9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2020 - Gesellschaft


Auch nachdem J.K. Rowling sich in einem langen Blogpost erklärt hat (unser Resümee), lässt Amelia Tait im New Statesman kein gutes Haar an der Autorin. Ohne auf die Argumente von Rowling einzugehen - die in ihrem Post fragte, ob man wirklich Frauenrechte unter den Bus werfen muss, um Transmenschen vor Diskriminierung zu schützen - übernimmt sie die Behauptung der Harry-Potter-Stars, Rowlings Äußerungen seien "transphob": "Manche halten es für heuchlerisch, dass Menschen, die Rowling so viel verdanken, sie so öffentlich verurteilen, aber sie sind nicht allein. Sie repräsentieren eine ganze Generation, die die Transgender-Rechte weitgehend unterstützt - eine 2019 durchgeführte Umfrage eines Washingtoner Wahlforschungsinstituts ergab, dass 68 Prozent der jungen Amerikaner in den letzten fünf Jahren die Transgender-Rechte stärker unterstützt haben - viele von ihnen verdanken Rowling einen Großteil ihrer Weltsicht, fühlen sich aber nicht mehr in der Lage, der Autorin beizustehen."

Grace Robertson ist in Vanity Fair überzeugt, das Rowling - entgegen ihrer Bekundungen - Transmenschen hasst: "Zeitweise haben britische Feministinnen ihre traditionellen Verbündeten in den USA für die extreme Rechte verlassen. Während sie 2019 in Washington, D.C. an einer Podiumsdiskussion der Heritage Foundation zu diesem Thema teilnahmen, konfrontierten Kellie-Jay Keen-Minshull und Julia Long, zwei dieser britischen Feministinnen, die sich gegen die Transgender-Rechte aussprechen, die nationale Pressesprecherin der Menschenrechtskampagne, Sarah McBride, die eine Transsexuelle ist, wegen ihres angeblichen 'Hasses auf Lesben'. Die Heritage Foundation, eine bekannte Gegnerin der Ehegleichheit, war offensichtlich eine geringere Bedrohung für Lesben. Es ist unmöglich, in den britischen Medien als Transfrau zu arbeiten und nicht auf diese Art 'feministischer' Transphobie zu stoßen."

Ist die Zeit des lustvollen Risikos vorbei? Wenn immer größere Bereiche des Lebens Gefahrenabwägungen für andere erfordern? Auf Zeit online fürchtet es die Literaturwissenschaftlerin Bernadette Grubner: "Am Beispiel der Sexualität lässt sich das gut zeigen. Die Angst vor sexuell übertragbaren Krankheiten trägt nicht dazu bei, dass Menschen mehr und fröhlicheren, nun eben 'sicheren' Sex haben. Sie führt eher dazu, dass andere ganz wesentlich als potenzielle Überträger einer Krankheit angesehen werden. Trey Parker und Matt Stone haben das in ihrer Animationsserie South Park in der Folge Proper Condom Use satirisch aufs Korn genommen. Hier führt der schulische Aufklärungsunterricht, in dem sexuell übertragbare Krankheiten im Mittelpunkt stehen, dazu, dass die Mädchen eine panische Angst vor Jungen entwickeln, die nicht permanent Kondome tragen."

Bei einem Wahlkampfauftritt in Polen hat Präsident Andrzej Duda die Förderung von LGBTI-Rechten als eine "Ideologie" beschrieben, die destruktiver sei als der Kommunismus. In Polen kann er damit durchaus punkten, erklärt Ulrich Krökel auf Zeit online: So hat der LGBT-Aktivist Jakub Gawron die Ablehnung "sogar auf einer Karte dokumentiert. Der 'Atlas des Hasses', den er mit einem kleinen Team erarbeitet hat, zeigt die schnell wachsende Zahl der 'Zonen', die sich für 'frei von LGBT-Ideologie' erklärt haben. Dabei sind diese Deklarationen juristisch bedeutungslos. Niemand, der sich in einer der 'Zonen' etwa für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, kann dafür belangt werden. Im Gegenteil: Die polnische Verfassung schützt ausdrücklich 'die Freiheit von jedermann, seine Anschauungen zu äußern'. In der gelebten Wirklichkeit aber stehen die verbrieften Grundrechte nur auf dem einen Blatt. Auf einem anderen stehen gesellschaftlicher Gruppendruck oder offene Gewalt wie in Białystok."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2020 - Gesellschaft

In Deutschland reagieren die Medien nur zaghaft auf die Debatte um J.K. Rowling (vielleicht hat noch keiner der Wortführer die Parole ausgegeben?) In Britannnien solidarisiert sich Alex Massie vom Spectator mit Rowling (unser Resümee) und macht am Beispiel des Sports deutlich, dass Geschlecht nicht einfach eine Frage der eigenen Entscheidung ist: "Es mag ja selten sein, dass männliche Geborene im Frauensport an Wettkämpfen teilnehmen, aber es wird immer weniger selten. Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass dies nur fair ist. Transgender-Athleten müssen die Möglichkeit haben, an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber dann werden einige von Ihnen vielleicht auch das Gefühl haben, dass dies unfair ist. Und dass Sie den Eindruck haben, dass vor allem in Sportarten, die auf Kraft und Explosivität setzen, männlich Geborene einen ungerechten Vorteil gegenüber ihren  Rivalinnen haben."

Ausgerechnet die Vogue wird dagegen zum Hort der Queerness: Eine der deprimierenden Lehren aus de Debatte sei "die Erosion der Harry-Potter-Marke" schreibt Raven Smith. "Es geht nicht um den Verlust der Leser oder des Einnahmen (J.K. kann finanziell alles mitnehmen), es sind Grundlagen der Welt, die sie für uns baute, die auf einmal schwankend erscheinen."

Homophobie und ähnliche Formen des Ressentiments unter Muslimen in westlichen Ländern sind keine Reaktion auf eigene Diskriminierungserfahrungen, meint der Soziologe Ruud Koopmans im Gespräch mit Gerald Wagner in der FAZ. Es gibt aber Zeichen der Hoffnung: "Das Ausmaß an Homophobie, Antisemitismus, an traditionellen Geschlechterrollenauffassungen und religiösem Fundamentalismus liegt zwar unter den muslimischen Migranten deutlich höher als in der Mehrheitsgesellschaft oder auch in anderen Migrantengruppen, aber zugleich auch deutlich unter dem Ausmaß in den Herkunftsländern. Insofern findet eine gewisse Assimilation an die Wertvorstellungen der Einwanderungsländer durchaus statt, in der zweiten Generation auch mehr als in der ersten. Aber es bleibt vorerst eine Lücke, da die zu überbrückende kulturelle Distanz einfach sehr groß ist."

Peter Hemecker schildert bei hpd.de en détail, wie  Städte immer wieder kirchliche Träger etwa für Kitas bevorzugen - auch aus komplizierten finanziellen Beweggründen. Und die Parteien sind sich alle einig: "In der eingangs erwähnten Sitzung der Bezirksvertretung Münster-Südost vom 10. Juni 2020 protestierte allein die Vertreterin der Piraten gegen die Trägervergabe an die katholische Kirchengemeinde wegen der starken Kumulierung kirchlicher Einrichtungen. Die CDU sagte, sie finde das doch gerade gut, dass die Katholiken wieder eine Kita bekämen. 'Das kann ich mir lebhaft vorstellen, Sie sind ja auch von der CDU', entgegnete die Piratin. In der anschließenden Abstimmung geschah dann das Unfassbare: Nicht nur CDU, sondern auch Grüne, SPD und FDP stimmten einstimmig ohne weitere Kommentare und Bedenken für die städtische Empfehlung zugunsten der kirchlichen Trägerschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2020 - Gesellschaft

Widersprüchlich reagiert Klaus Hillenbrand in der taz auf die Frage, ob Denkmäler für ehemalige Sklavenhalter oder Kriegsverbrecher geschleift werden sollten. Einerseits sagt er: "Allein die Tatsache, dass Denkmäler ein gestriges Geschichtsbild vermitteln, kann kein Grund für ihre Zerstörung sein. Alle diese Monumente zu schleifen würde bedeuten, Geschichte zu entsorgen, sobald diese uns nicht mehr passt." Dennoch findet er, dass manche Statuen fallen sollten - "in Auftrag gegeben nicht von einer Obrigkeit, sondern im Rahmen eines demokratischen Verfahrens".  "Geschichte in ihren unvermeidlichen Blindheiten und Verirrungen grundsätzlich zu planieren, verhindert jedoch auch einen klaren Sinn für das, wovon sich eine Gesellschaft abzusetzen versucht", kommentiert Gregor Dotzauer im Tagesspiegel.

Die taz bringt ein kleines Dossier zum Thema. Aus London schreibt Daniel Zylbersztajn: "In Bristol wird nun diskutiert, was mit dem Ort passiert, an dem die Statue des Sklavenhändlers Colston stand. Inzwischen wurde sie vom Boden des Hafenbeckens geborgen. Offiziell, um nicht den Schiffsverkehr zu gefährden. Die Statue befinde sich nun einen sicheren Ort und lande wahrscheinlich im Museum, teilte die Stadt mit." Und in Belgien, dessen König Leopold II. besonders barbarisch wütete, verlangt laut François Misser die "Kampagne 'Réparons l'Histoire' (Reparieren wir die Geschichte), sämtliche Leopold-II.-Denkmäler .. zu entfernen. An der Universität Mons hat die kongolesischstämmige Studentin Marie-Fidèle Dusingize als Sprecherin der Studierenden afrikanischer Herkunft 2.500 Unterschriften dafür gesammelt, dass die Leopold-II.-Büste der Universität in einem Schrank verschwindet - mit Erfolg".

Im SZ-Feuilleton-Aufmacher feiert Alexander Menden den Sturz der Colston-Statue und anderer Denkmäler als "große symbolische Geste" mit Potenzial. Den Kritikern entgegnet er: "Ein Hauptargument britischer Kritiker der Denkmalentfernungen lautet, es handele sich um Geschichtsverfälschung, ja Zensur, manche ziehen Vergleiche mit den Bücherverbrennungen der Nazis. Man brauche die Statuen, um sich die eigene Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Dem hält etwa der Komiker Benjamin Partridge sarkastisch entgegen: 'Die Leute, die die Entfernung der Colston-Statue kritisieren, haben Recht - das Entfernen von Statuen löscht die Geschichte aus. Deshalb ist auch Hitler völlig in Vergessenheit geraten.'"

2010 gab es erstmals einen Vorstoß der Linkspartei, den Begriff der "Rasse" aus Artikel 3 des Grundgesetzes zu streichen, nun ziehen die anderen Bundestagsfraktionen mit Ausnahme der AfD nach, meldet Lenz Jacobson auf Zeit Online. Strittig ist die Frage, was man stattdessen schreiben soll: "Die FDP plädiert für 'ethnische Herkunft', die Linkspartei bleibt bei ihrem Vorschlag von vor zehn Jahren. Der SPD-Innenpolitikerin Vogt ist das zu eng, sie will lieber von 'rassistischen Gründen' sprechen.  Ähnlich argumentiert auch Experte Cremer, der knapp 'rassistische' Diskriminierung per Grundgesetz verbieten lassen will. Schließlich dürfe der Schutz für Betroffene von rassistischer Diskriminierung nach dem Grundgesetz auch nicht verschlechtert werden. Das wäre insbesondere der Fall, wenn der Begriff 'Rasse' einfach nur gestrichen würde."

"Der symbolische Kniefall neueren Datums ist keine Demutsgeste, sondern eine Chiffre des Protests", schreibt Sieglinde Geisel in dlf kultur über den ursprünglich von dem Footballstar Colin Kaepernick erfundenen Kniefall während des Abspielens der amerikanischen Hymne: "Kaepernick kniete nicht vor der Nation. Er kniete vor den Werten, die von dieser Nation verletzt wurden. Er benutzte den Kniefall damit als paradoxe Intervention, ganz nach dem Motto der Bergpredigt: 'Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.' Das Paradox entwaffnet den Gegner buchstäblich: Man kann nicht gegen jemanden kämpfen, der sich niederkniet."

Wenigstens in der Berliner Zeitung nimmt Petra Kohse J.K. Rowling vor den Anfeindungen wegen ihrer Meinung zum biologischen Geschlecht  (Unser Resümee) vorsichtig in Schutz: "Es ist schwer, sich der persönlichen Aufrichtigkeit des Essays zu entziehen. Es ist leicht, als Cis-Frau selbst Beispiele zu finden, in denen man sich mit den eigenen biologischen Erfahrungen in einem so verflüssigten Frauenbegriff nicht mehr repräsentiert und auch weniger geschützt sieht. Aber den Laden zu schließen, ist ebensowenig eine Option. Das ist auch nicht Rowlings Appell. Dass die Zuschreibungen in Bewegung sind, ist unhintergehbar. Eine weltberühmte Schriftstellerin meldet Bedenken an und gestattet sich Rückfragen. Die Debatte ist aus der Nische ins Zentrum der Gesellschaft getreten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2020 - Gesellschaft

J.K. Rowling steht im Sturm. In einem Tweet hatte sie sich lustig gemacht über das Tweet einer Organisation, die trotz der Coronakrise die Welt besser machen wollte für "Menschen, die menstruieren". Rowling hatte darauf geschrieben: "'People who menstruate.' I'm sure there used to be a word for those people. Someone help me out. Wumben? Wimpund? Woomud?" Es folgte ein Tsunami der Entrüstung über die Unverschämtheit, dass Rowling ihre Existenz als Frau gegen eine genderisierte Sprache verficht, die alle Grenzen auflösen zu wollen scheint. Nun hat Rowling sich nochmal verteidigt, berichten die Agenturen (hier bei  Spiegel online). Und sie sagt, dass sie sich dem Transaktivismus nicht beugen wolle. Frauen, schreibt sie in ihrem Blog, leben in einer frauenfeindlicheren Welt denn je. Die Infragestellung biologischer Weiblichkeit durch Transaktivisten zählt sie dazu: "Es reicht für Frauen nicht aus, an der Seite von Trans-Menschen zu stehen. Frauen sollen akzeptieren und bekennen, dass es keinen materiellen Unterschied zwischen Transfrauen und ihnen selbst gibt." Sie habe alle Argumente "über Weiblichkeit gelesen, die nicht im geschlechtlich definierten Körper liege, und alle Behauptungen, dass biologische Frauen keine gemeinsamen Erfahrungen hätten, und ich finde sie ebenfalls frauenfeindlich und regressiv. Eines der Ziele der Leugnung der Bedeutung von Geschlecht ist ganz klar auch, die angeblich separatistische Idee zu untergraben, dass Frauen ihre eigene biologische Realität haben oder - ebenso bedrohlich - dass sie gemeinsame Realitäten haben, die sie zu einer politischen Klasse machen."

Welche Statuen der späteren Zeit werden noch gestürmt?, fragt Thomas Kielinger in der Welt mit Blick auf den Sturz der Statue von Edward Colston in Bristol (Unser Resümee), den er leider wenig konkret und die Geschichte des britischen Sklavenhandels resümierend als "Lynchjustiz" verurteilt: "Selbst am Churchill-Denkmal vor dem Parlament in London strichen Erregte den Namen Churchill durch und malten darunter '… war ein Rassist'. Am Balliol College in Oxford tobt seit Jahren ein heftiger Kampf um das in Stein gemeißelte Ganzkörperbildnis von Cecil Rhodes, dem Imperialisten par excellence, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts Afrika vom Süden bis Norden als von der britischen weißen Rasse zivilisiert erträumte. 'Denkt daran, dass ihr Engländer seid und damit den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen habt', pflegte er zu verkünden. Weiße Engländer, natürlich, von anderen Hautfarben war nicht die Rede. Als nächster Kandidat für einen Statuen-Sturm dürfte Robert Clive herhalten, sichtbar aufgestellt vor dem Foreign Office in London wie auch in zahllosen Stadtzentren der Insel. Lord Clive, Militär und Politiker, war im 18. Jahrhundert der erste Gouverneur Bengalens und brachte weite Landstriche Indiens mit brutalen Methoden unter britische Kontrolle."

Der britische Theologe Anthony G. Reddie rechtfertigt in der taz den Abriss von Sklavenhalter-Skulpturen, wie jüngst in Bristol geschehen: "Höfliche Petitionen, die Statue Colstons und anderer zu entfernen, wurden ignoriert. Lange bevor ein sogenannter Pöbel die Statue in den Fluss warf, hatten schwarze Aktivisten darum gebeten, solche Denkmale in Museen unterzubringen, wo die hingehen können, die sie unbedingt sehen wollen, uns aber die Demütigung der Beleidigung unserer unterdrückten Vorfahren erspart bleibt. Weiße Behörden haben unseren Anspruch darauf ignoriert, denn unser Leben zählt nicht, und mit Blick auf die selbstzufriedene Geringschätzung Weißer uns gegenüber zählen offensichtlich auch unsere Gefühle nicht."

In einem wütenden Gastkommentar in der NZZ verurteilt der Unternehmer Simon M. Ingold Gegner der Globalisierung als Kulturpessimisten und "Puristen, die nur reine, ursprüngliche Formen kultureller Expression anerkennen": "Das bestimmende Merkmal unserer Zeit ist nicht etwa ein Mangel an kultureller Vielfalt, sondern deren übermäßige Zersplitterung in enge Subkulturen und selbstgewählte Nischen. Das Resultat ist die totale Unübersichtlichkeit. Laufend entstehen neue Mikro- und Nanomilieus, jedes mit seiner eigenen Identität und Ideologie. Was sie besonders auszeichnet, ist das stark ausgeprägte Territorialgefühl ihrer Anhänger. Sie beanspruchen für sich, als Teil einer Bewegung wahr- und ernst genommen zu werden, beseelt von der Überzeugung, eine überlegene Sicht auf die Dinge zu haben. Dieser Hang zur unbedingten Selbstbehauptung ist der Motor derjenigen Identitätspolitik, die den Grundton der öffentlichen Debatte zu Gesellschaftsthemen fast überall dominiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2020 - Gesellschaft

Rassismus ist universal, ruft die Menschenrechtsaktivistin Naïla Chikhi bei hpd.de. Auch in arabischen Ländern gibt es Rassismus gegen Schwarze: "Einerseits protestieren heute viele Deutsche aufgrund des Falls von George Floyd gegen Rassismus. Andererseits - so ist zu befürchten - sind darunter wohl nicht Wenige, die dann mildernde Umstände aufzählen würden, wenn es um Rassismus und Frauenverachtung innerhalb bestimmter Communities hierzulande geht. Es ist mir unerklärlich, wenn selbsternannte 'Weiß-Privilegierte' einzig denjenigen Rassismus und Sexismus anprangern, der von anderen 'Weiß-Privilegierten' ausgeht, um im gleichen Atemzug diejenigen Menschenrechtsverletzungen zu relativieren, die innerhalb sogenannter 'Minderheiten' tagtäglich verübt werden."

"Ich bin eine schwarze Frau, und ich bin gegen den Begriff vom 'weißen Privileg', schreibt die französische Politikerin Corinne Narassiguin (Sozialistische Partei) in Le Monde. Der Begriff "weißes Privileg" verweise auf die Zeit der "Rassentrennung" in den USA: "Den Begriff 'weißes Privileg' nach Frankreich importieren, heißt der französischen Geschichte die amerikanische Geschichte überzustülpen und weder der einen noch der anderen gerecht zu werden. So fabriziert man historischen Widersinn. Wer im französischen Kontext davon spricht, das 'weiße Privileg' abschaffen zu wollen, unterstellt, dass der antirassistische Kampf ein Kampf gegen den Status von Weißen sei. Wenn das nur ungeschickt wäre, würde sich ein Debattenbeitrag hier nicht lohnen, aber es ist schlimm und gefährlich... Wer den Begriff des 'weißen Privilegs' im Namen des Antirassismus benutzt, spielt das Spiel der Identitätspolitik, die kommunitaristische Clans dem nationalistischen und rassistischen Block entgegenstellt."

Im Interview mit der Welt spricht der Nordamerikahistoriker Michael Hochgeschwender über das Männlichkeitsbild in den USA und rassistische Traditionen. Für eine "Säuberung" der Vergangenheit ist er aber nicht: "Wenn ich eine moralisch saubere, einwandfreie Geschichte herstelle, wenn ich die Erinnerung an all das unterdrücke, was mir nicht mehr passt, dann beraube ich die Geschichte ihrer Prozessualität und lasse sie in einer Form von moralischem Vakuum erstarren. ... Man weist auf die blinden und dunklen Flecke der Vergangenheit hin und sagt nicht, ich schaffe sie aus meinem Angesicht und dann fertig."

Im Interview mit Kristian Teetz vom Redaktionsnetzwerk Deutschland äußert sich die in Berlin arbeitende Philosophin Susan Neiman optimistisch über die Proteste nach dem Tod George Floyds, die größer seien als nach der Ermordung Martin Luther Kings: "Es waren damals nicht so viele Leute auf der Straße, und es gab auch keine so breiten Bündnisse wie heute. Heute sind ja mehr Weiße auf der Straße als Schwarze. Aber auch die internationale Unterstützung ist sehr wichtig für die Demonstranten."

Fast wikipedia-artikelhaft erklärt Thomas E. Schmidt in der Zeit, was es mit der Israel-Boykottkampagne BDS auf sich hat. Ersonnen habe sie der arabische Israeli Omar Barghouti, und die Forderung nach Rückkehr aller Kinder von Flüchtlingen erzwinge "ein binationales Israel mit palästinensischer Mehrheit, also faktisch das Ende des Judenstaats, und mit den 'besetzten Gebieten' ist nicht etwa das 1967 im Sechstagekrieg eroberte Westjordanland gemeint, sondern das israelische Staatsgebiet insgesamt... So bedeutet BDS: Im Grunde kann und soll es keine politische Lösung mehr geben." Im Blick auf die breite Unterstützung in den hiesigen Geisteswissenschaften mahnt Schmidt: "Rede- und Wissenschaftsfreiheit sollten Hexenjagden ausschließen. Der Einfluss von BDS ist ein gesellschaftlicher, und mit staatlicher Politik wird er kaum zurückzudrängen sein."

Auch in Indien wurde der Lockdown beendet, erzählt V. Ramaswamy in einem Brief an die SZ. Sonderlich optimistisch stimmt ihn das nicht: "Da die Wanderarbeiter in ihre Heimatgebiete zurückgekehrt sind und die strenge Einhaltung der anschließenden Quarantänemaßnahmen dort fraglich ist, könnte das Virus letztlich auch das ländliche Indien treffen. Da es dort nur eine schlechte oder gar keine Gesundheitsinfrastruktur gibt, sind die Aussichten düster."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2020 - Gesellschaft

Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther betont in der taz, wie sehr der postkoloniale Kritik den hiesigen Diskus stärken könne: "Demut und die Abgabe von Deutungshoheit der eurozentristischen Sicht sind dabei elementar." Zugleich findet sie aber klare Worte gegen den Antizionismus bei vielen postkolonialen Protagonisten: "Die Verdienste des postkolonialen Diskurses werden in keiner Weise geschmälert, wenn wir festhalten: Die kritische Aufarbeitung des kolonialen Erbes und die Überwindung von Kolonialitäten brauchen nicht den Rekurs auf Israel. Die wiederkehrenden polemischen Versuche, Israel als 'Siedlerkolonie' oder 'rassistischen Apartheidstaat' zu delegitimieren und zu dämonisieren, sind historisch falsch und ihnen muss aufs Schärfste widersprochen werden."

Julia Amalia Heyer porträtiert (nicht online) im Spiegel den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein, der durch manche Äußerungen und besonders durch seine Kritik an Achille Mbembe inzwischen als umstritten gelten darf. Er sagt: "Antisemitismus entsteht unabhängig vom Verhalten von Juden. Dies gilt auch, wenn die Projektionsfläche hierfür Israel ist. Die Annexionspläne geben Anlass für Kritik, aber selbst wenn sich Israel absolut völkerrechtskonform verhielte, gäbe es trotzdem israelbezogenen Judenhass in Deutschland und Europa."

"Die Behauptung einer Holocaustfixierung und ihrer angeblichen erinnerungspolitischen Verdrängung des Leids der Kolonisierten ist bei postkolonialen Theoretikern weltweit ein beliebter Schachzug, um einen Schlussstrich von links zu fordern", meint in der Welt Ingo Elbe und bezieht sich dabei auf einen Artikel von Felix Axster, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, im Freitag. "Im nächsten Schritt wird dann, wie im Fall von Mbembes Anwendung der postkolonialen Schablone, die Verteidigung Israels gegen antisemitischen Terror zur rassistischen Apartheidspolitik umgebogen. Man gefällt sich in der Forderung, die Juden sollten als Lehre aus Auschwitz auf 'Grenzen und Trennungen' zu 'den Anderen' verzichten. Um sich dabei ein gutes Gewissen zu bereiten, reicht es aber nicht, mit frommem Gestus die 'Versöhnung' oder 'Reparatur' der Welt zu fordern, man muss auch mit allen Mitteln leugnen, dass 'die Anderen' wirklich ein Feind der Juden sein könnten."

Amerikanische Polizisten töten nicht nur überproportional schwarze Menschen, sie töten überhaupt viele Menschen, erzählt der amerikanische Soziologe Alex S. Vitale im Interview mit Zeit online. Das habe auch damit zu tun, dass Kriminalität immer nur als Polizeiproblem gesehen wird, nie als soziales: "Unsere Schulen funktionieren nicht richtig, wir haben eine hohe Obdachlosigkeit, wir haben ein riesiges Drogenproblem und jede Menge Menschen mit schweren psychischen Problemen, die keine medizinische Hilfe finden. Viele unserer Jugendlichen schlagen sich damit durch, dass sie sich irgendwie auf dem Schwarzmarkt verdingen. Aber anstatt die ökonomischen Ursachen anzugehen, haben wir die Symptome kriminalisiert und der Polizei aufgetragen, sie irgendwie zu managen. Also haben wir jetzt Polizisten in Schulen, Obdachlose in Gefängnissen und die Polizei kommt, wenn jemand in einer psychischen Notfallsituation steckt. Das trifft alles doppelt und dreifach auf arme und nichtweiße Gegenden zu."

In der SZ schildert die südafrikanische Schriftstellerin und Kuratorin Zukiswa Wanner ihre Erfahrungen mit Rassismus in Simbabwe, den USA und auf europäischen Flughäfen: "Im nächsten Monat werde ich 44. Wenn ich jede Demütigung aufschreiben müsste, der ich seitdem auf den verschiedenen Kontinenten wegen der Farbe meiner Haut ausgesetzt war … Wenn ich eine willkürliche Auswahl jener Flughäfen im Schengen-Raum treffen müsste, obwohl ich längst ein strenges Visumverfahren durchlaufen habe … Wenn. Ich müsste viele Bücher darüber schreiben."

Erst haben sich in den USA Polizisten hingekniet, um ihre Solidarität mit den Demonstranten auszudrücken, die die Polizeigewalt gegen Schwarze anprangern. Jetzt knien auch die Demokraten im Gedenken an George Floyd, meldet Zeit online: "Mit einem Kniefall und minutenlangem Schweigen haben Parlamentarier der oppositionellen US-Demokraten an den bei einem brutalen Polizeieinsatz getöteten Schwarzen George Floyd erinnert. Führende Oppositionsvertreter wie Nancy Pelosi und Chuck Schumer gingen im Kongress in Washington auf die Knie und hielten 8:46 Minuten lang schweigend inne. So lange hatte ein weißer Polizist sein Knie auf Floyds Nacken gedrückt, obwohl dieser wiederholt klagte, er bekomme keine Luft mehr. Die demokratischen Vertreter von Repräsentantenhaus und Senat trugen Schals mit afrikanischen Mustern, als sie in der sogenannten Emancipation Hall des US-Kongresses zusammenkamen." Weiter gingen Polizeibeamte in North Carolina, die laut Daily Mail schwarzen Priestern die Füße wuschen, um "Demut und Liebe auszudrücken".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2020 - Gesellschaft

Dass die Proteste nach dem Tod George Floyds so global und einschneidend wurden, hat auch mit dem Satz "I can't breathe" zu tun, der in Coronazeiten besonders symbolisch sei und der die Not Diskriminierter besonders einfühlbar mache, schreibt Ben Okri im Guardian: "Vielleicht können wir uns am besten einfühlen, wenn wir uns auf diesen Zustand einlassen können. 'Ich kann nicht atmen' setzt Rassismus plötzlich mit dem Entzug von Luft gleich, was er schon immer war. Früher sahen wir Rassismus, wenn wir alles sahen, als eine Minderung der Humanität eines Menschen. Aber das war immer zu vage. 'Ich kann nicht atmen' geht über die Aussage hinaus, dass Sie mich der Freiheit, der Menschlichkeit, des Respekts berauben. Es besagt: 'Ihr beraubt mich meines Rechts auf Luft zum Atmen.'"

Viel Hoffnung knüpft Christian Jakob in der taz an die europäischen  und amerikanischen Proteste gegen Rassismus am letzten Wochenende: "Minderheiten lassen sich immer weniger damit abspeisen, außen vor gelassen zu werden, wo Macht und Ressourcen sind. Ihnen hilft dabei ein demografischer Faktor: In Westeuropa und Nordamerika steigt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und damit auch der von Nichtweißen - völlig normal und nicht revidierbar in einer zusammenwachsenden Welt. Nicht nur in den USA gibt dies vielen Menschen Hoffnung, Antirassismus aus einer Position zunehmender Stärke verhandeln zu können."

Die Grünen Robert Habeck und Aminata Touré rufen ebenfalls in der taz auf, "den Rassismus zu verlernen": "Ein starkes Zeichen dafür wäre, den Begriff 'Rasse' aus dem Grundgesetz zu streichen. Er manifestiert eine Unterteilung von Menschen in Kategorien, die dem Anspruch und Geist unseres Grundgesetzes, 'Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich', widersprechen. Es gibt eben keine 'Rassen'. Es gibt Menschen."

Im Zeit-Blog Freitext erinnert Nora Bossong daran, dass die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood schon vor anderthalb Jahren bei einer Benefiz-Gala in Los Angeles eine Revolution prophezeite - Revolution wie französische Revolution, nicht wie die amerikanische: "Die Revolution in Frankreich war Endpunkt des sich zunehmend auflösenden Feudalsystems Europas, eine Auflösung, die in Frankreich durch die absolutistische Monarchie zugleich kompensiert wie beschleunigt wurde. So baute die Revolution auf den Trümmern der alten Strukturen, von denen viele sich über den Umsturz hinaus erhielten. Dazu aber haben die heutigen USA, die längst ein Ancien Régime geworden sind mit einer nach Erbprivilegien gegliederten Gesellschaft, viel mehr Ähnlichkeiten als zur vorrevolutionären Gesellschaft ihrer Vorfahren."

Wer die Militanz kritisiert, die viele Proteste gegen den Rassismus kennzeichneten, will sich einfach nicht mit dem eigentlichen Problem auseinandersetzen, meint auf Zeit online der afroamerikanische Journalist Mychal Denzel Smith. Tatsächlich zeigten diese Formen des Protests nur, "wie verzweifelt Protestierende ihre Situation einschätzen" und dass sie der Regierung die Macht entreißen wollen. Deshalb die Forderung nach Kürzungen der Gelder für die Polizei: "Die Protestierenden in den USA wollen durch ihre Forderung nach Kürzungen der Polizeietats nun auch erreichen, dass landesweit endlich wirkliche Verbrechensprävention betrieben wird. Das bedeutet: Öffentlich finanzierte Programme und Dienstleistungen sollten bestimmte Verbrechensarten schlicht überflüssig oder unattraktiv machen. Erst im Zuge der Corona-Pandemie zum Beispiel wurde in den USA eine funktionierende Gesundheitsvorsorge als eine essenzielle Aufgabe erkannt, die Menschen vom finanziellen Druck befreit, Krankheitskosten selbst tragen zu müssen und womöglich zum Begehen von Verbrechen beiträgt."

Zumindest bei der deutschen Polizei kann Ahmad Mansour im Tagesspiegel keinen Systemfehler erkennen: "In den vergangenen Jahren ist unsere Polizei deutlich 'multikultureller' geworden. Immer mehr Menschen im Polizeidienst haben einen Migrationshintergrund. Unterschiedlichkeit, auf Neudeutsch Diversity, ist auch im Polizeidienst ein wichtiges Thema. Es tut der Polizeiarbeit gut, wenn Menschen mit den verschiedensten Erfahrungen gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten: der inneren Sicherheit." Und: "Zu der Debatte gehört auch die andere Seite der Wahrheit: Fast 20 deutsche Polizistinnen und Polizisten werden Tag für Tag im Dienst verletzt. Langgediente Polizeibeamte berichten von einer erschreckenden Respektlosigkeit, die ihnen im Alltag begegne und die immer schlimmer werde. Polizisten werden beschimpft, beleidigt und bei der Ausübung ihres Dienstes gefilmt. Drohungen sind an der Tagesordnung, selbst gegen die Familien der Beamten."

Die Schriftstellerin Katharina Funke verabschiedet sich von der SZ mit einem letzten Brief aus Brasilien. Dort wird die Situation immer absurder, schreibt sie: "Das Gesundheitsministerium informiert nicht mehr über den Verlauf der Epidemie. Die bisher verfügbaren Zahlen erfahren eine Bearbeitung, initiiert durch die Bundesregierung. Denn die beschuldigt die Gouverneure und Präfekten, die Daten aufgeblasen zu haben. Wenn man aber verfolgt, was Experten wie der Mikrobiologe Átila Iamarino sagen, weiß man, dass das Gegenteil passiert. Aufgrund mangelnder Tests korrespondieren vielerorts die Zahlen der Toten und Infizierten nicht mit der Realität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2020 - Gesellschaft

Für den amerikanischen Autor Thomas Chatterton Williams zeigt sich gerade, dass Identitätspolitik nur in eine Sackgasse führen kann, denn Donald Trump ist der größte Identitätspolitiker von allen, sagt er im Welt-Interview mit Wieland Freund: "Meine These, die meines Erachtens gerade bestätigt wird, lautet: Obwohl Rasse nichts Reales ist, ist der Rassismus sehr real und erst er und seine Kategorien, die uns nach Hautfarben trennen, ist es, der uns spaltet. Das Paradoxe ist, das wir den Rassismus nie überwinden oder besiegen werden, wenn wir an den bankrotten Kategorien festhalten, die aus dem Zusammenprall von Europa und Afrika in der Neuen Welt und dem Bedarf nach unbezahlter Sklavenarbeit hervorgegangen sind. Wir müssen deshalb zwei Dinge gleichzeitig tun: Rassismus bekämpfen und aufhören, uns selbst und andere durch seine verzerrenden Prismen zu sehen."

Amerika braucht mehr Gleichheit, sieht Meret Baumann im Leitartikel der NZZ. Denn auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges zum positiven gewandelt habe im Miteinander von Schwarz und Weiß, sei die immense wirtschaftliche Ungleichheit noch größer geworden: "Im Jahr 2016 verfügte eine durchschnittliche schwarze Familie über einen Zehntel des Vermögens einer weißen Familie und über ein rund 40 Prozent tieferes Einkommen", schreibt Baumann: "Laut Daten der letzten fünf Jahre werden Afroamerikaner doppelt so oft von Polizisten getötet wie Weiße. Ihr Anteil an den Covid-19-Opfern ist mindestens doppelt so hoch wie jener an der Gesamtbevölkerung, und Schwarze sind auch überdurchschnittlich von den Stellenverlusten infolge des Virus betroffen. Fast die Hälfte der Afroamerikaner, aber nur ein Viertel der Weißen hatte im April Mühe, die Rechnungen zu bezahlen. 'Ich kann nicht atmen', die letzten Worte Floyds und der Slogan der Proteste, steht so sinnbildlich für alle diese Notlagen."

Ebenfalls in der NZZ nimmt der konservative  amerikanische Ökonom Glenn Loury im Interview die schwarze Bevölkerung in die Pflicht und warnt davor, die Polizei zum Feindbild zu machen: "Afroamerikaner in den Städten sind in erheblichem Maß Opfer von Raub, Vergewaltigung und Mord, und oft sind die Täter auch schwarz. Der Schutz des Lebens und des Privatbesitzes ist die wichtigste Aufgabe des Staats, und viele Afroamerikaner können sich in ihren Häusern nicht sicher fühlen. Die Polizei ist Teil der Lösung dieses Problems. Schwarze brauchen die Polizei."

Die Polizeigewalt in den USA ist ein großes Problem, aber richtig übel ist sie in Brasilien, meint der Schriftsteller J. P. Cuenca in einem Text, den der Tagesspiegel von der deutschen Welle übernimmt: "In Brasilien enden die Militärdiktaturen immer nur für die Weißen, nie für die Schwarzen", mahnt Cuenca: "Obwohl eine fragile Identitätspolitik in jüngerer Zeit versuchte, die Ungerechtigkeit etwas abzumildern, hat das Land, das als letzte westliche Nation die Sklaverei abschaffte, seinen strukturellen Rassismus beibehalten. Diese Ungleichheit findet sich nicht nur in den Unterschieden im Einkommen und im Zugang zu Bildung und Gesundheit wieder, sondern in viel brutaleren Zahlen. 42.000 Menschen wurden 2019 in Brasilien ermordet, zwei Drittel von ihnen waren schwarze Männer, die meisten zwischen 15 und 29. Auch Brasiliens Polizei tötete 2019 viel, rund 6.000 Menschen. Brasiliens Beamte sind damit die gewalttätigste Polizeitruppe der Welt. Mehr als 75 Prozent ihrer Opfer sind schwarz."

Die Bilder aus den USA entfachen bei Arno Widmann in der FR ein Feuerwerk an Assoziationen. Vor allem aber fühlt er sich an die sechziger Jahre erinnert, als der Aufbruch  der schwarzen Bürgerrechtsbewegung bald in Zerfall und Spaltung mündete: "Noch wenige Jahre zuvor waren weiße Studenten in die Südstaaten gezogen, um dort in Alphabetisierungskursen Schwarzen beizustehen, die sich in Wählerlisten eintragen wollten. Solche Aktionen gerieten jetzt in den Verdacht des Paternalismus. Die Bürgerrechtsbewegung zerfiel in verschiedene einander oft heftig bekämpfende Gruppen. Malcolm X war schon im Februar 1965 von einem Mitglied der 'Nation of Islam', deren Sprecher Malcolm X einst gewesen war, wegen Verrats erschossen worden. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis von einem mehrfach vorbestraften weißen Rassisten erschossen. In mehr als 110 Städten der USA kam es danach zu Protestaktionen, bei denen insgesamt 39 Menschen ums Leben kamen, 2000 verletzt und 10 000 Personen festgenommen wurden."

Die taz übernimmt einem Artikel aus der New York Times, in dem Keeanga-Yamahtta Taylor Polizeigewalt gegen Schwarze ebenso anprangert wie Jahrzehnte der Diskriminierung und den Tod vieler Schwarzer während der Corona-Pandemie: "In diesem Frühling sind im schwarzen Amerika mindestens 23.000 Menschen an Covid-19 gestorben. Das Coronavirus hat eine Schneise durch die schwarzen Gemeinschaften geschlagen." Außerdem bringt die taz eine riesige Recherche zu einer Gruppe von Bundeswehr-Reservisten, die bereits 2015 eine rechtsextreme Preppergruppe gebildet hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2020 - Gesellschaft

Als neulich die Meldungen über Corona-Infektionen in deutschen Schlachthöfen kamen, redeten alle über die Menschen. Aber niemand redet über die Tiere, schreibt Edo Reents in einem zornigen FAZ-Feuilletonaufmacher: "Man muss indes kein Vegetarier sein, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es in Schlachthöfen zugeht, auch kein Tierschützer, dem so leicht das Attribut des Fanatischen beigegeben wird. Die Frage ist, ob, wenn man mal einen durchschnittlich profitablen Schlachthof von innen oder eine Dokumentation gesehen hat, dann noch etwas anderes in Frage kommt als Fanatismus - was dort mit Tieren gemacht wird, ist so empörend, dass man nur noch militant oder ignorant werden kann; die meisten entscheiden sich für Letzteres und verdrängen das Unrecht."
Stichwörter: Tierschutz, Schlachthöfe, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2020 - Gesellschaft

Was es alles gibt, sogar an Universitäten, und natürlich in Bioläden. Der Chef der Biomarke Rapunzel wurde neulich kritisiert, dass er in den Postillen und der Website seines Unternehmens ziemlich verschwörungstheoretische Positionen vertritt (unser Resümee). Mira Landwehr hat für die taz herausgefunden, dass er auch Leute wie den Professor für Wasserwirtschaft Ralf Otterpohl von der TU Hamburg einlud, sein jüngstes Buch vorzustellen: "Bei Rapunzel redete Otterpohl über die Thesen seines Buchs 'Das neue Dorf'. Hier bewirbt der Professor die völkisch-antisemitische Anastasia-Siedlerbewegung aus Russland, die seit Jahren auch in Deutschland, vornehmlich im Osten, sogenannte Familienlandsitze etabliert und sich nach außen als harmlose Ökobewegung präsentiert." Und "nach dem Vortrag Otterpohls stellt Robert Briechle, der der 'Reichsbürger'-Bewegung nahesteht, seinen Landsitz im Allgäu vor".

Im Zeit-Blog 10 nach 8 erzählt die jemenitische Studentin Altaf Merzah von ihrer unverheirateten Cousine Sarah, die 38 Jahre alt ist, studiert hat, aber nicht arbeiten gehen darf. Der Vater erlaubt es nicht. Jetzt will ihre 17-jährige Schwester heiraten - eine Tragödie, denkt Merzah, die das zum Anlass nimmt, über Liebe und Sexualität in ihrem Land nachzudenken: "Sex ist im Jemen durchaus kein Tabu, es wird überall darüber gesprochen, aber es sprechen eben immer nur Männer unter Männern und Frauen unter Frauen, ein Gespräch zwischen den Geschlechtern findet jedenfalls draußen und in Gemeinschaft nicht statt. Findet es privat, in den Schlafzimmern, statt? Ist es unter diesen Bedingungen überhaupt möglich, dort intime Gefühle mitzuteilen, oder muss sich die Beziehung im Bett nicht zwangsläufig in eine Pflicht verwandeln - die Pflicht der Frauen, den Mann zu befriedigen und Babys auszutragen?"