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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2005. "Es ist zum Heulen", schreibt der Autor Francois Bon in der NZZ über die Pariser Jugendunruhen. Die FAZ macht die schlecht verarbeitete Kolonialgeschichte Frankreichs für den Gewaltausbruch mit verantwortlich. Die SZ beklagt die selbstverordnete Blindheit der französischen Republik. Die taz stellt den Zusammenhang mit New Orleans und Ceuta und Melilla her.

NZZ, 08.11.2005

Der Schriftsteller Francois Bon, der viel mit Jugendlichen in der Banlieue gearbeitet hat, schreibt ziemlich niedergeschlagen über die Ausschreitungen. "Seit Jahren kämpft man gegen die herrschende Verachtung, um zentimeterweise Boden zu gewinnen. Pantin, wo ich gerade Schreib-Workshops gebe, hat einen 'Jugenddienst der Gemeinde', wo ein Dutzend Leute, häufig selbst hier geboren und aufgewachsen, ihre individuelle Hilfe beisteuern. Doch schließlich stößt man an Mauern - und es gibt nur noch die Angst. Meine langjährige Arbeit in diesen Departements scheint in einer Sackgasse blockiert. Im letzten Juni, als ich mit zwei Berufsschülern eine Serie von Porträts machte für den Fernsehkanal Arte, haben uns 10- und 11-Jährige - Kinder noch, keine jungen Männer - zum Rückzug gezwungen. Oder vor drei Wochen in Pantin, wo ich in der Bibliothek mit angehenden Coiffeusen einen Workshop abhalten wollte, hinderten mich erst fünf, dann zehn Jugendliche handfest daran, ihren Schwestern oder den Freundinnen ihrer Schwestern Literatur zu vermitteln. Plötzlich waren die Kapuzenshirts da und bewiesen mir, dem 'Weißen', ihrerseits Verachtung. Es ist zum Heulen."

Peter W. Jansen gratuliert Alain Delon zum siebzigsten Geburtstag: "Selbstsicherheit bis zur Überheblichkeit und Verachtung für alle Zweifelnden, Zögernden, Zaghaften: Das sind stets die auffälligsten Merkmale dieses schönen Mannes gewesen, der sich alle Mühe geben musste, kein Schönling zu sein, dem die Frauen zuflogen."

Besprochen werden die Ausstellung "El Palacio del Rey Planeta" im Prado über die Kunsttätigkeiten unter Philipp IV., Robert Pingets Roman "Le Libera" als Theaterstück in Vidy-Lausanne und Bücher, darunter Herman Bangs Roman "Stuck", Zsuzsa Banks Erzählungen "Heißester Sommer" und Brigitte Girauds Roman "Im Schatten der Wellen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 08.11.2005

Jürg Altwegg macht auch die schlecht verarbeitete Kolonialgeschichte für die Ausschreitungen in Frankreich verantwortlich: "Die Gewaltausbrüche erscheinen durchaus als Begleitprogramm der Auseinandersetzungen um die Hinterlassenschaft des Kolonialismus und des endlich thematisierten Algerien-Kriegs... Angestoßen wurden die Diskussionen von den Minderheiten, die sich von der Bewältigung der Vichy-Vergangenheit ausgeschlossen fühlen. Beobachter sprechen von einer 'Konkurrenz der Opfer'. Gegen die Schoah-Zeremonien führen sie den Sklavenhandel ins Feld. Es waren die islamistischen Theoretiker um Tariq Ramadan, welche diese Kampfrichtung nach dem Verbot des Kopftuchs einschlugen und zu einer Intifada aufforderten." In einem zweiten Artikel auf der Medienseite wundert sich Altwegg über das relative Desinteresse der französischen Medien an den Unruhen - dort wundert man sich eher über die Aufregung in ausländischen Medien.

Zwei weitere Artikel stehen in Zusammenhang mit der französischen Aktualität: Regina Mönch schildert die verzweifelte Lage von Grundschulen im Berliner Wedding, die an der Aufgabe der Integration nur scheitern können. Und der Anthropologe Werner Schiffauer zeigt sich im Interview mit Andreas Platthaus zuversichtlich, dass derartige Unruhen in Deutschland nicht entstehen können.

Weitere Artikel. In der Leitglosse meditiert Christian Geyer über das Katholische an Edmund Stoiber. Verena Lueken gratuliert Alain Delon zum Siebzigsten. Andreas Obst hat einer vom Bundespräsidenten Horst Köhler ausgerichteten Konferenz unter dem Titel "Partnerschaft in Afrika" zugehört. Andreas Kilb verfolgte eine Berliner Tagung über Kurt Tucholsky. Heinrich Detering gratuliert dem dänischen Poeten Peer Hultberg zum Siebzigsten. Jordan Mejias erzählt, wie sich der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, obwohl Republikaner, durch Kunstsinnigkeit bei der Kulturszene der Stadt beliebt machte. Wiebke Hüster macht den neuesten Stand des Streits zwischen dem Tanz-und dem Sprechtheater an der Berliner Schaubühne bekannt.

Auf der Medienseite kommt Michael Hanfeld noch einmal auf den Fall des Journalisten Bruno Schirra zurück - seine Wohnung und die Cicero-Redaktion waren auf Geheiß Otto Schilys durchsucht worden, um seinen Quellen auf die Spur zu kommen.

Für der letzte Seite begleitete Eleonore Büning Roger Norrington und sein Stuttgarter Rundfunkorchester nach China, wo eine immer größere Liebe zur klassischen europäischen Musik grassiert. Joachim Müller-Jung macht auf eine Häufung von Todesfällen im Kreis der Forscher um die Eismumie "Ötzi" aufmerksam, welche Parawissenschaftler zu einer Theorie über den "Fluch des Ötzi" inspirierte. Und Gina Thomas porträtiert den Regisseur der Potter-Verfilmungen, Mike Newell.

Besprochen werden Tschaikowskys "Pique Dame" an der Frankfurter Oper, das "Dornröschen"-Ballett mit dem Berliner Star Vladimir Malakhov an der Deutschen Oper, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Theaterstück "Angebot und Nachfrage" in Bochum und eine Ausstellung des Landschaftsmalers Rudolf von Alt in der Wiener Albertina.

TAZ, 08.11.2005

Die brennenden Banlieues sind die dritte mediale Manifestation der Armut nach New Orleans und dem Sturm auf Ceuta und Melilla, stellt Isolde Charim fest. Und die randalierenden Jugendlichen in Frankreich antworten den Flüchtlingen im Süden. "Wir erinnern uns noch deutlich an den Ansturm der Armen aus Afrika. Diese wurden erst 'sichtbar', als ihre Fleischstücke an den Maschendrahtzäunen hingen, mit denen Europa sich gegen sie wehrt. Die Afrikaner aber wollten rein nach Europa, rein in einen Raum der Hoffnung. Und nun erhalten sie gewissermaßen eine Antwort von jenen, die in zweiter oder sogar dritter Generation hier sind. Sie sind zwar hereingekommen in die 'Festung' Europa, ohne aber anzukommen."

Weiteres: Helmut Höge diskutiert das wankende staatliche Glücksspielmonopol und schildert den Boom der Branche in Krisenzeiten. Christian Broecking resümiert das Total Music Meeting wie das experimentelle Berliner Jazzfest, dass auch in diesem Jahr ohne Kanon gut auskam. Stefan Reinecke vermisst auf der Dokumentarfilmwoche in Duisburg die genaue Beobachtung des Alltags, die lange "Glutkern" des Genres war, und sieht nur "formal überanstengtes" Ideenkino. Bei dem Treffen "Beyond Memory" in der Berliner Volksbühne haben junge deutsche und israelische Doktoranden zwar nicht viel Gemeinsames, aber - lehrreich immerhin - Trennendes entdeckt, berichtet Jan-Hendrik Wulf. In der zweiten taz prophezeit Ulrike Winkelmann Lothar Bisky auch beim heutigen vierten Versuch, zum Bundestagsvizepräsidenten gewählt zu werden, eine Niederlage.

Und Tom.
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Welt, 08.11.2005

Dankwart Guratzsch fragt, ob der deutsche Umgang mit kulturellen Landschaften eigentlich Ausdruck von Selbsthass ist? "Die Wartburg, Deutschlands schönste, am besten erhaltene und geschichtlich bedeutsamste Burg des Mittelalters, wird durch einen Windpark bedroht. Die Loreley, der Märchenfelsen im Rheintal, und der Waldschlösschenblick, die berühmteste Stadtansicht Dresdens, werden von Autobrücken attackiert."

Weiteres: Eckhard Fuhr sinniert über das Kärchern, das - einst ein Synonym für deutsche Wertarbeit - durch Frankreichs Innenminister Sarkozy den drohenden Beiklang menschenverachtender Brutalität erhalten hat. Josef Engels hätte sich vom Berliner Jazzfest gewünscht, dass es seine Sparzwänge etwas kreativer nutzt. Johnny Erling wünscht den Berliner Philharmonikern Hals und Beinbruch, die nach 26 Jahren wieder einmal in China gastieren. Besprochen werden Nicolas Le Riches Caligula-Choreografie und Tschaikowskis Oper "Pique Dame" in Frankfurt.

FR, 08.11.2005

Ein großartiges Sängerensemble hat Hans-Klaus Jungheinrich in Sebastian Weigles und Christian Pades Aufführung von Tschaikowskys "Pique Dame" erlebt: "An der Spitze Danielle Halbwachs als kraftvoll lyrische Lisa, anrührend und durchwärmt mit einer biegsamen, fein nunancierten und exzellent fokussierten Diktion bar aller Härten und Schärfen. Von konzentrierter Alt-Sonorität geprägt, auch in der äußersten Pianissimo-Verhaltenheit wunderbar präsent, die Gräfin der Elzbieta Ardam, nicht als bizarres Monster gezeichnet, sondern einmal elegante Gesellschaftsdame, im Boudoir verletzliche Greisin (in eine hängemattenartige Schaukel gebettet). Mit einer fesselnden Melange von kantablem Aufschwung und charaktertenoralem Gefühlsaufruhr agierte der Hermann von Mikhail Davidoff; profiliert auch weitere Männerpartien wie Johannes Martin Kränzle (Tomski) und Rodion Pogossov (Fürst)."

Weiteres: Alexander Schnackenburg rechnet vor, wie die Politik das Bremer Theater zahlungsunfähig gemacht hat. Eine "konkrete, boden- und himmellose, lachende, totale Musik" hat Hartwig Vens auf dem Total Music Meeting in Berlin gehört, was ihn für das enttäuschende Jazzfest entschädigte. In der Serie "Mein Europa" erzählt Hans-Jürgen Linke die Geschichte eines französischen Winzers, der nach fünfzig Jahren seinen Wein nun an Destillerien verkaufen muss. In Times mager wünscht sich Ina Hartwig Jean Genets Sprachkraft, um die Vorgänge in den Pariser Vorstädten zu beschreiben. Besprochen werden die Ausstellung "natürlich - süß - museal" über Tierfotografien im Museum Folkwang in Essen.

SZ, 08.11.2005

Das Feuilleton widmet seine erste Seite wieder den Unruhen in den Banlieues. Johannes Willms beschreibt den blinden Fleck der französischen Gesellschaft. "In Frankreich ist es aus Rücksicht auf den Staatsgrundsatz der 'Egalite' ein politisches Tabu, ethnische oder religiöse Bindungen offiziell überhaupt wahrzunehmen. Diese selbstverordnete Blindheit geht so weit, dass es sogar ausdrücklich verboten ist, einschlägige Statistiken aufzustellen. Darum lassen sich über die im Lande lebenden Minderheiten keinerlei gesicherte Aussagen treffen - niemand kann genau feststellen, welche Defizite die Integration dieser Minderheiten aufweist und wie diese durch gezielte Förderungsmaßnahmen zu beheben seien. Derlei wird als discrimination positive strikt verpönt."

Weitere Artikel: Petra Steinberger schildert, wie Slums und soziale Brennpunkte sich durch den Wegzug aller, die es sich leisten können, ganz von selbst bilden, ohne dass irregeleitete Stadtplaner mithelfen müssen. Daniel Brössler weiß, dass es im tschetschenischen Gudermes erstmals ein Musikfestival gab, mit 3000 schwerbewaffneten Sicherheitsleuten und Bands wie "Notschnyje Snajpery" (Nächtliche Scharfschützen). Christopher Schmidt rechnet noch einmal die Bilanz der Berliner Schaubühne durch und nennt die permanente Unterfinanzierung und nicht den Weggang von Sasha Waltz als das eigentliche Problem. Patrick Roth lässt sich von Shirley MacLaine über ihre Großmutterrolle in "In den Schuhen meiner Schwester" und Chruschtschows Faible für ihren Po aufklären.

Susan Vahabzadeh gratuliert dem Schauspieler Alain Delon, der für sie immer der "eiskalte Engel" bleiben wird, zum siebzigsten Geburtstag. Ralf Dombrowski hat auf dem Berliner Jazzfest kein Konzept vermisst, ihm haben die Genregrößen Bill Frisell und Stefano Bollani völlig ausgereicht. In der "Zwischenzeit" sitzt Claus Heinrich Meyer in einer Schneekugel vor dem Reichstag und genießt das Machtvakuum.

Im Medienteil hält der amtierende Wirtschaftsminister Wolfgang Clement den Verkauf der Berliner Zeitung an britisch-amerikanische Investoren für ein notwendiges Zeichen der Zeit, hofft aber auf eine subsidiäre Ordnungspolitik, damit die Verleger sich in Zukunft selbst helfen können.

Besprochen werden Christian Pades Inszenierung von Peter Tschaikowskys Oper "Pique Dame" an der Oper Frankfurt, das Wiedervereinigungskonzert der Band "Cream" auf DVD, und Bücher, Ernst Blochs Briefe an seine Frau Karola aus den Jahren 1928-1949 "Das Abenteuer der Treue", Tobias Wolffs Roman "Alte Schule" sowie Salman Rushdies vorerst nur auf Englisch erschienener Roman "Shalimar the Clown" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).