Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 27.10.2003 - Literaturen

Vicco von Bülow alias Loriot feiert achtzigsten Geburtstag und bekommt von Literaturen sein Porträt geschenkt. Hat die Wirklichkeit dem "sanften Sofa-Imperator" nachgegeben? Für Frauke Meyer-Gosau steht fest: Der Loriot-Blick ist hochgradig ansteckend und darüberhinaus auch noch unheilbar. Umso überraschender, aus heutiger Sicht, dass sein Debüt in den fünfziger Jahren viel Aufsehen und Protest erregte. Und wer hätte gedacht, dass er es war, der 1969 die erste nackte Frau ins deutsche Fernsehen brachte? Neben vielen herrlichen Zitaten ("Nehmen Sie das eventuell sofort zurück?") findet sich auch dieses schöne Beschreibungskonzentrat des legendären Paares Loriot/Evelyn Hamann: "Seine von gefährlich erhöhtem innerem Druck und erzwungener äußerer Zurückhaltung zeugende Mimik und Gestik riefen alle Klischees des deutschen Spießers auf, dessen Zwanghaftigkeit und wild entschlossene Selbstunterdrückung unweigerlich zu anarchischen Triebentladungen im unpassendsten Moment führten."

Weitere Artikel: Richard David Precht riskiert den Verlust seiner Illusionen: Er schaut sich zum ersten Mal seit seiner Kindheit die Winnetou-Filme an - und stellt fest, dass alte Liebe nicht rostet. Franz Schuh sieht in Arne Dahls "Böses Blut" nicht nur einen der besten Kriminalromane überhaupt, sondern auch den Inbegriff schwedischer Melancholie, in "herrlicher Häufung". Und das liest sich folgendermaßen: " 'Der Tag verging. Der Tag darauf verging. Noch eine Reihe von Tagen verging.' So viel Verginglichkeit war nie." Ob "Bürgerkriegskitsch" oder "symbolische Versöhnung" - Paul Ingendaay liest in der spanischen Gegenwartsliteratur, wie weit die spanische Gesellschaft von einer wirklichen Aufarbeitung des Bürgerkriegs entfernt ist. Und schließlich hat Netz-Spezialist Aram Lintzel seine eigene PISA-Studie durchgeführt, und zwar auf hausarbeiten.de.

Leider nur im Print zu lesen: das Titel-Porträt von Raoul Schrott, der "schillerndsten Figur der jüngeren deutschsprachigen Literatur".

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Literaturen

Hurra! Nach langer Durststrecke ändert Literaturen seine Online-Politik: Es gibt mehr im Netz zu lesen.

Wenn auch leider nichts aus dem Schwerpunkt. "Das Schöne an den USA ist, dass keiner sie besser zu kritisieren versteht als die Amerikaner selbst." Allen voran die Schriftsteller: Bernd Greiner spürt die paranoide Grundstruktur der amerikanischen Gesellschaft anhand von Don DeLillos "Sieben Sekunden" auf, Sigrid Löffler porträtiert Susan Sontag, Paul Nolte sieht sich in der aktuellen US-Literatur um, und Moritz Schuller liest DeLillos neuesten Roman "Cosmopolis" als eine "Parabel auf die (Selbst-) Zerstörungslust der amerikanischen Gesellschaft".

Franz Schuh hat aus den überschwänglichen Kritiken zu Jan Costin Wagners Krimi "Eismond" eine merkwürdige Botschaft herausgelesen, nämlich dass ein schlechter Roman ein guter Krimi sein kann. Sein belustigendes Fazit scheint doch eher gegen den Roman zu sprechen - sowohl literarisch als auch kriminalistisch. So zum Beispiel wenn Wagner die psychische Nähe von Polizist und Mörder thematisiert: "Diese Nähe ereignet sich nicht bloß, sie muss literarisch extra betont werden, damit der blöde Leser nicht auf andere Ideen kommt: 'Manchmal bilde ich mir ein, dass ich ihm irgendwie nahe bin.' - 'Wem?' - 'Dem Mörder.' Der Mörder selbst ist eine dialektische Konstruktion. Einerseits identifiziert er sich mit der Macht über Leben und Tod: 'Er war unsterblich. Er war der Tod.' Andererseits dürstet er nach dem Leben, kann aber nicht anders, als alle von ihm empfundene Lebendigkeit zur Quelle seiner Mordlust zu machen. Es ist nicht zu glauben, aber die Identifikation mit seiner ihm bald zum Opfer fallenden Geliebten geschieht antithetisch: 'Sie war ganz anders als er, sie war das Gegenteil von ihm selbst. Sie war das Leben.' "

Weitere Artikel: Richard David Precht verzaubert mit einer wunderbaren Liebeserklärung an das Lesen und seine Begleitumstände, wenn die verschneite Leo-Perutz-Lektüre im siedend heißen Tarifa zum "Schnee von Tarifa" gerinnt. Literaturen teilt das schwere Schicksal der monatlichen Blätter: Wir wissen einfach schon, dass Martin Amis' jüngster Roman "Yellow Dog" bereits vor seinem Erscheinen blutrünstig verrissen wurde, allen voran von Kollege Tibor Fischer (hier). Doch wie kommt Fischer dazu, Amis gegenüber solch einen Ton anzuschlagen?, fragt David Flusfeder und diagnostiziert daraufhin bei Fischer "authentische ödipale Wut". Und schließlich hat Aram Lintzel zwei Webseiten aufgestöbert, die literarische Werke zum Herunterladen anbieten: den Klassiker Gutenberg und dessen weniger klassische, weil anarchistische Variante textz.com.

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Literaturen

Literaturen geizt mit Online-Artikeln, und so kommen leider nur die Leser der Printausgabe in den Genuss des "schönen Schreckens", sprich der Literatur im neuen Russland. Umso bedauerlicher, als Russland zum Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse auserkoren wurde. Unter anderem gibt Sigrid Löffler Orientierungshilfen und sortiert "Namen, Themen und Traditionen". Jutta Scherrer liefert einen Einblick in die Moskauer und Petersburger Verlagswelt. Beatrix Langner porträtiert "Krimi-Königinnen", und Thomas Lehr widmet sich dem auflebenden Nabokov-Kult.

Richard David Precht amüsiert sich über die Tatsache, dass Literaturpreise - vornehmlich die großen - immer wieder an dieselben Autoren gehen, und er weiß auch warum: "Preise, die ihre Noblesse behalten wollen, können schließlich nicht einfach so an Unbekannte vergeben werden. Die Eitelkeit des Stifters und die Bedürftigkeit des Dichters passen nun wirklich nicht zusammen. Also guckt man rum, wer denn zuletzt die anderen großen Preise gekriegt hat. Das war schon in geschichtlicher Zeit so, man vergleiche nur die Preisfülle von Thomas Mann mit der seines genialen Zeitgenossen Robert Musil: drei Preise in fünfunddreißig Dichterjahren." Doch besser noch, "damit dies auch in Zukunft so bleibt, gibt es seit 2002 den 'Deutschen Bücherpreis'. Eine Auszeichnung für Bestseller-Autoren als Dreingabe zum Erfolg - besser lässt sich ein Literaturpreis nicht karikieren."

Weitere Artikel: Josef Oehrlein hat sich in Buenos Aires nach politischen Büchern umgeschaut, und Aram Lintzel hat die Webseite "lyrikline" entdeckt, die Lyrik, vom Dichter selbst gelesen, zu Gehör bringt. "Eine prima Idee, zweifellos! Je nach Qualität der Lautsprecherboxen muss man allerdings feststellen: Es spricht beileibe nicht nur 'der Dichter selbst'. Auch die Technik spricht mit!"

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - Literaturen

Diese Ausgabe von Literaturen widmet sich "old Europe": Sigrid Löffler und Michael Rohrwasser haben Romane und Erzählungen aus Deutschland, Polen, Ungarn oder Tschechien daraufhin untersucht, wie sie mit der jüngsten Geschichte Europas umgehen. Während Karl Schlögel (mehr hier) dem Glanz des alten Kontinents anlässlich der Berliner Europa-Ausstellung (mehr hier) huldigt, unternimmt Gustav Seibt (mehr hier) eine politische Verortung Europas zwischen Amerika und dem Islam. Dies alles ist nur in der Printausgabe zu lesen.

Auch das Literaturen-Special, das diesem Doppelheft beiliegt, ist den wechselseitigen Wahrnehmung von Alter und Neuer Welt gewidmet - dem Roman "Handbuch für einen russischen Debütanten" des russisch-jüdisch-amerikanischen Autors Gary Shteyngart. Im Vorgriff auf den Russland-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2003 veröffentlicht Literaturen einen Auszug. (Einen Auszug aus der Originalversion finden Sie hier.)

Im Internet lesen dürfen wir Frauke Meyer-Gosaus anregende Besprechung des vierten Bandes der Tagebücher von Virginia Woolf. Der Band aus den Jahren 1931-1935 beweise, dass Woolf keine Ähnlichkeit mit der deprimierten Tranttüte hat, die der Film "The Hours" von der Schriftstellerin entwarf. "Die Filmmacher hätten einen Blick in die Tagebücher werfen sollen, um einen Eindruck von Woolfs lebendigem intellektuellen Leben im London der dreißiger Jahre zu bekommen. Dort hätten sie energiesprühende Sätze gefunden: "Laß das ganze Lob & den ganzen Tadel auf den Grund sinken oder an die Oberfläche steigen & laß mich unbekümmert meiner Wege gehen. Und Menschen zugetan sein. Und losfeuern, im Leben, in alle Richtungen." Für Meyer-Gosau beschreiben diese Sätze zugleich, "was die Lektüre der Tagebücher von Virginia Woolf zu einer Glücks-Erfahrung macht: ihre irritierbare, aber ungebrochene Lust an einer intensiven Existenz - am Schreiben und Leben."

Nur im Print: Wolfgang Schneider porträtiert den niederländischen Romancier Willem Frederik Hermans. Manuela Reichart liefert eine Liebeserklärung an die irische Autorin Elizabeth Bowen. Und ein Text widmet sich "ganz großen Gefühlen": Es geht um die Probleme von Teenagern und das Leben der Ulrike Meinhof.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - Literaturen

Theodor W. Adorno wäre im September 100 Jahre geworden. Grund genug, ihm eine Ausgabe zu widmen. Doch dieser Geburtstag wird nicht nur in Eintracht und Frieden gefeiert, denn es wird Kritik laut an der "restriktiven Politik" des Frankfurter Adorno-Archivs, die den Biografen nur teilweise Zugang zum vorhandenen Material gewährt hat. Rene Aguigah überlegt, was von Adornos Kulturkritik übrigbleibt, im Werkstattgespräch verkünden drei Adorno-Biografen, Stefan Müller-Doohm, Lorenz Jäger und Reinhard Pabst, Neues über Mann und Werk. Nikolaus Müller-Schöll hat im großen Ernst des Meisters sogar ein Fünkchen Humor entdeckt, und Richard David Precht untersucht das Temperaturgefälle zwischen Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann. Dies alles ist jedoch leider nur in der Printausgabe zu lesen.

Sigrid Löffler ist verhalten begeistert von Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex", der vom männlichen Hermaphroditen Cal, Spross einer griechischen Emigrantenfamilie in den USA handelt. Die Erzählerstimme hält sie für einen Missgriff, denn Cals Stimme sei keine Zwitter-Stimme. "Hier spricht eben nicht ein Mädchenjunge im Hormonrausch seiner Schwindel erregenden, ganz und gar besonderen Adoleszenz, eben nicht ein erhitzter Androgyn, der mit seinem verstörenden 'Krokus' und seinen Gefühlsstürmen für Schulfreundinnen nicht zu Rande kommt, dem aber für seine Zustände alle Begriffe fehlen; hier spricht vielmehr der an seine Männerrolle inzwischen gut angepasste Karriere-Diplomat in der retrospektiven Haltung des Wissenden. Die Verwirrungen des ahnungsvollen Nicht-Wissens, der stereoskopische Blick auf beide Geschlechter, sind in solcher Erzählhaltung nicht darstellbar." Was den Roman dann doch wieder lesenswert mache, sei das wunderbar chaotische "Familienepos" um Cals weitverzweigte griechisch-stämmige Familie.

Weiteres nur im Print: Robin Detje hat Paula Fox in New York besucht, und Tom Holert denkt über die Wechselbeziehungen zwischen unbewegter Bildender Kunst und bewegten Filmbildern nach.

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - Literaturen

Literaturen begrüßt die längst überfällige Neu-Übersetzung von Louis-Ferdinand Celines "Reise ans Ende der Nacht" und befasst sich sozusagen ex negativo mit der "Macht der Bücher", nämlich mit Indexierung und Bücherverbrennung - leider unter Ausschluss der Internet-Leser.

Nur im Print zu lesen also: Sigrid Löfflers Streifzug durch zwei Jahrtausende Verbot und Verbrennung, Hubert Lebers Bericht über das Archiv eines Privatmannes, der es sich zur Aufgabe machte, verbotene Bücher zu retten, Hans Ulrich Gumbrechts Porträt des genialen Rassisten Louis-Ferdinand Celine und Kiran Nagarkars tragikomische Erfahrungen mit der indischen Buchzensur.

Mehr als nur entschädigt werden wir allerdings durch Hanna Leitgebs Lobeshymne auf "Eine Frau in Berlin", die anonymen Tagebuchaufzeichnungen einer Frau, die den Einmarsch der sowjetischen Besatzer miterlebte, die Massenvergewaltigungen, die zum Luxus werdende Moral und die Entfremdung der Geschlechter im "Arrangement des Überlebens". Für Hanna Leitgeb gehören diese Aufzeichnungen ohne jeden Zweifel in den Kanon der NS-Quellentexte, den sie um eine "dezidiert weibliche Perspektive" erweitern. "Das unglaubliche Sprachgefühl, der Sinn für Pointen, der unprätentiöse Gebrauch von Bildung, die genaue Beobachtungsgabe, die Dichte der Beschreibung, der intellektuelle Feinsinn, das klare Urteil - man möchte nicht aufhören, dieses Buch zu loben und für seine Lektüre zu werben. Es ist das einzigartige Zeugnis eines Opfers von Gewalt, das seine Souveränität bewahrt und sich seiner historischen Situation bewusst ist. Es bietet Geschichte aus erster Hand,verdeutlicht nachdrücklich die Traumatisierung einer ganzen Gesellschaft: in seiner Menschlichkeit und Reife ein erschütterndes und aufbauendes Dokument von Grausamkeit und Schamgefühl, Überlebenswillen und Selbstbehauptung, in dem die deutsche Wirklichkeit des Dritten Reichs in einem neuen Licht gebrochen erscheint."

Weitere Artikel: Für Richard David Precht ist es kein Zufall, dass es unter den heutigen Schulkindern nur so vor Lisas, Lenas und Oles wimmelt, schließlich träumten ihre Eltern als Kinder den Traum von Astrid Lindgrens Bullerbü. Für Henning Klüver verrät ein Blick auf die italienische Bestseller-Liste, dass Komik gerade in schweren Zeiten hoch im Kurs steht. Und Aram Lintzel hat sich im Netz auf Prominentenjagd begeben - doch im Zeitalter der zahllosen Eintagsfliegen-Stars bleibt die schwierige Frage: "Wenn es zu viele Prominente gibt, kann es dann noch Prominenz geben?"

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - Literaturen

Schluss mit den Patriarchen, und der übermächtigen Aufarbeitung von Vaterkonflikten in der Literatur: jetzt erobern die Mütter die Szenerie der literarischen Betrachtung. Aber weder die "Blut-und-Boden-Heldenmütter" noch die "deutschen Übermuttis der Nachkriegszeit", sondern neue Mütter, die ihre Autonomie schon mal auf Kosten anderer ausleben.

Und so hat sich Sigrid Löffler in zwei Katia-Mann-Biografien nach der Figur der Matriarchin umgesehen. Allerdings ohne Erfolg, wie sich herausstellt, denn sowohl in Inge und Walter Jens' "Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim" als auch in Kirsten Jüngling und Brigitte Rossbecks "Katia Mann. Die Frau des Zauberers" ist von der strahlenden Matriarchin nichts zu sehen: "Sie ist den femininen Seiten ihres Mannes mit ihrer eigenen Vermännlichung entgegengekommen, wie die Altersbilder des Paares deutlich machen, die einen gezierten Thomas und eine stämmige Katia mit männlichem Haarschnitt und Outfit zeigen." Aufopferungsvoll und doch zu männlich, um eine gute Mutter zu sein, erscheint sie, was Sigrid Löffler zu dem skurrilen Fazit führt: "Vielleicht könnte man ja Thomas Mann als Katharina Pringsheims erfolgreichstes Hätschelkind betrachten. Daran, dass sie der einzige Mann in der Familie gewesen ist, kann kaum ein Zweifel bestehen."

Zum selben Thema - allerdings nur in der Printausgebe - gibt es auch das Literaturen-Gespräch, in dem die Autorin Zsuzsa Bank, die Verlegerin Antje Kunstmann und die Schauspielerin Eva Mattes über weiblich Rollenerwartung und Selbstwahrnehmung diskutieren. Und schließlich wird nach neuen Weiblichkeitskonzepten Ausschau gehalten: Caroline Neubaur sucht im Sachbuch und Frauke Meyer-Gossau im Roman.

Aus London berichtet David Flusfeder über den britischen "Bad-Sex"-Preis (mehr hier), der laut seinem Erfinder Auberon Waugh zum Ziel hat, "die Aufmerksamkeit auf die kruden, geschmacklosen, oft nachlässig geschriebenen und redundanten sexuellen Passagen in modernen Romanen zu lenken, um solches künftig zu verhindern". Denn nicht immer will man Dinge lesen wie: "Und dann brach mein Körper, wie eine Kathedrale, in Geläut aus. Der bucklige Glöckner im Turm war losgesprungen und schwang jetzt wie verrückt an seinem Glockenseil." Dann schon eher so etwas: "Während die Erregung des Majors steigt, wechselt er von 'Halali!' zu 'Auf geht's!' und das Bett stöhnt bei dem Versuch, seine strukturelle Integrität aufrechtzuerhalten." Oder doch nicht?

Weitere Artikel: Richard David Precht erinnert sich an die Welle der "Little Big Men" in den achtziger Jahren, eine Zeit, in der ein Autor vom Trickbetrüger bis zum Nachtwächter schon alles gewesen sein musste, um glaubwürdig zu wirken. Aram Lintzel ist im virtuellen kulturellen Wien herumgeschlendert und hat vor allem "alten Glanz" vorgefunden.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - Literaturen

Literaturen hat sich auf die Spur einer in unserer Zeit ausgestorben geglaubten Spezies begeben: den Utopikern.

Ob man mit Utopikern auch reden kann, hat Hanna Leitgeb versucht herauszufinden, im Gespräch mit dem italienischen Philosophen Antonio Negri, der in seinem Buch "Empire" den Marxschen Denkansatz weiterspinnt und den Übergang des modernen kapitalisitschen Imperialismus in das postmoderne kapitalistische Imperium feststellt. Und dies, so Leitgeb, ohne die übliche altlinke Larmoyanz. Denn der globale Ort definiere auch die Akteure neu - die mannigfaltige "Multitude" habe das Proletariat abgelöst - und berge "Freiräume des Handelns", gerade für die Demokratie, doch seien diese bislang nicht erfasst worden. Doch wenn es kein außen mehr gibt, so Leitgebs skeptische Nachfrage, ist dann nicht die Revolution zu einer "hoffnungslos romantischen Utopie" geworden? "Die Revolution ist keine Utopie", so Negris Antwort, "die Idee der Revolution ist notwendig. Viele Klassen und Gruppen, die Revolutionen gemacht haben, aber auch diejenigen, gegen die sie gekämpft haben, sind bereits tot: Das Ancien Regime gibt es nicht mehr und den Zaren auch nicht. Und ich bin überzeugt, dass auf eine gewisse Weise auch Bush und seine Freunde schon tot sind. Sie sind nichts, sie haben auf Dauer keinen Wert."

Zum Thema gibt es unter anderem auch ein Gespräch mit Mathias Greffrath, Michael Jeismann, Thomas Meinecke und Herfried Münkler, in dem sich das Post-Utopische als das Prä-Utopische herausstellt. Christian Geulen fragt mit Blick auf Slavoj Zizek, wie aktuell ist Lenins Leiche. Und Ian Buruma fragt, warum Eric Hobsbawm "der blutigen Sache des Kommunismus so lange treu geblieben" ist - allerdings nur in der Printausgabe.

Weitere Artikel: "Wie heißt eigentlich das Gegenteil von Alzheimer?" Richard David Precht sucht nach einem Namen für "die Krankheit, nichts vergessen zu können", und ist überrascht, auch prominente Kranke unter den Großen der Literatur zu finden. Stefan Zweifel geht auf kulturellen Streifzug durch Frankreich, mit anderen Worten durch Paris. Boris Langendorf berichtet aus Bertelsmann-Kreisen, dass es mit der Veranstaltung "Leipzig liest" zuende gehen könnte, doch glauben kann er das nicht, denn das Gerücht ist schon so alt, wie die Veranstaltung selbst. Schließlich findet Aram Lintzel es seltsam und erfreulich, dass aus jeder Zeile des Online-Tagebuchs von Internet-Guru William Gibson der Lobgesang auf das gedruckte Wort spricht.

Nur im Print zu lesen: ein Porträt Judith Herrmanns von Frauke Meyer-Gosau und natürlich Rezension, unter anderem von Ralph Dutli über Daniil Charms "Zirkus Sardam".

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Literaturen

Die Feuilletons sagen es ja nicht, schon weil sie ungern auf eigene Schwächen - nämlich die mangelnde Schwerpunktsetzung in der Literaturkritik - hinweisen: aber Literaturen bindet Monat für Monat interessante und anregende Sträußchen zu neuen Büchern. Diesmal geht's um Kafka - der Anlass ist die neue Biografie von Reiner Stach. Das Buch selbst wird von Sander L. Gilman, Autor einer jüngst erschienen Biografie über Jurek Becker, besprochen. Einige Autoren, darunter Imre Kertesz schildern in kürzeren oder längeren Texten ihr Verhältnis zu Kafka. Besonders lesenswert hier die Texte von Sibylle Lewitscharoff und von Georg Klein, der über die Unverwüstlichkeit der "Verwandlung" nachdenkt.

Höhepunkt des Dossiers ist ein bisher im Deutschen unveröffentlichter Essay Philip Roths aus den siebziger Jahren. Roth stellt sich hier vor, dass Kafka überlebt hätte und 1938 nach New York emigriert wäre, wo er dem späteren Autor des Essays begegnet: "1942. Ich bin neun; mein Hebräischlehrer, Dr. Kafka, ist 59. Den Jungen, die täglich an seinem Nachmittagsunterricht von vier bis fünf teilnehmen müssen, ist er als Dr. Kishka bekannt - teils wegen seiner schwach mnerklichen, melancholischen Fremdartigkeit, hauptsächlich aber deshalb, weil wir unsern Ärger darüber auslassen, dass wir eine alte Schönschrift lernen müssen, anstatt uns um diese Zeit draußen auf dem Sportplatz die Lungen aus dem Leib zu schreien. Der Spitzname geht auf mein Konto. Sein saurer Atem, der nachmittags gegen fünf Uhr Magensäfte ausdünstet, lässt das jiddische Wort für 'Eingeweide' besonders sprechend erscheinen, finde ich."

Einzig online zu lesen ist ein kleiner Essay von Frauke Meyer-Gosau über die literarischen Debüts des fast schon verflossenen Jahres: "Nach dem triumphalen Aufmarsch jugendlicher Talente mag der Markt die Debütanten auf einmal nicht mehr so sehr, und selbst ihre einstigen Propheten rudern heimlich, still und leise zurück: Eine neue literarische Substanz habe sich leider nicht ergeben, heißt es, die Neue Deutsche Welle der Literatur habe offenkundig nicht weit getragen und daher als Ganze auch kaum eine Perspektive." Aber so unzufrieden ist Meyer-Gosau mit den Romanen von Ricarda Junge und Markus Orths, Gregor Sander, Philip Meinhold, Nina Jäckle, Helmut Kuhn und Marc Buhl dann doch gar nicht.



Magazinrundschau vom 25.11.2002 - Literaturen

Eine äußerst geizige Internetausgabe. Der einzige längere Artikel, den wir im Netz lesen dürfen, ist Manfred Schneiders Pisa-Nachlese.

Nur im Print: Sigrid Löffler liefert ein Porträt des Nobelpreisträgers Imre Kertesz (mehr hier), der ihr bei einem Besuch erklärt hat, warum sein Auschwitz-Buch "Roman eines Schicksallosen" 1975 in Ungarn kein Erfolg werden konnte - oder vielmehr durfte: "Dass mein Held ein Kind ist, war als Kritik am System zu verstehen: Die Diktatur infantilisiert den Menschen. Der unfreie Mensch ist kein ganzer Mensch. Die literarischen Behörden haben das sofort entdeckt. Deshalb wollten sie dieses Buch nicht haben. Hätte ich die Befreiung aus den Lagern in den Mittelpunkt gerückt, hätten sie das Buch tolerieren können. Dass ich aber die Befreiung nicht als Befreiung beschrieben habe, das konnten sie nicht ertragen."

Weiter im Heft: Passend zu Weihnachten gibt es einen Schwerpunkt "Erlesene Völlerei". Besprochen werden Neuerscheinungen zum Thema Antisemitismus, drei Bücher über Lewis Carrolls Alice, Kathrin Schmidts Roman "Koenigs Kinder" und Bernard-Henri Levys Sartre-Biografie, an der Dieter Thomä vor allem eins kritisiert: dass Levy der Auseinandersetzung mit Foucault ausweicht, der Sartre dafür kritisiert hatte, dass er das "souverän heraustretende Subjekt" des 19. Jahrhunderts ins 20. hinüberretten wollte - eine Sache, die Levy nun gerade attraktiv finde.