Dass die Proteste nach dem Tod George Floyds so global und einschneidend wurden, hat auch mit dem Satz "
I can't breathe" zu tun, der in Coronazeiten besonders symbolisch sei und der die Not Diskriminierter besonders einfühlbar mache,
schreibt Ben Okri im
Guardian: "Vielleicht können wir uns am besten einfühlen, wenn wir uns auf diesen Zustand einlassen können. 'Ich kann nicht atmen' setzt Rassismus plötzlich mit dem
Entzug von Luft gleich, was er schon immer war. Früher sahen wir Rassismus, wenn wir alles sahen, als eine Minderung der Humanität eines Menschen. Aber das war immer zu vage. 'Ich kann nicht atmen' geht über die Aussage hinaus, dass Sie mich der Freiheit, der Menschlichkeit, des Respekts berauben. Es besagt: 'Ihr beraubt mich meines Rechts auf
Luft zum Atmen.'"
Viel Hoffnung
knüpft Christian Jakob in der
taz an die europäischen und amerikanischen
Proteste gegen Rassismus am letzten Wochenende: "Minderheiten lassen sich immer weniger damit abspeisen, außen vor gelassen zu werden, wo Macht und Ressourcen sind. Ihnen hilft dabei ein
demografischer Faktor: In Westeuropa und Nordamerika steigt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und damit auch der von Nichtweißen - völlig normal und
nicht revidierbar in einer zusammenwachsenden Welt. Nicht nur in den USA gibt dies vielen Menschen Hoffnung, Antirassismus aus einer Position zunehmender Stärke verhandeln zu können."
Die Grünen
Robert Habeck und
Aminata Touré rufen ebenfalls in der
taz auf, "den Rassismus zu verlernen": "Ein starkes Zeichen dafür wäre, den Begriff '
Rasse' aus dem
Grundgesetz zu streichen. Er manifestiert eine Unterteilung von Menschen in Kategorien, die dem Anspruch und Geist unseres Grundgesetzes, 'Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich', widersprechen. Es gibt eben keine 'Rassen'. Es gibt Menschen."
Im
Zeit-Blog
Freitext erinnert Nora Bossong daran, dass die kanadische Schriftstellerin
Margaret Atwood schon vor anderthalb Jahren bei einer Benefiz-Gala in Los Angeles eine Revolution prophezeite - Revolution wie
französische Revolution, nicht wie die amerikanische: "Die Revolution in Frankreich war Endpunkt des sich zunehmend auflösenden Feudalsystems Europas, eine Auflösung, die in Frankreich durch die absolutistische Monarchie zugleich kompensiert wie beschleunigt wurde. So baute die Revolution auf den Trümmern der alten Strukturen, von denen viele sich über den Umsturz hinaus erhielten. Dazu aber haben die heutigen USA, die längst ein Ancien Régime geworden sind mit einer
nach Erbprivilegien gegliederten Gesellschaft, viel mehr Ähnlichkeiten als zur vorrevolutionären Gesellschaft ihrer Vorfahren."
Wer die
Militanz kritisiert, die viele Proteste gegen den Rassismus kennzeichneten, will sich einfach nicht mit dem eigentlichen Problem auseinandersetzen,
meint auf
Zeit online der afroamerikanische Journalist
Mychal Denzel Smith. Tatsächlich zeigten diese Formen des Protests nur, "wie verzweifelt Protestierende ihre Situation einschätzen" und dass sie der Regierung die Macht entreißen wollen. Deshalb die Forderung nach
Kürzungen der Gelder für die Polizei: "Die Protestierenden in den USA wollen durch ihre Forderung nach Kürzungen der Polizeietats nun auch erreichen, dass landesweit endlich
wirkliche Verbrechensprävention betrieben wird. Das bedeutet: Öffentlich finanzierte Programme und Dienstleistungen sollten bestimmte Verbrechensarten schlicht überflüssig oder unattraktiv machen. Erst im Zuge der Corona-Pandemie zum Beispiel wurde in den USA eine funktionierende Gesundheitsvorsorge als eine essenzielle Aufgabe erkannt, die Menschen vom finanziellen Druck befreit,
Krankheitskosten selbst tragen zu müssen und womöglich zum Begehen von Verbrechen beiträgt."
Zumindest bei der deutschen Polizei
kann Ahmad Mansour im
Tagesspiegel keinen Systemfehler erkennen: "In den vergangenen Jahren ist unsere Polizei deutlich 'multikultureller' geworden. Immer mehr Menschen im Polizeidienst haben einen
Migrationshintergrund. Unterschiedlichkeit, auf Neudeutsch
Diversity, ist auch im Polizeidienst ein wichtiges Thema. Es tut der Polizeiarbeit gut, wenn Menschen mit den verschiedensten Erfahrungen gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten: der inneren Sicherheit." Und: "Zu der Debatte gehört auch die andere Seite der Wahrheit: Fast 20 deutsche Polizistinnen und Polizisten werden Tag für Tag
im Dienst verletzt. Langgediente Polizeibeamte berichten von einer
erschreckenden Respektlosigkeit, die ihnen im Alltag begegne und die immer schlimmer werde. Polizisten werden beschimpft, beleidigt und bei der Ausübung ihres Dienstes gefilmt.
Drohungen sind an der Tagesordnung, selbst gegen die Familien der Beamten."
Die Schriftstellerin
Katharina Funke verabschiedet sich von der
SZ mit einem
letzten Brief aus
Brasilien. Dort wird die Situation immer absurder, schreibt sie: "Das
Gesundheitsministerium informiert nicht mehr über den Verlauf der Epidemie. Die bisher verfügbaren Zahlen erfahren eine
Bearbeitung, initiiert durch die Bundesregierung. Denn die beschuldigt die Gouverneure und Präfekten, die
Daten aufgeblasen zu haben. Wenn man aber verfolgt, was Experten wie der Mikrobiologe Átila Iamarino sagen, weiß man, dass das Gegenteil passiert. Aufgrund
mangelnder Tests korrespondieren vielerorts die Zahlen der Toten und Infizierten nicht mit der Realität."