9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober 2021

Die Demokratie schrumpft

16.10.2021. Dass der britische Abgeordnete David Amess bei einer Bürgersprechstunde ermordet wurde, hat eine besonders düstere symbolische Dimension, kommentiert der Guardian nach dem wohl islamistischen Attentat auf den Politiker. In Frankreich hat sich der Diskurs zu Einwanderung verschärft, das zeigt besonders eine Figur wie der mögliche rechtsextreme Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour, notiert die FAZ. Was wird, wenn die AfD, die ebenfalls immer weiter nach rechts rückt, nun auch noch ihren Anteil aus den 700 Millionen Euro jährlich für die Parteistiftungen bekommt, fragt Heribert Prantl in der SZ. Hanno Loewy übt in der taz Kritik an A. Dirk Moses.

Stets unter der Oberfläche

15.10.2021. In der SZ spricht der russische Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow über die Medien in Russland und ihre immer schärfere Drangsalierung durch den Putinismus. In Frankreich bringt die NGO "Reporters sans frontières" selbst eine Dokumentation über den Medienunternehmer Vincent Bolloré, der eine immer dominierendere Stellung im französischen Markt hat. Es kann keinen Rassismus gegen Weiße geben, befand die taz neulich, der Soziologe Sebastian Wessels sieht das in der Berliner Zeitung anders. Wer Facebook für den Hass in der Gesellschaft verantwortlich macht, macht es sich zu einfach, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher.

Ohne ironischen Vorbehalt

14.10.2021. Die FAZ bringt Omer Bartovs furiose Replik auf den "Revisionisten " und Verschwörungstheoretiker A. Dirk Moses. In der Welt warnt Armin Nassehi vor der Idee, man könne den Klimawandel bewältigen, in dem man "durchregiert".  Der New Statesman bringt eine Hommage auf Deutschland. Die SZ dekonstruiert das System hinter dem System Kurz:  Man kann die öffentliche Meinung in Österreich mit Millionen korrumpieren, indem man auf einem völlig verzerrten Medienmarkt sein Image aufhübscht.  In der Zeit bringen zwei Historiker neue Erkenntnisse über den Völkermörder Lothar von Trotha.

Wir verlieren nie

13.10.2021. China will in Hongkong eine Säule abreißen, die an das Tienanmen-Massaker erinnert. Es gibt nur ein Problem, so die SZ, sie gehört dem Künstler Jens Galschiøt, der gegen den Abriss klagen will - und der Abriss wäre so Teil seines Werks. taz  recherchiert zu sexueller Gewalt in religiösen Organisationen. Grüne und FDP sehen sich ähnlicher, als sie es beim Blick in den Spiegel vielleicht verkraften würden, sagen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa im Spiegel. Die NZZ erzählt, wie der Neokolonialist Tayyip Erdogan das Osmanische Reich wieder aufbauen will. Und ist Jürgen Habermas ein Extremist der NoCovid-Strategie, fragt die Welt.

Mit diesem und jenem und auch mit Sklaven

12.10.2021. Die taz bringt einen Schwerpunkt zu Polen: ein Polexit droht nicht, aber da Polen EU-Recht nur noch anerkennen will, wenn es ihm passt, muss die EU Sanktionen ergreifen, meint die Zeitung. Heute ist Weltmädchentag: Die Lage von Mädchen hat sich weltweit in der Coronakrise deutlich verschlechtert, berichtet emma.de. Afrika war vor dem Kolonialismus in großen Teilen auch schon kolonisiert, schreibt Richard Schröder in der NZZ. Necla Kelek und Lale Akgün kritisieren in cicero.de und Facebook, die Entscheidung der Kölner Bürgermeisterin, den Muezzinruf zuzulassen.

Platz für eine Portion Buchweizengrütze

11.10.2021. Tschechien geht nicht den Weg Polens oder Ungarns, freut sich die SZ nach der Wahlniederlage Andrej Babiš'. Und die Polen lassen die Regierung Polens auch nicht in Ruhe, berichtet die SZ nach den großen Pro-EU-Demos in Polen.  Der Dlf erklärt, warum man in Österreich von "Anzeigenkorruption" spricht. Der Standard untersucht das Ausmaß dieser Korruption. Die FAZ liest den Abschlussbericht zur sexuellen Gewalt in der Katholischen Kirche Frankreichs: 330.000 Opfer.

Stoisch und hart im Nehmen

09.10.2021. Die Medien nehmen den Friedensnobelpreis für die beiden Journalisten Maria Ressa und Dmitrij Muratow mit Genugtuung auf: Nicht nur in Russland und den Philippinen tobe zwischen autoritärem Staat und Zivilgesellschaft die offene Feldschlacht, meint etwa ZeitOnline. Der Standard beschreibt, wie sich Österreichs Politik an der eigenen Hintertriebenheit berauscht. Die taz spricht mit dem nicaraguanischen Schriftsteller Sergio Ramírez, der vom verkümmerten Sandinisten-Regime Daniel Ortegas ins Exil getrieben wurde. Im Guardian prophezeit Jonathan Freedland Facebook ein Ende wie der Tabakindustrie, auch wenn Mark Zuckerberg noch immer behaupte, Rauchen sei gut für uns.

Nahezu ideales Geschäftsklima

08.10.2021. Polen stellt seine gleichgeschaltete Justiz über europäisches Recht. Zeit für Sanktionen der EU gegen Polen, meint die Zeit. Die Niederlande sind zwar noch kein Narco-Staat, aber ein ideales Glacis für die Drogenmafia, fürchtet die FAZ. Jetzt wo sie abtritt, wird mit Angela Merkel abgerechnet werden, meint Monika Maron bei cicero.de. In Itzehoe steht derzeit derzeit die 96-jährige Irmgard F. vor Gericht. Und das hat sehr wohl seine Richtigkeit, findet die SZ.

Bring mir drei Bucheckern

07.10.2021. Thomas Friedman sagt in der New York Times einen sehr kalten Winter voraus: Schuld ist auch Angela Merkel. Mithu Sanyal formuliert in der Zeit die Lösung aller Menschheitsprobleme: Kinder in Waldkindergärten und Abschaffung der Bundeswehr. In der SZ erläutert der Psychologe Gerd Gigerenzer das sogenannte "Privatsphären-Paradox". SZ und Welt erklären nach dem antisemitischen Vorfall in Leipzig auch nochmal: Die israelische Flagge ist nicht das Symbol des Judentums. In der Welt spricht Timothy Snyder über das Massaker von Babyn Jar, das eine neue Dimension des Mordens eröffnete. Der Falter erzählt, wie sich österreichische Zeitungen schmieren lassen.

Beim Bodenpersonal Gottes kaum heitere Mienen

06.10.2021. Für viele Hunderte Millionen Nutzer in Ländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika ist Facebook buchstäblich das Internet, schreibt die SZ und spricht von "digitalem Kolonialismus". Aber eben oft auch das einzige Kommunikationsmittel, ergänzt netzpolitik. hpd und taz berichten erschüttert vom sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche - und in allen anderen Religionsgemeinschaften. Die SZ blickt nach dem Wahldesaster in Berlin auf den Zustand der Verwaltung und rät: Termine am besten um 2 Uhr morgens machen. Und in der Welt freut sich Julian Nida-Rümelin auf acht Jahre Olaf Scholz.

Wir haben Netzwerkprobleme

05.10.2021. Viel Nachdenken über Grüne und FDP in taz und FAZ. Einer der Hauptunterschiede zwischen den beiden Wählermilieus ist, dass die Grünen heute zu einer "Partei des öffentlichen Dienstes" geworden sind, so die taz. Und die FDP zu einer Partei der jungen Männer, wie die FAZ zwar nicht feststellt. Dafür aber: Sie sind nicht viele und sie studieren gern Betriebswirtschaft. Die SZ staunt nach den jüngsten Enthüllungen, wie genau Facebook seine Probleme analysiert (und wie wenig es dagegen tut). Die bitterste Erkenntnis aus den "Pandora-Papieren" ist, "In welchem Umfang Politiker auf der ganzen Welt durch die eigene Steuerflucht korrumpiert sind", konstatiert die SZ.

Die große Dynamik der Weltgeschichte

04.10.2021. Warum geht Max Czollek nicht einfach zum Rabbi und wird Jude?, wundert sich die Rabbinerin Elisa Klapheck in der Welt. Die taz berichtet von den perfiden Tricks, mit denen in Texas im Rahmen des neuen Herzschlaggesetzes gegen Abtreibung vorgegangen wird: Jeder ist zum Denunzieren aufgerufen. Im FAS-Interview blickt Stephan Malinowski in das "rechte Netzwerk" der Hohenzollern. Ebenfalls in der FAS will Ronya Othmann nichts mehr vom "unterdrückten" Nahen Osten hören. Auf ZeitOnline macht sich Can Dündar nach der Bundestagswahl leise Hoffnung auf eine Post-Erdogan-Ära. "Afghanistan - war da was?", fragt die SZ die deutsche Politik.

Ich bin erstens keine Jungfrau

02.10.2021. Bei Dlf Kultur erklärt der Historiker Stephan Malinowski, wie die Hohenzollern als Clan agierten, und wie sie alle auf die Nazis hofften, und warum der Kronprinz Gründe hatte, Mussolini zu lieben. Die Idee der Kunstfreiheit wurde gegen den Staat entwickelt - heute wird sie aus der Gesellschaft attackiert, sagt Peter Raue in der SZ. Bei Zeit online entwickelt Andreas Rödder gar nicht so konservative Ideen für einen neuen Konservatismus. Die FAZ zeigt, wie die russischen Behörden über das Ausmaß der Corona-Pandemie lügen. Bei hpd.de erklärt Natalie Grams-Nobmann den Coronagegnern, dass sie ein Recht auf Unvernunft haben - aber nur die eigene.

Einmal im Monat eine CSV-Datei

01.10.2021. Can Dündar porträtiert in einer neuen SZ-Serie nach Deutschland geflüchtete Türken der jüngeren Generation, heute den Journalisten Erk Acarer. Welt und SZ gucken entgeistert die Videos der coronaskeptischen Aktion #allesaufdenTisch. Wenig Effekt hat der "Google News Showcase" auf die digitale Reichweite der Zeitungen, konstatiert Netzpolitik - aber das Geld fließt weiter. Den Brexiteers fällt der Brexit gerade auf die Füße, konstatiert Ian Dunt in der Washington Post angesichts der anhalten britischen Benzinkrise. Unterdessen wartet der Berliner Bezirk Charlottenburg/Wilmersdorf, wo die Stimmen geschätzt wurden, auf die Wahlbeobachter*innen der OSZE, fürchten taz, RBB und andere Medien.