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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2003. Die taz hat die Nase von der FAZ voll. In der Zeit wünscht sich Dominik Graf ein politisches Kino in Deutschland. Die FAZ stellt die neue Mode unter chinesischen Filmstars vor: Man tritt in die Partei ein. Die FR findet Praktikanten schick. Die NZZ feiert Titeuf.

Zeit, 09.01.2003

Neulich wünschte sich Dominik Graf in der SZ deutsche Liebesfilme, nun schickt er in der Zeit einen zweiten Wunschzettel, als wäre Weihnachten nicht gerade vorbei. Einen politischen Film hätte er gern. "Keine netten Biopics und nach allen Seiten hin unproblematische Zweiteiler. Nein, böse Filme, spannende Filme, ironische Filme, abgründige Filme über das Zeitgeschehen seit dem Zweiten Weltkrieg hätten es sein können, und wenn notwendig, dann eben ohne präzise Nemensnennung." Die Frage, ob die deutsche Regisseure und Schauspieler das könnten verneint Graf dann allerdings gleich. "Aber egal, nun ist es sowieseo verspielt, vertan. Und Geld zum großen Filmemachen gibt's hier auch kaum mehr." Traurige Lage.

In der Reihe über den Islam und den Westen bezieht der libanesische Intellektuelle Abbas Beydoun eine zwiespältige Position zum möglichen Krieg gegen den Irak. Einerseits wäre er Saddam gerne los: Das irakische Regime existiert seit 34 Jahren, und ich glaube, dass kein aufgeklärter Araber dieses Regime länger tolerieren will beziehungsweise die Chance nicht ergreifen würde, sich seiner zu entledigen." Andererseits stören ihn die Amerikaner: "Es geht den Amerikanern .. um mehr als nur Saddam. Es geht um die Vernichtung der rakischen Stärke, auch für die Zeit nach seinem Sturz." Sein Artikel endet in einem Appell an - ausgerechnet! - Europa, das ein Szenario für einen Irak ohne Saddam entwickeln solle.

Weitere Artikel: Robin Detje schildert in der Leitglosse die rührende Sehnsucht der New Yorker Intellektuellen nach europäische Authentizität. Der ehemalige Bundeskulturminister Michael Naumann will nicht einsehen, warum immer wieder nur die 68er an allen Problemen dieses Landes Schuld sein soll. Der ehemalige Bundeskulturminister Julian Nida-Rümelin plädiert für mehr Wahrhaftigkeit in der deutschen Politik. Renate Klett stellt das Theaterkollektiv Rimini Protokoll vor. Und Ulrich Stock porträtiert den Musiker Martin Gretschmann, der unter den Psedonymen Acid Pauli, Japaner und Electronica ein reges musikalisches Leben führt und sich demnächst auf Tournee begibt.

Besprochen werden der Film "Die unbarmherzigen Schwestern" von Peter Mullan und der Film "Pigs Will Fly" von Eoin Moore.

Aufmacher des Literaturteils ist Ulrich Greiners Besprechung der Neuübersetzug von Melvilles Roman "Pierre".

SZ, 09.01.2003

Wolfgang Kemp hat sich mit einem Paul N. Sinkiewicz unterhalten, Befürworter eines hochtechnisierten Krieges und Senior Analyst am angeblichen "Peacock Institute for Geostrategic Studies": "Nicht zu früh kommen, das ist das Entscheidende. Aber dann Kawumm. Die volle Ladung. Wir reden von bis zu 1000 Pfund an hochexplosivem Material." (Im Google-Zeitalter funktioniert so etwas nicht recht: Wir haben im Netz weder das Peacock Institute, noch Paul N. Sinkiewicz gefunden, noch seinen Artikel "Instant War", der laut Kemp in der Policy Review erschienen ist. Der Text ist wohl ein Fake. Aber was ist daran lustig?)

Michael Ott betrauert einen verblassenden Kindheitsmythos, den Schnee (dabei schneit es gerade) und prophezeit, dass irgendwann auch Literatur über den Schnee und die Konfrontation von Mensch und einer abweisend-faszinierenden, weißen Welt unverständlich geworden sein wird, "weil kein Außen menschlicher Verfügbarkeit mehr existiert. Als vergleichbare Erfahrung gibt es dann vielleicht nur noch das 'Schneegestöber' auf dem Fernsehbildschirm. Vom Staunen des Kinds über den Schnee aber wird das so weit entfernt sein wie die Tigerenten und Teletubbies des TV-Vormittagsprogramms von einem Schneemann mit Mohrrübe, Besen und Zylinder." Ooch.

Weitere Themen: Anlässlich des soeben angebrochenen Bibeljahres macht sich Alexander Kissler Gedanken, was die Hinwendung zur Bibel in einer weltanschaulich zersplitterten Gesellschaft bewirken könnte. "Sus" wundert sich, dass die Gagen für Drehbücher steigen, und die Autoren trotzdem jammern, und Ingo Petz berichtet über den neuseeländischen Filmstar Sam Neill ("Das Piano"), der im "Sustainability Council" für ein Neuseeland ohne Genmanipulation kämpft.

Besprochen werden Betty Thomas' Agenten-Remake  "I Spy" mit Eddy Murphy (hier ein Interview mit Ex-Bond-Girl und "I-Spy"-Agentin Famke Janssen) Peter Mullans Mädchenheim-Film "Die unbarmherzigen Schwestern" (der dem Vatikan missfiel und in Venedig den Goldenen Löwen gewann), die Crossover-Oper des chinesischen Komponisten Tan Dun "Tea" an der Nederlandse Opera in Amsterdam, die Elemente der Musik der Moderne mit traditioneller chinesischer Musik vermischt, die zeitgenössische Architektur-Ausstellung "Leben und Arbeiten am Elbstrom" im Altonaer Museum, Hamburg ("hanseatische Neofolklore") und Bücher, darunter Helmut Vogels Hörbuch-Einlesung von Werner Fritschs Erzählung "Cherubim" und Peter J. Conradis Iris-Murdoch-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 09.01.2003

Astrid Herbold sieht den deutschen Kulturbetrieb auf den Schultern von Praktikanten ruhen: "Praktikanten zu beschäftigen ist chic und macht Spaß: die Berlinale, die lit.cologne und die Popkomm haben welche, und an Stadttheatern, in Verlagsetagen und Festivalbüros kommt schon lange auf jede bezahlte mindestens eine unbezahlte helfende Hand. Die Beschäftigungsform Praktikum - ursprünglich konzipiert, um die theoretische Ausbildung der Universitäten durch in der Praxis erworbene Fähigkeiten zu ergänzen und den Studierenden eine genauere berufliche Orientierung zu ermöglichen - ist in Deutschland zur Quelle billiger Arbeitskräfte verkommen ... 'Eine Stelle haben wir zwar nicht, aber machen Sie doch ein Praktikum bei uns', das ist der freundlich-harmlose Satz, mit dem eine ganze Generation systematisch am Eintritt ins Erwerbsleben gehindert wird."

Weitere Themen: die Kolumne "Times Mager" räsoniert einerseits über die grassierende Popmüdigkeit und freut sich andererseits über Patti Smith und Martina Meister konstatiert das Scheitern des deutschen Subventions-Modells für Opern und Theater.

Besprochen werden Mark Romaneks Spielfilmdebüt "One Hour Photo" (hier ein Interview mit Hauptdarsteller Robin Williams), die Ausstellung "Stille Welt" mit italienischen Stillleben in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, Peter Mullans Film "Die unbarmherzigen Schwesterm" ("grelles Pamphlet ... schales Thesenstück ... schockierende Geschichte") und Bücher, darunter Irvin D. Yaloms "Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 09.01.2003

Dirk Knipphals hat die Nase voll von der Staatsgläubigkeit des FAZ-Feuilletons: "Nach dem Amoklauf von Erfurt wurde - nicht ohne begleitende Schmähungen liberaler Medienpraxis - ein Verbot von Computerspielen sowie eine Beaufsichtigung des Internet gefordert. Auch die Walser-Debatte wurde von der FAZ letztlich als Verbotsdebatte geführt; so was dürfe, so der unterschwellige Tenor, gar nicht erst unter die Leute kommen. Als wären die Leser nicht selbst in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden ... Dasselbe Schema bei der Aufstandsdiskussion gegen die wiedergewählte Bundesregierung. Im Grunde genommen ist es eine Frage des Adressaten. Für die FAZ gibt es offenbar nur Intellektuelle, die wissen, wo es langgeht, und Mächtige, die dieses Wissen doch, bitte sehr, zu exekutieren haben - oder sonst das Weite suchen sollen."

Heiko Dilk stellt auf der Medienseite die Entwicklungsredaktion "Quantum" vor, das "Laboratorium für Formatentwicklung der Redaktion 'Das kleine Fernsehspiel'": "So heißt das wirklich. Und genau genommen muss man noch hinzufügen 'in ZDF und 3sat'..... Kein Privatsender leistet sich noch eine eigene Entwicklungsredaktion. Die unabhängigen Produktionsfirmen entwickeln nur, was auch Chancen hat, einen Sender für die Ausstrahlung zu finden. Das heißt nicht nur, dass es massenkompatibel sein muss, es muss auch ins Sendeschema passen. Und das ist bei den Privaten mittlerweile starrer als bei den Öffentlich-Rechtlichen."

Weitere Artikel: Auf der Internetseite stellt Niels Boeing den webservice XML vor, Nachfolger des Webseitenstandards html. Ansonsten ist in der taz Kinotag. Besprochen werden Eoin Moores Spielfilm "Pigs will fly" (hier ein lange Interview mit Moore), Peter Mullans Film "Die unbarmherzigen Schwestern", Chen Kaiges Film "Killing me softly", Isao Yukisadas Film "Go" sowie Simon Norfolks neuer Fotoband "afghanistan zero", der die Spuren dokumentiert, die ein Vierteljahrhundert Krieg in Afghanistan hinterlassen hat.

Schließlich TOM.

NZZ, 09.01.2003

Viel Geduld braucht es heute für die NZZ. Denn zumindest am morgen war der Server furchtbar langsam.

Frankreichs neuen Helden feiert Christian Gasser: "Titeuf", den Protagonisten des Genfer Comiczeichner Zep., der sich wacker durch die harte Welt des Schulhofs schlägt. "Titeuf" ist inzwischen beliebter als Harry Potter und Zinedine Zidane und hat seinen Schöpfer zum vermutlich erfolgreichsten Schweizer Autor aller Zeiten gemacht. Völlig zu recht, wie Gasser schwärmt: "Titeuf, ein zehnjähriger Bub mit einer wilden blonden Haartolle, ist vorlaut, frech und ungezogen, doch seine vorgetäuschte Selbstsicherheit, seine intensive Beschäftigung mit Fragen zur Sexualität und sein nicht gerade stubenreiner Wortschatz verbergen vor allem eins: seine Unsicherheiten, seine Ängste und sein ihn beschämendes Unwissen in eben diesen sexuellen Belangen. Titeuf ist in dem Alter, in dem ein Knabe am liebsten noch mit Plasticrobotern Krieg der Sterne spielt - aber er zieht bisweilen auch einmal eine Barbiepuppe aus und fragt sich, was es mit Zungenküssen auf sich hat, was Spermatozoiden genau sind und ob das wiederum etwas mit seinen Gefühlen für die unerreichbare Nadia zu tun haben könnte."

Weitere Artikel: Gabriele Hoffmann führt nach Görlitz, das nach 13 Jahren Sanierung Chancen hat, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Tatsächlich hat ihr die herausgeputzte Neißestadt ganz gut gefallen, auch wenn ihr eine gewisse Urbanität abgehe: "Was fehlt, sind junge Görlitzer, die verhindern, dass dieses einzigartige, mit viertausend denkmalgeschützten Objekten gesegnete Gemeinwesen zu einem Museum wird." xy schreibt einen Nachruf auf den siebenbürgischen Schriftsteller Georg Scherg, den es offenbar noch zu entdecken gilt.

Besprochen werden ein Konzert mit Andras Schiff und Bernard Haitink mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und ein ganzer Stapel Bücher: Edward Careys Roman "Das verlorene Observatorium", Michail Schischkins literarische Wanderung vom Genfer See ins Berner Oberland, Pedro Juan Gutierrez' Trilogie "Schmutziges Havanna", Mikael Niemis Roman "Populärmusik aus Vittula", eine Studie von Alfred Bodenheimer über Figurationen der jüdischen Moderne, neue Jazz-Bücher und Michael Crichtons Nano-Thriller "Beute" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 09.01.2003

Unter den chinesischen Kinostars, so berichtet Zhou Derong in einer seiner hübschen Geschichten, grassiert eine neue Mode: Man tritt in die Partei ein. Vorbild ist Zhao Wei, die unter den Verdacht des Vaterlandsverrats geriet, nachdem sie sich mit einem Tuch fotografieren ließ, das der japanischen Kriegsflagge ähnelte! Sie leistete Selbstkritik: "'Gerade im hektischen Showgeschäft sollte man nicht vergessen, hohe Ansprüche an sich zu stellen. Als junger Mensch brauche ich Ideale, und um meine Ideale zielstrebig zu verfolgen, brauche ich eine Überzeugung. Daher habe ich meinen Antrag zur Aufnahme in die Partei eingereicht.' Floskeln, die man aus einer anderen Zeit kennt. Und doch ist es die altbekannte 'Selbstkritik', die, einmal ausgesprochen, eine förmliche Lawine von Liebeserklärungen ausgelöst hat." Drei andere Jungstars haben es Zhao Wei nachgetan - in China nennt man sie die "vier Blumensterne".

Andreas Kilb zitiert aus einem Guardian-Artikel, wo Salman Rushdie sich scheinbar mit Martin Scorseses Film "Gangs of New York" und dem neuen Teil des "Herrn der Ringe" auseinandersetzt - in Wirklichkeit aber Stellung bezieht zu einem möglichen Krieg mit dem Irak: Er fragt, inspiriert von Scorseses Film, ob nicht alle Kriege Bandenkriege seien, um fortzufahren: "Der Sturz der gegenwärtigen irakischen Führung mag wünschenswert sein, aber viele der Szenarios für die Auswirkungen dieses Sturzes sind, um das mindeste zu sagen, unerfreulich . . . Dennoch ist es möglich, dass dieser verworrene Krieg am Ende einen besseren Irak für die meisten Iraker schafft, als ihn jedes andere Mittel erreichen könnte. Kurz: wir könnten vor einem Bandenkrieg gigantischen Ausmaßes stehen, brutal, zynisch, atavistisch - ein Krieg, in dem der Held der einen der Schurke der anderen ist -, dem es trotzdem, wie in Scorseses Film, paradoxerweise gelingen könnte, eine modernere Welt hervorzubringen."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg konstatiert, dass selbst die antitotalitären französischen Intellektuellen Schwierigkeiten haben, einem Krieg gegen Irak zuzustimmen. Eleonore Büning porträtiert anlässlich einer umjubelten Opernpremiere in Amsterdam den Komponisten Tan Dun (der mit seiner Filmmusik für Ang Lees Film "Crouching Tiger" bekannt wurde). Freddy Langer bietet aus gegebenen Anlas "Handreichungen für die Kälte" ("Nie war Deutschland der Poesie der Kälte näher.") Dietmar Polaczek freut sch, dass Carlo Crivellis "Madonna di Camerino", deren Werkteile verstreut waren, in den venezianischen Gallerie dell'Accademia wiedervereinigt wurden. Unter der Rubrik "Pflegefälle" besucht Jürgen Richter die Liebfrauenkirche in Arnstadt.

Auf der letzten Seite porträtiert Hannes Hintermeier den Grünen-Politiker Sepp Daxenberger, der im bayerischen Waging mit grandiosen 78 Prozent zum Bürgermeister gewählt wurde. Oliver Tolmein stellt Monica Casper vor, Präsidentin der "Intersex Society of North America", welche sich für die Interessen von Menschen, "die keinem der beiden Geschlechter eindeutig zugeordnet werden können", einsetzt. Joseph Hanimann blickt voraus auf das in Frankreich gerade angelaufene Jahr der algerischen Kultur. Auf der Kinoseite liest Michael Althen Samuel Fullers in den USA erschienene posthume Autobiografie "A Third Face" (mehr hier und hier). Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über den Rücktritt Cilla Blacks aus der britischen Fernsehshow "Blind Date". In der Leitglosse berichtet "aro." über den Fall eines Münsteraner Professors, der sich durch einen im Grafit-Verlag erschienenen Krimi von Jürgen Kehrer in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt füht und klagt.

Besprochen werden eine Wiener Gala in Erinnerung an Rudolf Nurejew, Susanne Biers Dogma-Film "Open Hearts und eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des Malers Fritz Klemm in Wiesbaden.