Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Nicht für das brennende Herz der Theresa von Avila

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2013. Die FAZ protestiert gegen Verspargelung der Landschaft und Wattierung von Denkmälern im Zeichen der Energiewende. Die Welt feiert Dan Flavin. In der SZ erklärt Stephane Braunschweig seinem Kollegen Thomas Ostermeier die Vorzüge des französischen Theaters: Kein festes Ensemble bedeutet auch Freiheit. Das Blog  journalism.co.uk erklärt Journalisten, wie man Fehler korrigiert. Die taz zeigt am Beispiel Dänemark, wie subventionierte  Medienmodelle auch funktionieren können. Auch die NZZ berichtet über neue Medienmodelle in der Schweiz.

Welt, 22.01.2013

"Ein Glücksfall", ruft Thomas Wagner nach dem Besuch der Ausstellung "Dan Flavin: Zeichnen" in der Kunsthalle Bielefeld, die herkömmliche Zeichnungen Flavins neben seine Zeichnungen mit Licht stellt: "Mit standardisierten Leuchtstoffröhren in einer beliebigen, im Handel erhältlichen Farbe, also einem Readymade, steht Flavin nun ein Medium zur Verfügung, das eine geometrische Form besitzt, das sich aneinanderreihen und bündeln lässt, dem eine Funktion innerhalb wie außerhalb der Kunst zukommt und das auf den Raum ausstrahlt. Im August 1963 notiert er: 'Ich möchte in meinem Werk ein fassbares visionäres Bild gestalten - nicht für das brennende Herz der Theresa von Avila, sondern für jenen säkularen Mystiker, der möglicherweise am Times Square herumschleicht.'"

Weitere Artikel: Gar nicht lustig findet Manuel Brug in der Leitglosse das Säureattentat auf den Bolschoi-Tanzchef Sergej Filin: "Über das Ausmaß der eifersüchtigen Brutalität im Bolschoi-Theater ist selbst Russlands Kulturminister Wladimir Medinski entsetzt. 'Ich dachte, so etwas gibt es nur in amerikanischen Filmen', sagte er fassungslos nach einem Klinikbesuch." Zum Jahrestag des Elysee-Vertrags plädiert Wolf Lepenies für eine Wiederentdeckung des germanophilen Raymond Aron.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Molières "Menschenfeind" im Schauspielhaus Zürich, ein Fernsehfilm nach Erinnerungen Sebastian Haffners an Hitlers Machtergreifung und ein Konzert von Solange Knowles im Berliner Club "Prince Charles", das Felix Stephan in Schwingungen versetzt hat. Hier singt sie "Loosing you":



NZZ, 22.01.2013

Auf der Medienseite berichten Daniel Gerny und Erich Aschwanden von der Gründung neuer Online-Medien in der Zentralschweiz, wo mit zentral+, Tageswoche und dem Journal B gleich drei neue Regionalportale entstanden sind: "Hinter der Tageswoche steht die von einer Roche-Erbin alimentierte Stiftung für Medienvielfalt, mit der die Macher von zentral+ in sehr intensivem Kontakt stehen, wie Geschäftsführer Hug bestätigt. Die Stiftung trägt in der Startphase auch das Berner Journal B mit. Diese Internetzeitung ist seit vier Monaten in Betrieb und publiziert ausschließlich lokale Stadtgeschichten, die von den etablierten Medien nicht aufgegriffen werden, wie Chefredaktor Beat Kohler sagt. So habe man beispielsweise beim Konflikt um die Reithalle aufzuzeigen versucht, wie und mit welchen Interessen die Akteure kommunizierten."

Weiteres: Knut Henkel beschreibt das ambivalente Verhältnis der Kubaner zu den Russen, die oft abfällig Bolos, also Kegelköpfe, genannt werden. Samuel Moser gratuliert dem Schriftsteller Wilhelm Genazino zum Siebzigsten.

Besprochen werden unter anderem ein Konzert von Andras Schiff in der Zürcher Tonhalle, Uwe C. Steiners Geschichte des Tinnitus "Ohrenrausch und Götterstimmen" und Patrice Nganangs Roman "Der Schatten des Sultans" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 22.01.2013

Reinhard Wolff berichtet auf der Medienseite, dass Dänemark sein System für Mediensubventionen modernisiert: "Bislang wurde in Dänemark der Vertrieb der Papierpresse subventioniert. An dessen Stelle soll jetzt eine von der Plattform unabhängige Produktionssubvention treten. Grundsätzlich subventionsberechtigt sind gedruckte Medien oder Internetauftritte, deren Inhalt zur Hälfte aus redaktionellem und davon zu einem Drittel aus eigenproduziertem Material besteht. Wiederum die Hälfte des redaktionellen Materials muss zu politischen Themen oder solchen mit 'gesellschaftlichem Bezug' sein."

Weitere Artikel: In der Kultur freut sich Wolf-Dieter Vogel über die Rückkehr der Zapatisten auf die politische Bühne Mexikos. Dietmar Kammerer berichtet von einem Filmsymposium, das auch einmal den Zuschauer in den Blick nahm. Julia Große ringt David Bowies Aussehen in seinem Berlin-Video Respekt ab - "als habe jemand einen Klumpen feuchtes Sauerkraut zum Auspressen in ein Küchenhandtuch gestopft".

Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von Sasha Raus Stück "Oh, its like home" am Schauspiel Köln und das Debütalbum "True" von Beyonces jüngerer Schwester Solange Knowles.

Und Tom.
Anzeige

Aus den Blogs, 22.01.2013

Würde sich ein Journalist in Deutschland je solch ausführliche Gedanken über die Frage machen, wie man am besten einen Fehler korrigiert, wie Rachel McAthy in diesem Artikel auf journalism.co.uk. Sie hat sich mit Redakteuren vom Guardian und der New York Times über die Frage unterhalten. Unter anderem wird empfohlen, "eine Korrektur nicht nur auf allen Plattformen zu veröffentlichen, auf denen der Fehler erschien, sondern auch all jene, die den Artikel getwittert hatten, zu empfehlen, auch die Korrektur weiterzutwittern."

(Via Matthias Rascher) 17 Bilder von Paris im Schnee.

Recht amüsant liest sich, was Katie J.M. Baker in Jezebel über die New York Times-Berichterstattung zu literarischen Magazinen schreibt. Da ist einerseits The New Inquiry, ein von Frauen gegründetes Magazin: "Back in 2011, the paper described The New Inquiry's co-founder Rachel Rosenfelt as 'young, Web-savvy and idealistic.' She wore 'a black sweater, miniskirt and combat boots.' Her cohorts donned 'untucked oxford shirts and off-brand jeans' and, shockingly, 'despite the fact that everyone was young and attractive, no one seemed to flirt or network' at a staff meeting. Imagine that!" Nun kommt aber der Jacobin (Website) des hochbegabten und superlinken Bhaskar Sunkara: "Sunkara sounds (and is) young, but also deserving; not so much 'scrappy' as unapologetically wise beyond his years, a man to keep on our radar. What do you think he was wearing?" Tja, da gibt die New York Times diesmal keine Auskunft.

Es gibt zwar immer mehr Gründe, die gegen den Besitz kultureller Güter sprechen, aber ganz ohne Hilfestellung eht's auch nicht, meint Kathrin Passig im Interview mit irights.info: "Mein Freund lebt in Irland, wo es Netflix (US-Streamingportal für Filme und Serien, Anm. d. Redaktion) gibt, und ist daher für weniger Geld besser mit Filmen versorgt als ich, aber auch bei Netflix gibt es erstaunlich vieles nicht. Wenn ich nicht mit moralisch ungefestigten Menschen befreundet wäre, wäre ich abgeschnitten von weiten Teilen des Geschehens, gerade, wenn es um Fernsehserien geht."

FAZ, 22.01.2013

Mit Blick auf einige fränkische Städte, die es besser machen, beklagt Arnold Bartetzky die Auswüchse der Energiewende im Erscheinungsbild deutscher Städte und Landschaften: "Die Energiewende droht zu einem Desaster für den Denkmal- und den Naturschutz zu werden. Derweil wollen uns Lobbyisten und Politiker einbläuen, dass die brachialen Eingriffe im Namen von Ressourcenschonung und Klimaschutz 'alternativlos' seien. Wer sich dagegen auflehnt, gilt als weltfremder, ja verantwortungsloser Ästhet. Doch so verheerend die Folgen der Energiespar- und Klimaschutzkampagnen für das Bauerbe und unsere Landschaften sind, so fragwürdig ist deren ökologische Bilanz."

Weitere Artikel: Wolfgang Michal verabschiedet den politischen Liberalismus, nicht aber die Sehnsucht danach. Jürg Altwegg zitiert einige Äußerungen Gerhard Schröders über seine deutsch-französische Freundschaft mit Jacques Chirac aus dem Figaro. Der Politologe Claus Leggewie unterstützt Bernard-Henri Lévys Aufruf "Warum wir die Pflicht haben, Mali zu schützen" und mahnt auch deutsche Intellektuelle, sich für das Thema zu interessieren. Martin Kämpchen blickt auf das indisch-pakistanische Verhältnis. Kerstin Holm schildert die äußerst missliche Lage der Waisenhäuser in Russland, die aus einem Akt putinistischer Schikane nun keine Kinder mehr in die Obhut amerikanischer Adoptionseltern geben dürfen. In der Reihe über Kunstwerke jenseits des Kanons in der Berliner Gemäldegalerie schreibt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über ein einst Velazquez zugeschriebenes Porträt eines dicken Manns (unser Bild). Lena Bopp gratuliert dem Frankfurter Autor Wilhelm Genazino zum Siebzigsten. Auf der Medienseite empfiehlt Jochen Hieber ein Dokudrama nach Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen" heute Abend im ZDF.

Besprochen werden Philipp Löhles Stück "Nullen und Einsen" im Staatstheater Mainz, die Ausstellung "Samarra - Zentrum der Welt" im Museum für Islamische Kunst in Berlin, Händels "Radamisto" in Wien, neue Einspielungen von Mozart-Klavierkonzerten mit Kristian Bezuidenhout und Rudolf Buchbinder und Bücher, darunter Volker Gerhardts Studie mit dem einfachen Titel "Öffentlichkeit" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 22.01.2013

Die heutige SZ wird zur Erinnerung an die deutsch-französische Freundschaft von Le-Monde-Redakteuren mitbestückt. Im Feuilleton unterhalten sich die Theaterregisseure Thomas Ostermeier und Stéphane Braunschweig über das deutsche und französische Theater. Während Ostermeier von der üppigen Ausstattung deutscher Theater schwärmt, erklärt Braunschweig, warum französische Theater mehr deutsche Gastspiele zeigen als umgekehrt: "Das ist kulturell bedingt. Frankreich ist ein Aufnahmeland für Fremdes. Im Theater geht diese Tradition auf den Programmzyklus 'Théâtre des Nations' der 50er und 60er Jahre zurück. Im Pariser Festival d'Automne setzt sie sich fort. Der zweite Grund hat mit der Theaterstruktur zu tun. Außer der Comédie-Française haben unsere Häuser kein festes Ensemble, das mit ständig wechselnden Stücken ein Repertoire spielt. Das gibt eine größere Freiheit für die Programmgestaltung."

Außerdem: Franzosen und Deutsche sind einander gleichgültig geworden, meint Thomas Steinfeld in einer melancholischen Betrachtung des intellektuellen Austauschs beider Nationen (vielleicht gibt es auch in den Zeitungen einfach zu viele feste Ensemble?). Catrin Lorch beobachtet eine Aufweichung des französischen, auf Paris bezogenen Kulturzentrismus. Susan Vahabzadeh schwärmt vom französischen Kino. Der Musiker Mathias Modica verrät Jens-Christian Rabe, warum er von München nach Marseille gezogen ist. Kristina Maidt-Zinke gratuliert dem Schriftsteller Wilhelm Genazino zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden eine Münchner Aufführung von Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" in München ("Ein Meisterstück", jubelt Egbert Tholl - beim br gibt eine Aufnahme), Bücher, darunter Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr) und die Ausstellung "Rodin, les ailes de la gloire" im Flughafen Charles de Gaulle. Kuss und Schluss.