9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2020 - Ideen

Der große Kritiker und Essayist George Steiner ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Themen machten ihn für die New-York-Times-Autoren Christopher Lehmann-Haupt (der selbst schon 2018 gestorben ist) und William Grimes zum Universalgelehrten. Von der Entstehung der Sprache, über das Übersetzen bis hin zur Bedeutung exterritorialer Autoren wie Beckett und Nabokov für die Literatur: "Er ging diesen Anliegen in mehr als zwei Dutzend Büchern nach, darunter Essay-Sammlungen, eine Novelle und drei Sammlungen von Kurzgeschichten. Mit Harold Bloom (der im Oktober starb) argumentierte er für den Kanon der westlichen Kunst und gegen eine ganze Abfolge kritischer Neuerungsbewegungen vom 'New Criticism' in den 1950ern bis hin zum Poststrukturalismus und der Dekonstruktion in den Sechzigern, deren Aufkommen er in einem frühen Essay, 'The Retreat From the Word' voraussah."

Nicolas Weill macht in Le Monde auf eine weniger bekannte Faszination Steiners aufmerksam: "In den Kursen des Philosophen Leo Strauss erfährt er von der im Nationalsozialismus kompromittierten Philosophie Martin Heideggers, dessen Namen Strauss nicht mal aussprechen mag. Das Denken des Autors von 'Sein und Zeit' wird das gesamte Werk Steiners durchdringen, auch wenn er ihm persönlich... widerstrebend gegenüber stand. Zugleich empfand Steiner, der sich als 'unpolitisch wie nur etwas' bezeichnete, zeitlebens eine ästhetische Faszination für rechtsextreme Denker und Schriftsteller, sei es Céline ('ein Shakespearianer!'), den royalistischen Philosophen Pierre Boutang oder den faschistischen und antisemitischen Lucien Rebatet, den er in den 1960er Jahren in Paris besuchte (das Interview ist in dem von Pierre-Emmanuel Dauzat herausgegebenen Cahier de l'Herne von 2003 über Steiner wiedergegeben), oder den amerikanischen Dichter und Mussolini-Bewunderer Ezra Pound, denn er habe 'zur Gesamtheit seiner Taten gestanden', wie er sagte.

In diesem Interview von Alan MacFarlane spricht Steiner ausführlich über seine Karriere und seine Ideen:



Wer eine gesetzliche Regulierung von "Hassrede" wünscht (über das eh schon bestehende Maß hinaus) setzt oft Worte mit Taten gleich. Das ist mehr als zweischneidig, meint Claudia Mäder in der NZZ und empfiehlt die Lektüre von Judith Butler, die weitergehende Regulierungen ablehnt. Denn anders als bei körperlicher Gewalt entscheide bei Sprache der Empfänger mit, wie die Botschaft ankommt: "Das soll mitnichten bedeuten, dass 'hate speech' kein objektiv zu erkennendes und zu verurteilendes Sprechen wäre oder gar erst durch den Rezipienten entstünde. Nein, der Gedanke, wie Butler ihn entwickelt, ist einzig darauf ausgerichtet, die Diffamierten aus der Starre ihrer Opferrolle herauszuführen, ihnen die Kraft zur Widerrede zuzugestehen und dadurch 'Formen des Widerstands zu denken, die nicht auf den Staat fixiert sind'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2020 - Ideen

In der NZZ diagnostiziert Reinhard Mohr eine wachsende Kluft zwischen den deutschen Bürgern und ihren Repräsentanten. Die Lebenswelt der einen hat mit der Rhetorik der anderen nichts mehr zu tun, meint er. Zuletzt ist ihm das aufgefallen beim  großen Konklave der SPD im Dezember in Berlin: "Irritierend ist allein schon die Sprache, mit der in all den Reden der Zustand der Republik beschrieben wird. Vor lauter Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Elend und Armut fühlte man sich an Venezuela oder Burkina Faso erinnert - nicht an das wirtschaftsstärkste Land Europas, das seit Jahrzehnten von Sozialdemokraten mitregiert wird. Noch erstaunlicher der dialektische Tigersprung in die rosarote Zukunft: Wie bunte Fasnachtsbonbons prasselten die Vorschläge auf die 600 Delegierten nieder: höhere Steuern für Reiche, höherer Mindestlohn, höhere Renten. Plötzlich schien das Paradies auf Erden zum Greifen nah. Die Leute müssten halt nur noch SPD wählen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2020 - Ideen

Die Rassismusforscherin Yasemin Shooman, deren Arbeit am Jüdischen Museum Berlin zu heftigen Kontroversen führte, ist inzwischen Wissenschaftliche Geschäftsführerin am "Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung" (Dezim-Institut), das von Naika Foroutan gegründet wurde. Sie hat auch für die SPD ein Gutachten im Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin geschrieben. Im Gespräch mit Andrea Dernbach vom Tagesspiegel erklärt sie, wie sie den Begriff der "Rasse" versteht: "Die internationale Rassismusforschung ist sich einig, dass der 'Rasse'-Begriff infolge der NS-Verbrechen zwar immer stärker mit einem Tabu belegt wurde. Seine Wirkmacht hat aber nicht nachgelassen. Es gab eine Verschiebung vom biologistisch argumentierenden Rassismus hin zu einem kulturell begründeten Rassismus. Er behauptet, dass es in sich geschlossene, homogene Kulturen gebe, und dass die Hierarchie und Differenz zwischen Angehörigen der verschiedenen 'Kulturkreise' unüberwindbar sei. Die Forschung spricht auch von Neorassismus."

Weitere Artikel: In der Welt träumt Michael Pilz mit dem Silicon Valley von Unsterblichkeit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2020 - Ideen

Neben Klimaskeptikern und Aktivisten ist eine neue Art des Denkens über den Klimawandel entstanden, die Ulrich Schnabel in der Zeit als "Kollapsologie" bezeichnet. Zu ihren Autoren zählt er Jonathan Franzen, der die Katastrophe für unabwendbar hält ("What If We Stopped Pretending?", im New Yorker) und den Ökologen Pablo Servigne ("Petit manuel de collapsologie"): "In dieselbe Richtung denkt Jem Bendell, momentan der wohl einflussreichste Kollapsologe. Sein vor eineinhalb Jahren veröffentlichter Wegweiser, um uns durch die Klimakatastrophe zu führen ist weltweit zum Evangelium der Kollaps-Gläubigen geworden. Über eine halbe Million Mal wurde Bendells Aufsatz vom Server geladen, vielfach sind Foren und Facebook-Gruppen entstanden, die sein Konzept der deep adaptation (Tiefenanpassung) diskutieren. Wissenschaftler betrachten das alles eher mit Stirnrunzeln, Bendells Aufsatz ist mehr Meinungsäußerung als wissenschaftlicher Text. Fachzeitschriften haben ihn abgelehnt und größere Korrekturen verlangt, was Bendell dadurch umging, dass er ihn auf seiner Homepage veröffentlichte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2020 - Ideen

In der Serie "Voices for Democracy" plädiert Jan Philipp Reemtsma für mehr Bescheidenheit in der Debatte über die Zukunft der Demokratie. Es müssen ja nicht immer die ganz großen Worte benutzt werden, meint er in der SZ. Demokratie ist für ihn einfach ein "Minimum von Selbstschutz gegen das Potenzial von Grausamkeit, das in unumschränkter oder wenigstens unzureichend kontrollierter Macht liegt - Grausamkeit von Folter und Schikane in Gefängnissen bis zur Verletzung von Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer Sprache, ihrer Ansichten. ... Ja, es ist irgendwie unbefriedigend, das Selbstverständliche zu betonen. Aber wer das enttäuschend findet und möchte, dass ich jenseits dieses Selbstverständlichen noch dies und das und was immer ihr oder ihm am Herzen liegen mag, hervorkehre, bedenke, dass wir uns nur dann darüber verständigen können, wenn wir es auf diesem sicheren Boden tun können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2020 - Ideen

Am Wochenende hat der Schriftsteller Lukas Bärfuss im Schweizer Magazin Sonntags-Blick seine Zweifel an der Demokratie angemeldet: Sie stehe mit ihrer altmodischen Art oft hilflos vor den Problemen einer globalisierten Welt. Wie die neue "perfekte Staatsform" aussehen soll, sagt er aber nicht. Thomas Risi zuckt darum in der NZZ auch nur mit den Achseln: "Demokratie, so wie sie die Denker des 18. Jahrhunderts entworfen haben, ist ein Versprechen, das sich seiner Unerfüllbarkeit bewusst ist. Der Impuls zu einem Prozess, der nie an ein Ende kommt. Wer, wie Lukas Bärfuss, 'die endgültige, perfekte Staatsform' sucht, den muss die Demokratie enttäuschen. Sie bietet keine fertigen Lösungen, die für immer gültig wären, sondern muss jeden Tag neu errungen werden. Demokratie gibt es nicht ein für alle Mal. Sie ist das, was wir aus ihr machen. Darin liegt ihre Verletzlichkeit. Aber auch ihre Stärke."

Im Tagesspiegel konstatiert der Historiker Martin Sabrow eine Krise der Erinnerungskultur. Sie hat viele Gründe, erklärt er, eins davon sei "die zunehmende Ersetzung von Distanz durch Identifikation. So gebe es in der Gesellschaft "immer wieder Stimmen, die historisch tradierte Sichtachsen identitätspolitisch zu verändern verlangen. Im Streben nach Entmilitarisierung und Dekolonisierung des öffentlichen Raums sind Hindenburgstraßen und Carl-Peters- Plätze zu einem Konfliktfeld geworden, in dem Tradition und Benennungszusammenhang immer stärker dem Anspruch auf Identitätsschutz zu weichen haben. Nicht anders ergeht es Mohren-Apotheken und Mohren-Hotels ... Die Krise des Allgemeinen ist auch eine Krise des Historischen. Sie nimmt der Vergangenheit ihr Eigenrecht und macht sie zur Projektionsfläche von konkurrierenden Zugehörigkeitsansprüchen, die gleichermaßen Identität über Historizität stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2020 - Ideen

In einem persönlichen Essay setzt sich Justus Bender in der FAS mit Theorie und Praxis der "Critical Whiteness" und Postkolonialismus auseinander, die jede Idee des Universalismus ablehnen und nach Benders Eindruck den Rassismus neu installieren: "In ganz Deutschland finden regelmäßig Workshops statt, in denen 'Critical Whiteness' vermittelt wird. Dort passiert etwas Seltsames. Die Teilnehmer werden sortiert nach ihrer Ethnie, in Weiße und Nichtweiße. Im März zum Beispiel findet ein Workshop von 'Brot für die Welt' statt. Er richtet sich laut Einladung 'ausschließlich an weiße Menschen'. Ein anderer Workshop für 'Schwarze und indigene Menschen und People of Color findet im Herbst statt'. In einem Workshop der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Köln wurden Weiße definiert als 'Personen, die nicht rassistisch diskreditierbar sind'. Im Programm stand, welche Ethnie an welcher Veranstaltung teilnehmen durfte. Es kommt mir vor wie eine Einteilung in Täter und Opfer. Ich bin aber kein Täter."

In der SZ wirft Mirjam Brusius, Historikerin am Deutschen Historischen Institut London, ethnologischen Museen und Antikensammlungen in Deutschland vor, sich nicht mit dem Rassismus und der Kolonialisierung auseinanderzusetzen. Schließlich hätten gerade Artefakte aus dem Nahen Osten zu europäischen "Rassetheorien" beigetragen. Zugleich behauptet Brusius, dass "Museen erst dann glaubwürdig sind, wenn sie Kuratoren- oder Forschungsstellen mit Zuwanderern oder ihren Nachfahren besetzen und die imperiale Politik des Westens als Fluchtursache in ihren Ausstellungen ansprechen. Nicht zuletzt, um mit neuen Ideen ein vielfältigeres Publikum anzuziehen. Selbst beim Berliner Humboldt-Forum, wo man den 'Dialog' so groß schreiben will, wurden bislang alle maßgeblichen Stellen mit weißen Männern besetzt. Gab es wirklich keine ebenso qualifizierten anderen Kandidatinnen oder Kandidaten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Ideen

Richard Herzinger ruft in der Welt die Verfechter eines wahren Liberalismus dazu auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen und weniger Weinerlichkeit - gerade auch im harten Meinungskampf: "Auch in Demokratien war es noch nie einfach, sich zu behaupten, wenn man dezidierte, vom jeweils vorherrschenden Mehrheitskonsens abweichende Ansichten vertrat. Doch gerade in dieser Minderheitsposition des Störenfrieds gegenüber eingefahrenen Denkgewohnheiten sollten sich Liberale doch in ihrem eigentlichen Element fühlen. Statt sich über angebliche Einschränkungen ihrer Freiheit zu beklagen, wenn sie mit ihren Argumenten auf geballten Widerstand stoßen, müsste sie das dazu anstacheln, sich umso deutlicher Gehör zu verschaffen."

Auf ZeitOnline schildert der Journalist Hasnain Kazim allerdings, welche Beschimpfungen er täglich aushalten muss: "Früher habe ich solche Zuschriften verdrängt, sie weggeklickt, versucht, sie nicht ernst zu nehmen. Ich habe auch einige Male Anzeige erstattet. Jedes Mal wurde das Verfahren eingestellt. Entweder, hieß es, konnte der Verfasser nicht ermittelt werden - oder er habe einfach behauptet, er sei es nicht gewesen, denn zu seinem Computer hätten mehrere Leute Zugang. Die Masse der Drohungen der vergangenen Monate hat mich aber umgehauen. Sicherheitskräfte haben mich außerdem darüber informiert, dass ich auf mehreren 'Todeslisten' oder 'Feindeslisten' stehe - allerdings nicht von sich aus, sondern nur, weil ich Kontakte habe, die ich fragen konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2020 - Ideen

In der NZZ äußert der Philosoph Martin Rhonheimer Kritik an jenen (Klima-)Aktivisten, deren Verständnis von zivilem Ungehorsam auch das "Stellen der Systemfrage" beinhaltet: "Dieses offensichtlich jakobinische - oder populistische - Verständnis von zivilem Ungehorsam, gemäß dem das Volk grundsätzlich höhere Legitimität als seine verfassungsmäßigen Repräsentanten besitzt, ist mit der liberalen Vorstellung von Parlamentarismus und Demokratie unvereinbar. Es unterminiert auch die direkte Demokratie, da ja auch direktdemokratische Entscheidungsverfahren ihre rechtliche Verbindlichkeit durch die Verfassung erhalten und insofern Teil der 'konstituierten Gewalt' sind. Das 'radikaldemokratische' Verständnis von zivilem Ungehorsam ist deshalb in Wirklichkeit Widerstand gegen eine als illegitim wahrgenommene Ordnung. Es ist - wie anno 1968 - radikale Systemkritik, auch wenn seine Vertreter es nicht wagen, sich als solche zu outen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2020 - Ideen

Als Mittel gegen die allgegenwärtigen Untergangsgesänge empfiehlt der amerikanische Historiker Jeremy Adelman im Tagesspiegel die Lektüre des Sozialwissenschaftlers Albert O. Hirschmann, der sich bereits in den siebziger Jahren gegen das "Verführerische von Untergangspropheten" wendete: "Er warnte davor, dass schlimme Vorhersagen auf das große Ganze bezogen für Gegenkräfte und positive Ansätze blind machen können. Woher aber der Reiz dieses Verfallsdenkens, wenn die Geschichte nur selten den Vorhersagen entspricht? Für Hirschman war er auf einen prophetischen Stil zurückzuführen, der sich an Intellektuelle wendete, die sich zu 'fundamentalistischen' Erklärungen hingezogen fühlten und es vorzogen, auf unlösbare Ursachen für soziale Probleme hinzuweisen. Für Revolutionäre ist das, was auf sie wartet, eine Utopie. Auf Reaktionäre wartet die Dystopie."