9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Kulturpolitik

In der FAZ ist Andreas Kilb nicht unbedingt glücklich, wie klassenkämpferisch die Linkspartei im Kulturausschuss gegen die Hohenzollern agiert, aber die Monarchiefreundlichkeit der CDU geht ihm auch gegen den Strich. Die Besitzansprüche der Familie setzen die Freiheit der Museen aufs Spiel, warnt Kilb: "Um so wichtiger ist es für den Bund, die Unabhängigkeit staatlicher Museen und Schlösser bei der Darstellung deutscher Geschichte sicherzustellen. Ein Bundesmuseum zum höheren Ruhm des Hauses Hohenzollern darf es vernünftigerweise nicht geben. Aber auch einer hälftigen Besitzteilung der strittigen Bestände, wie sie die Anwälte der Familie vorschlagen, kann die Bundesregierung nicht zustimmen, weil sie damit die geschichtspolitische Position der Hohenzollern bestätigen würde."

Und noch mehr royale Unbill: Gina Thomas kann, ebenfalls in der FAZ, über die Unbedarftheit von Prince Harry und Meghan Markle nur den Kopf schütteln, mit dem sie den Kapitalismus gegen die Monarchie eintauschten: "Der von langer Hand mit Hilfe einer kanadischen Kreativagentur geplante Coup, mit dem es die königliche Familie überrumpelt hat, ist ihm aus den Händen geglitten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Kulturpolitik

FAZ-Redakteur Thomas Thiel hat der einstigen Programmleiterin des Jüdischen Museum Berlin Yasemin Shooman vorgeworfen, aus dem Museum "ein Forum für Israel-Kritiker und BDS-Sympathisanten mit Querverbindungen zum politischen Islam" gemacht zu haben. Darauf hin entwickelte sich eine recht heftige Debatte um Shoomans Arbeit, die wie ihr Lehrer Wolfgang Benz für eine Denkrichtung steht, die Ressentiments gegen Muslime dem Antisemitismus gleichstellt (unsere Resümees). Shooman hat auf der Seite des "Rats für Migranten" mit einem Brief an FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube reagiert, wo sie der FAZ Falschbehauptungen vorwirft (die sie aber offenbar nicht juristisch angreift) - sie beklagt sich auch, keine Gelegenheit bekommen zu haben, "zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen". Thomas E. Schmidt verteidigt Shooman heute in der Zeit: "Den Angriffen gegen Yasemin Shooman in der FAZ oder der Welt, auf Twitter oder in Blogs geht es gerade nicht um einen Streit in der Sache, sondern sie stellen Shoomans wissenschaftliche Qualifikation infrage. Es geht um ihre soziale Existenz. Dass sie darüber hinaus auch noch Muslimin ist, geisterte als Bestätigung sämtlicher Vorurteile eine Zeit lang triumphal durch Kommentarspalten und Tweets - die meisten von ihnen wurden inzwischen gelöscht. Die ganz eigenen diskursiven Regeln, unter denen sich Wissenschaft organisiert, gelten nicht länger. Stattdessen zieht die in sozialen Medien übliche Aggression ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2020 - Kulturpolitik

Der Streit um die Potsdamer Garnisonkirche ist noch nicht ausgestanden. In den nächsten Tagen stehen einige wichtige Diskussionsveranstaltungen zu dem umstrittenen Projekt an, dem Nationalismus und Militarismus vorgeworfen werden (unsere Resümees). Der neue Potsdamer Bürgermeister Mike Schubert hat den Sitz seines Vorgängers im Kuratorium der Aufbaustiftung nicht eingenommen, berichtet Marco Zschieck in der taz: "Ein weiteres, akustisches Signal gab es im Sommer. Da ließ Schubert mit Zustimmung der Wiederaufbaustiftung das rund 200 Meter entfernt aufgestellte Glockenspiel abschalten. Zuvor hatten rund hundert Künstler, Wissenschaftler und Architekten in einem offenen Brief auf den problematischen Inhalt der Inschriften auf dem Geläut hingewiesen, das die 'Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel' unter dem Ex-Oberstleutnant Max Klaar 1991 aufstellen ließ. Seitdem bimmelte es im Halbstundentakt abwechselnd 'Üb' immer Treu und Redlichkeit' und 'Lobe den Herrn'." Schubert schlägt nun für das ebenfalls aufzubauende Kirchenschiff ein internationales Jugendbegegnungszentrum vor.
Stichwörter: Garnisonkirche, Militarismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2020 - Kulturpolitik

Die österreichische Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek wird in der neuen schwarz-grünen Regierung Kulturministerin. Nicole Scheyerer beschreibt in der FAZ den kulturpolitischen Hintergrund der österreichischen Grünen. Auch ihnen wird's um die Pflege des großen Erbes gehen müssen: "Die Museumslandschaft wird auch in Zukunft zu den größten Baustellen der Kulturpolitik zählen. Wiewohl die Qualität des Programms und die Besucherzahlen stimmen, herrscht struktureller Handlungsbedarf. Die Grünen haben wiederholt die fehlende Absprache der Häuser kritisiert, was deren doppelgleisige Ausstellungs- und Ankaufspolitik betrifft. Im Kampf um das Publikum agiert etwa Klaus Albrecht Schröder von der Albertina nicht zimperlich. So präsentierte er bereits 2017 eine Schau zum grafischen Werk von Pieter Bruegel dem Älteren, obwohl das Kunsthistorische Museum erst 2018 seine lang vorbereitete Bruegel-Schau eröffnete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2020 - Kulturpolitik

Vergangene Woche verteidigte Max Czollek im Tagesspiegel die Programmleiterin des Jüdischen Museums Berlin, Yasemin Shooman, nachdem ihr Thomas Thiel in der FAZ vorgeworfen hatte, unter ihrer Leitung sei das Museum zu einem Forum "für Israel-Kritiker und BDS-Sympathisanten mit Querverbindungen zum politischen Islam" geworden. (Unsere Resümees). Nun springen, ebenfalls im Tagesspiegel, Clemens Heni, Direktor des International Center for the Study of Antisemitism Berlin, und der Islamwissenschaftler Michael Kreutz Thiel zur Seite: Es gelte "bei BDS das Gleiche wie bei Nazis: null Toleranz. Thomas Thiel trifft den Kern des Problems: Jene, die Antisemitismus mit Islamophobie vergleichen oder analogisieren, möchten vom spezifisch muslimischen Antisemitismus, dem zumal in Ländern wie Frankreich gefährlichsten Antisemitismus unserer Tage, ablenken. Denken wir an den Jihadisten Anis Amri und die von ihm ermordeten 12 Menschen am 19. Dezember 2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Es ist seit den Anschlägen von 9/11 Mode, Kritik am Islamismus als rechts zu diffamieren."

Gleich zwei Artikel schickt Robert Mappes-Niediek in der FR aus der kroatischen Hafenstadt Rijeka, der Kulturhauptstadt 2020. Hier entstand der erste faschistische Staat, erinnert er: "Als Österreich-Ungarn 1918 auseinanderfiel, sprachen die Siegermächte die Stadt dem neuen 'Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen' zu, dem späteren Jugoslawien - zum Ärger Italiens und seines Königs, die Fiume und die ganze östliche Adria für italienisch oder gar für 'italianissimo' hielten. Auf eigene Faust sammelte der Dichter Gabriele D'Annunzio tausend schwärmerische Anhänger um sich und ging 'über die Grenzen', nicht mehr nur im übertragenen, poetischen Sinne, sondern ganz wörtlich. Die 'Arditi', die Verwegenen, nahmen die Stadt im Handstreich und richteten dort ihre 'Reggenza italiana' auf." Heute ist in Rijeka, anders als im Rest von Kroatien, Nationalismus kaum noch ein Thema, schreibt Mappes-Niediek in einem zweiten Artikel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2019 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel reagiert Max Czollek erbost auf einen Artikel in der FAZ (unser Resümee), in dem Thomas Thiel die Arbeit des Jüdischen Museums Berlin scharf attackierte und vor allem der Programmleiterin Yasemin Shooman vorwarf, das Museum zu einem Hort von Israelfeinden und BDS-Sympathisanten zu machen: "Es lässt sich festhalten: Kritiker wie Thomas Thiel mögen die Forschung zur Diskriminierung von Muslimen und Musliminnen nicht. Weil Yasemin Shooman diese Forschung betrieben hat und unter anderem ein Forum in der Akademie dafür fand, fordert er einen Kurswechsel für das gesamte Jüdische Museum. Die dahinter liegende Annahme, Shooman allein hätte das Haus überhaupt zu einem Ort für Judenfeinde machen können, ist eine Personalisierung der Programmlinien des JMB, die die Grenze zur Verschwörungstheorie abermals überschreitet. Die Realität sieht anders aus, beginnend bei der Absicht, mit der die Akademie vom Gründungsdirektor des Museums, W. Michael Blumenthal, ins Leben gerufen wurde. Blumenthal ging es von Anfang an darum, eine 'Plattform für Debatten über religiöse Vielfalt, Partizipation und das Zusammenleben in der pluralen Gesellschaft' zu schaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2019 - Kulturpolitik

Wie handhaben eigentlich China, Russland, Griechenland, Ägypten, Jordanien und die Krim die Rückführung von Kunstschätzen, fragt sich Peter Dittmar in der Welt. In Russland und China kaufen reiche Unternehmer einfach die Schätze zurück, um ganz nebenbei auch bei der Regierung zu punkten: "Da in großem Umfang auch Juwelen und kunsthandwerkliche Preziosen ins Ausland gewandert waren, gibt es vielfältige Möglichkeiten für solche 'Gut-Wetter-Rückkäufe' durch Oligarchen, die es sich mit dem Kreml nicht verderben wollen. Dazu gehört beispielsweise Wiktor Wexelberg, der 2004 für kolportierte 100 Millionen Dollar von den Nachfahren des Verlegers Malcolm Forbes dessen Fabergé-Sammlung - darunter neun der berühmten für den Zaren gefertigten Fabergé-Eier - erwarb und für sie ein Museum in St. Petersburg einrichtete. Und der außerdem dem Danilow-Kloster jene 17 Glocken übergab, die unter Stalin als Schrott an den amerikanischen Geschäftsmann Charles R. Crane verkauft worden waren. Crane schenkte sie der Harvard- Universität, die nun dafür, von Wexelberg finanziert, Nachgüsse erhält."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2019 - Kulturpolitik

Thomas Thiel erzählt in der FAZ von "einer jahrelangen Entwicklung, die aus dem Jüdischen Museum Berlin ein Forum für Israel-Kritiker und BDS-Sympathisanten mit Querverbindungen zum politischen Islam" machte. Die neue Direktorin Hetty Berg müsse es nun gründlich vom Kopf auf die Füße stellen. Verantwortlich für die von Thiel beklagte Entwicklung war nicht Bergs Vorgänger Peter Schäfer, sondern Yasemin Shooman, die Programmleiterin der an das Museum angeschlossenen Akademie, eine Schülerin Wolfgang Benz' und wie dieser eine starke Verfechterin der These, dass "antimuslimischer Rassismus" heute dem einstigen Antisemitismus, der zu den Nazis führte, gleichzusetzen sei. "Dass in diesem Rahmen auch Vertreter der vom Bundestag als antisemitisch eingestuften BDS-Bewegung wie Sa'ed Atshan ins Jüdische Museum eingeladen wurden, rief Protest hervor, mag aber noch mit dem Hinweis auf Meinungsvielfalt zu rechtfertigen gewesen sein. Zum offenen Skandal wurde es, als das Jüdische Museum Schritt für Schritt zum Podium einer Bewegung umgewandelt wurde, die einen scharfen israelfeindlichen bis antisemitischen Kurs vertritt, und Verteidiger Israels gar nicht mehr zu Wort kamen."

Ganz nebenbei und im Lärm der Diskussionen um das Museum der Moderne fast unbemerkt ist gestern am Berliner Kulturforum der Scharounplatz eingeweiht worden, die Gestaltung der Freifläche zwischen den Solitären  - über zwanzig Jahre nach der Ausschreibung! Claudius Prößer freut sich in der taz: "Ganz nüchtern betrachtet gleicht der Scharounplatz einer extrabreiten Bushaltestelle, die von der schiefen Ebene der 'Piazetta' bis zur Potsdamer Straße reicht. Tatsächlich hält hier künftig auf beiden Seiten die Linie 200, womit die Philharmonie und Museen endlich angemessen mit dem ÖPNV erschlossen werden. Ein paar Schnurbäume wurden mitten in die Leere gesteckt, ein paar moderne Bänke aus Beton und Holzrippen stehen auf der einen, Betonpoller in Form eines Pentagons auf der anderen Seite."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2019 - Kulturpolitik

Das Russische wird in den früheren Sowjetrepubliken immer mehr zurückgedrängt - nicht nur in der Ukraine oder dem Baltikum, sondern zum Ärger Putins auch in Ländern, die Moskau eigentlich immer noch wohlgesonnen sind, berichten Silke Bigalke und Frank Nienhuysen in der SZ. "Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan haben bereits ihr Alphabet vom Kyrillischen auf lateinische Buchstaben umgestellt. Kasachstan, der größte der zentralasiatischen Staaten, ist gerade dabei. Bis 2025 sollen alle Zeitungen, Schulbücher, Dokumente, Straßenschilder sowie die Werbung auf lateinische Buchstaben umgestellt sein. Sogar manche kasachische Schriftsteller, Kinder der Sowjetunion, fürchten nun einen Schlag für die russische Sprache, einen Bedeutungsverlust literarischer Klassiker. Für die nationalen Sprachen bedeutet dies eine Renaissance, nachdem jahrzehntelang das Russische dominiert hat. Auch in Weißrussland, traditionell der engste Verbündete Russlands, ist eine sanfte Wandlung zu spüren als Ausdruck einer neuen nationalen Identität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2019 - Kulturpolitik

Niklas Maak schildert in der FAZ das kaum nachzuzeichnende kulturpolitische Chaos in Berlin um einige sehr symbolische Orte im Zentrum der Stadt, etwa die  Gegend  um den einstigen Checkpoint Charlie: "Was sonst in Berlin an Symbolbauten geplant wird, ist ein Trauerspiel: Eine Bauakademie, die zurzeit vor allem ein Sinnbild für die Übergriffigkeit politischer Postenzuschusterer ist - und direkt nebenan das geplante Wiedervereinigungsdenkmal, eine begehbare, wippende Riesenschale, die vorführen soll, dass, wenn alle zusammen in eine Richtung marschieren, sich 'etwas bewegt', so wie die Menschen 1989 'etwas bewegt' haben. Doch wenn auf einer Wippe alle in eine Richtung laufen, dann geht es mit den Marschierenden vor allem: bergab."