Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 86

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Casey Cep zwei neue Bücher über Atheismus in den USA vor: "Antipathie gegen Atheisten in den USA ist so alt wie Amerika selbst. Auch wenn viele Kolonisten kamen, um ihren Glauben frei ausüben zu können, erstreckte sich ihr Freiheitssinn nur auf andere Religionen. Die Idee, ein Atheist könne kein guter Bürger sein, stammt von John Locke … Echte religiöse Freiheit war rar in den Kolonien, Abweichler wurden bestraft, eingekerkert oder erhängt. Überraschenderweise wurde aber nie ein Atheist hingerichtet. Nach den Cornell-Historikern R.  Laurence Moore und Isaac Kramnick ('Godless Citizens in a Godly Republic: Atheists in American Public Life') war der Grund dafür, dass sich kein Atheist je zu erkennen gab. Nichtgläubige waren selten und äußerst vorsichtig … Wie viele religiöse Minderheiten werden sie bedroht und von Vorurteilen verfolgt. Atheismus ist allerdings keine Identität, Ideologie oder Verhaltensweise, und davon zu sprechen, als wäre das der Fall, bedeutet so viel wie über 'Religion' zu sprechen, statt über Judentum, Buddhismus, Christentum oder sogar Reformjudentum, Mahayana Buddhismus und Pfingstbewegung. 'Atheismus', wie der Philosoph John Gray in seinem neuen Buch 'Seven Types of Atheism' ihn definiert, ist jedoch ein Konzept, dass Amerikanern helfen könnte, über ihren hartnäckigen Disput um die Existenz Gottes hinauszugelangen. Gray beginnt mit einer sehr provisorischen und eigenwilligen Definition des 'Atheisten': 'Jeder, der keine Verwendung hat für einen göttlichen Verstand, der die Welt geformt hat.' Wie er zugibt, macht das die Kategorie so umfangreich, dass sie einige der wichtigsten Religionen der Welt umfasst: Weder der Buddhismus noch der Taoismus haben keinen Schöpfergott. Doch diese Weite ist angemessen, weil sie zu Recht suggeriert, dass es nicht nur eine einzige atheistische Weltsicht gibt."

Außerdem: Margaret Talbot entdeckt die Farben auf antiken Skulpturen und deutet ihre Verschweigung als rassistischen Akt.  Janet Malcolm schreibt über den Zusammenhang von Fotografie und Erinnerung. Alex Ross feiert die Musik von Claude Debussy. Peter Schjeldahl ist unbegreiflich, dass die impressionistische Malerin Berthe Morisot, die er als eine der interessanten ihrer Generation ansieht, so wenig Anerkennung durch die Kunstgeschichte erfährt. Amanda Petrusich hört Lonnie Holleys neues Album "Mith". Anthony Lane sah im Kino Luca Guadagninos "Suspiria".

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Sheelah Kolhatkar über die raffinierte Expansionsstrategie des konservativen amerikanischen Mediengiganten Sinclair Broadcast, der in den USA 39 Prozent Marktanteil besitzt und seine Zuschauer auf Trump-Kurs bringt, sofern sie da nicht längst sind: "In den letzten zehn Jahren wurden die Anzahl der Nachrichten produzierenden Sender reduziert. Mit dem Abwandern der Werbung auf Onlineplattformen, gingen Dutzende Zeitungen pleite, sodass viele Orte in den USA über keine oder nur unzureichende regionale Berichterstattung verfügen. Die Veränderung in der Medienlandschaft hat den Einfluss von Unternehmen mit klarer politischer Stoßrichtung wie Sinclair verstärkt. Laut einer Studie des Pew Research Centers beziehen 50 Prozent der US-Amerikaner ihre Informationen über das Fernsehen. In Zeiten, in denen Trump das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien untergräbt und Facebook und Twitter von russischen Agenten kreierte Falschinformationen verbreiten, bekräftigen 76 Prozent von ihnen ihren Glauben an regionale Nachrichtenanstalten. Sinclair hat sich gut positioniert, um auf dieses Vertrauen zu bauen und besitzt mehr Sendestationen in Wechselwählerstaaten als jedes andere Unternehmen … Bei den Präsidentschaftswahlen votierten die Wähler in Gegenden mit hoher Konzentration von Sinclair-Sendern im Schnitt um 19 Prozentpunkte mehr für Trump als für Hillary Clinton."

Außerdem: Nick Paumgarten überlegt, ob Bitcoin und Co. die Welt verändern können. Alexandra Schwartz stellt "Rent a Runway" vor, ein Service, bei dem man Designerkleider leihen kann. Pankaj Mishra überlegt anlässlich einiger Neuerscheinungen, was Gandhi uns lehren kann. James Wood liest den norwegischen Autor Dag Solstadt. Und Anthony Lane sah im Kino David Gordon Greens "Halloween".

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Dexter Filkins den Verdacht, zwischen einer russischen Bank und Trumps Präsidentschaftskampagne könnte es Verbindungen geben. Gewisse Aktivitäten im Netz legen das nahe, erfährt Filkins von einem IT-Spezialisten namens Max: "Als Max und seine Leute die Einträge im Domain Name System (D.N.S.) von republikanischen Kandidaten durchkämmten, stießen sie auf Überraschendes. 'Wir suchten nach Spuren, wie wir sie auf den gehackten Computern des Democratic National Committee gefunden hatten, fanden aber etwas völlig anderes, Einzigartiges', so Max. In dem kleinen Ort Lititz, Pennsylvania verhielt sich eine der Domains von Trumps Organisation sehr merkwürdig. Der Server der Domain gehörte zu einer Firma namens Listrak, die vor allem kommerzielle Massenmails zu verteilen half, Spa-Angebote, Trips nach Las Vegas usw. Einige von Trumps Domains taten das Gleiche, doch diese eine versendete gar nichts. Zugleich versuchte eine sehr kleine Gruppe von Firmen mit der Domain zu kommunizieren. Bei der Untersuchung der Domain-Daten entdeckte Max D.N.S.-Lookups von Servern der Alfa Bank, einer der größten in Russland. Die Rechner der Bank kontaktierten die Adresse des Trump-Servers nahezu jeden Tag, manchmal ein dutzendmal, zwischen Mai und September 2016 insgesamt mehr als zweitausend Mal. 'Wir beobachteten das in Echtzeit und fragten uns, warum eine russische Bank so dringlich mit Trumps Organisation kommunizieren wollte … Schließlich folgerten wir, dass es sich um einen verdeckten Kommunikationskanal handeln musste.'"

Jiayang Fan porträtiert den chinesischen Schriftsteller Yan Lianke, den er auf Besuchen bei seiner Mutter auf dem Land und bei seinem Verleger begleitet. Die Zensur in China wird immer schlimmer, meint Yan: "Yan hatte immer gescherzt, dass er an dem Tag, an dem er zehn Wörter Englisch gelernt hätte, ins Ausland ziehen würde. Aber er vermutet, dass er nicht die gleiche Dringlichkeit in seiner Arbeit verspüren würde, wenn er China verlassen würde. 'Es ist ironisch', sagte er mir. 'Es gibt so viel Angst vor dem Schreiben innerhalb der Grenzen Chinas, aber diese Angst ist es auch, die mich schreiben lässt.'"

Außerdem: Hua Hsu berichtet, wie Amerikaner asiatischer Herkunft sich gegen die Diskriminierung beim Antragsverfahren für Eliteunis wie Harvard wehren und dabei auch den Schulterschluss mit einem weißen konservativen Anwalt nicht scheuen: Die asiatisch-amerikanischen Studenten sind besorgt, dass "affirmative action" an Universitäten mehrheitlich zugunsten afroamerikanischer Studenten und Latinos geht, Hua ist besorgt, dass am Ende in diesem Kampf nur die Weißen gewinnen. Nathan Heller stellt den italienischen Regisseur Luca Guadagnino ("Call Me by Your Name") vor. James Wood feiert John Wrays 9/11-Roman "Godsend". Adam Gopnik liest David W. Blights Biografie über "Frederick Douglass: Prophet of Freedom".  Elizabeth Kolbert denkt darüber nach, wie man wissenschaftlich über verschwundene Arten und zerstörte Ökosysteme schreibt. Anthony Lane sah im Kino Damien Chazelles "First Man".

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts erzählt Claudia Roth Pierpont anhand eines Buches von Mary Gabriel ("Ninth Street Women"), wie New Yorks Nachkriegs-Künstlerinnen wie Joan MitchellLee Krasner, Grace Hartigan oder Helen Frankenthaler um Aufmerksamkeit kämpften: "Beim Kampf der Frauen, sich zu positionieren, ging es um Inspiration, aber, Gabriel legt es nahe, Zugang zur Macht und das Wissen, wie sie zu benutzen war, war wichtiger als man zugeben mag. Weil sie keine eigene Macht besaßen, lernten die Findigeren unter ihnen, mächtige Männer zu instrumentalisieren, als Türöffner, Beschützer, Promoter. Elaine de Kooning war bekannt dafür, ihre Liebhaber danach auszuwählen, ob sie der Karriere ihres Mannes dienlich waren, doch sie sorgte auch für sich selbst." Geschenkt wurde ihnen jedenfalls nichts - und sie schenkten sich auch selbst nichts. Ein ganz schön tougher Haufen, den Gabriel da beschreibt: "Joan Mitchell, deren Talente sich noch immer weiterentwickelten, aber alles andere als unterlegen waren - sie war wohl die begabteste von ihnen - hatte dennoch viele Probleme. Hartgesotten, strapazierfähig, streitsüchtig, sah sie sich als den Jungs völlig ebenbürtig und fühlte sich wie Hartigan anderen Frauen nicht besonders verbunden: Sie bezeichnete Frankenthaler mit ihren gesprenkelten Leinwänden als "diese Tamponmalerin". Ihre eigenen Bilder waren abstrakte Explosionen von Energie und Farbe, die der älteren New Yorker Generation verbunden waren, aber mit ausgeprägten Spuren von Lyrik und Gewalt. Obwohl ihre Arbeit gute Kritiken erhielt, hatte sie keine großen Unterstützer in Museen oder in der Presse (und keinen berühmten Ehemann, im guten wie im schlechten), was helfen könnte, ihre Ressentiments gegenüber denen zu erklären, die einen hatten. In ihrem Privatleben litt sie trotz ihrer Härte an den falschen Männern, anstatt die richtigen zu benutzen, und manchmal waren ihre Beziehungen so gewalttätig wie ihre Kunst."

Außerdem: Alice Gregory berichtet aus dem letzten Mädcheninternat der Schweiz, dem Institut Villa Pierrefeu, wo sich internationale Etikette lernen lässt. Jill Lepore porträtiert die Frauenrechtlerin und Beisitzende Richtern am Supreme Court Ruth Bader Ginsburg. Larissa MacFarquhar besucht auf nostalgisch getrimmte Heime für demente Menschen. Amanda Petrusich hört das neue Album von Cat Power. Dan Chiasson liest Lyrik von Max Ritvo. Hilton Als porträtiert den Kostümbildner und Drag-Performer Machine Dazzle. Und Anthony Lane sah im Kino "A Star is Born" mit Lady Gaga.

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Jane Mayer dem Verdacht nach, Russland habe die Präsidentschaftswahlen 2016 mit Cyberattacken entscheidend beeinflusst. In Kathleen Hall Jamiesons Buch "Cyberwar" findet sie schlagende Beweise: "Jamieson argumentiert, dass Russlands Cyberkrieg durch die Übereinstimmung mit Botschaften aus Trumps Kampagne und der strategischen Angleichung an die geografischen und demografischen Ziele der Kampagne befeuert wurde. Hätte der Kreml die Wähler einfach beeinflussen wollen, er wäre wohl gescheitert. Doch die russischen Saboteure verstärkten Trumps polarisierende Rhetorik gegen Immigranten, Minderheiten und Muslime und schossen sich auf die Wählerschichten ein, die er benötigte. Jamieson entdeckte, dass russische Trolls Beiträge in sozialen Medien verfassten, die klar darauf ausgerichtet waren, Trumps Wählerschaft unter Kirchgängern und Soldatenfamilien zu vergößern, republikanische Wähler, die überzeugt werden mussten, jemanden zu wählen, der dreimal verheiratet war, damit prahlte, Frauen begrapscht zu haben, sich über Kriegsgefangene lustig machte und Geschlechtskrankheiten als sein persönliches Äquivalent für den Vietcong bezeichnete. Russische Trolls gaben die gleiche religiöse Überzeugung vor wie die von ihnen anvisierten User und verbreiteten Abbildungen mit biblischen Motiven, etwa eines, auf dem sich Hillary Clinton als Satan mit Jesus beim Armdrücken misst und unter dem stand: 'Wenn du willst, dass Jesus gewinnt, like!' … Jetzt wird deutlich, dass Russlands Einfluss viel größer war, als die sozialen Medien zunächst zugegeben haben. Facebook sprach zuerst davon, dass russische Desinformation während der Kampagne nur 10 Millionen Facebook-User erreicht habe, musste die Zahl aber inzwischen auf 126 Millionen korrigieren. Twitter gab kürzlich zu, es mit mehr als 50.000 Betrüger-Accounts zu tun gehabt zu haben."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker dokumentiert Evan Osnos Mark Zuckerbergs Kampf gegen die dunklen Seiten seiner eigenen Geschäftsidee. Facebook habe endlich angefangen, seine Schwächen zu kurieren, wolle auf Qualität statt Quantität setzen. Auch könne man jetzt einsehen, von wem für wen und wie finanziert Werbung eingesetzt werde. "Ab einem bestimmten Punkt werden sich Zuckerbergs erfolgreiche Denkweisen gegen ihn wenden. Um weitere Krisen zu vermeiden, muss er erkennen, dass er jetzt ein Bewahrer des Friedens ist, kein Störenfried mehr. ... In gewisser Weise fängt Facebook gerade erst an. Zuckerberg ist noch keine 35 und der Ehrgeiz, mit dem er sein Imperium erschaffen hat, könnte gut dazu dienen, es zu stützen. Die Frage ist nicht, ob er die Kraft hat, Facebook zu reparieren, sondern ob er es möchte. Ob er künftig Mitarbeiter feuert, weil sie ihm keine Ideen vorschlagen, wie die Gewalt in Myanmar gestoppt oder die Privatsphäre besser geschützt werden kann. Zuckerberg hat es geschafft, Facebook groß zu machen, jetzt muss er es gut machen."

Außerdem: Rebecca Mead verfolgt das einst blockierte und wieder befreite Genie des Komponisten George Benjamin. Amia Srinivasan fragt, was die Schwarmintelligenz der Termiten uns lehren kann. Und John Cassidy liest Adam Toozes Buch über die Finanzkrise 2008, "Crashed: How a Decade of Financial Crises Changed the World".

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker widmet Emily Witt dem Fotografen Wolfgang Tillmans einen schönen Text. Tillmans Arbeit, findet Witt, ist auch Ausdruck erreichter Freiheit, also politisch: "1968 geboren, gehört Tillmans zur ersten Generation von Europäern, die nach dem Krieg reisen, verschiedene Nationalitäten annehmen und legal gleichgeschlechtliche Beziehungen haben konnten. 1997 wurde bei ihm HIV diagnostiziert, und er konnte eine antiretrovirale Therapie machen. Dem Optimismus seiner Zeit begegnete er mit Bildern, die laut Tillmans eine 'Wirklichkeit zeigten, in der Leute zusammen Ecstasy nehmen und Partys in Parks feiern und gleichzeitig ernsthafte Individuen sein oder nackt in Bäumen sitzen oder in einem dunklen Klo einen Schwanz lutschen konnten.' Außerhalb der Welt seiner Fotos, gibt er zu, existiert diese Freiheit nur in 'kleinen Bereichen'. Ein anderer Themenstrang seiner Arbeit erkundet die Fragilität des politischen Konsenses, von dem seine persönliche Utopie abhängt. Er hat Schwulen- und Lesbenparaden fotografiert, Antikriegsmärsche und Black Lives Matter-Zusammenkünfte. Mit seinen Fotos vom Nachthimmel, in denen Sterne und optische Verzerrungen der Technik ununterscheidbar sind, wollte er auf die Unzuverlässigkeit des Blicks hinweisen. In einem Bild von HIV-Medikamenten-Fläschchen aus dem Jahr 2014 würdigte er das Wunder der Chemie, das ihn am Leben hält. Häufig zeigt seine Kunst, was neu ist. Er hat kleinste Veränderungen im Design oder in Landschaften dokumentiert: den Wechsel von freundlich aussehenden PKW-Scheinwerfern zu aggressiven, Anti-Obdachlosen-Stacheln auf Gehwegen, ein Flughafen-Schild mit der Aufschrift 'Restwelt-Nationalitäten', nicht feuerfeste Fassaden im sozialen Wohnungsbau."

Außerdem: Jill Lepore überlegt, ob Bildung ein Grundrecht für wirklich alle ist. Jeffrey Toobin vergleicht den poltischen (Un-)stil von Rudy Giuliani und Donald Trump. Anna Russell stellt die New Yorker Designerin Batsheva Hay, deren körperverhüllende Mode von religiösen Hardlinern wie Viktorianern, Hasiden und Amish inspiriert ist. Anthony Lane sah im Kino Ethan Hawkes "The Blaze", ein Film über den 1989 gestorbenen Countrysänger Blaze Foley.

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Jon Lee Anderson, wie Nicaraguas Präsident Daniel Ortega sich bewährter Autokraten-Taktiken bedient: "Seit elf Jahren festigt Ortega seine Macht mit raffiniertem Geschacher. Auch wenn seine Karriere vor vier Jahrzehnten als marxistischer Revolutionär begann, hat er sich mit Unternehmensführern arrangiert und mit der Katholischen Kirche verbrüdert, indem er die Abtreibung verbot. Noch immer wettert er gegen US-Imperialismus, zugleich umwarb er den Internationalen Währungsfonds und ließ eine Welle amerikanischer Pensionäre ins Land, die in Nicaragua Immobilien kauften. In den letzten Monaten versucht Ortega verstärkt, die Kontrolle wiederzuerlangen, und bedient sich dazu der Strategien von Autokraten in der Türkei, in Ägypten, Venezuela und anderswo: Erkläre deine politischen Gegner zu Betrügern, stifte die Menge zur Gewalt an und weise jede Verantwortung von dir. Hunderte Protestierende wurden getötet oder ins Gefängnis gesteckt … Eine maskierte Bürgerwehr ging systemtisch auf die Barrikaden los und tötete. Ortega behauptet, die Paramilitärs wären eine Erfindung der Medien, steckten mit seinen Feinden unter einer Decke oder wären nur Leute aus der Gegend, die sich selbst verteidigten. Parallelen zur Krim 2014 drängten sich auf, wo Putin zunächst abstritt, dass die Uniformierten an der Grenze Russen waren. Ortegas Äußerungen sind ebenso unglaubwürdig. Videos zeigen Paramilitärs bei der Zusammenarbeit mit uniformierter Polizei, eines zeigt Ortega, wie er inmitten von Leuten in Kampfanzügen einen maskierten Mann umarmt. Das ging so, bis die Leichen von Aktivisten auftauchten; sie zeigten Wunden von Schüssen im Hinterkopf - ein Zeichen für Massenexekutionen. Ein US-Offizier nennt es den Wechsel von einem Klima der Angst zum Terror."

Außerdem: Ian Parker trifft Glenn Greenwald, der Russlands Einfluss auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 bezweifelt. Simon Schama schaut sich die historischen Pigmente in der Sammlung Forbes an. Judith Thurman denkt über das Genie von Leuten nach, die Dutzende Sprachen sprechen. Carrie Battan hört Nicki Minaj. Louis Menand liest Francis Fukuyamas Buch "Identity: The Demand for Dignity and the Politics of Resentment" und Anthony Lane sah Julien Farauts Filmdoku über den Tennisprofi John McEnroe.

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker porträtiert Calvin Tomkins den 90-jährigen, höchst aktiven Maler Alex Katz und seine Porträt-Technik vor: "Indem er Charakter und Stimmung komplett ignoriert, bieten seine Bilder die reine Sensation der äußeren Erscheinung. Nicht, wer die Porträtierten sind, interessiert ihn, sondern wie sie in einem bestimmten Moment erscheinen. Für ihn gibt es nichts Spannenderes als die Oberfläche der Dinge, sagte er einmal. Er malte alle auf diese Weise, nicht nur seine Frau Ada (mehr als 200 Mal). Mitte der sechziger Jahre begann er, Personengruppen in sozialen Situationen festzuhalten. 'The Cocktail Party' zeigt eine Gruppe von gut gekleideten Leuten inklusive Ada in einem New Yorker Loft, 'Lawn Party' dreizehn festlich gekleidete Gäste vor einem Landhaus. Kleidung, Gesten, Frisuren sind spezifisch für die Zeit, aber das Eintauchen in ein dauerndes Jetzt, das Katz 'das schnelle Vergehen der Dinge' nennt, sorgt dafür, dass das Bild nicht altmodisch wirkt. Obwohl Katz mit den traditionellen Realisten der Zeit, Fairfield Porter, Jane Freilicher, Umgang hatte, war seine Arbeit nie realistisch. Die Gesichter seiner Figuren sind weich und makellos, fast exemplarisch, die Hintergrunddetails sind minimal. Seine Oberflächen wurden dünner und weicher in den Sechzigern, gezeichnet von wenigen Pinselspuren. Um die Kompositionsprobleme zu lösen, die Menschengruppen an den Maler stellen, nahm Katz Abstand vom direkten Auftragen der Farbe und brachte sich die Renaissance-Technik bei, bei der der Maler einen lebensgroßen Karton vor die Leinwand spannt und trockenes Pigment durch Nadellöcher aufbringt, um die Umrisse festzulegen. So arbeitet er beim großformatigen Bildern noch immer, stets auf der Suche nach Techniken, um neue Effekte zu erzielen."

Außerdem: George Packer resümiert die Folgen der Finanzkrise von 2008. Dana Goodyear berichtet über neue Body-Cams, die helfen sollen, Polizeigewalt in den Griff zu bekommen. Und Elizabeth Kolbert denkt über die Vor- und Nachteile der Philanthropie in unserer Zeit nach.

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - New Yorker

Joshua Yaffa schreibt ein nicht immer vorteilhaftes, letztlich aber bewunderndes Portärt über den Hedge-Fonds-Betreiber Bill Browder, der zur bête noire Wladimir Putins wurde, so noire, dass Putin ihn sogar auf seiner berühmt-berüchtigten Pressekonferenz mit Trump in Helsinki nannte. Browder, der aus dem kommunistischen Hochadel der USA kommt (das gibt es, sein Großvater war Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Amerika!) war zu frühen Putin-Zeiten Investor in Russland und sorgte für Ärger, als er für geschäftliche Transaktionen mehr Transparenz forderte. Aber sein Anwalt und Steuerberater Sergej Magnitski wurde festgenommen, in Gefängnissen gequält und starb nach Folterungen im Jahr 2009. Browder setzte in den USA den von Barack Obama verabschiedeten "Magnitsky Act" durch, der zeigt, wie wunderbar Sanktionen funktionieren, wenn sie ins Zentrum des Regimes zielen und Personen im direkten Umkreis Putins treffen, schreibt Yaffa, der unter anderem mit der Obama-Beraterin Celeste Wallander gesprochen hat: "Der Magnitsky Act bedrohte den unausgesprochenen Pakt, der Putins Beziehungen zu denen regelt, die seine Macht durchsetzen, seien es Beamte des Innenministeriums oder Bürokraten in der Steuerbehörde. 'Er beweist, dass Putins 'Kryscha' nicht dicht hält, erklärt Wallander. Kryscha ist Russisch für 'Dach' und bedeutet im Kriminellenjargon den Schutz, den ein Pate anderen anbieten kann. 'Er bringt seinen Gesellschaftsvertrag mit den Insidern seines Systems durcheinander."

Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Julian Jacksons Biografie des französischen Generals und Staatsmanns Charles de Gaulle, der für die Franzosen heute eine eher zeremonielle Präsenz hat - "wenn er noch irgendwo lebt, dann in der endlosen Parade von Bücher über den Zweiten Weltkrieg von Briten und Amerikanern, in denen er als die größte Nervensäge in der Geschichte der liberalen Weltordnung erscheint." Carrie Batton hört Westküsten-HipHop von YG. Alex Ross besucht Bayreuth. Und Anthony Lane sah im Kino Spike Lees "Blackklansmen".