Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 01.08.2006 - Merkur

"Über Geschichte streitet man längst nicht mehr", stellt Ulrich Speck in seiner Geschichtskolumne fest. Fast könnte man man meinen, es gäbe bei so viel Konsens auch nichts mehr zu diskutieren - wären da nicht die beiden Historiker Götz Aly ("Hitlers Volksstaat") und Gerd Koenen ("Vesper, Ensslin, Bader"), deren Arbeit nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart in neuem Licht erscheinen ließen: "Es geht ihnen um die Sache - um die Aufklärung der Gegenwart über sich selbst. Beide sind in gewisser Weise Dissidenten, indem sie das anerkannt Selbstverständliche in Frage stellen. Sie tun dies jedoch nicht ideologisch, indem sie Meinung mit Meinung kontrastieren, sondern mit Hilfe von Quellen, die sie neu entdecken und erschließen - ein sehr wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit. Das aufschlussreiche Detail stellt die Großerzählung in Frage, und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen widerlegen die bisherigen Gewissheiten. Koenen und Aly, die beide wohl nicht zufällig jenseits der Zwänge des Universitätssystems arbeiten, machen mit ihren Forschungen deutlich, dass es möglich ist, Geschichte jenseits von nationaler Identitätsstiftung, Vergangenheitsbewältigung und antiquarischer Verwaltung neu zu entdecken."

Weiteres: Stephan Wackwitz sieht in den überbordenden Historiengemälden des Jan Matejko in den Krakauer Tuchhallen einen weiteren Beweis dafür, dass angeblich jahrhundertealte nationale Traditionen im 19. Jahrhundert erfunden wurden. Nachgedruckt wird Robert Hughes' großartiger Text über Rembrandt, den "Gott des Realismus", aus der New York Review of Books (hier das Original) sowie aus Prospect Richard Reeves Text über John Stuart Mill ("Die Größe John Stuart Mills liegt in seiner Weigerung, Denken und Handeln zu trennen"). Hans Ulrich Gumbrecht schreibt über Niklas Luhmann, Leopold Federmair über Jorge Luis Borges.

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Merkur

Der Philosoph Volker Gerhardt kann der neuen Religiösität unter dem Druck des Terrors nichts abgewinnen. Auch wenn er der Religion eine "antitotalitäre Erosionskraft" nicht absprechen will, erkennt er das wahre Glück jedoch in der Säkularisierung, in der durchgängig auf die Rechte des Individuums gegründeten Politik. "Die Säkularisierung ist den europäischen Kirchen nicht erspart geblieben, und niemand kann sie den anderen Glaubensgemeinschaften vorenthalten. Dass sie sich weltweit ereignet, beruht nicht auf dem missionarischen Mutwillen der Europäer oder der Amerikaner. Dagegen ließen sich Kriege führen! Es ist aber so, dass sich die Menschen weltweit selbst zur Teilnahme an den globalen Prozessen entscheiden. Deshalb müssen sie den Weg der säkularen Ernüchterung gehen und Politik nach den Regeln machen, die sich im Prozess einer mehrtausendjährigen Entwicklung von der Institution zu deren Autonomie und Konstitution entwickelt haben."

Weiteres: In einer Marginalie verarbeitet Marc Degens noch die Niederlage der Franzosen bei der WM 1982 gegen Deutschland im Elfmeterschießen. Der frühere Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph rekapituliert die Hautstadtwerdung Berlins. Michael Rutschky erzählt von der neuen Boheme, in der sich heute heute eher Informationstechnologen tummeln als Künstler. Dirk Knipphals verabschiedet die deutsche Mutter als "emotionales Mängelwesen". Tim Harford beschreibt am Beispiel Kameruns, wie die Kleptokratie an der Spitze die armen Länder arm bleiben lässt.

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - Merkur

Der Philosoph Christoph Türcke verteidigt die Blasphemie gegen ihre erregten Kritiker, auch wenn er die Mohammed-Karikaturen selbst als Siegerspott des Westens "eher imperial als subversiv" findet: "Gewiss ist Blasphemie nicht einfach dasselbe wie Aufklärung. Aber Aufklärung sieht Blasphemie manchmal zum Verwechseln ähnlich. Spott dringt, wenn er ins Schwarze trifft, tiefer als jede andere Form von Kritik. Was langen Beweisgängen oft versagt bleibt, schafft bisweilen ein einziger Witz, eine Satire, eine Karikatur: das Eitle, Aufgeblasene, Anmaßende geltender Autoritäten bloß zu stellen. Spott ist zynisch, wo er Trauriges lächerlich macht. Er ist aufklärerisch, wo immer er das, was lächerlich ist, blitzartig zum Vorschein bringt: es notfalls bis zur Kenntlichkeit entstellt. Kritik ohne Spott ist zahnlos, fasst nicht wirklich, ist nicht ganz ernst gemeint. Daher konnte aufklärerische Religionskritik gar nicht anders, wenn es ihr denn ernst war, als ab und zu religiöse Autoritäten und die von ihnen gehegten Gefühle zu beleidigen. Sporadischer Spott gehörte zum Schwung des Angriffs."

In seiner Ästhetikkolumne fragt sich der Kunsthistoriker Christian Demand, woher eigentlich die Skepsis rührt, mit der Kritiker den derzeitigen Kunstboom begleiten: "Bemerkenswert ist, dass sich das Ressentiment gegen diejenigen, die da offenbar unbilligerweise Kunst in ihren Besitz bringen, ohne sich dieses Privileg zuvor durch entbehrungsvolle Arbeit in den Weinbergen der Kultur auch moralisch verdient zu haben, in der Regel aus der Vorstellung speist, zwischen der künstlerischen Bedeutung und dem finanziellen Wert der Ware Kunst müsse eine notwendige und eindeutige Beziehung walten. Aller demonstrativ zur Schau getragenen Abgeklärtheit zum Trotz glauben Kunstweltbewohner nämlich rührenderweise noch immer mehrheitlich an das Prinzip des gerechten Preises."

Weiteres: Karl Otto Hondrich plädiert in der Debatte um Integration für eine Stärkung der eigenen kollektiven Identität. Paul Nolte versucht zu erklären, wie im 20. Jahrhundert zugleich Öffentlichkeit und Privatheit expandieren konnten. Der Stettiner Historiker Jan M. Piskorski schreibt über die Vertreibungen in Europa im 20. Jahrhundert. Außerdem geht es um das europäische Jahr 1956, um deutsche Außenpolitik und die "Dauerkrise der amerikanischen Rechten".

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - Merkur

"Falls es einen Geist gibt, der die Kunst der letzten Jahrzehnte bestimmte, dann ist es nicht der Jackson Pollocks und nicht der Andy Warhols, sondern offensichtlich der Cole Porters und seines 'Anything Goes'", stellt Barry Gewen in einem Essay zur Lage von Kunst und Kritik fest, den der Merkur aus der New York Times übernimmt. Aber was kann ein Kritiker in einer Welt vollkommener Freiheit noch kritisieren? "Wir leben in einer Zeit, in der Künstler Kinderfragen stellen - Was ist Kunst? Wozu ist sie gut? -, und die Kritiker haben meistens darauf so geantwortet, dass nicht einmal ein Erwachsener sie versteht. 'Mutti, sind wir den ganzen Weg hierhergefahren, bloß um uns Bilder von Suppendosen anzugucken?' 'Das sind Andy Warhols, Herzchen, und er bedient sich eines geschliffenen heuristischen Instrumentariums, um die Bruchlinien signifikanter Verschiebungen und die sedimentierten Facetten seines kairos zu erkunden und offenzulegen." Vor allem aber haben die Kritiker aufgegeben, Kritiker zu sein: so der Kunstkritiker James Elkins in seinem schmalen, aber aus vollem Herzen polemischen Buch 'What Happened to Art Criticism?'." (hier das Original des Artikels).

Wolfgang Fuhrmann widmet sich der "verfahrenen und aussichtslos" erscheinenden Lage der Neuen Musik: "Der Widerspruch zwischen dem geistigen, musikalischen und nicht zuletzt auch finanziellen Aufwand, mit dem eine Uraufführung bestritten wird, und der Resonanz, die sie beim Publikum findet, ist grotesk und wäre unerträglich, hätten wir uns nicht seit Jahrzehnten daran gewöhnt." Fuhrmann glaubt, dass sich die Neue Musik zu sehr vom Hörer entfernt - ausdifferenziert - hat, von seiner Möglichkeit, sich ein Stück überhaupt noch anzueignen. "Will die Neue Musik überhaupt ein Publikum erreichen, so muss sie damit beginnen, die Erfahrungs- und Empfindungsräume anzusprechen, die sich eröffnen in der Welt, in der wir leben. Stoff gibt es genug."

Weiteres: Stephan Wackwitz meditiert über das kulturelle Erbe der Ruthenen im Allgemeinen und der Künstlermutter Julia Warhola im Besonderen. Jan Philipp Reemtsma schreibt über den nicht mehr gelesenen Wieland. Und Karl Heinz Bohrer beklagt, dass die Kulturwissenschaft die Differenz zwischen Literatur und Realität kassiert habe. Und schließlich schwärmt Birgit Recki von Peter Jacksons "King Kong" und der ungeahnten Körperlichkeit seiner computeranimierten Wesen wie "bezahnten Mollusken, Rieseninsekten und Dinosauriern und - dem mythischen Gorillagott": "Es ist toll."

Magazinrundschau vom 04.04.2006 - Merkur

Der Merkur übernimmt einen Text aus der Policy Review, in dem Tony Corn klar stellt, vor welcher Herausforderung der Westen steht: Nicht weniger als dem Vierten Weltkrieg. "Es handelt sich dabei in erster Linie um eine Aufstandsbewegung innerhalb des Islam, die 1979 ernsthaft begonnen hatte und für die der Westen, zumindest bis 2001, nur ein Nebenkriegsschauplatz war. Seit 1979 wirkten die Revolution im Iran, die Invasion Afghanistans, die Reislamisierung von oben in Pakistan, die rapide Zunahme des saudischen Aktivismus im Nahen Osten und Nordafrika und die gleichzeitige Marginalisierung Ägyptens innerhalb der arabischen Welt zusammen mit an der Entstehung eines Paradigmenwechsels, wodurch der Panarabismus durch den Panislamismus abgelöst wurde. Aber eben weil dieser Aufstand innerhalb des Islam ein Aufstand ist, ist das Terrorismusparadigma weitgehend irrelevant, außer auf der taktischen Ebene. Der Westen führt heute ebensowenig Krieg gegen den Terrorismus wie im Zweiten Weltkrieg gegen den Blitzkrieg oder gegen die Revolution während des Kalten Krieges. Der Westen führt Krieg gegen einen neuen Totalitarismus." (Hier das Original)

In seiner Ökologiekolumne räumt der Zoologe und Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf mit falschen Vorstellungen von der Natur auf: "Das Haus der Natur, das Oikos der Ökologie, gibt es gar nicht. Nichts davon existiert in der Wirklichkeit, weder ein Fundament noch das zugehörige Dach, die Wände und die Zimmer. Es handelt sich beim Haus der Natur wie auch beim moderneren Ökosystem um nichts weiter als um schöne Bilder aus einer Zeit, in der die Gesellschaft wohlgeordnet zu sein hatte."

Nur im Print: Der Historiker Jürgen Kocka denkt darüber nach, wie sich Sozialgeschichte im heraufziehenden Zeitalter einer transnationalen Globalgeschichte erforschen lässt. Alexander Demandt widmet sich Goethes völligem Desinteresse an jeglicher Geschichtsschreibung. Zu lesen sind die Aufzeichnungen von Walter Kliers Großvater Josef Prochaska, der im Oktober 1914 in den Ersten Weltkrieg zog: "Unsere Armee hat guten Geist. Heute ein Prachttag. So etwas wie die Sauferei heute Nacht habe ich nicht leicht einmal mitgemacht. Bis Wien werden wir mit 2 St Verspätung ankommen. Mir geht es ausgezeichnet. Bis jetzt ist der Krieg ganz lustig."

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Merkur

Der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma erklärt kategorisch die gesamte Debatte über die Willensfreiheit für überflüssig - ob es diese nun gibt oder nicht, sei mehr oder weniger zweitrangig: "Eine Gesellschaft ohne die Unterstellung des freien Willens wäre nicht denkbar. Oder so unterschieden von allem, was wir historisch gewohnt sind, dass wir sie nicht denken können. Verzichten können wir als handlungsleitende Unterstellung auf die Idee des freien Willens nicht. Ist es sinnvoll, viele Gedanken darauf zu verwenden, ob es sich bei der Unterstellung nur um eine nützliche Funktion handelt? Ich weiß nicht, ob jemand so weit gehen würde zu bestreiten, dass es sich dabei um eine nützliche Funktion handelt. Er müsste die eben als undenkbar bezeichnete Gesellschaft schildern und uns schmackhaft machen. Bevor er das nicht tut, können wir das auf sich beruhen lassen."

Weiteres: In zwei Texten befassen sich mit Eli Zaretsky und Elisabth Roudinesco mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse. Ulrich Speck fragt mit Blick auf Aufstieg und Niedergang des Europäismus, ob der vielbeschworene Geist Europas auch denkbar ist, wenn die USA nicht die militärischen und moralischen Rahmenbedingungen setzen. Jochen Rack erlebt auf einer Reise über Dubai, Bangkok, Ho-Chi-Minh-Stadt nach Sidney, wie quicklebendig Religionen "außerhalb der westlichen Welt" sind. Marius Meller verteidigt die Leser gegen die Ideologen des Lesens. Patrick Bahners schreibt über den Historiker Hans Rothfels. Ulrike Ackermann verteidigt die französischen "Neoracs", die Neuen Reaktionäre, gegen ihre linken Kritiker.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Merkur

Karlheinz Bohrer untersucht, wie Heinrich Heine die Stadt Paris zum Sehnsuchtsort deutscher Dichter machte: "Heine machte Paris für alle nach ihm von der Stadt Inspirierten zum Projekt dadurch, indem er in seinen Berichten für die Augsburger Zeitung einen einzigen Gedanken hervorhob: dass die Große Revolution nicht zu Ende ist. Die emotionelle ästhetische Fliehkraft dabei war, dass diese Revolution als ein Ereignis, als ein Schicksalstag der Geschichte, als melancholisches Gestern und als emphatisches Morgen verstanden wurde."

Weiteres: In seiner Philosophiekolumne definiert Christoph Türcke Software als "konfigurierte elektrische Energie" und überlegt, ob dies nicht auch "die einzig illusionslose, präzise, wissenschaftlich haltbare Umschreibung dessen" ist, "was man früher Geist nannte". Christoph von Marschall fragt, wie viel Grau Europäer und Amerikaner an sich selbst und aneinander ertragen. Walter Klier preist die Bücher des Reporters Wolfgang Büscher, darunter "Berlin-Moskau" und Deutschland, eine Reise" als Beispiel für ein Schreiben nach den Ideologien: "Wir, Büscher und ich und alle nach etwa 1950 Geborenen sind die, die eigentlich als erste versuchen können, die Trümmer zusammen zu klauben und uns einen Reim darauf zu machen."

Jeremy Adler erinnert daran, dass die naturwissenschaftliche Bildung einmal die Grundlage moderner Literatur war. Peter Horst Neumann erkennt in Friedrich Rückerts Neigung "zu schönem Gleichklang, wortspielerischen Wiederholgungen und delikaten Redundanzen" die klingende Oberfläche seiner "melancholischen Grunddisposition". Volker Gerhardt fürchtet "Wahrheitverlust durch  Wahrheitstheorien".

Schließlich sind die acht besten Einsendungen des Essaywettbewerbs zu lesen, bei dem es unter anderem um den Einfluss der Bildzeitung und den EU-Beitritt der Türkei ging.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - Merkur

In seiner Ökonomie-Kolumne spürt Rainer Hank wie immer recht erhellend den Schockwellen nach, die der Chef des britischen Hedgefonds TCI, Christopher Hohn, auslöste, als er die Granden der Deutschen Börse, Werner Seifert und Rolf Breuer vor die Tür setzte: "Schlagartig wurden die Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Aktiengesellschaften gewahr, was ihnen passieren kann, wenn Aktionäre aufbegehren. Dass die Eigentümer eines Unternehmens ihre Rechte aktiv geltend machen, ist für Deutschland neu. Gewiss, sie drohten ihre Anteilsscheine zu verkaufen, wenn sie mit dem Kurs ihrer Aktie nicht zufrieden waren. Dass sie widersprechen, die Chefs davonjagen, selbst aber bleiben, ist ungewohnt. 'Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, frech, weil sie auch noch Dividende haben wollen' - der legendäre Ausspruch des Bankiers Carl Fürstenberg gab bis vor kurzem hierzulande das Selbstverständnis des Topmanagements wieder."

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler versucht den Einfluss der intellektuellen und künstlerischen "Sinnproduzenten" zu erfassen, denen die auf identifizierbare Positionen angewiesene Eliteforschung gängigerweise wenig Aufmerksamkeit schenke.

Nur im Print: Siegfried Kohlhammer hat die neuesten Veröffentlichungen über Mao und den chinesischen Kommunismus gelesen, und stellt klar, dass nicht die antikommunistische Propaganda die Intelligenz beleidigte, sondern die Realität des Kommunismus. Der Historiker Heinrich August Winkler warnt die Weltmacht Europa davor, sich durch eine verfrühte Erweiterung zu überdehnen: "Realismus statt Voluntarismus". Jörg Lau empfiehlt Udo Di Fabios "Kultur der Freiheit" zur Lektüre: "Dieser temperamentvolle Großessay eines streitlustigen Konservativen stellt durch seine weit ausgreifende Gesellschaftsdiagnose, seine Theorielust und seine politische Leidenschaft vieles in den Schatten, was heute an Vergleichbarem von beiden Seiten des politischen Spektrums auf dem Markt ist." Außerdem gibt es einen Vorabdruck aus Ralf Dahrendorfs neuem Buch "Versuchungen der Unfreiheit", in dem er sich unter anderem den Intellektuellen und 1968 widmet: "1968 ist im Rückspiegel ein Modernitätsschub, zu dem Frauenemanzipation und Wissensgesellschaft, Bürgerinitiaven und Umweltbewusstsein, Toleranz gegenüber anderen und Interesse an Entfernten gehören. Es war allerdings auch der Einbruch des Relativismus, und als dessen Janusgesicht des Fundamentalismus in die aufgeklärte Welt der offenen Gesellschaft."

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Merkur

Was macht eigentlich die Unesco? Malhefte in die Dritte Welt schicken, Gedenktage proklamieren, unlesbare Konventionen verabschieden? Wolfgang Kemp liefert einen recht boshaften "unverlangten Tätigkeitsbericht" über die Organisation, die ihm - mit Gerald Vouga gesprochen - "as natural as death and taxes" scheint. Vor allem auf das Erfolgsprogramm des Weltkulturerbes zielt sein Spott. Zuletzt hat die Unesco die Überreste des Limes zum Welterbe erklärt und die Grenzanlage zu einem "Vermittler menschlicher Werte durch die Entwicklung römischer Militärarchitektur". Kemp schwant: "Bald erkennt Helmut Kohl seinen 'Freizeitpark Deutschland' nicht wieder. Dann werden wir uns in einem Geschichtspark als Hüter und Staffage zugleich bewegen. Dann lesen wir täglich Warnungen wie: 'Die Höherlegung der B 42 vor Erpel könnte schwerwiegende Folgen für die Anerkennung des Mittelrheins als Weltkulturerbe haben.'"

Der Schriftsteller Gerhard Henschel richtet seinen Bannstrahl gegen "Europas größte und übelste Sexualklatschkloake" - die Bild-Zeitung: "Wer in dieses Abflussrohr hinabsteigt, der hat seinen Geist aufgegeben. Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt. Und wer, wie Gerhard Schröder es getan hat, einen ausländischen Staatsgast zum gemeinsamen Bild-Interview willkommen heißt, der sollte sich die Frage vorlegen, ob es nicht anständiger gewesen wäre, den Gast in einem gutgeführten Bordell zu begrüßen als in Kai Diekmanns dreckiger Sexualnachrichtenkaschemme."

Weiteres: Dirk Knipphals versucht zu ergründen, warum "wir" eigentlich nicht mit Arnold Schwarzenegger warm werden. "Offenbar haben wir immer noch ein Problem damit, Intellektualität und Muskeln in einem Männerkörper zusammen zu denken." Julian Hanich preist Amerikas besten Filmkritiker: Anthony Lane vom New Yorker, den bereits andere mit dem Muhammad-Ali-Zitat belegten: "Er schwebt wie ein Schmetterling, er sticht wie eine Biene" (Hier der Beweis). Andreas Krause Landt konstatiert bei den Deutschen angesichts des Holocausts "Schuldstolz". Karl Heinz Bohrer beklagt die Entwertung des Pathos. Und Karl Otto Hondrich hat bei seinen Besuchen im Schwimmbad festgestellt, dass Frauen wieder "ihren Busen verhüllen".

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Merkur

An die Stelle des Opfers, das man bringt, ist das Opfer getreten, das man ist", stellt der Jurist und Autor Bernhard Schlink in einem Essay verwundert fest, der leider nicht online zu lesen ist. Und das sei ganz besonders in Deutschland der Fall, meint Schlink, aber nicht, weil "die Diskreditierung des Opfers, das man bringt, nach den Verbrechen des Dritten Reichs so tiefgreifend und die moralische Anerkennung des Opfers, das man ist, im Opferschicksal der Juden so zwingend war. Die Übertragung des positiven Wertakzents vom einen auf den anderen Opferbegriff konnte so erfolgreich nur sein, weil in Deutschland keine Opfer verlangt und gebracht werden mussten."

"Die Menschen werden unzufriedener in dem Maße, wie sich ihre Lebensumstände verbessern", erklärt uns der Anthropologe Roger Sandall ("The Culture Cult") das "Fortschrittsparadox", das für ihn allerdings nicht erst mit Jean-Jacques Rousseaus romantischem Primitivismus seinen Anfang genommen hat. Epikur, Sokrates und Hesiod im Blick schätzt Sandall: "Grob gerechnet sieht es so aus, als ob die Menschen seit fast zehntausend Jahren nostalgisch in die Vergangenheit zurückblicken. Und das ist sehr bezeichnend. Denn die letzten zehntausend Jahre machen genau die Epoche aus, in der die Zivilisation entstand, und dieser Befund legt nahe, daß die Idealisierung früherer und primitiverer Lebensweisen eine geistige Fixierung darstellt, eine psychologische Konstante, untrennbar verbunden mit dem Aufstieg der Zivilisation selbst."

Katharina Rutschky empfiehlt, der "Protzerei mit Selbstmordattentätern, diesem "Imponiergehabe, das auf der Unkenntnis der Todessehnsucht beruht" einen nüchternen Blick auf die Selbstmordstatistiken westlicher Länder entgegenzusetzen. In weiteren Artikel geht es unter anderem um die Dauerhaftigkeit der derzeitigen Globalisierung, den deutschen Moral-Universalismus und die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Uwe Johnson.