres Gegenteils, der neokonservativen Gedankenkontrolle. (…) Das Gegenteil der Schuld (der weißen Menschen) ist nicht der politische korrekte Rassismus, der sich als Antirassismus tarnt. Denn viele jener, die mitmarschieren, wollen bloß ihre moralische Überlegenheit zur Schau stellen - und es sind, wie so oft, die Weißen. Anstatt also auf perverse Weise unsere Schuld zu genießen (und damit die Opfer zu entmündigen), brauchen wir vielmehr aktive Solidarität: Wir alle sind keine Opfer der Umstände oder der Vergangenheit, sondern Akteure, dies es besser machen können."

Ulrike Draesner schreibt in der Zeit über ihre Erfahrung als "Mutter eines nichtgrünäugigen Menschen": "Als Schriftstellerin will ich daran glauben, dass wir über Sprachregelungen Gedanken verändern. Als Schriftstellerin weiß ich, als Mutter eines nichtgrünäugigen Menschen erfahre ich, dass 'Nicht'-Regelungen besser als nichts sein mögen, doch bei Weitem nicht ausreichen. Es kommt nicht darauf an, das, was wir wahrnehmen, nicht zu sagen. Es kommt darauf an, Sprechweisen zu finden, die auf einer doppelt respektvollen Einstellung beruhen. Sie erkennt Unterschiede an, denn Respekt hat zwei Richtungen: Er weist auf das Gegenüber und ebenso auf jenen, der ihn erbringt."

Und Elisabeth von Thadden ist ebenfalls in der Zeit überzeugt: "Privilegierte Weiße sind in die Ungerechtigkeit und die Zerstörung der Welt tief verstrickt, auch wenn sie weder Täter noch Opfer sind". Sie verweist auf Michael Rothberg, dessen Bücher "Multidirectional Memory" von 2009 und "The Implicated Subject" von 2019 die Stichwörter für eine Einsicht ins "white privilege" bieten: "Für all die, die weder Täter noch Opfer noch Mitläufer sind, bietet Rothberg den Begriff des verstrickten Subjekts an, den er als Beitrag zur kritischen Theorie der Gesellschaft begreift: Als verstrickt gelten ihm all jene, die in Machtverhältnissen wohnen, in die sie hineingeboren wurden."

Auch an die Adresse all jener, die den Begriff der "Rasse" aus dem Grundgesetz streichen wollen, sagt der Historiker Christian Geulen bei geschichtedergegenwart.ch, dass selbst Rassisten den Begriff der Rasse gar nicht mehr verwenden - allzusehr ist er nach der Nazizeit diskreditiert: "An seine Stelle traten Formeln der 'kulturellen Identität' und 'kulturellen Überfremdung', des 'Volks', der 'Nation' oder auch des 'Abendlandes', die es durch Bekämpfung des Fremden zu schützen gelte. Gerade in diesem Verzicht auf den Rassenbegriff aber verstärkte sich jene, schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zentrale rassistische Annahme, dass erst der Schutz des Eigenen im Kampf gegen das Fremde überhaupt wissen lasse, was der 'natürliche' Wert des Eigenen ist."

In der NZZ wirft der Kolonialhistoriker Toni Stadler jenen, die fordern, Denkmäler zu beseitigen oder Straßen umzubenennen "Feigheit vor der Vergangenheit" vor: "Sich an allem Üblen der Weltgeschichte mitschuldig fühlen zu wollen, wie das gegenwärtig selbst unter Historikern wieder 'in' wird, hilft niemandem, am wenigsten den Armen Afrikas. Heutige Menschen sind nicht für die Taten früherer Generationen verantwortlich. Dagegen dürften uns unsere Kinder daran messen, wie gut wir die Gegenwartsprobleme - Klimaerwärmung, globale Ungleichheit, nachhaltige Ressourcennutzung - gelöst haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2020 - Gesellschaft

Die BVG will die U-Bahn-Station "Mohrenstraße" wegen angeblichen Rassismus des Worts "Mohr" in Glinkastraße umbenennen, weil die gerade nebenan liegt. Das Dumme ist nur, schreibt Judith Kessler in der Jüdischen Allemeinen: Der russische und auch unter Stalin sehr verehrte  Nationalkomponist Glinka war ein ziemlicher Antisemit: "Und so war der Pianist Anton Rubinstein für Glinka auch ein 'frecher Zhid' und wurde von ihm und den anderen Anwälten der neuen russischen Musik wie den oben genannten Herren Balakirew und Mussorgski als 'zu deutsch' und 'zu jüdisch' attackiert, die Russische Musikalische Gesellschaft, die Rubinstein gegründet hatte als 'Zhid-Musikverein' und sein Konservatorium in Petersburg als 'Piano-Synagoge' diffamiert."

Darauf das Finale aus Glinkas Oper "Das Leben des Zaren" mit ihrem allrussischen Glockengedröhn (unter Stalin hieß die Oper übrigens "Für Hammer und Sichel"):



Die AfD versucht Organisationen der Zivilgesellschaft wie Sportvereine oder Gewerkschaften zu infiltrieren. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder erklärt im taz-Gespräch mit Sabine am Orde, wo die AfD dabei anknüpft: "Zum Beispiel sehen wir im Bereich der Automobilindustrie, dass durch Verkehrs- und Energiewende weitreichende Veränderungen im Gange sind. Die Leute, die dort arbeiten, sind verunsichert, sie sorgen sich um ihre Arbeitsplätze, um ihre Zukunft. Nehmen wir dann die Auseinandersetzung um den Diesel. Viele Beschäftigte verstehen nicht, warum man auf neue Technologien setzt, die weniger Beschäftigung bedeuten. An diesen Fragen und Verunsicherungen setzen die Rechten an."

Der Mund- und Nasenschutz ist doch nicht ganz das gleiche wie ein Niqab, auch wenn die Kulturchefin der SZ, Sonja Zekri, das behauptet ("Wie haben sich hierzulande die Freunde der Frauen oder Feinde des Islam oder andersherum über die sozial oder religiös erzwungene Preisgabe aller Individualität ereifert", hatte sie ausgerufen). Hannah Wettig erwidert bei emma.de: "Der Gedanke ist ziemlich krumm für eine Journalistin, die seit Jahrzehnten über arabische Länder schreibt. Man möchte ihr zurufen: Check mal Deine Privilegien! Wir alle reißen uns den blöden Atemschutz doch wieder vom Mund, sobald wir den Einkaufswagen zurückgestellt haben. Weil es darunter nämlich heiß wird, man schlecht atmen kann, die Nase juckt... Diese 'wertvolle Praxiserfahrung' könnte so mancher zumindest eine Funktion der Vollverschleierung offenbaren."

Horst Seehofer sieht keine Notwendigkeit für eine weithin empfohlene Studie über Rassismus in der deutschen Polizei. Jasmin Kalarickal kritisiert seine Entscheidung in der taz: "Es ist unbestritten, dass Racial Profiling in der polizeilichen Praxis existiert. Nur das genaue Ausmaß ist unklar, weil die Forschung dazu unzureichend ist. Die Studie, die von der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarats empfohlen wurde, hätte geholfen, sich sachlicher mit rassistischer Diskriminierung durch Polizeibehörden auseinanderzusetzen und diese Lücke zu füllen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2020 - Gesellschaft

Die Berliner Verkehrsbetriebe benennen die U-Bahnstion Mohrenstraße um - auch die Straße selbst dürfte nicht mehr lange so heißen. Ein Akt der Einfalt, meint Welt-Autor Thomas Schmid, denn der heute nicht mehr gebrauchte Begriff des Mohren sollte nie herabsetzen: "Seit der Renaissance tauchten sie auch nördlich der Alpen in der Malerei auf. Einer der Heiligen drei Könige war ein Mohr, was zweifellos nicht abwertend gemeint war. Es gab die Schwarze Madonna und den hl. Mauritius, der als Schwarzer dargestellt wurde. Das waren sicher Ausnahmen, aber hier bezeugte das Christentum seinen universalistischen Strang: Vor Gott sind auch die, die anders sind, uns gleich." (Die taz titelt zum Thema: "Aus M*straße wird Glinkastraße".)

Eine wenig beachtete Krise der amerikanischen Mittelschicht konstatieren laut Benjamin Bidder in Spiegel online die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton in ihrem Buch "Deaths of Despair". In Amerika sinkt im Gegensatz zu den anderen westlichen Ländern inzwischen die Lebenserwartung wegen vieler vorzeitiger Tode im Alter von etwa 50 Jahren: "Die höhere Mortalität lässt sich fast vollständig zurückführen auf drei Ursachen: die stark wachsende Zahl der Suizide, Alkoholismus und seine Folgeerkrankungen sowie Drogen-Überdosen. Am stärksten davon betroffen ist eine Bevölkerungsgruppe, Case und Deaton nennen sie white working class: weiße Beschäftigte ohne akademischen Abschluss."

Juden in Deutschland sind von Antisemitismus umstellt, und das auch seit 1945, sagt Ronen Steinke, Autor des Buchs "Terror gegen Juden" in der FR im Gespräch mit Hanning Voigts. Dass es rechtsextremen Judenhass gibt, liegt auf der Hand. Aber "der erste versuchte und zum Glück gescheiterte Bombenanschlag auf eine Synagoge nach 1945 wurde 1969 von der linken Gruppe 'Tupamaros Westberlin' verübt. Und die standen nicht irgendwo am Rande, sondern im Rampenlicht der Spontiszene. Der geistige Drahtzieher des Attentats, Dieter Kunzelmann aus der 'Kommune 1', wurde noch in den Achtzigern von den Grünen hofiert und konnte auf ihrer Liste ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. An dieser Gewalt waren damals nur wenige Menschen beteiligt. Aber wie man das hinterher in der linken Szene bagatellisiert hat, das war die Schuld von sehr vielen."

Angesichts des Aufstands um J.K. Rowlings Auffassung, Geschlecht sei auch biologisch bestimmt (gerade wurde der Kinderbuchautorin Gillian Phillip von ihrem Verlag gekündigt, weil sie Rowling unterstützt hatte), warnt Suzanne Moore im Guardian vor einer immer radikaler werdenen Cancel Culture, die zu einem "weiteren Machtinstrument der Frauenfeindlichkeit geworden ist. Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie immer mehr Frauen im Grunde genommen auf den Scheiterhaufen geworfen werden, während zuckende Mobs die Fackeln bereit halten." Nach J.K. Rowling habe jetzt Damian Barr dafür sorgt, dass "Emma Nicholson, die eine Ehrenposition im Booker Prize Committee innehatte, wegen ihrer Ansichten über die gleichgeschlechtliche Ehe und einiger schrecklicher Tweets über Transsexuelle abgesetzt wird. ... Dies wird zu einem weiteren Streit, bei dem jemanden ausgelöscht werden soll, mit dem man nicht einverstanden ist. Dies ist kein Dialog. Es ist ein prahlerischer Monolog der Reinheit, der unendlich fortgeführt wird. Es ist möglich, dass Nicholson eine Homophobe ist, die auch etwas Gutes in der Welt getan hat: Sie rettete rumänische Waisenkinder; 1991 gründete sie als Reaktion auf Saddam Husseins systematische Verfolgung der Marsch-Araber eine Wohltätigkeitsorganisation namens AMAR; sie setzte sich viele Jahre lang für die Jesiden ein, die nach wie vor schrecklich leiden. Kann ein Mensch Gutes tun und Falsches denken? Wie können wir uns weiterentwickeln, wenn dies nicht anerkannt werden kann?"

Außerdem: Die antirassistische Soziologin Vanessa E. Thompson plädiert im Gespräch mit Simon Sales Prado von der taz für die Abschaffung der Polizei und benennt diese Idee allen Ernstes als "Abolitionismus". Ebenfalls in der taz meditiert der Schriftsteller Michael Wildenhain nochmal über die Stuttgarter Krawalle. Im Gespräch mit Verena Lueken von der FAZ erklärt der Philosoph Frank Wilderson, was er unter "Anti-Blackness" und "Afropessimismus" versteht.

Schleswig-Holstein entwickelt eine beeindruckende Diversity, jedenfalls im Filmwesen, meldet der Deutschlandfunk. Als erstes Bundesland entwickle es "eine verpflichtende Checkliste rund um das Thema Diversität. Alle Filmemacher müssen den Fragebogen für die Beantragung von Fördermitteln ausfüllen." So sieht der Fragebogen aus (und hier weitere Checklists):


9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2020 - Gesellschaft

Der heutige Antirassismus ist extrem selektiv und benennt Missstände ausschließlich, wenn die Schuldigen weiß sind - das führt zu einem kriminellen Schweigen bei Ungerechtigkeiten in anderen Gesellschaften, legt Ahmad Mansour in der taz dar: "Wer zum Beispiel heute auf die gefährdete Lage von Lesben und Schwulen in muslimischen Ländern und anderen traditionellen Gesellschaften hinweist, in denen homophobe Gesetze und Sitten gelten, wird im postkolonialen Diskurs oft als 'Homonationalist' bezeichnet. Solche Anwürfe sind grotesk. Sie verzerren die Frage, welche Probleme und Rechte auf dem Spiel stehen. Sie verstellen den Blick auf die Realität und verraten diejenigen, die in diesen Ländern um ihre Rechte kämpfen, die verfolgt und inhaftiert oder hingerichtet werden."

Die Berliner Verkehrsbetriebe benennen den U-Bahnhof Mohrenstraße um, meldet die Welt. Der Straßenname ist umstritten, Aktivisten sprechen in Berlin nur noch von "M-Straße": "Aus Verständnis und Respekt für die teils kontroverse Debatte um den Straßennamen habe sich die BVG entschieden, den Begriff 'Mohr' nicht weiter für die Benennung des U-Bahnhofs zu verwenden, teilte das Unternehmen mit. 'Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab', hieß es in einer Mitteilung." Die Station wird künftig Glinkastraße heißen.

Über 500.000 Menschen sind in diesem Jahr aus den Kirchen ausgetreten - ein Rekord. Nur noch knapp die Mehrheit der Deutschen sind Mitglied, und viele davon wissen es nicht einmal, denn es gibt eine Menge Karteileichen, schreibt Herbert Thomsen in hpd.de. Aber "Kirchenaustritte, auch von mehr als einer halben Million in einem Jahr, haben keinen direkten Einfluss auf das Verhältnis von Kirche und Staat, auf die gesellschaftliche Stellung der Kirchen und schon gar nicht auf die Finanzen der Kirchenkonzerne einschließlich ihrer Wohlfahrtsverbände. Bei 12 Milliarden Euro Kirchensteueraufkommen wäre ein Verlust von einer Milliarde Peanuts im Verhältnis zu den circa 150 Milliarden Gesamtumsatz der Kirchenkonzerne." Da es bei Kirchen nicht um den Glauben gehe, hätten sie sich auch im außerkirchlichen Diskurs als eine "quasi-staatliche Institution für Ethik, Moral und Erziehung, Kindergärten, Schulen, Hochschulen" etabliert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Gesellschaft

68.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind an ihren Genitalien verstümmelt, bis zu 15.000 Mädchen sind von Genitalverstümmelung bedroht - diese Zahlen der Organisation "Maisha" stellte Frauenministerin Franziska Giffey, jüngst vor. Chantal Louis unterhält sich in emma.de mit der Aktivistin Virginia Wangare-Greiner über die Arbeit mit den Eltern der gefährdeten Mädchen: "Fast noch wichtiger als die Strafandrohung ist, dass wir sie wirklich überzeugen. Wir erklären Ihnen, welche dramatischen gesundheitlichen Auswirkungen die Verstümmelung für ihre Tochter hat. Wir erklären ihnen zum Beispiel auch, wie die Anatomie einer Frau normalerweise aussieht. Und dann verstehen die Frauen sehr schnell. Viele von ihnen sind selbst betroffen, und wenn ihnen das als Kind passiert ist, dann kennen sie ihren Körper nicht anders. Sie denken, es wäre normal und bei allen Frauen so."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Gesellschaft

"Ich bin eine schwarze Frau aus dem Süden der USA. Sämtliche meiner unmittelbaren weißen männlichen Vorfahren waren Vergewaltiger. Meine bloße Existenz ist ein Relikt der Sklaverei und der Rassentrennung der Jim-Crow-Ära", schreibt die amerikanische Lyrikerin Caroline Randall Williams in der SZ und erklärt: "Falls Menschen dem Vermächtnis der Konföderation der Südstaaten ein Gedenken widmen wollen, falls sie Denkmäler wollen, dann ist mein Körper ein Monument." Alle Denkmäler in den Südstaaten müssen "niedergerissen" werden, fordert sie: "Mein Körper und mein Blut sind eine greifbare Wahrheit des Südens und seiner Vergangenheit. Die Schwarzen, von denen ich abstamme, gehörten den Weißen, von denen ich abstamme. Die Weißen, von denen ich abstamme, kämpften und starben im Bürgerkrieg für ihre verlorene Sache. Nun frage ich: Wer traut sich, von mir zu verlangen, dass ich sie feiern soll? Wer traut sich, von mir zu verlangen, ihre Reiterstandbilder zu ertragen?"

Außerdem zum Thema Rassismus: das Projekt "Afrozensus" soll die Diskriminierung von Schwarzen in Deutschland erstmals in Zahlen belegen, berichtet Elena Witzeck in der FAZ.

Misstrauen gegenüber der Polizei ist für eine funktionierende Gesellschaft unabdingbar, findet Martin Eimermacher in der Zeit (der mit diesem Argument auch Hengameh Yaghoobifarahs taz-Kolumne verteidigt): "Eben weil das Recht .. immer nur hinterher korrigierend eingreifen kann, braucht die Polizei Kritik von außen. Wissenschaftler beklagen allerdings seit Langem eine 'negative Fehlerkultur' der überwiegend konservativen Funktionäre. Wie wenig Polizeigewalt aufgearbeitet wird (manche Forscher sprechen davon, dass bis zu 95 Prozent aller Verfahren mit Einstellung enden) und wie schnell Polizisten einen Korpsgeist ausbilden, um Fehler zu vertuschen, ist hinlänglich dokumentiert. Viele Anwälte raten ihren Klienten, auch das weiß man seit Jahren, Polizeigewalt bloß nicht zur Anzeige zu bringen."

Die Digitalisierung wird die Urbanisierung erstmal nicht aufhalten, sagt der Stadtforscher David Koser im Gespräch mit Maritta Tkalec (Berliner Zeitung). Aber Gewerbe und Büros werden weniger werden in den Innenstädten, glaubt er und träumt vom Leben in verlassenen Shopping-Malls: "Natürlich kann eine teilweise Umnutzung des Zentrums auch ohne große bauliche Investitionen stattfinden. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurden Gewerberäume am Rand des Zentrums einfach in Wohnungen umgewandelt. Und die Berliner Alternativkultur der 1980er- und 1990er-Jahre fand ja auch in umgenutzten Gewerberäumen statt. (...) Andererseits kann es in schrumpfenden, wirtschaftlich angeschlagenen Städten ohne kreatives kulturelles Milieu auch zu einem Verfall des Zentrums kommen. Aber wie gesagt: In Berlin überwiegen die Chancen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2020 - Gesellschaft

In den Diskussionen über Schlachthöfe als Corona-Hotspots  wird meist über die unwürdigen Arbeitsbedingungen gesprochen. Aber Corona ist auch eine Katastrophe für den Tierschutz, schreibt Hella Camargo bei hpd.de - schon wird diskutiert, Tiere, die wegen der Schließung der Schlachthöfe nicht geschlachtet werden können, zu töten und die Kadaver wegzuwerfen. Schon vorher hatte die Krise gravierende Auswirkungen: "Da Kalbfleisch vor allem in Restaurants nachgefragt wird, die während der Pandemie geschlossen waren oder nur ein verringertes Angebot zur Abholung anboten, blieben die Züchter und Milchbetriebe, in denen männliche Kälber überflüssig und auch weibliche Kälber teilweise überzählig sind, auf den Tieren sitzen. Im Mai kostete ein schwarzbuntes Bullenkalb gerade einmal 36 Euro, da lohnt es sich nicht, Futter und veterinärmedizinische Versorgung, Einstreu und weiteres zu zahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2020 - Gesellschaft

Einige wenige schwarze Intellektuelle warnen davor, dass sich die "Black-Lives-Matter"-Bewegung durch "obsessiven identitätspolitischen Aktivismus" die Substanz nehme, darunter der Ivy-League-Professor John McWhorter, schreibt Marc Neumann in der NZZ: "Dass schwarze Männer (95 Prozent der durch Polizeischusswaffen Getöteten sind männlich) mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit betroffen sind als weiße Männer, erklärt McWhorter mit einer sozioökonomischen Entsprechung. Denn es leben ebenso zweieinhalbmal mehr Afroamerikaner (rund 20 Prozent) als Weiße (rund 9 Prozent) in Armut. Armut erhöht Kriminalitätsraten, dies führt zu Strafregistereinträgen, was wiederum die Disqualifikation für ganze Berufsfelder nach sich zieht. Mit derlei Argumenten hebt McWhorter den Diskurs von sozioethnischer Ungleichheit aus dem identitätspolitischen Reich lose bestimmter Begriffe wie 'Rasse' oder '(Anti-)Rassismus', um ihn im Begriffsschema der Klasse zu verankern. Der Rassenkonflikt wird somit (wieder) zum Klassenkampf, der empirisch untersucht und durch politische und soziale Massnahmen korrigiert werden kann."

"Brutale, linksradikale Demonstrationen gegen Polizisten" gehören in den meisten westlichen Ländern, auch durch mediale Unterstützung, zum "guten gesellschaftlichen Ton", meint die Publizistin Bettina Röhl ebenfalls in der NZZ. Und einen Schuldigen hat sie auch schon gefunden: "Natürlich ist die spätere Karriere eines Polizistentreters wie Joschka Fischer auch ein Beitrag zur Entwertung der Polizei. Und die historischen und personellen Linien zur Politik von heute sind da."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Gesellschaft

Eiken Bruhn erhebt in der taz noch einmal Einwände gegen den Kompromiss im Abtreibungsrecht, vor allem auch weil es immer weniger Ärztinnen und Ärzte gibt, die einen Abbruch vornehmen. Und seinen eigentlichen Zweck erfülle der Kompromiss auch nicht: "Auch Katrin Göring-Eckardt begründet das Nichthandeln ihrer Fraktion mit der Sorge vor einem Pakt reaktionärer Kräfte. Doch glaubt sie wirklich, dass das Bundesverfassungsgericht eine Verschärfung von Paragraf 218 dulden würde? Zudem erfüllt dieser nur einen Zweck: diejenigen ruhigzustellen, die Abtreibungen am liebsten ganz verbieten möchten. Wie erfolgreich das war, lässt sich immer häufiger vor Beratungsstellen und Arztpraxen beobachten, vor denen selbsternannte 'Lebensschützer*innen' Mahnwachen halten."