Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Literaturen

Im Editorial amüsiert sich Literaturen über die Bereitwilligkeit, mit der sich das Verlagswesen neuerdings dem Jubiläumsdiktat der Geburts- und Todestage großer Dichter und Denker ergibt.

Manuela Reichart bescheinigt Tod Williams' Verfilmung von John Irvings "Witwe für ein Jahr" zuviel Ehrfurcht vor dem Original, legt dem Leser aber trotzdem einen Kinobesuch ans Herz. Nicht nur wegen der herausragenden Schauspieler (etwa Jon Foster, der vom "langweiligen, eher unansehnlichen und unreifen Oberschüler" zum "erotisch leuchtenden jungen Mann" wird), sondern vor allem "wegen des überraschenden Endes, wegen der einen Szene, die so nicht im Roman steht: Da sitzt Jeff Bridges als dem Alkohol und den Frauen überdurchschnittlich zugewandter Bestseller-Autor erschöpft in seiner Squash-Halle auf dem Boden, unendlich einsam, traurig und ratlos. Und dann öffnet er die Tür im Boden und verschwindet. In diesem Augenblick reibt man sich vor Überraschung die Augen, denn plötzlich sehen und verstehen wir etwas, das hinter dem Text verborgen war."

Weitere Artikel: Der "Unsere Besten"-Geist ist überall: Armin Thurnher erklärt die Irrungen und Wirrungen um den geplanten österreichischen Literaturkanon, dem die auserwählten Autoren nicht angehören wollen. Und nach der offensichtlich entwaffnenden Lektüre von Alexander McCall Smiths musikalisch-philosophischem Krimi "In Edinburgh ist Mord verboten" freut sich Franz Schuh, dass der Autor neben der Schriftstellerei noch einen richtigen Beruf hat. Sonst, meint Schuh, müsste man sich um ihn sorgen. Aram Lintzel spendet großzügiges Lob an die Webseite litrix.de, die versucht, deutschsprachige Gegenwartsliteratur auch über die deutschen Sprachgrenzen hinaus bekannt zu machen. Und was liest die Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach? Tagsüber vieles - und dazu morgens und abends "schöngeistige Literatur", um nicht geistig zu verwahrlosen.

Nur im Print: Der Schwerpunkt widmet sich - pünktlich zum fünfundsiebzigsten Geburtstag - ganz Hans Magnus Enzensberger und seiner "success story".

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Literaturen

Sigrid Löffler hat sich mit der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison unterhalten: über ihren jüngsten Roman "Liebe" und Jahrzehnte schwarzer Emanzipationsbewegung, die nicht so eindeutig und einstimmig verlief, wie es allgemein dargestellt wird. Dabei stellt sich sogar heraus, dass George W. Bush der afro-amerikanischen Minderheit behilflich war, und zwar "unabsichtlich", denn "die neue rassistisch entfremdete Gruppierung in diesem Land sind die Araber. Sie haben die Schwarzen als Buhmänner abgelöst. Schwarze Männer spüren sehr deutlich, dass der unentwegte Überprüfungsdruck in der Öffentlichkeit nachlässt und die alltägliche Bürde ständiger Überwachung und Kontrolle sich auf Männer vage arabischen Aussehens verlagert. Der Araber ist das neue Opfer, das neue Feindbild. Das ist eine momentane Erleichterung für Schwarze. Aber um welchen Preis."

Im Schwerpunkt geht es Literaturen diesmal um "das höchste der Gefühle": die Liebe. Im Rampenlicht also: Neue Liebesgeschichten, neue Sachbuchpublikationen zur Liebe, eine neue Übersetzung des Kamasutras, die "ungewöhnliche Perspektiven" eröffnet, Utopien der Liebe und Realitäten der Liebe.

Weiteres: Im Editorial tadelt Literaturen rasante Verlagspraktiken wie das "irrwitzige Marketing" für Bill Clintons Memoiren, die zur geduldigen Natur des Buches in radikalem Widerspruch stehen. Franz Schuh erfährt in Pal Gerhard Olsens Krimi "Das Mädchen von Oslo", was passiert, "wenn man restlos alles aus einem Menschen herausnimmt und ihn dann mit den eigenen verdorbenen Lebensinhalten anfüllt". Im "nordischen Dunkel" allerdings bleiben für ihn "die seelischen Verwicklungen, die zu den Morden führen". Im Magazin berichtet Stefan Zweifel über die Welle von Reality-Büchern, die über die französischen Bücherherbst hereinbricht (unter anderem "Rien de grave", Justine Levys 200-seitiger, spätpubertärer Rachefeldzug gegen Carla Bruni). Manuela Reichart schwärmt von "In the Cut", Jane Campions "schmerzlichstem und düsterstem Film" (eine Verfilmung von Susanna Moores Sex-And-Crime-Roman "Aufschneider" mit Meg Ryan in "großartiger Fehlbesetzung"). Qualität statt Quasselei - Aram Lintzel singt ein Loblied auf die Webseite literaturcafe.de, die der "Einsamkeit des Schmökerers unter der Nachttischlampe" ein Ende bereitet.

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Literaturen

Über die verspätete Blüte der deutschen Literatur in Russland berichtet Irina Prochorowa im Magazin. In der Tat seien bis vor kurzem nichts als Grimms Märchen, Thomas und Heinrich Mann sowie DDR-Autoren verlegt worden. Dass dies eher an der zaghaften deutschen Kulturpolitik liegt als an einem historischen Nachtragen der Russen, zeigte sich anlässlich des Moskauer Kinofestivals, das dem bis dato in Russland völlig unbekannten Alexander Kluge gewidmet war. Die deutsche Botschaft in Moskau hatte im Rahmen des Festivals zu einem Dinner geladen, erzählt Prochorowa, "Gesprächsthema war ein Aufsehen erregender Zwischenfall vom Vorabend. Am 22. Juni hatte eine kleine, aber lautstarke Gruppe junger Leute neben dem Botschaftsgebäude eine Protestdemonstration veranstaltet, zum Gedenken an den Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion vor 63 Jahren. Bei dem Essen nahmen die deutschen Gäste diese Nachricht mit der traditionellen Demut und Verständnisbereitschaft auf; die russischen Gäste aber äußerten Unbehagen und Überraschung - einhellig hielten sie die Demo für unangebracht, für ideologische Eiferei."

Der Schwerpunkt (leider nicht online) ist Umberto Eco und seinem fünften Roman "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" gewidmet: Henning Klüver und Sigrid Löffler haben sich gar zu zweit an die Exegese des neuen Romans gemacht, Manfred Schneider porträtiert den "Bibliotheksphantasten" und Semiologen Eco, und Claudia Schmölders verweist auf die Schattenseiten von Ecos "Geschichte der Schönheit".

Weitere Artikel: Im Editorial mokiert sich die Literaturen-Redaktion über das für den 1.Oktober geplante ZDF-Spektakel "Unsere Besten. Das große Lesen". Zum Erscheinen ihres Romanerstlings "Alle Tage" (Leseprobe) hat Frauke Meyer-Gosau Terezia Mora getroffen, die gelegentlich Lust hat, ihre Protagonisten zu strafen - und es dann auch tut. Franz Schuhs Hartgesottenheit ist von Konops Krimi "Kein Kaddisch für Sylberstein" auf die Probe gestellt worden. Manuela Reichart schwärmt von Luchino Viscontis legendärer Mann-Verfilmung "Tod in Venedig", der es gelingt treu und eigen zugleich zu sein: "Man kann das Zeile für Zeile nachlesen. Trotzdem sieht alles ganz anders aus." Ironie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war - Aram Lintzel vermisst die wahre Subversion auf der Webseite www.hausfrauenseite.de. Und was liest Werner Herzog?

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - Literaturen

Es ist Sommer (sagt der Kalender) und Literaturen feiert im großen Stil: die Entdecker. Dazu müssen die Leser allerdings schon zum Kiosk reisen, denn die Internetausgabe begnügt sich mit einer Inhaltsangabe.

Franz Schuh graut es vor der "Mankellisierung" der Krimi-Welt. Dafür schwärmt er von dem Satz, mit dem Alicia Gimenez-Bartlett Schweden beschreibt: "In eine stinkende Pfütze zu treten war leicht, aber den Fuß in einen See mit Schwänen zu setzen war etwas ganz anderes." In der Netzkarte beobachtet Aram Lintzel, dass im Internet eine autoritäre Bestenliste die nächste jagt, und verrät seine eigene Nummer Eins der Hitlisten-Hitparade: Listology.

Im Magazin berichtet Torsten Israel vom Sturm olympischer Bücher auf den griechischen Büchermarkt und von der aktuellen Debatte über Gegenwart und Zukunft der griechischen Literatur. Aus Italien kündigt Henning Klüver die nächste große Umberto-Eco-Welle an und klagt über den Einbruch im Taschenbuchmarkt, der den Tageszeitungen und ihrer neuen Beilagenpolitik zu verdanken ist. Ganz bezaubert zeigt sich Manuela Reichart von Christoffer Boes dänischem Liebesfilm "Reconstruction", der Bilder dafür findet, was es bedeutet, wenn nach einem Seitensprung nichts mehr ist wie vorher. Und was liest die Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung Helga Nowotny? Peter Nichols' Roman "Darwins Kapitän".

Nur im Print: Peter Demetz' Lobgesang auf Elisabeth Edls neue Übersetzung von Stendhals "Rot und Schwarz", Robert Devilles Streifzug durch Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg und Gustav Seibts Porträt Guiseppe Tomasi di Lampedusas, dessen "Leopard" ebenfalls neu übersetzt wurde.

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - Literaturen

Der 16. Juni 1904 (der legendäre Tag, an dem "Ulysses" spielt) feiert seinen 100. Geburtstag, und Literaturen gibt James Joyce zu Ehren eine Party (doch leider sind die Online-Leser nicht geladen). Unter anderem fragt Klaus Reichert, warum "Ulysses" ein Schlüsseltext der Moderne ist, Hans Peter Kunisch folgt in Dublin den Spuren Leopold Blooms, und Jan Philipp Reemtsma erklärt, warum Arno Schmidt nicht der deutsche James Joyce ist.

Aus Israel berichtet Tekla Szymanski (homepage) über den Skandal um das Enthüllungsbuch "Checkpoint Syndrome", in dem der 26-jährige Liran Ron-Furers in "derbem, chauvinistischem Soldaten-Jargon" seinen dreijährigen Militärdienst im Gaza-Streifen und seine eigene zunehmende Verrohung schildert: "Ich hatte Angst; ihr habt mich verändert; ich war nicht mehr ich, das war jemand anderer. Ich hab' (dem Palästinenser) kräftig in den Hintern getreten. Alle haben gelacht und gesagt, was ich für ein Schlawiner bin. Ich war glücklich. Wir sind doch eigentlich alle gute Menschen in der Armee; wir sind keine Nazis, denen es gefällt, Arabern weh zu tun. Ich muss mich zusammenreißen. Das Böse in mir darf nicht mehr überhandnehmen."

Weitere Artikel: Im Kriminal watet Franz Schuh bei Leonardo Paduras "Handel der Gefühle" (mehr) in Sozialismus und Depression. Wäre Diderot heute ein Löschkandidat? - In der Netzkarte wagt es Aram Lintzel, am Lack der wegen ihres demokratischen Prinzips sonst so besungenen Online-Enzyklopädie Wikipedia zu kratzen. Und schließlich, was liest Aris Fioretos, Kulturattache an der schwedischen Botschaft in Berlin? Scheinbar nur eins, oder zumindest am liebsten: Katja Lange-Müller.

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - Literaturen

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das in der technologischen Schnelllebigkeit verschwindende Kleinod des Briefes. Und da hat Literaturen einen besonderen Fang gemacht, den sie (leider nur in der Printausgabe) präsentiert: die Briefe des jungen W. G. Sebald an seinen Studienfreund Reinbert Tabbert, die "den Erzmelancholiker unter den Schriftstellern" in einem überraschend frisch-ironischen Licht erscheinen lassen. Um diese Korrespondenz herum gesellen sich weitere Beiträge: Einleitend liefert Manfred Schneider eine kurze Literaturgeschichte des Briefs vom Apostel Paulus bis zur Generation SMS. Darauf folgen (ebenfalls nur in der Printausgabe) Einblicke in bekannte wie unbekannte Korrespondenzen: einerseits der "Wettstreit der Eitelkeiten" zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen, andererseits die im September erscheinende Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, die Kunst und Zuneigung glücklich verflechtet.

Von ganz eigenem Format ist die von Sigrid Löffler vorgestellte und sehr bewegte Korrespondenz zwischen Scott und Zelda Fitzgerald, die beleuchten, was nach mehr als zehn Jahren Ehe aus den "Zeremonienmeistern" der Roaring Twenties geworden ist: ein ruiniertes, gebrochenes, sich liebend-hassendes Paar. Klarsichtige, aber harte Worte fallen, zumal sie teilweise aus nicht abgeschickten Briefen stammen. Hier eine Kostproben aus der Krisenzeit: Scott: "1921 waren wir das am meisten beneidete Paar in Amerika". Darauf Zelda: "Das stimmt. Wir waren schrecklich gute Schauspieler."

Weitere Artikel: Im Kriminal berichtet Franz Schuh von Petros Markaris' "Live!", einem griechischen Krimi, der ein bekanntes Muster mit pikanten Neuerungen versieht. David Flusfeder tummelt sich auf Londoner Buchpremierenfeiern und weist uns in den Sprachcode ein, der schon von der Einladung auf die Qualität des Premieren-Events schließen lässt. Und schließlich die Frage: Was liest Norbert Bolz, seines Zeichens Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin? Die Antwort: Vieles und vor allem gleichzeitig.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - Literaturen

Literaturen widmet der ostdeutschen Literatur einen Schwerpunkt. Sind die "Staatsakte", mit denen Christoph Heins neuer Roman "Landnahme" in Deutschland vorgestellt wird, vielleicht als "Dank für Vereinigungs-Literatur" gemeint, fragt sich Frauke Meyer-Gosau, die aus gegebenem Anlass eine "Kleine Führung durch die Botanik der neuesten Literatur aus der ehemaligen DDR" unternimmt. Dabei führt sie noch einmal vor Augen, wie die Literatur der DDR nach der Wiedervereinigung vom westdeutschen Feuilleton "erst als verseucht diagnostiziert, dann im Laufe der Debatten entkernt" worden war. Für Meyer-Gosau kommt vor allem Autoren wie Katja Lange-Müller, Durs Grünbein, Ingo Schulze, Kathrin Schmidt, Kerstin Hensel oder Jens Sparschuh, der "Zwischengeneration", die als Erwachsene den Epochenbruch erlebten, aber "beim Untergang des Alten selbst keine Claims zu verlieren" hatten, eine spezifische Qualität zu, die sie nicht nur qualitativ von den meisten ihrer westlichen Kollegen unterscheide, sondern auch die Prognosen der Feuilletonisten Lügen strafe, die einst wissen wollten, was sein wird - und nun wohl vergessen haben, was war, grollt Meyer-Gosau.

Christa Wolf wirbt - leider nur in der Printausgabe - emphatisch für die Lektüre von Inge Müller, Maxie Wander, Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner: "Wo in der gegenwärtigen Literatur gibt es eine radikale Kritik an Verhältnissen, die das Sich-Bescheiden in kleinen, wenn auch komfortablen Umständen antrainieren? Wo den Versuch, aus der allzu anspruchslosen Ich-Bezogenheit auszubrechen, die mit Subjektivität verwechselt wird und in der Realität wie in der Literatur zur hundertsten Variation der immer gleichen so genannten Beziehungskonflikte führt? Wo gibt es Entwürfe über den Tag hinaus?"

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - Literaturen

Im Schwerpunkt (leider nicht online) über "Uns Voyeure", die auf alles einen Blick erhaschen wollen und es doch nicht ertragen, selbst gesehen zu werden. Es ist schon ein wenig verwirrend, so Literaturen im Editorial, wenn sich jetzt die Justiz in diese urmenschlichen Knäuel einmischt, und einerseits Biografien und Sachbücher wegen Realitätsferne aus dem Umlauf gezogen werden müssen, während man die Literatur wegen allzu großer Realitätsnähe belangt. Angekündigt wird unter anderem ein Artikel von Heinrich Detering, der am Beispiel von Thomas Mann die großen Klassiker unter den Verteidigungsstrategien vorstellt, mit denen Autoren den Vorwurf der Indiskretion parieren.

Martina Meister beobachtet eine Trendwende auf dem französischen Buchmarkt. Jetzt heißt es nicht mehr "Sex Sells", sondern "War Sells". Nach dem Eros, der Thanatos, und zwar in Gestalt der "Grande Guerre" (dem Ersten Weltkrieg). "Wie kommt es, dass neunzig Jahre nach den Kriegsgräueln diese Erfahrung an die Oberfläche des kollektiven Unbewussten gelangt? Ist es nur das runde Jubiläum? Oder hängt es mit der Tatsache zusammen, dass das lebendige Gedächtnis bald verstummen wird? Sicher. Aber auch damit, dass die Schrecken des Ersten sehr bald durch die des Zweiten Weltkriegs überlagert wurden. Jetzt erst wird deutlich, dass es sich bei diesem Großen Krieg um eine Art Matrix der absoluten Gewalt gehandelt hat. Es war ein Krieg, der wie keiner vor ihm die neue Technologie mit den Elementen des archaischen Kampfes verband, das Gas und die große Artillerie mit dem Zweikampf von Angesicht zu Angesicht. Seine 1,5 Millionen Toten und 2,8 Millionen Verletzten werden erst jetzt als Vorzeichen eines buchstäblich gewaltigen Paradigmenwechsels entziffert."

Außerdem: Franz Schuh beglückwünscht Manuel Vazquez Montalban zu seinem herrlichen Kritikertod-Krimi "Undercover in Madrid", gegen den sich Martin Walser ausnehme wie ein harmloser "Heilsarmist", und verteidigt die Satire gegen ihre vermeintlichen Opfer: "Erst durch die Satire (in ihren vielen, auch nicht-literarischen Formen, zum Beispiel im bösartigen Tratsch) wird so etwas wie der Literaturbetrieb überhaupt erträglich."

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Literaturen

Hanna Leitgeb zeichnet ein ausführliches Porträt des niederländischen Erzählers Geert Mak ("Das Jahrhundert meines Vaters"), den sie in Amsterdam getroffen hat. Mak schreibe gegen falsche Mythen an und zeige auch die hässlicheren Seiten der niederländischen Geschichte: "Der Name Hitler taucht das erste Mal 1938 in der Familienkorrespondenz auf, aber als wirklich bedrohlich wird die Lage nicht empfunden. 'Es spukt ein wenig in der Welt', schreibt der Vater. Das hindert ihn nicht daran, im Juni 1939 mit der Familie zu einer Europareise aufzubrechen und vor allem, im Februar 1940 - der Zweite Weltkrieg ist längst im Gange, der deutsche Einmarsch in die Niederlande steht kurz bevor - wieder nach Ostindien zu fahren, die beiden ältesten Kinder aber bei einer holländischen Pflegefamilie zurückzulassen, damit sie nicht 'verindischen'."

In "Beiseite" bespricht Richard David Precht Aleksandar Hemons "wunderbaren" Roman "Nowhere Man". Lesen dürfen wir außerdem Franz Schuhs Kriminal.

Nur im Print: der Schwerpunkt ist dem "Hassgeliebten Österreich" gewidmet. Sigrid Löffler stellt Thomas Bernhard in den Kontext österreichischer Mentalitätsgeschichte. Außerdem moderiert Literaturen ein Gespräch von Elfriede Jelinek und Doron Rabinovici über die Wirkungslosigkeit der Kritik, und Daniela Strigl stellt die junge Literatur Österreichs jenseits von Selbstekel vor. Weiter porträtiert Frauke Meyer-Gosau den tschechischen Autor Jachym Topol. Walter Grasnick (mehr) zeichnet Immanuel Kant als "Stammvater der Denker, deren Stärke im schwachen Denken liegt", und Thomas Miessgang nimmt Biografien "phallischer Prahlhänse" - von Charles Mingus bis Eminem - und unter die Lupe.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Literaturen

Der Schriftsteller Richard David Precht kann es nicht lassen, in seinem Jugendweihe-Geschenk zu blättern. "Weltall - Erde - Mensch" heißt es, mit einem Vorwort von Walter Ulbricht. Und glaubt man der Definition, die Otfried Preußler vom Kinderbuch gibt, so könnte dies eins sein, denn es gaukelt keine heile Welt vor, sondern zeigt, "wie man sie wieder heile machen kann". Der erste Satz zumindest spricht dafür: "Dieses Buch ist das Buch der Wahrheit". So etwas kann nur in einem Kinderbuch stehen. Mit einem kleinen Unterschied: "Preußler dürfte an die Fabelwelten seiner Bücher nicht unbedingt selbst geglaubt haben, Ulbricht und Havemann, so scheint es, wohl schon."

Weitere Artikel: Hans-Peter Kunisch wagt gar nicht daran zu denken, was aus der irischen Literatur werden soll, wenn die Iren im Pub nicht mehr rauchen (und vielleicht bald auch nicht mehr trinken) dürfen. In der Netzkarte hat Aram Lintzel glückliche Arbeitslose (hier) und unglückliche Arbeitssüchtige (hier) gesichtet. Außerdem gibt's weihnachtliche Büchertipps.

Deutschland, ein Wintermärchen? Im Schwerpunkt fragt sich Literaturen - aber leider nur in der Printausgabe - , wie es nach dem "Herbst des Heulens" mit Deutschland weitergehen soll: Für Warnfried Dettling hat das "Land im Übergang" seine neue Ordnung noch nicht gefunden, Richard David Precht fragt sich, ob die "umbruchserfahrenen" Neuen Länder tatsächlich ein "Experimentalraum" für das neue Deutschland sein können, und Gunter Hofmann gratuliert einem der geeichtesten Krisenmanager Deutschlands zum 85. Geburtstag: Altbundeskanzler Helmut Schmidt.