Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 24.07.2018 - New Yorker

Sam Knight liefert nicht nur eine Übersicht über die titanischen Probleme der Realisierung des Brexit - dabei scheint er mit der Idee des Brexit sogar zu sympathisieren - , sondern auch ein so bisher nie gelesenes persönliches Porträt über Theresa May und eine Reportage mit Details über die Folgen des Brexits. Eines Tages wollte May der Nation gute Nachrichten bringen: Das bei der EU eingesparte Geld soll in Krankenhäusern eingesetzt werden, sagte sie bei einer Rede: "Ich saß ein paar Sitze entfernt von Suzanne Tyler, der Direktorin des Royal College of Midwives. Rund 1.500 in der EU ausgebildete Hebammen arbeiten zur Zeit in britischen Krankenhäusern, aber seit 2016 ist die Zahl der aus Europa kommenden Hebammen jährlich um achtundachtzig Prozent zurückgegangen. Es gibt keine Einigung über die Bedingungen, unter denen die Hebammen der EU nach März arbeiten können; 234 Hebammen verließen das Land im vergangenen Jahr. 'Die Leute sind unsicher, was passieren wird', sagte Tyler mir. 'Wir könnten auf einen Schlag Hebammen für zehn Krankenhäuser verlieren.'"

Elisabeth Zerofskys Geschichte liest sich zu Anfang ein bisschen wie "Polen für Anfänger", aber sie ist trotzdem lesenswert. Es geht vor allem um die Geschichtspolitik der Gerechtigkeitspartei, und die kleine Geschichte über das Mokotow-Gefängnis zeigt zeigt einmal wieder, wie düster und komplex die jüngste Geschichte Polens ist: "Die Gerechtigkeitspartei, deren Programm ein Kapitel über 'Identität und Geschichtspolitik' enthält, führt eine ganze Kampagne unter dem Titel 'Wiedergewinnung der Geschichte', die auch dazu dient, das Gedächtnis an die 'Verstoßenen Soldaten' wiederzubeleben. Es ist kaum verwunderlich, dass es keinen historischen Konsens in der Erinnerung an sie gibt. Unter ihnen waren Gruppen, die mit Untergrundorganisationen liiert waren, die von der Exilregierung nicht anerkannt wurden, sie waren häufig rechtsextreme Antisemiten, die ein judenfreies Polen wollten. Hätte Polen nach 1945 seine Unabhängigkeit erlangt, hätte die Regierung wohl viele von ihnen vor Gericht gestellt, einige auch, weil sie Zivilisten ermordet hatten, darunter ethnische Weißrussen und Juden, die ins Land zurückgekehrt waren. Stattdessen endeten viele Verstoßene Soldaten im  Mokotow-Gefängnis, wo die Kommunisten sie folterten und exekutierten. Heute macht die Gerechtigkeitspartei aus dem Gefängnis ein Museum. 'Sie schaffen sich eine eigene Genealogie, eine Art Gründungsmythos über sich selbst', sagt der Historiker Jan Gross."

Weitere Artikel: Zadie Smith schreibt über die Porträts des Künstlers Henry Taylor. Adam Gopnik liest Michael Robertsons Buch über "The Last Utopians: Four Late Nineteenth-Century Visionaries and Their Legacy". Joanna Biggs bespricht Amitava Kumars Roman "Immigrant, Montana". Und Anthony Lane sah im Kino Ian Bonhôtes und Peter Ettedguis Filmdoku über den britischen Modedesigner Alexander McQueen.

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker erklärt Jiayang Fan, wie der Internethandel mit Drohnen, namentlich der des chinesischen Amazon, JD.com, das ländliche China verändert: "Seit den 80er Jahren haben der Kapitalismus und der Konsumismus das traditionelle Gefühl für Identität in China geschwächt. Die ländlichen Gegenden waren ihrer drastischen Armut wegen dagegen immun. Mit seiner Fähigkeit, das Hinterland zu erschließen, bringt der E-Commerce einen neuen Sinn für individuelle Identität ins Spiel, der zwar vom Gruppenzwang befreit, aber auch anfälliger macht für soziale Isolierung. Noch vor einer Generation, als im Dorf meines Vaters alle den gleichen Mangel litten, war der Name des Dorfes sein wichtigstes Identitätskennzeichen. In den vom E-Commerce belieferten Orten bilden die Leute heute Gruppen aufgrund ihre Besitzes. Autobesitzer verbrüderten sich untereinander, Computerbesitzer, und die, die nie viel besaßen, bildeten eine eigene Gesellschaft. Für meine Mutter und mich wurden Einkaufszentren zu den Orten, die uns eine neue aufstrebende Identität lehrten: was und wo einkaufen. Aber für ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen gestaltet sich die Zeitreise anders. Man passt sich der dominanten Kultur weniger an; stattdessen erschafft man eine gänzlich neue. In China ist die Abwesenheit alter Identitätsformen und der Wunsch zur Neuerfindung am deutlichsten im Bereich der Luxusgüter spürbar. Chinesen konsumieren den Luxus wie die Weltmeister. Und weil die Konsumgewohnheiten weniger tief verankert sind, haben die Leute weniger Skrupel, eine Uhr für 20.000 Dollar per Smartphone zu kaufen."

Außerdem: Lauren Collins berichtet aus London, wie die BBC die Gehälter von Männern und Frauen angleichen will. Ruth Franklin überlegt, wie Kinderbücher idealerweise den Holocaust behandeln sollten. John Lanchester liest mit einem lachenden und einem weinenden Auge Bücher von Wirtschaftswissenschaftlern über menschliches Verhalten. Joshua Rothman liest Bücher, die sich mit dem wachsenden Pessimismus in der westlichen Welt beschäftigen, obwohl sich die Dinge ständig verbessern. Und Anthony Lane sah im Kino Gus Van Sants "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot".

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker wägt Nathan Heller Vor- und Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens gegeneinander ab: "Die Gründe, warum Leute aller politischen Couleur das BGE unsterstützen, sind verschieden. Linksintellektuelle wie David Graeber verstehen es als Sicherheitsnetz. Zentralisten und Silicon-Valley-Vertreter schätzen es als Mittel gegen Niedriglöhne und Jobverlust durch KI. Superreiche wie Elon Musk und Richard Branson dürften sich weniger schuldig fühlen, wenn sie noch reicher werden. Schließlich passt das BGE auch ganz gut zur Leistungsgesellschaft. Wenn jeder die gleiche Finanzspritze abbekommt, dürfen sich die ökonomischen Gewinner in dem Glauben wiegen, ihr Scharf- und Geschäftssinn seien für den Erfolg verantwortlich: Reichtum als Belohnung …Beim BGE geht es weniger um das Verschieben von Geld als um die Bevorzugung von Interessen - nicht um die Frage, wer bedient wird, sondern wer am besten bedient wird. Ein erhellender Vergleich ist der freie Hochschulzugang. Die Kritik an Bernie Sanders Idee, auf Studiengebühren zu verzichten, lautete, dass viele amerikanische Familien zumindest einen Teil der Gebühren durchaus bezahlen können. Ohne die Gebühren würde dieses Geld in Malstunden, Nachhilfe und Investitionen fließen, die Gutgestellten ein prosperierendes bürgerliches Leben erlaubten. Diejenigen, die tatsächlich kein Geld für die Uni haben, würden weiterhin das Nachsehen haben."

Außerdem: Benjamin Moser fragt, warum der brasilianische Großschriftsteller Machado de Assis nicht breiter rezipiert wird, wo doch seine Charaktere so herrlich meschugge sind. Und Ariel Levy porträtiert die amerikanische Schriftstellerin Ottessa Moshfegh und ihre abstoßenden Frauenfiguren. David Sedaris besucht einen Schießstand. Hua Hsu würdigt den Godfather des Funk, George Clinton. Und Anthony Lane sah im Kino Stefano Sollimas "Sicario 2: Soldado".

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker besucht Andrew Marantz den Campus von Berkeley und stellt die spannende Frage, ob die Meinungsfreiheit infrage steht, wenn Rechtspopulisten wie Milo Yiannopoulos nicht an einer staatlichen Universität sprechen dürfen: "Ob ein Rabulist wie Yiannopoulos in Berkeley sprechen darf, berührt weniger die Frage, was das Gesetz sagt, als die, was das Gesetz sagen sollte. Das Kammergericht war in seiner großzügigen Interpretation der Meinungsfreiheit während der letzten fünfzig Jahre einigermaßen konsequent. 'Freie Rede darf nicht verhindert werden, selbst wenn sie zutiefst anstößig ist', erklärt der Dekan der juristischen Fakultät in Berkeley, Erwin Chemerinsky … Yiannopoulos kündigt seinen Besuch in Berkeley in den sozialen Medien als Milo's Free Speech Week und 'unser Woodstock' an … Yiannopoulos ist nicht der einzige Redner, der erkannt hat, dass ein Event an einer öffentlichen Uni inklusive wütender ideologischer Opposition eine willkommene PR-Aktion ist … Redner wie er gerieren sich als Verteidiger der freien Rede, nutzen die Meinungsfreiheit aber vor allem als Schutzschild."

Außerdem: Nicola Twilley untersucht die neuronalen Muster hinter dem Schmerz mit neuen bildgebenden Verfahren in der Hirnmedizin. Michael Schulman trifft den ehemaligen YouTube-Star Bo Burnham, der seine Ängste im Film "Eighth Grade" verarbeitet. Und Brooke Jarvis fragt, ob der Tasmanische Tiger vielleicht doch nicht ausgestorben ist.

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des New Yorker ruft John Lee Anderson die Revolution in Mexiko aus, wo mit Andrés Manuel López Obrador ein neuer eigenwilliger Linkspolitiker gute Chancen auf einen Wahlsieg am 1. Juli hat. Seine Popularität verdankt er vor allem Donald Trump: "Offizielle Stimmen aus dem Regierungslager warnten ihre Kollegen in Washington, dass Trumps offensives Verhalten eine neue, feindselige Regierung in Mexiko ermöglichen könnte, ein Sicherheitsproblem gleich nebenan … In seinen Kampagnen spricht López Obrador allerdings oft vom mexicanismo, sein Äquivalent zu America first. Beobachter sagen, im Wettkampf der beiden Länder tendiert López Obrador dazu, nach innen zu schauen. Mexikos Militärs und Justizbehörden mussten in der Vergangenheit oft dazu überredet werden, mit den USA zusammenzuarbeiten, und López Obrador wird da wohl eher weniger Druck machen. Die USA haben die Regierungspartei dazu bewegt, Mexikos südliche Grenzen gegen Migranten aus Zentralamerika dichtzumachen. López Obrador hat angekündigt, die Einwanderungsbehörde nach Tijuana zu verlegen. 'Die USA wollen, dass wir die Drecksarbeit für sie machen', meint er. Trump möchte aus NAFTA aussteigen, López Obrador setzt auf Selbstversorgung und wird das befürworten. In seiner Kampagne heißt es, er möchte Mexikos Potenzial entwickeln, sodass 'keine Drohung, keine Mauer und keine Tyrannei eines fremden Staates die Mexikaner davon abhalten kann, in ihrem eigenen Land glücklich zu sein'."

Außerdem: Ed Caesar weint der britischen PR-Agentur Bell Pottinger keine Träne nach, die vor allem für Oligarchen und Diktatoren von Assad bis Lukaschenko arbeitete. Zum Verhängnis wurde ihr, dass sie im Auftrag des indischen Gupta-Konzern in Südafrika die gesellschaftlichen Konflikte anheizte: "Die Kampagne, dachte Tony Gupta, würde nicht nur dem Land nützen, sondern auch dem Unternehmen seiner Familie, wenn die Brüder nicht mehr als Oligarchen erschienen, sondern als Außenseiter, die der weißen Vorherrschaft entgegenträten." Amanda Petrusich besucht das jetzt der Öffentlichkeit zugängliche Anwesen des Musikers Prince. Und David Denby sieht Leonard Bernstein mit den Augen seiner Tochter - in der Buchkritik.

Magazinrundschau vom 12.06.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt Louis Menand anlässlich neuer EU-Datenschutzegeln, warum wir eigentlich über "Privatsphäre" sprechen, wenn es um den gebrauch persönlicher Daten geht: "Vielleicht handelt es sich um den falschen Begriff. 'Privatsphäre' ist ein komisches Wort für das durch kommerzielle Ausbeutung und staatliche Überwachung bedrohte Gut. Es suggeriert, dass das, worum es geht, niemanden etwas angeht, und das ist nicht wirklich, worum es sich bei den EU-Regelungen dreht. Das wahre Anliegen ist die Freiheit. Die Freiheit, über seinen Körper zu entscheiden, wer unsere persönlichen Daten sieht, unsere Bewegungen und Anrufe - einfach wer unser Leben überwacht und zu welchem Zweck. Die Gefahr des Datensammelns durch Online-Firmen besteht nicht darin, dass sie es benutzen, um uns etwas zu verkaufen, sondern darin, dass die Daten so leicht in die Hände von Leuten gelangen können, die weniger harmlos agieren, eine Regierung etwa … Es könnte sein, dass wir alle unsere Anfälligkeit für Verfolgung unterschätzen. Vielleicht sprechen wir ja nur über Bodenbeläge (wie jenes Paar in Oregon, dessen privates Gespräch Amazons Echo aufzeichnete und willkürlich versendete). Aber Behörden, die auf die Gnade des Präsidenten oder ein desinteressiertes Justizministerium hoffen, könnten sich ermutigt fühlen und ihre Hemmungen verlieren, wenn es um anderer Leute Privatangeleiten geht, sobald diese Leute einer Gruppe angehören, die die Regierung als unpatriotisch oder unerwünscht gebrandmarkt hat. Derzeit haben wir eine Regierung, die genau das macht."

Außerdem: George Packer porträtiert Obamas Redenschreiber Ben Rhodes. D. T. Max schaut "Skam" eine neue Teen-TV-Serie, die auf Facebook-Posts basiert. Und Rebecca Mead berichtet von den Färöer Inseln, wo es ungeahnte Gaumenfreuden zu entdecken gibt.

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Alice Gregory die französische Filmemacherin Claire Denis und ihre neue Arbeit "High Life" vor, ein Science-Fiction-Film mit Robert Pattinson und Juliette Binoche in den Hauptrollen und Denis' erster Film in englischer Sprache: "'High Life' ist viel teurer als alles, was Denis vorher gemacht hat, und sieht erst mal auch sehr anders aus, obgleich Denis seit rund 15 Jahren damit befasst ist und die Geschichte des letzten Menschen auf Erden erzählen wollte. Im Film sterben die Mitglieder einer Gruppe von Kriminellen auf der Suche nach alternativen Energien im All einer nach dem anderen. Übrig bleiben ein Gauner und seine Tochter, die auf der Mission im Raumschiff zur Welt kam (das Schiff wurde von Olafur Eliasson designed). Denis fokussiert sich auf die (Familien-)Beziehung der beiden … Gedreht wurde hauptsächlich in einem Kölner Studio, eine schwierige Erfahrung, wie man hört. Denis ist das Drehen im Studio nicht gewohnt, änderte Szenen kurzfristig per SMS, das Ganze war eine Art unbeabsichtigtes Method Acting."

Außerdem: Jeffrey Toobin überlegt, ob die Impeachment-Forderungen gegen Trump zum Bürgerkrieg führen könnten. Thomas Mallon vertieft sich in ein Buch über den Fotografen Weegee. Alex Ross hört Mahler mit Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra. Und Hua Hsu staunt über die persönliche Sagenwelt des New Yorker Hip-Hoppers Rammellzee.

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker erläutert Nick Paumgarten den Hype um das Koop-Survival-Game Fortnite, in dem es darum geht, sich gegen eine Invasion von Zombies zu verteidigen, das beliebteste Videospiel des Planeten: "Sein relativer Mangel an Bosheit - Fortnite ist nahezu frei von der Frauenfeindlichkeit und dem Rassismus so vieler anderer Spiele - verstärkt seine Popularität (der Spieler kann in verschiedene, jedes Geschlecht, jede Ethnie vertretende 'skins' schlüpfen). Es heißt, viele Mädchen spielen es, ob mit oder ohne Jungs … Außerdem ist Fortnite das Spiel mit den meisten Zuschauern. Es füllt Stadien und natürlich die YouTube-Kanäle, auf denen es insgesamt fast drei Milliarden Zuschauer verzeichnet. Auf der Streaming-Platform Twitch ist es ganz oben. Zugucken ist nicht länger nur für Deppen … Der Star heißt Tyler Blevind aka Ninja, der angeblich eine halbe Million monatlich damit verdient, seine Spielsessions nebst Kommentar auf Twitch zu streamen. Sein YouTube-Kanal hat mehr als 10 Millionen Abonnenten."

Außerdem: Evan Osnos schildert, wie Trumps Leute den "tiefen Staat" umkrempeln. Alex Ross berichtet über zwei Cembalisten, Jean Rondeau und Mahan Esfahani, die die Goldberg Variationen neu interpretieren. Adam Gopnik stellt einen Winzer mit ungewöhnlichen Ideen zu Traubensorten und Anbaugebieten vor. Amanda Petrusich hört das neue Album von Courtney Barnett. Anthony Lane sah im Kino Paul Schraders Ökoterror-Drama "First Reformed" und Michael Mayers Tschechow-Adaption "The Seagull".

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker gibt Tad Friend erst einmal Entwarnung. Künstliche Intelligenz wird doch nicht so schlimm für die Menschheit wie vermutet: "Über eine Intelligenz nachzudenken, die uns überflügelt, kann klären helfen, was uns zu Menschen macht, im Guten wie im Schlechten. Sind wir in Sachen Künstlicher Intelligenz so weit gekommen, weil wir so gut sind, besser als Computer? Oder weil wir so schlecht darin sind, uns das Ende auszumalen. Künstliche Intelligenz bringt uns dazu zu erwägen, ob es klug ist, nach Aliens zu suchen, ob wir uns in einer Simulation befinden und ob wir Gott gegenüber beziehungsweise für ihn verantwortlich sind. Wird Künstliche Intelligenz die Lösung sein oder das Ende des Experiments? Künstliche Intelligenz ist bereits so allgegenwärtig, das wir sie kaum bemerken. Wir akzeptieren es, wenn Siri für uns Termine verwaltet, Facebook unsere Fotos markiert und die Demokratie unterläuft. Computer sind längst in der Lage, mit Aktien zu handeln, zu übersetzen, Krebs zu diagnostizieren. Ihre Reichweite ist schon unkalkulierbar. Algorithmen schreiben Musik, erkennen Sarkasmus, spielen Poker, reißen Witze, erdenken Filmszenarien und können einen IKEA-Stuhl zusammenbauen … Was bleibt für uns? Larry Tesler, der das Copy-and-Paste erfunden hat, hat vorgeschlagen, menschliche Intelligenz sei alles, was 'Maschinen noch nicht können'. 1988 erkannte der Robotik-Spezialist Hans Moravec, dass Aufgaben, die uns schwer erscheinen, für Rechner leichtes Spiel sind und andersrum. Es sei relativ einfach, einem Computer die Leistungsfähigkeit eines Erwachsenen anzutrainieren und schwer, ihm die Beweglichkeit und Auffassungsgabe eines Einjährigen zu vermitteln. Auch wenn Maschinen sehen und gehen können, besteht das Paradox weiter: Roboterhände zu programmieren gehört zum Schwersten überhaupt."

Außerdem: Caleb Crain stellt Robert Kuttners Buch "Can Democracy Survive Global Capitalism?" vor, das den Thesen des ungarischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Karl Polanyi neue Bedeutung verleihen will. Casey N. Cep stellt Zora Neale Hurstons Buch über den transatlantischen Sklavenhandel vor, das fast neun Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung wartete. Peter Schjeldahl besucht die Soutine-Retrospektive im Jewish Museum in New York. Hua Hsu hört das neue Album des HipHoppers Post Malone. Anthony Lane sah im Kino Jason Reitmans "Tully" mit Charlize Theron.

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker widmet sich Nicholas Schmidle der Cybersicherheit und ihren Fährnissen: "Schätzungen zufolge sind 90 Prozent aller US-Firmen Opfer von Hackerangriffen … Regierungsorganisationen wie die Nationale Sicherheitsbehärde N.S.A oder das Department of Homeland Security sorgen für die Sicherheit der Regierungsnetzwerke. Dem privaten Sektor bleibt der Schutz seiner Netzwerke selbst überlassen. Hilfe erhält er zunehmend von der Cybersicherheitsindustrie, die gern ehemalige N.S.A.-Mitarbeiter beschäftigt. Einige dieser Firmen sehen sich als Maurer, die ihren Kunden helfen, dickere Wände zu bauen, andere verstehen sich als Kammerjäger im Kampf gegen Ungeziefer. Viele von ihnen bieten 'aktive Verteidigung' an, ein vorsätzlich unscharf gehaltener Begriff für die Bereitschaft, Eindringlinge zu jagen, während sie sich im Kunden-Netzwerk befinden, oder auch: zurückzuhacken, also in die Rechner der Hacker einzudringen. Man spricht nicht gern offen darüber … Betroffene Unternehmen sind es leid, betroffene Stellungnahmen rauszugeben, um ihre Kunden davon zu unterrichten, dass sensible Personendaten gestohlen wurden. Das ist schlecht für den Aktienkurs und suggeriert Unfähigkeit. James Bourie, ein Unternehmer aus der Cybersicherheit erklärt: 'Sie wollen nicht länger passiv bleiben, aber sie wissen nicht, wie weit sie gehen können, ohne das Gesetz zu brechen' … Sollte das 'hacking back' legal werden, könnte es einzelnen Opfern von Cyberkriminalität zwar helfen, aber das Internet wird dadurch nicht sicherer. Wenn Waffenbesitz überhaupt ein Indikator ist, dann dafür, dass mehr Waffen mehr Gewalt bedeuten, und Cyperwaffen dürften noch viel schwerer in den Griff zu bekommen sein als richtige Waffen. 2012 konnten sich die USA und Russland nicht auf ein Cyberwaffen-Gesetz einigen. Open-Source-Hackercode, mit dem das Eindringen in Firmennetzwerke festgestellt werden kann, zirkuliert längst online, aber dieser Code ist auch für kriminelle Zwecke nutzbar. Nach Angaben eines früheren N.S.A.-Mitarbeiters haben z. B. iranische Hacker bei ihren Angriffen auf US-Banken solchen Code verwendet."

Außerdem: Peter Hessler berichtet aus Kairo, wie es ist, als Familie durch die Revolution zu gehen. Ben Taub begleitet einen Ex-Terroristenjäger auf Streife. Zadie Smith porträtiert die Fotografin Deana Lawson. Jonathan Dee liest Sergio de la Pavas polyphonen Roman "Lost Empress". Anthony Lane sah im Kino Joe und Anthony Russos "Avengers: Infinity War" sowie Claire Denis' "Let the Sunshine In" mit Juliette Binoche. Und in einer Kurzgeschichte von Isaac B. Singer geht es ums Hadern mit einem Gott, der Hitler möglich machte.