9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2015

Ist das jetzt Blasphemie?

31.01.2015. Das Präsidentenamt hat aus dem KGB-Mann Putin keinen Politiker, sondern Putin aus dem Staat einen Geheimdienst gemacht, meint Michail Ryklin in der FAZ. In der taz plädiert Evgeny Morozov für einen kostenlosen und werbefreien Basisdienst im Internet. Die FAZ freut sich über den Mut der Titanic zur größten Mohammed-Karikatur aller Zeiten. Und Zeit digital enthüllt das immer astronomischere Ausmaß der Datensammelwut des BND.

Nur eine mittelfristige Zukunft

30.01.2015. Selbstzensur überall, konstatiert Libération. Selbst beim Kölner Karneval. Die ARD-Sendung Panorama bekennt sich aber dazu. In der SZ erklärt David Grossman, warum er am Friedensprozess festhält. Im Standard zeigt Wolfgang Blau vom Guardian Verständnis für die defensive Internetstrategie vieler Zeitungen. In der FR fordert die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer eine historisch-kritische Lektüre des Korans. In der Zeit erklärt Peter Sunde, ehemals Pirate Bay, warum er nicht mehr an Freiheit im Netz glaubt.

Der Meinungsfreiheit zumindest ebenbürtig

29.01.2015. In der Zeit kritisiert Art Spiegelman die New York Times und andere Zeitungen, die Charlie Hebdo-Zeichnungen zensieren. Überall wird über Blasphemie diskutiert. Neu ist, dass Intellektuelle und Redakteure sich inzwischen offensiv zu Selbstzensur bekennen, meint Thierry Chervel im Perlentaucher. In Le Monde marschiert Alain Badiou mit der roten Fahne gegen alle Faschismen. Wird sich das Humboldt-Forum mit dem Haus der Kulturen vertragen, fragt die Welt. Alphablogger Andrew Sullivan hört auf und erklärt warum.

Porträt einer entfesselten Weltwirtschaft

28.01.2015. Der Regisseur Milo Rau erzählt in der taz von einem Menschenrechtstribunal, das er im Kongo mitorganisiert. Der Trojaner Regin zeigt, laut Spiegel online und Zeit online, dass die Five Eyes mehr wollen als Daten sammeln. Im Perlentaucher antwortet Thierry Chervel auf Andreas Zielcke Frage "Was soll Satire? Was darf sie?" In der FR staunt Arno Widmann über das von Götz Aly zutage geförderte Ausmaß an Datenschutz im Max-Planck-Institut.

Gegen jegliches Archiv

27.01.2015. In der FAZ erklärt Claude Lanzmann, warum er seinen Film "Shoah" so und nicht anders gemacht hat. Die Welt sucht nach Bezügen zwischen dem heutigen Terror und dem Terror der RAF. In der SZ wundert sich Ingo Schulze über Pegida. Bei Internetaktivisten löst die jüngste Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung und Google, das E-Mails von Wikileaks weitergegeben hat, Empörung aus. Die NZZ sucht nach Wandel im Ruhrgebiet. Im Perlentaucher wird über die Charlie-Hebdo-Zeichnungen gestritten.

Den Klang einer Oud im Ohr und nicht einer Gitarre

26.01.2015. Heinrich August Winkler erklärt im Tagesspiegel, warum ihn Pegida an die konservativen Rechten im wilhelminischen Kaiserreich erinnert. Huffpo.fr erklärt, warum sich sowohl die populistische Linke als auch die extreme Rechte in Frankreich über den griechischen Wahlausgang freuen. Kultur verbindet nicht, Kultur trennt, fürchtet die SZ. In der FAZ fordert der Jurist Christian Hillgruber ein starkes Blasphemie-Verbot. Und in der taz meint Soziologe Michal Bodemann: Jyllands Posten gleich Stürmer.

Wie schnell sich eine Debatte drehen kann

24.01.2015. Der Streit um Charlie Hebdo ist wieder voll entbrannt. New York Times-Chef Dean Baquet erklärt im Spiegel, warum die Zeichnungen der Ermordeten seiner Zeitung nicht würdig sind. Die Charlie-Ausgabe nach dem Massaker verkauft sich trotzdem weiter wie verrückt, meldet Libération. Olivier Roy und Boualem Sansal werfen in der taz ganz unterschiedliche Blicke auf den Islamismus. Die FAZ trägt den Standpunkt Gilles Kepels bei. Außerdem: Gertraud Klemm spricht in der taz über das Fortleben von Rollenmustern. Und Adaobi Tricia Nwaubani erklärt in der Welt die Konflikte in Nigeria.

Ein Subjekt, das nicht spricht

23.01.2015. In Libération ruft Roberto Saviano die Politiker der EU zu einem europäischen Hearing über Meinungsfreiheit auf. In der Welt erklärt der Dichter Nikos Dimou das griechische Identitätsproblem. In der Berliner Zeitung macht Jagoda Marinic die deutsche Einbürgerungspolitik für die Pegida-Misere mit verantwortlich. Die Auspeitschung Raif Badawis ist möglicherweise gestoppt, Amnesty will aber noch nicht Entwarnung geben.

Ein Skandal, ein Hype, ein heißer Stoff

22.01.2015. Habemus Aktiengesellschaft. Der Balzac-Roman um Suhrkamp hat ein glückliches Ende gefunden. Ulla Unseld-Berkéwicz erklärt ausführlich in der Zeit, warum sie darüber so froh ist. Die SZ hofft auf Öffnung neuer diskursiver Echoräume. In Zeit online plädiert Simon Urban für eine Trennung von Staat und Religion in Deutschland. Die NZZ kann es nicht fassen, dass amerikanische und britische Zeitungen die Karikaturen von Charlie Hebdo nicht abgedruckt haben. Die Debatten über Pegida gehen weiter.

Was immer schon so und nur so war

21.01.2015. Die taz besucht die Karikaturisten und Charlie Hebdo-Bewunderer Ahmad Makhlouf und Muhammad Anwar in Ägypten. Im Guardian plädiert Historiker Antony Beevor für Putins Präsenz bei den Auschwitz-Gedenkfeiern. In Libération erklärt die jüdische Autorin Coralie Miller, warum sie trotz allem Frankreich als ihre Heimat ansieht. Die Zeitungen sind sich immer noch nicht ganz klar in der Frage, wie ernst Pegida eigentlich zu nehmen ist.

Mit frischem Nikotin im Körper

20.01.2015. Voltaire schweift jetzt eher zwischen Tanger und Tunis umher, und nicht mehr so sehr im Westen, meint Samuel Schirmbeck in der FAZ. Pankaj Mishra will im Guardian den Säkularismus des Westens abschaffen. Die Berliner Zeitung lauscht Michel Houellebecq. Der GCHQ hat Mails von Journalisten abgespeichert. Außerdem soll in Großbritannien der journalistische Quellenschutz abgeschafft werden. Der Guardian wehrt sich. Die FAZ schildert die Liebe der Türken zu Charlie Hebdo.

Vielerlei Unzufriedenheit

19.01.2015. Es wird weiter über Charlie Hebdo gestritten: Wenn wir die Ermordung eines Polizisten verpixeln, ist es dann nicht verständlich, dass die Muslime keinen Mohammed sehen wollen, fragt die Zeit. Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, kritisiert dagegen Medien, die die Karikaturen nicht zeigen. Die taz verabschiedet das Freihandelsabkommen TTIP und begibt sich nach Moldawien. Und der Spiegel offenbart neue Pläne der Fünf Augen.

Die Freigeister zu Hause

17.01.2015. In Libération beschreibt David Grossman die zerstörische Macht des Terrorismus. In der Welt pocht Gila Lustiger auf das Recht, nicht wie jedermann zu sein und trotzdem dazuzugehören. Die FR sieht in den französischen Gefängnissen ein besseres Rekrutierungsgebiet als in Syrien. Der NZZ ist die Macht lokaler Imame nicht geheuer. Außerdem verzeichnet die SZ Katerstimmung in Berlin.

Die Hitze suchender Hass

16.01.2015. Papst Franziskus ist zwar gegen Massaker, aber er lässt nicht mit sich spaßen, wenn über Religion gespottet wird, hat er jetzt klargestellt. In Frankreich darf man das aber, meint die französische Justizministerin Christiane Taubira. Frankreich ist das einzige konservative Land mit revolutionärem Diskurs, meint Pascal Bruckner in der NZZ. Berliner Zeitung und SZ kritisieren die Dresdner Polizei, die über den Tod des Asylbewerbers Khaled I. gern ein bisschen gar nicht ermitteln wollte. Der New Yorker findet Pegida bedrohlich. Nicht nur im Netz, auch in Medien wird ganz schön viel Unsinn geredet, findet wirres.net.

Die Presse ist ganz klar nicht frei

15.01.2015. Frankreich ist heute das einzige Land Europas, in dem Juden umgebracht werden, weil sie Juden sind. Michel Gurfinkiel analysiert in der Jüdischen Allgemeinen die Diskurse des Antisemitismus in Frankreich, und die JA spricht mit französischen Juden, die an Emigration denken. In Frankreich beginnt die Debatte über die Rolle der Schulen: "Nur in der Schule kommen alle Schichten zusammen", sagt Cécile Wajsbrot in der NZZ. Salman Rushdie verteidigt die Zeichner von Charlie Hebdo gegen den Rassismus-Vorwurf. Was nützt Überwachung, wenn überwachte Terroristen sich eine Kalaschnikow besorgen können, fragt Sascha Lobo in Spiegel Online. Endlich gibt es ein paar Informationen zum Massaker in Nigeria.

Das schrille Falsett des Zynismus

14.01.2015. In Paris ist Charlie Hebdo erschienen (hier noch nicht). Wir verlinken auf ein paar Zeichnungen. In Le Monde schildert die Charlie-Kolumnistin Sigolène Vinson die Szenen eines Massakers. Das ägyptische Fatwa-Amt will Mohammed nicht weinen sehen. Cory Doctorow warnt in Boingboing vor weiteren Durchlöcherungen der Privatsphäre durch die Politik. Die BBC findet, dass sich die Juden nicht so beklagen sollen. Die Zeit bringt die Karikaturen weiterhin nicht. Aber selbst hier gibt es ein gallisches Dorf... Auch über Russland und den deutschen Pazifismus wird weiter gestritten.

Je ne suis pas Kouachi

13.01.2015. Die neue Charlie Hebdo erscheint mit Mohammed-Cover und versöhnlicher Botschaft: "Tout est pardonné." Aber nun beginnt der Streit. Wir zitieren mehrere Artikel muslimischer Intellektueller, die sich weder von der westlichen Linken noch der muslimischen Rechten in Schubladen stecken lassen wollen. Auch in Frankreich wird gestritten: Wie islamophob ist Frankreich? Michel Houellebecq hat sich gestern Abend bei Canal Plus zum ersten Mal zum Massaker und zum Tod seines engen Freundes Bernard Maris geäußert. "Oui, je suis Charlie", sagt Houellebecq.

Es sei denn, wir finden den Mut

12.01.2015. "Wir sind ein Volk", titelt Libération nach der ungeheuren Pariser Demo gestern Nachmittag. Aber die französischen Medien stellen jetzt auch Fragen für den "Tag danach". Die Morde im jüdischen Supermarkt werden erst jetzt wirklich thematisiert. Die Geiseln waren keine Geiseln, schreibt Rue89, sondern Ziele. Deutsche Blogger kritisieren den Aufruf deutscher  Zeitungsverleger nach dem Attentat auf Charlie Hebdo als Lobbyismus. Im Guardian fragt Nick Cohen nach dem Ausmaß britischer Selbstzensur.

Zuviele um sie zu zählen

10.01.2015. Libération berichtet über die erste Redaktionskonferenz von Charlie Hebdo nach den Anschlägen: " Jenseits der Inhalte und Deadlines sprach man zunächst über die Toten, die Verletzten, die Hommagen, die Beerdigungen." Die Debatte über Selbstzensur geht überall weiter. Kenan Malik meint: Die Solidaritätsbekundungen für Charlie Hebdo kommen zu spät. Unterdessen beklagt Amnesty International das schlimmste Massaker von Boko Haram in der Gechichte Nigerias mit möglicherweise 2.000 Toten. Die SZ stellt einen Bericht über das Versagen der Medien beim Thema der NSU-Morde vor.

Eine Falle, in die wir nicht gehen dürfen

09.01.2015. Es geht nicht darum, dass sich die Muslime distanzieren, sondern dass sie ihre Solidarität ausdrücken, meint Bernard-Henri Lévy in Le Monde. Die reformistische Muslimin Irshad Manji betont im Spectator, dass der Islam sehr wohl modernisierungsfähig ist und auch Mohammed-Karikaturen aushalten kann. Ihr extremistischer Kollege Anjem Choudary kann ihr in USA Today nicht zustimmen. Französische Medien staunen über ihre amerikanischen und britischen Kollegen, die lieber keine Zeichnungen zeigen möchten. Die Zeit zeigt die umstrittenen Karikaturen aus Charlie Hebdo ebenfalls nicht und erklärt warum. Die SZ erklärt nicht, warum. In Amerika wird über das "Recht auf Blasphemie" gestritten. Und der Guardian spendet 100.000 Pfund.

Nous sommes Charlie

08.01.2015. Man darf sich über Jesus, Buddhas und Moses lustig machen, aber nicht über Mohammed, sonst wird man kaltblütig ermordet, sagt Pascal Bruckner im Figaro und fordert eine klarere Haltung zum radikalen Islam. Aus Respekt vor Religion wird Furcht vor Religion, schreibt Salman Rushdie. Wir müssen gegen sie kämpfen, indem wir sie der Lächerlichkeit preisgeben, schreibt Suzanne Moore im Guardian. Auch die taz erklärt auf ihrer Titelseite: "Je suis Charlie". Die Welt erzählt die nun schon lange Vorgeschichte der Morde seit der Fatwa gegen Rushdie und kritisiert das Duckmäusertum vieler Medien. NACHTRAG: Viele Medien zensieren die Zeichnungen von Charlie Hebdo, hat Buzzfeed herausgefunden.

Redaktionsgeräusche

07.01.2015. Wo sind die Naturwissenschaften in der Londoner Ausstellung über Deutschland, fragt die FR. In seinem Blog erklärt der Free-Software-Pionier Richard Stallman, warum er nie ein Taxi von Uber nehmen würde. Wer sich über Pegida aufregt, aber nicht über den Islamismus, greift zu kurz, meint Alice Schwarzer. Die SZ stellt den Ökonomen Hossein Askari vor, der die Länder nach Realisierung islamischer Gerechtigkeitsvorstellungen sortiert. Saudi Arabien liegt auf Platz 91.

Ein Fahrgast namens Ali

06.01.2015. In der NZZ erklärt der Jurist Yadh Ben Achour, warum die Revolution in Tunesien Erfolg hatte. Es wird weiter über Pegida gestritten: Sind sie gefährliche Rechtsextreme oder eher ein trauriges Häuflein? Der Fotograf Martin Gommel porträtiert in seinem Blog Flüchtlinge in Deutschland. Der indische Autor Rana Dasgupta beschreibt im FR-Interview mit Martin Hesse Delhi als die Stadt der Zukunft. In den Blogs wird über  Erfolgsaussichten von Online-Medien diskutiert.

Reflexive Modernisierung

05.01.2015. Monika Maron fürchtet in der Welt, dass die Pegida ihre Kraft aus den Schwächen ihrer Gegner zieht. In der NZZ ergründet Felix Philipp Ingold Russlands Janusköpfigkeit. Alle Zeitungen trauern um Ulrich Beck: den Musketier, der seine Gegner lachend besiegte. Und Europa hat einen Fürsprecher verloren.

Exklusivität in Echtzeit

03.01.2015. Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin warnt in der taz vor einer humanitären Katastrophe in der Ostukraine. In Frankreich wird diskutiert, ob der Faschismus eine französische Erfindung war, berichtet die NZZ. Kai Diekmann erklärt im Tagesspiegel, weshalb die Bild auf mobilen Geräten gegenüber anderen Zeitungen im Vorteil ist. Und Spiegel Online meldet: Das Internet macht gar nicht dumm, sondern schafft Raum für neuen Stoff im Oberstübchen.

Gigantische Masse fehlender Werke

02.01.2015. Gestern war Public Domain Day. Werke von Autoren, die 1944 gestorben sind, werden gemeinfrei. Nur in den USA nicht, erklärt Jennifer Jenkins von der Duke Law School auf ihrer Website. Die langen Schutzfristen behindern die Rezeption von Kultur, meinen Techdirt und die Politikerin Julia Reda. Die taz berichtet über Verfolgung von Journalisten in Ägypten. Im Standard erinnert Laura Poitras daran, dass Edward Snowden anders als deutsche Kulturkritiker ans Gute im Internet glaubt. Frankreich ist aufgeregt über Thomas Pikettys Ablehnung der Légion d'honneur.