9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

März 2019

Grundstimmung statt Argument

30.03.2019. In der FR erklärt der Philosoph Harald Seubert mit Blick auf Greta Thunberg, warum Panik hochrational sein kann.  In der Welt wünscht sie die Autorin Anjana Shrivastava mehr Selbstkritik der Städter, die sich der Landbevölkerung so überlegen fühlen. Die NZZ fragt, wie legitim eine verkirchlichte Politik ist, wenn das Religiöse in der Bevölkerung immer weniger eine Rolle spielt. Die SZ blickt bekümmert auf Großbritannien, das einem ungeregelten Brexit so nah ist wie nie.

Ein so reiches und so junges Land

29.03.2019. Heute ist mal wieder ein entscheidender Tag für den Brexit: Zum dritten Mal lässt Theresa May über ihren Deal abstimmen. Der Guardian gibt ihr nicht viele Chancen. In der FAZ schildern die Politologinnen Deborah Mabbett und Waltraud Schelkle, wie aus Polarisierung Kakophonie wurde. Heute ist auch Freitag, und in Algerien wird demonstriert. The Atlantic bringt ein Gespräch mit Kamel Daoud, in Libération äußern sich Künstler.  Open Democracy bringt eine Recherche über Trump nahestehende evangelikale Organisationen, die rechtsextreme Parteien in Europa mit 50 Millionen Dollar unterstützten.

Die personifizierte Brand Safety

28.03.2019. Nach der EU-Urheberrechtsreform müssen Plattformen und alle möglichen anderen Dienste nun dafür sorgen, dass Inhalte vieler Art nicht verfügbar sind. Wer sie zitieren will, muss erst einen Lizenzierungsantrag etwa bei Mathias Döpfner stellen, der sich in Meedia auf "neue Geschäftsmodelle" freut. Ein großer Sieger dieser Reform wird aber auch Filter-Spezialist Google sein, vermutet Sascha Lobo in Spiegel online.  In der Zeit spricht der ehemalige Odenwald-Schüler Adrian Koerfer über den "monströsesten Serienvergewaltiger der deutschen Nachkriegsgeschichte", den Leiter der Schule, Gerold Becker und über die Rolle der Gräfin Dönhoff bei der Kaschierung der Skandale.

Zufällig zugunsten der Verleger

27.03.2019. Das Spektakel der Lobbyisten aus der Kulturindustrie war derart ergreifend, dass das EU-Parlament umstandslos einknickte, nur um es los zu sein. Ohne jeden Änderungsantrag wurde die EU-Urheberrechtsreform durchgewunken. "Ein Sieg der Demokratie", rufen die Sieger. Und die anderen versuchen zu analysieren, was passiert ist: Warum wird die ePrivacy-Verordnung vertagt, mit der man Google und Facebook viel effizienter regulieren könnte, fragt Markus Beckedahl in Netzpolitik. Aber es gibt noch Hoffnung, weiß Julia Reda.

Nicht die Position der SPD

26.03.2019. Vor der heutigen Abstimmung werden zum letzten Mal Argumente zur EU-Urheberrechtsreform ausgetauscht. Die taz denkt schon weiter: Wie wär's mit einer Kulturflatrate? Der in der SZ interviewte Beck-Verleger Jonathan Beck will Google zumuten, was ihm selbst längst abverlangt wird. Die FAZ weiß, was Nordstream 2 damit zu tun hat. Hpd.de hat ein offizielles Statement der SPD: Man sei an einer Trennung von Staat und Kirche nicht interessiert. Und Wer kleinen Mädchen das Kopftuch verbieten will, stärkt demokratiefeindliche Tendenzen, sagt ein Aufruf.

Rechtswidriger Zwischenhandel

25.03.2019. Vor der Abstimmung im EU-Parlament zur EU-Urheberrechtsreform machen die Zeitungen nochmal mobil - aus Sorge um das "Geistige Eigentum", wenn auch vielleicht nicht um die Urheber.  Die amerikanischen Medien versuchen unterdessen die Nachricht von Donald Trumps "Unschuld" zu verkraften: Aber ein "totaler Freispruch" ist das, was man über Robert Muellers Bericht weiß, auch nicht, insistieren die New York Times und der New Yorker. Wenn Gegner und Befürworter des Brexit heute etwas eint, dann ist es ein Gefühl der Demütigung, schreibt Nick Cohen im Guardian.

Ausgerechnet jene Netz-Giganten

23.03.2019. Heute sind Demonstrationen gegen die EU-Urheberrechtsreform angesagt - es geht vor allem gegen Uploadfilter. Diese Proteste sind von Lobbys gesteuert, findet die SZ und findet sie auch wieder nicht. In der NZZ schreibt die ukrainische Kulturwissenschaftlerin Kateryna Botanova über den komplizierten Begriff der Nation in Osteuropa. Das Internetmagazin The Intercept schließt das Edward-Snowden-Archiv, ohne Snowden zu informieren, berichtet der Freitag. "Viele Menschen trugen als Zeichen der Solidarität ein Kopftuch", freut sich die taz mit Blick auf die Trauerfeiern in Neuseeland.

Taktik der Könige

22.03.2019. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Guardian tröstet sich: "Nicht der Brexit erzeugte die Krise in unserer Politik, sondern die Krise machte den Brexit möglich." In der Welt erklärt Philippe Lançon von Charlie hebdo, warum er die radikale Linke in Frankreich für so fatal hält. Die Debatte um die EU-Urheberrechtsreform geht vielstimmig weiter. In der Berliner Zeitung spricht Boualem Sansal über die Krise in Algerien.

Ausbreitung von Partikularinteressen

21.03.2019. Gewährt den Briten noch eine Verlängerung bis zu einem Jahr, fleht Timothy Garton Ash im Tagesspiegel, denn die EU sei nicht nur eine Union der Regierenden, sondern auch ein "Europa der Bürger". In der Zeit kritisiert Géraldine Schwarz den Linkspopulismus von Eribon und Co. Die Welt druckt die Leipziger Rede Masha Gessens, die schildert, wie Lenin der Sowjetunion den Geist austrieb. Die Zeit stimmt ihre Leser nochmal aus Sicht der Kulturindustrien auf die EU-Urheberrechtsreform ein. Die Wikipedia streikt aus diesem Anlass.

Konfliktherd für die Ewigkeit

20.03.2019. Christen haben einen Arbeitskreis in der SPD, Muslime haben einen, Juden auch, aber Säkulare dürfen keinen gründen, berichtet die FAZ. In der NZZ verteidigt Pascal Bruckner das fragile Regime der Demokratie: "Das Unvollendete ist ein Wesenszug der Demokratie. Ihre Herrschaft ist immer eine kommende." Niall Ferguson erklärt, warum sie von Schneeflocken gefährdet wird. Und im Guardian erklärt Ivan Krastev, warum Orban und KonsortInnen bei der Europawahl nicht obsiegen werden.

Es gibt keine Zuschauer

19.03.2019. Die SZ ist befremdet über Masha Gessen, die in Leizpig mit dem Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet wird und partout nicht mit Putin-Anhängern reden will. France Culture berichtet von der Gründung  der Wissenschaft der "Giletjaunologie" bei einer Debatte zwischen französischen Intellektuellen und Emmanuel Macron. Die FAZ sagt nicht, warum in ihrem Titelkopf nur mehr drei Herausgeber verzeichnet sind. Die Berliner Grünen wollen laut taz die Gneisenaustraße in Kreuzberg 61 abschaffen. Und der Brexit ist ein Kater.

Die eigene Krise

18.03.2019. Das Attentat von Christchurch ist nur die Spitze des Eisbergs: taz und Spiegel online untersuchen das Phänomen des durch das Internet international vernetzten Rechtsextremismus. Ist Antizionismus nur "eine Meinung"? Auch in Frankreich wird über Israelkritik diskutiert. Viktor Jerofejew schreibt in der FAZ einen kritischen Brief an die Deutschen. An den Gilets jaunes wird deutlich, was Rechts- und Linkspopulismus eint, analysiert die NZZ: eine Verklärung des Volks.

Womöglich verheißungsvoll

16.03.2019. Neuseeland steht nach dem Attentat von Christchurch unter Schock. Die SZ sieht in dem 28-jährigen Australier Brenton Tarrant den neuen Typus eines global vernetzten rechtsextremen Terroristen. Bellingcat erklärt, wie Shitposting funktioniert. Die taz recherchiert weiter zum Milizen-Netzwerk Hannibal. Das NiemanLab meldet, dass Facebooks neu justierte Algorithmen noch mehr Aggression, Angst und Erschöpfung in das Netzwerk brachten. Die NZZ fragt, ob Google und Amazon die ungewisse Zukunft abschaffen wollen.

Überhöhung krimineller Akte

15.03.2019. Die katholische Kirche arbeitet ihre Geschichte des sexuellen Missbrauchs ungenügend auf, findet der Tagesspiegel. In der NZZ mahnt der Theologe Jan Heiner Türck, dass ein Vorzeigen geistlicher Zerknirschung nicht ausreicht, um das Thema zu bewältigen. In der SZ fordert Francis Fukuyama eine Besinnung auf den Nationalstaat. In Japan wird die Presse im Sinne einer nationalistischen Ideologie gleichgeschaltet, berichtet die FAZ. Der Fall Relotius stellt die ganze deutsche Reportagekultur in Frage, meint der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner in der Morgenpost. Die Salonkolumnisten wollen keine autoritäre Postwachstums-Gesellschaft gegen den Klimawandel.

Dorf der Globalisierungsenttäuschten

14.03.2019. Der Streit um genderneutrale Sprache geht weiter: Wenn schon "Gendersternchen" dann doch bitte "Geschlechtersternchen", seufzt in der NZZ die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin. Die Debatte wird als Kampf um kulturelle Hegemonie geführt, fürchtet Thomas Steinfeld in der SZLiteraturcafé macht auf Artikel 12 der EU-Urheberrechtsreform aufmerksam, mit dem die Verlegerbeteiligung an Einnahmen der Verwertungsgesellschaften wieder hergestellt wird. Die SZ hofft auf öffentlich-rechtliche soziale Plattformen, die die Debatte zähmen. In der Zeit streiten Bruno Latour und Mark Lilla über Heimat.

Mit Meilenstiefeln unterwegs

13.03.2019. Heute findet in Berlin die Kulturministerkonferenz statt, in der über Restitution von Kolonialkunst verhandelt werden soll. Die Welt begrüßt die Konferenz und ihre gemeinsame Erklärung als Etappe in einem Prozess der Bewusstwerdung. Im Tagesspiegel erklärt Katja Lange-Müller, warum sie die Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug" unterzeichnet hat. Die taz beschreibt die Abschottung des Internets in Russland, während Russland in anderen Ländern wie Frankreich laut politico.eu gern ein möglichst offenes Netz hat, um Fake News zu verbreiten.

Der unwiderstehliche Sog

12.03.2019. Im Iran ist die Menschenrechtskämpferin und Sacharowpreisträgerin Nasrin Sotoudeh laut Amnesty zu 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt worden. In der SZ erklärt Denis Krivosheev von Amnesty International, wie Russland versucht, die chinesische Kunst der Internetzensur noch zu toppen. Annegret Kramp-Karrenbauers europapolitische Antwort auf Emmanuel Macron ist ein Rückfall in alte Positionen, findet Spiegel online. Le Point sieht sie eher als Affront. Der Berliner Zeitung graut vor den moralischen Schnellverfahren gegen Prominente.

Innere Spaltungen

11.03.2019. Betrachtet die deutsche Kulturpolitik den Kolonialismus als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"? Jedenfalls ist diese Formulierung aus einer Erklärung der Kulturminister zum Thema Restitution verschwunden, berichtet die FAZ. Einige der schönsten Skulpturen kommen von Völkern, die mit Sklaven handelten - an wen soll man restituieren, fragt ebenfalls die FAZ. Das Brexit-Referendum "war eine so perfekte Zusammenfassung britischer Makel, dass es fast künstlerisch anmutet", meint auf Zeit online der britische Schriftsteller und Musiker Musa Okwonga. Die NZZ druckt ein Interveiw des 2015 gestorbenen René Girard nach, der seine Theorie des Sündenbocks erklärt.

Ein bestimmter Wir-Bedarf

09.03.2019. In der NZZ entwirft der Historiker Volker Reinhardt eine Archäologie des Populismus. Unermüdlich kämpft die taz für die israelkritische Organisation "Jüdische Stimme für gerechten Frieden", der heute der Göttinger Friedenspreis verliehen werden soll. Auch in Amerika wird über Israelkritik und Israelboykott diskutiert - Anlass sind israelkritische Äußerungen der Kongress-Abgeordneten Ilhan Orhan. Die Wikipedia annonciert einen eintägigen Internetstreik aus Protest gegen die EU-Urheberrechtsreform.

Erfundenes Ministerium

08.03.2019. "Zeit für ein Umdenken", ruft die palästinensische Politologin Reham Owda  in der taz an die Adresse der alten Männer von der Hamas,  die jede Entwicklung im Gazastreifen verhindern. Zeit online beschreibt den Rollback gegen Frauenrechte in Russland.  In der SZ warnt Thea Dorn vor der Kaperung der Öffentlichkeit durch "Kränkungs-Communitys". In Slate meint Yascha Mounk: Nicht der Antisemtismus der Ilhan Omar ist das Problem, sondern wie viele Menschen in Politik und Medien ihr das bereitwillig durchgehen lassen.

Das Stichwort Christinnentum

07.03.2019. Mark Zuckerberg kündigt in einem langen Post an, bei Facebook die Privatsphäre zu respektieren. Äh naja, außer bei Werbung vielleicht, kritisiert Wired. Sascha Lobo attackiert bei Spiegel online das lasche Einknicken der SPD bei der EU-Urheberrechtsreform. Die taz gibt dem Berliner Neutralitätsgesetz nicht mehr viele Chancen. Britannien streitet über die Frage, ob muslimische Grundschüler etwas über Homosexualität erfahren sollten. Monika Maron und andere Autoren wenden sich beim Verein deutsche Sprache gegen genderneutrale Sprache.

Paradiesisch. Und für alle

06.03.2019. Die Reaktionen auf Emmanuel Macrons Brief an die Europäer sind lau: Er sei zu wenig präzise, findet die SZ, nicht liberal genug, meint die Welt. Der Medienforscher Christopher Buschow sieht bei Netzpolitik kaum Förderer eines neuen Journalismus, außer Google und Facebook. Im Standard wünscht sich Marlene Streeruwitz, dass die von der Regierung Kurz propagierte "Verschiedenheit von Mann und Frau" aufgelöst wird. Und in der New York Times findet Tim Wu große amerikanische Mehrheiten.

Undemokratisches Verhalten

05.03.2019. Es scheint gerade so etwas wie einen Dialog der Religionen zur besseren Schikanierung der Bevölkerungen zu geben: Im Guardian schildert die argentinische Autorin Claudia Piñeiro den Fall der Elfjährigen Lucia, die vergewaltigt wurde und nicht abtreiben durfte. Die FAZ erzählt, wie der Islamismus Indonesien von unten erobert. Und in Düsseldorf wurden nun erstmals die satirischen Karnevalswagen gesegnet, berichtet hpd.de.  Aber auch die säkulare Macht kann sehr zäh sein, wie Boualem Sansal im Parisien mit Blick auf Abdelaziz Bouteflika feststellt.

Per Dekret geschlossen

04.03.2019. In Algerien haben Hunderttausende gegen eine neue Kandidatur des Präsidenten Bouteflika protestiert, der jetzt tatsächlich kandidieren will - um dann angeblich abzutreten. Die Historikerin Malika Rahal staunt in Le Monde über die Friedlichkeit und Beherrschtheit der Demonstranten. Die türkische Zivilgesellschaft ist durch die Repressionen der letzten Jahre zutiefst beschädigt worden, konstatiert die NZZKenan Malik schreibt im Observer über den dreißigsten Jahrestag der Fatwa gegen Salman Rushdie  - und über britische Autoren, die heute noch ein Verbot der "Satanischen Verse" fordern.

Zu einem wilden Rauschen befreien

02.03.2019. Libération blickt nach Algerien, wo sich die Jugend gegen die taube und blinde Macht des greisen Bouteflika erhebt. Die CJR sorgt sich um die freie Presse in Venezuela. In der SZ kann sich Evgeny Morozov eine fortschrittliche digitale Zukunft nur noch ohne Tech-Konzerne vorstellen. Die taz fragt, wie viel Lobbyismus hinter dem Digitalpakt steckt, mit dem jetzt auch noch die Daten von SchülerInnen abgegriffen werden. Die NZZ beklagt, dass die Ströme der freien Rede dem Hashtag unterworfen wurden.

Eine Art moralischer Überwältigungsstrategie

01.03.2019. Viel mehr als mit einem Leistungsschutzrecht wäre den Internetnutzern und übrigens auch den Medien mit einer eprivacy-Verordnung gedient - aber auch die Medien wollen nicht auf Tracking-Werbung verzichten, konstatiert Friedhelm Greis bei golem.de. Und übrigens haben sich die europäischen Verbände als die stärkeren Lobbyisten erwiesen, schreibt Thomas Stadler in seinem Blog. Der große Gewinner der Debatte um das Framing-Papier der ARD ist die ARD, staunt der Linguist Henning Lobin in seinem Blog. Emmanuel Macron hat gegen die Gelben Westen gewonnen, sagt Bernard-Henri Lévy im Standard.