Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Literaturen

Das nahende Weihnachten veranlasst Literaturen, sich dem Christentum zuzuwenden. Rene Aguigah ist dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy begegnet und hat auf seine Frage, ob Christentum und Philosophie miteinander vereinbar sind, einen ganzen Fächer an Antworten bekommen. "Wenn christlich sein - oder jüdisch oder muslimisch oder buddhistisch - die Unterwerfung des Denkens unter eine bestimmte Wahrheitsordnung bezeichnet, wenn christlich sein heißt: glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und so weiter, dann muss ich sagen: Nein, man kann nicht sowohl gläubiger Christ als auch Philosoph sein. Das ist absolut unmöglich. Das Denken beginnt damit, jede Unterwerfung unter eine derartige Gegebenheit zu verweigern." Andererseits: "Es gibt keine Philosophie, die nicht zuvor auch eine Theologie gewesen ist, selbst wenn es Theologie im Zeitalter von Gottes Tod sein mag." Was aber lässt sich aus alledem schließen, wenn, wie Nancy behauptet, "Monotheismus in Wahrheit Atheismus" ist?

Weitere Artikel: Im Kriminal erklärt Franz Schuh, dass es Kjell Erikssons meisterhaft trübseligem Krimi "Die grausamen Sterne der Nacht" zu verdanken ist, dass "das Gefühl, von schwedischer Kriminalliteratur bloß belästigt zu werden, ein wenig gewichen ist". In der Netzkarte stellt ein skeptischer Aram Lintzel die Webseite www.gott-ist-tot.de vor, die mit der Bibel (und gleichzeitig mit dem Glauben) abzurechnen glaubt, indem sie ihr all ihre Widersprüche und sonstige Fehler nachweist. Aus London rekapituliert David Flusfeder die zwei Überraschungen der diesjährigen Preisverleiher-Saison: John Banville - der für seinen bewunderns- aber nicht liebenswerten Roman "The Sea" den Man-Booker-Preis erhielt - und Harold Pinter, dem der Nobelpreis für Literatur zuteil wurde. In Literatur im Kino findet Joseph Vilsmaiers nutzlos modernisierte Verfilmung von Adalbert Stifters Erzählung "Bergkristall" in Daniel Kothenschulte ihren Henker. Und schließlich gibt die Literaturen-Redaktion Empfehlungen zum weihnachtlichen Lesen und Schenken.

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Literaturen

Literaturen holt die Literatur auf den Boden der Tatsache zurück, oder genauer auf die Tatsache des Bodens, und schreitet zur Wiederentdeckung des Ortes. Mit Freuden sieht Niels Werber einen "topographical turn" am Werk, der dem Hype des "ortlosen" Cyberspace ein Ende bereitet. Renate Klett wird dann konkret: Sie hat auf Thomas Stangls Worte Taten folgen lassen und ist nach Timbuktu gereist, um Vorstellung (Stangl schrieb einen Timbuktu-Roman, "Der einzige Ort", ohne jemals dort gewesen zu sein) und Wirklichkeit abzugleichen.

Sigrid Löffler porträtiert den mit "Weltgier" geschlagenen Reiseschriftsteller Cees Noteboom als Kartografen und Geschichtsschreiber, der in seinen Notizbüchern - seinem "externen Gedächtnis" - die Ungleichzeitigkeiten dieser Welt einfängt. "Die Kladden sind die Essenz seines Reise-Universums. Zweimal sind ihm seine Notizbücher gestohlen worden - einmal mitsamt der Reisetasche auf der Insel La Gomera, das andere Mal in einem überfüllten Stadtbus in Buenos Aires. Weil in diesen Kladden aufgehoben ist, was sonst vom großen Vergessen zermalmt würde, erlebte er ihren Diebstahl wie eine Amputation - ein unwiderbringlicher und schwer behindernder Verlust."

Weitere Artikel: Franz Schuh rät zu Andrea Camilleris sizilianischem Maigret "Der falsche Liebreiz der Vergeltung", auch wenn diesem das A und O des Kriminalromans fehlt: das Mordopfer. Sybille Berg versucht sich an alltäglicher Sinnstiftung und scheitert. Henning Klüver sinniert über das italienische Verhältnis zwischen Wein und Literatur. Eigentlich war es schon abgegrast, das Leben des Charles Bukowski, meint Manuela Reichart. Doch Bent Hamers Filmbiografie ist "eine einfache, fast stille, jede Minute überzeugende Geschichte: Ein Mann will schreiben und dafür überleben". Und in der Netzkarte stellt Aram Lintzel das "conference hunting" vor, eine globale Schnitzeljagd, die in ihrer mathematischen Formalisierung das erlebnisfreie Reisen auf die Spitze treibt.

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - Literaturen

Um das Lesen, oder genauer, um "das große Lesen" dreht sich alles in dieser Geburtstagsausgabe von Literaturen. Unter dem Motto "Mein Lese-Leben" erzählen 22 Autoren aus aller Welt ihre Lese-Biografie, die erwartungsgemäß recht unterschiedlich ausfallen. Während etwa Peter Esterhazy das Hohelied des Lesens anstimmt und keine Lesegelegenheit auszulassen vermag ("wenn die erste Schwalbe auftaucht, am Mittwoch, um halb zwei, um halb drei, halb vier, zu Weihnachten"?), kokettiert Michael Frayn mit seiner Lesefaulheit. "Sie bitten mich um einen Kommentar über etwas, das Sie 'meine Liebesaffäre mit dem Lesen' nennen. Ich muss gleich vorausschicken, dass dies eine Unterstellung und vollkommen unwahr ist. Das Lesen und ich sind nur gute Freunde."

Weitere Artikel: "Ist mein Bewusstsein noch rein, oder hat Axel Springer längst mein Hirn gekapert?" Aram Lintzel hat sich in den bildblog verliebt, der die Berichterstattung der Bild-Zeitung einer täglichen und rigorosen Prüfung unterzieht, und dem unlängst der "Grimme Online Award Information" verliehen wurde. Denn "was heute in der 'Bild'-Zeitung steht, steht morgen überall." (Nun wünschen wir uns noch eine Überprüfung der übrigen Presse!)

Im Kriminal taucht Franz Schuh bei der Lektüre von Colin Harrisons "Havana Room" in den bösen Fiebertraum eines gefallenen Anwalts ein. Aus Moskau berichtet Irina Prochorowa von der optischen Täuschung des Moskauer Kulturlebens: Hinter der Fülle von Veröffentlichungen und Veranstaltungen lauert der kulturprovinzielle Ungeist (überraschende Ausnahme ist dabei die niveauvolle Glamour-Presse). Und Manuela Reichart gratuliert David Cronenberg zu seiner Comic-Verfilmung "A History of Violence", mit der ihm eine "verwirrende Eloge auf Kleinstadtidylle und Familienwerte" gelungen ist.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Literaturen

Literaturen nimmt Michel Houellebecqs Zukunftsfantasie "Die Möglichkeit einer Insel" zum Anlass, sich dem Neuen Menschen zu widmen, wie er immer wieder in Fiktion und Wissenschaft ersonnen wird.

Ingeborg Harms hat Houellebecq in einem billig-asketischen Pariser Hotelzimmer getroffen, um über die unsympathische Zukunftsvision zu streiten, die er in seinem neuen Roman entwirft. Die Hoffnung auf ein wirkliches Gespräch muss Harms jedoch schnell fahren lassen, denn Houellebecq teilt mit seinem jüngsten Zukunftsszenario die menschliche Kühle. So wie seine Neo-Menschen auf natürliche Fortpflanzung verzichten und bei ihrem Ableben durch einen Klon ihrer selbst ersetzt werden, so sehr ähneln sich die Ansichten und Verkündungen Houellebecqs über die Jahre. Doch mit seinen fortlaufend geklonten Neos geht Houellebecq noch einen Schritt weiter: Jede neue Inkarnation verfügt nur über die leicht verblassten Erinnerungen seines Vorgängers, so dass das Bewusstsein im Laufe der Reinkarnationen zunehmend schwindet und einer Art diesseitigem Nirvana weicht - eine Vision, die Harms wenig glaubhaft vorkommt: "Mich überzeugt dieses kampflose Abtreten des Homo sapiens nicht. Während ich meine Zweifel formuliere, ist mir das germanische Stakkato meines Einspruchs quälend bewusst. Houellebecq denkt nicht daran, meinem Schulfranzösisch durch ein wenig Englisch seines irischen Alter ego zu Hilfe zu kommen. (?) 'Solange sie sterben müssen', bringe ich hervor, 'kann der Tod seinen Neos nicht gleichgültig sein.' 'Ich lege Wert auf weniger', erwidert der Autor: 'Das Überleben hat viele Formen. Alles ist für die Neo-Menschen weniger intensiv, weniger schmerzhaft, nicht absolut anders.' 'Aber das Überleben ist nichts Relatives', rufe ich verwirrt. 'Doch', sagt Houellebecq, 'doch, genau das ist es.' "

Des weiteren erforscht Jutta Person die Fantasien, die Menschen und Maschinen zusammenbringen, und muss zu ihrem Bedauern feststellen, dass von der "einstigen emanzipatorische Kraft der Hybriden" nicht viel übrig ist. Und Stephan Wackwitz (Leseprobe aus "Neue Menschen") und Richard David Precht erinnern sich an die Süffisanz, mit der die Achtundsechziger den Neuen Menschen auf politische Weise schaffen wollten.

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte ist hin und weg von Tim Burtons Verfilmung des Kinderbuchklassikers "Charlie und die Schokoladenfabrik". Sybille Berg versucht zu ergründen, was jene Literatur-Liebhaber suchen, die sich als Reisende auf die Spuren ihrer Lieblingsromane begeben. Franz Schuh verzweifelt an einem venezianischen Krimi. Und schließlich hat Aram Lintzel im österreichischen Internet einen Schimpfwortgenerator entdeckt.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Literaturen

Das neue Heft steht noch nicht im Netz, wird aber schon diskutiert. Peter Handke schreibt, jener Handke, den Slobodan Milosevic dem Haager Jugoslawien-Tribunal als Zeuge der Verteidigung vorgeschlagen hatte. Doch statt dem Gericht Rede und Antwort zu stehen, liefert der Schriftsteller lieber einen zwanzigseitigen Text für Literaturen, in dem er gegen die "Farce eines Gerichts" wettert, eine Anklage gegen die Nato fordert, jegliche von Milosevic ausgehende Befehlskette in Abrede stellt: "Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt (und tagt), im Saal Eins, der einstigen Haager Wirtschaftskammer, nichts taugt - und dass es, so viel es auch formal Recht sprechen mag, von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird - dass es speziell zur Wahrheitsfindung kein Iota beiträgt - dass es der nicht bloß edlen, sondern, zum Unterschied der anderen Ideen, unvergänglichen Idee des Rechts, den, bei aller so betonten äußerlichen Würde, scheußlich Hohn spricht: also das FALSCHE GERICHT... Ja, meine 'innere Überzeugung' geht sogar so weit, dass ich Slobodan Milosevic nicht nur vor dem falschen Gericht sehe, sondern ihn auch - zwar ganz und gar nicht für 'unschuldig halte, aber für 'nicht schuldig im Sinne der Anklage', und genau so im Sinn der Organisation des Prozesses, dessen Gebaren wie dessen Führung durch die Richter."

Außerdem gibt es einen wie immer sehr schönen Text von Michael Maar über Vladimir Nabokov, in dem er unter anderem den zweiten Band von Brian Boyds monumentaler Biografie für Juli anzeigt. Und er erzählt: "Die Sammlung seiner genau präparierten Äußerungen 'Deutliche Worte' zeigt einen Mann allein auf einem Felsen, umspült von den Wellen der Mediokrität. 'Fabelhafte Aussicht von hier oben', lautet seine Antwort, als er 1971 nach seinem Standort in der Welt der Literatur befragt wird. Seine Verdikte sind berühmt; kurze, schneidende Bannsprüche über falsche Götzen und überschätzte Zwerge wie Dostojewski, Stendhal, Balzac, Eliot oder Thomas Mann. Nur an wenigen ließ er ein gutes Haar; aber wen er liebte, den liebte er wirklich. Ein Mandarin, unbestechlich und stolz - wenn man mit jemandem Kirschen essen wollte, dann lieber nicht mit ihm."

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - Literaturen

Der Schwerpunkt ist dem vom Publikum vergötterten, von der Kritik dagegen als "Philosoph für Horoskopleser" verspotteten brasilianischen Schriftsteller Paolo Coelho gewidmet. Hanna Leitgeb ist diesem "modernen Hermann Hesse" begegnet und versucht sich an seiner Ehrenrettung. Denn hinter der kitschig-esoterischen Fassade erweise sich Coelho als der wohl größte Popularisierer Nietzsches, als ein Schriftsteller, der die "spirituelle Ich-Stärkung als politische Basisarbeit" versteht, jedoch den Schatz der Erkenntnis nicht zur bloßen Metapher gerinnen lassen will: "Alles, was einen symbolischen Aspekt hat, muss auch einen physischen Aspekt haben, sonst kommst du nirgendwo hin. Manche Leser sind am Ende des 'Alchimisten' enttäuscht, dass der Hirtenjunge tatsächlich einen echten Schatz findet. Aber wenn du aufbrichst, um einen echten Schatz zu finden, dann solltest du auch mit einem solchen nach Hause kommen."

Weiteres: Giorgio Agamben versucht im Interview zu erklären, inwieweit der Kapitalismus "jene Absonderung, die die Religion definiert, ins Extrem" treibt. Buddenbrooks ade - Literaturen beobachtet, wie der Familienroman sich mit den Familien wandelt: weg von der Generationen-Saga, hin zur Mutter-Kind-betonten "heiligen Familie". Literatur im Kino huldigt Jun Ichikawa für seine Verfilmung von Haruki Murakamis Roman "Tony Takitani". Aus Paris berichtet Stefan Zweifel über lesenswerte Neuerscheinungen (ganz besonders Enrique Vila-Matas' "Paris ne finit jamais") und die zunehmende Fremdbestimmtheit des französischen Verlagswesens. In der Netzkarte entführt uns Aram Lintzel in die schillernd-banale Welt der Bloggs. Und schließlich: Was liest Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow? Eine Problemdiagnose - Alain Ehrenbergs Kulturgeschichte der Depression "Das erschöpfte Selbst" - und ein wirksames Antidepressivum - die von Kenneth Goldsmith herausgegebenen Andy-Warhol-Interviews "I'll Be Your Mirror".

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Literaturen

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das Jahr 1945. Aber "nicht", wie es heißt, "im Zeichen des 'Untergangs' oder der 'Stunde Null', sondern als Schwelle". In diesem Sinne lobt Rene Aguigah zwei herausragende und verstörende Zeitgeschichts-Bücher für ihr historiografisches Temperament. Denn sowohl Götz Aly ("Hitlers Volksstaat") als auch Wolfgang Schivelbusch ("Entfernte Verwandschaft") gelinge es mit ihren Studien, nicht nur die Geschichte der Vergangenheit, sondern auch die der Gegenwart zu schreiben. "Beide stellen den Nationalsozialismus als ein modernes Projekt vor, dessen Elemente weder 1933 aus dem Nichts aufgetaucht noch 1945 auf ewig versunken sind. Der eine konfrontiert die soziale, der andere die liberale Demokratie mit ihrer totalitären Fratze. Und so irritieren sie beide die Vorstellung, die sich die Gegenwart von ihrer Vergangenheit macht. Was mehr kann man sich, in diesen Tagen der staatstragenden Geschichtspolitik, von Klio erhoffen?"

Weitere Artikel: Faulheit als Subversion - Dieses Credo wird jüngst von zwei Lifestyle Büchern - Corinne Maiers "Entdeckung der Faulheit" und Tom Hodgkinsons "Anleitung zum Müßiggang" - verbreitet. Die Zeit-Diagnose hat sich bei der Lektüre ganz gut amüsiert, muss aber letztendlich feststellen, dass hier keine Revolution propagiert wird, sondern nur eine an den Sesselfurzer gerichtete Anleitung zur Auflehnung. Im Sessel, wohlgemerkt. Anlässlich der österreichischen Erstaufführung von Elfriede Jelineks "Burgtheater" berichtet Armin Thurnher von den jüngsten Auswüchsen der österreichischen Verdrängungskultur (so zum Beispiel ein Balkon, der durchs Land getragen wird und von dem jeder "Österreich ist frei!" - die legendären Worte des Staatsvertrags-Außenministers Leopold Figl - rufen darf. Legendär, aber erfunden, weiß der Standard). Im Kriminal widmet sich Franz Schuh englischem Altpapier (Gwendoline Butlers Krimi "Murder Street. Ein Fall für John Coffin") und kann dessen überlebten Formulierungen sogar einen ganz eigenen Charme abgewinnen. Was liest Juli Zeh? Sie gibt sich dem süßen Erkenntnisschmerz in Gero von Randows "Ziegenproblem" hin.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Literaturen

Aus dem Schwerpunkt, der sich mit dem Begriff des Fremden befasst, ist das Literaturen-Gespräch zu lesen, in dem "vier nicht ganz deutsche Autoren" - Terezia Mora, Imran Ayata, Wladimir Kaminer und Navid Kermani - über den Fremden-Hype in der zeitgenössischen Literaturszene und das Fremde in der Literatur diskutieren. Gleichzeitig sehen sie nicht ein, warum gerade sie als Spezialisten für das Fremde herangezogen werden sollten, schließlich fange das Fremde, wie Navid Kermani bemerkt, schon beim weiblichen Körper an (was Terezia Mora übrigens auch findet). Es sei geradezu ärgerlich, dass bisweilen noch immer eine Art von Norm hochgehalten werde, die zwangsläufig alles abweichende als fremd bezeichne, und das in einem Land, das Kafka als nationales Literaturgut für sich beansprucht. Mora erzählt dazu eine Anekdote: "Wir alle sind um 1970 herum geboren. Für uns war der Mauerfall tatsächlich auch biografisch die historische Zäsur. Seither leben wir alle in einer anderen Welt. Als ich diese These neulich an einem Tisch mit einem West-Autor von mir gab, da schnippte der die Asche von seiner Zigarette und sagte: Ich nicht. Demzufolge wäre westdeutsch der Normalzustand: Nur der Kern-Wessi muss sich nicht rechtfertigen. Was der Kern-Wessi schreibt, ist demnach die Norm, alles andere kommt halt so dazu. Das regt mich auf."

Sichtlich irritiert vom bombastischen Erfolg der Verschwörungs-Bestseller eines Dan Brown versucht Ulrich Baron zu verstehen, wie das besondere Erfolgsrezept der Trivialität aussieht: "Die Welt des Dan Brown ist voller Geheimnisse, Codes, Symbole, Mysterien, Verschwörungen, und das ist auch fast schon alles, denn wenn man diese Zutaten abzieht, dann bleibt kaum noch Welt übrig. Diese Bücher sind spielerische Appelle an einige der niedrigsten Instinkte, denen Homo sapiens sein Überleben und seinen evolutionären Erfolg verdankt: Neugier und Misstrauen."

Weitere Artikel: Im Kriminal verlangt Franz Schuh die gerade mal 120 Seiten lange Kriminalnovelle "Die entartete Seezunge" von Janwillem van de Weterings gehörigen Respekt ab. Zwar wird in Italien nicht so viel gelesen, stellt Henning Klüver fest, doch die Italiener haben die weitaus schöneren Buchmessen (zum Beispiel das Festival "Ad alta voce" in Venedig und Bologna) und können, wie Klüver findet, auf eine hochkarätige Buchsaison zurückblicken. Und schließlich: Was liest Peter Stamm? Er liest immer gezielter, und eigentlich nur noch im Hinblick auf seine eigene Schreibarbeit.

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Literaturen

Was liest Urs Widmer? Immer nur ein Buch auf einmal, betont der Schweizer und verfällt daraufhin in hymnischen Lobgesang auf sein jüngstes Leseunikat, "Alle Tage" von Terezia Mora. "'Alle Tage' stützt eine meiner heimlichen Literaturtheorien: nämlich dass in der Literatur (nicht nur in der deutschen) die Neuerungen und die stärksten Stücke von den Rändern her kommen. Gottfried kam aus Straßburg, Kafka aus Prag. (Ist natürlich Wasser auf meine Mühlen. Schweizer leben auch am Sprachrand.) Terezia Mora, in Ungarn geboren, gehört sogar zu denen, deren Schreibsprache gar nicht die Muttersprache ist. Wie Vladimir Nabokov sein Englisch, hat sie ihr Deutsch zu einer ungeahnten Beweglichkeit und einem großartigen Reichtum entwickelt. Ich glaube, es gibt kein Wort der deutschen Sprache, das ihr nicht spontan zur Verfügung stünde, und zuweilen habe ich beim Lesen gedacht, mein Gott, sie weiß alles."

Weitere Artikel: Im Schwerpunkt mockiert sich Christoph Bartmann über das im großen Stil geplante, naiv-protzige Hans-Christian-Andersen-Jahr, das den Märchenerzähler zu Dänemarks Botschafter und zahllose Prominente zu Andersens sogenannten "Ehrenbotschaftern" ernennt (ein Wort, das in Dänemark mittlerweile schon für Gelächter sorgt). Aus London berichtet David Flusfeder entsetzt über die neuen britischen Literaturpäpste Richard und Judy, den König und die Königin des Nachmittags-Fernsehens, deren niveauloser "Richard and Judy Book Club" auf der Bestsellerliste Wellen schlägt. Im Kriminal liest Franz Schuh Christine Gräns Berlin-Krimi "Marx, my Love", begegnet dort der Detektivin Anna Marx und erkennt in ihr eine "Ritterin von der traurigen Gestalt". Und in der Netzkarte bereitet Aram Lintzel die orientalistische Pferde-Webseite www.araber.de kulturtheoretisches Unbehagen.

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - Literaturen

Brauchen wir Klassiker? Vielleicht nicht alle. Hanna Leitgeb beugt sich über Schillers viel zitierte Briefe "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" vor und liest dort: "Es gehört also zu den wichtigsten Aufgaben der Kultur, den Menschen auch schon in seinem bloß physischen Leben der Form zu unterwerfen, und ihn ? ästhetisch zu machen, weil nur aus dem ästhetischen, nicht aber aus dem physischen Zustande der moralische sich entwickeln kann." Hier ergreift Leitgeb das blanke Grausen. Für sie ist das "ein durch und durch fundamentalistischer Gedanke, der die Definitionshoheit darüber beansprucht, was vernünftig ist - und ein unendliches Totalisierungspotenzial birgt, das sich politische wie religiöse Regime und Terroristen aller Couleurs zu Eigen machen können." Schillers Briefe auch heute noch als philosophisch-pädagogischen Leitfaden zu empfehlen sei Zeichen historischer Blindheit.

Weitere Artikel: Im Kriminal hat Franz Schuh reichlich Lob parat für Alice Blanchards "Sturmfieber". Julian Schütt berichtet aus Zürich, was die Eidgenossen unter Klassikerpflege verstehen, nämlich genau das zu pflegen, was sich für sie lohnt. In der Netzkarte erfreut sich Aram Lintzel am subversiven Potential des Bundesverbands Schleppen & Schleusen mit seiner Website www.schleuser.net, die sich die der hippen Sprache des Neoliberalismus bedient, um diesen zu untergraben. Und schließlich verrät uns Lars Gustafsson, was er liest, nämlich Descartes' "Meditationen". Dabei will Gustafsson der vermeintlich unbestechlichen Logik des Franzosen auf die Schliche gekommen sein.

Nur im Print: Kultur-Staatsministerin Christina Weiss, der Weimarer Goethe- und Schiller-Archivar Jochen Golz und der Germanist Norbert Miller streiten über den Gedenk-Rummel, der um die Klassiker veranstaltet wird. Moritz Baßler stellt drei Thesen zum Umgang mit kanonischen Meistern auf. Und Sigrid Löffler erklärt, warum der Klassiker Shakespeare nicht veraltet.