Ein paar sehr
ungemütliche Erkenntnisse für die Demokraten und die heute den Diskurs regierende romantische Linke
zitiert Jörg Wimalasena in einem Hintergrundartikel für
Zeit online. Er versucht der Frage auf den Grund zu kommen, warum Trump
bei Schwarzen und Latinos eine Menge Stimmen gewinnen konnte (auch wenn die große Mehrheit immer noch demokratisch stimmt). Das hat ein paar
handfeste Gründe, etwa die wirtschaftliche Stagnation: "In der Zeit, in der die soziale Situation der Schwarzen sich nicht verbesserte, regierten
vier demokratische Präsidenten - von denen einer sogar selbst schwarz war. Die hohe Zahl an
Gefängnisinsassen geht auch auf die Law-and-Order-Politik der Demokraten in den Achtziger- und Neunzigerjahren zurück, die übrigens maßgeblich durch den damaligen
Senator Joe Biden geprägt wurde." Und Trump habe gerade hier "durchaus Erfolge vorzuweisen, wie zum Beispiel die
Strafrechtsreform von 2018. Sie reduzierte drakonische Gefängnisstrafen, die zu einem großen Teil Schwarze betrafen."
Demokraten glauben, dass sie automatisch die Guten sind und die
Minderheiten darum genauso automatisch für sie stimmen müssen. Sie übersehen die Konflikte und Konservatismen in den Minderheiten selbst,
schreibt auch Isvett Verde, selbst Latina, in der
New York Times: "Viele Demokraten verhalten sich, als würden sich Latinos nur für
Einwanderungspolitik interessieren. In Wirklichkeit zeigt eine aktuelle Umfrage..., dass sich Latinos viel mehr Sorgen um
Jobs und Wirtschaft machen."
Dass Trump sich mit Händen und Füßen gegen eine
Niederlage wehren würde, war klar,
meint Bernd Pickert in der
taz. Das Problem ist aber, dass er es in den letzten vier Jahren geschafft hat, sich eine
fanatische Gefolgschaft aufzubauen: "Sie können kaum anders, als ganz
im Stil der QAnon-Verschwörungsideologen daran zu glauben, dass Kräfte der alten Eliten, des 'Establishments' oder des 'Deep State' Trump aus dem Weißen Haus getrickst hätten. Wie es möglich sein soll, mit diesem inzwischen
viel zu groß gewordenen Teil der Gesellschaft, der in der Demokratie kräftig mitwirkt (ohne ihre Regeln aber mitzutragen), zu einer gesellschaftlich zivilisiert geführten Auseinandersetzung zu kommen, ist völlig unklar."
Trump ist ein "
Demagogie-
Entertainer",
schreibt indes der Amerikanist
Johannes Völz auf
Zeit Online: "Die vergangenen vier Jahre haben ans Licht gebracht, dass
Politik und Unterhaltung in den USA eine Verbindung eingegangen sind, deren Wirkung
toxisch ist. Politik ist zu einem
Rohstoff des Entertainments geworden. Und umgekehrt stellt die Unterhaltung heute das Spielfeld der Politik dar. 'Wir amüsieren uns zu Tode', hat der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman schon 1985 gewarnt. Angesichts der mittlerweile über 230.000
Corona-
Toten in den USA ist dieser Buchtitel noch nicht einmal übertrieben. Ohne die unheilvolle - aber leider eben auch entertainmenttaugliche -
Politisierung der Pandemie wären viele dieser Menschen wohl noch am Leben. Doch noch etwas droht dem schleichenden Gift politischer Ästhetisierung zum Opfer zu fallen: die amerikanische Demokratie. Die Ästhetisierung der Politik ist ein Schreckgespenst des 20. Jahrhunderts."
Andere zu beschämen, war Trumps Prinzip,
analysiert Judith Butler in einem Artikel zu den amerikanischen Wahlen im
Guardian. Die Linke habe den Trump-Anhängern allen Spaß ausreden wollen. Trump drehte den Spieß um: "Die erregte Phantasie seiner Anhänger war, dass mit Trump
alle Scham überwunden werden könnte und es eine Befreiung von der Linken und ihre strafenden Rede- und Verhaltensbeschränkungen geben würde, eine Lizenz, endlich Umweltvorschriften und internationale Abkommen zu zerstören, rassistische Galle zu spucken und anhaltende Formen der Frauenfeindlichkeit offen zu bejahen."
Amerikanische Intellektuelle haben auch nicht immer die tiefschürfende Antwort auf die Frage,
wie Trump möglich werden konnte. Der Historiker
Eric Foner gibt es im Gespräch mit Patrick Bahners wenigstens zu: "Es ist schwer, Trump richtig zu beschreiben. Er ist keiner, der viel weiß. Er weiß nichts über die amerikanische Geschichte. Und doch hat er sich als überaus
schlauer Politiker entpuppt. Er hat Phänomene in der Kultur und in der Gesellschaft erkannt, die andere Spitzenpolitiker nicht verstanden haben. Als einer der wenigen hat er erkannt, wie tief
das Ressentiment in Teilen der Gesellschaft reicht." Auch die Historikerin
Jill Lepore rätselt im
FAZ-Gespräch mit Verena Lueken über das Phänomen Trump - für sie ist irgendwie eine konservative Rückeroberung der Institutionen qua Technologie schuld.
Linksliberale Intellektuelle haben es in ihrer "herablassenden
Arroganz" in den letzten Jahren versäumt, Trump als "paradigmatischen Ernstfall" zu analysieren, erkennt
Hans-
Ulrich Gumbrecht in der
Welt.