9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

August 2019

Stehn drei Nazis auf dem Hügel

31.08.2019. Vor den morgigen Wahlen besingt ZeitOnline das coole, progressive Brandenburg. In der Welt beklagt Marcel Beyer, dass Dresdens Stadtgesellschaft keine Ideen für die Zukunft hat, seit die Frauenkirche steht. In der FAZ glaubt Ivan Krastev, dass der Westen Putins Russland fürchtet, weil er ihm ähnlicher wird. Und in der taz fragt Ai Weiwei, welche Party Volkswagen eigentlich in Xinjiang feiert.

Smart und geschmeidig

30.08.2019. Im Guardian erklärt die Brexit-Gegnerin Gina Miller, warum sie gegen Boris Johnsons verlängerte Parlamentspause klagen wird: "Nur die Gesetze trennen uns von der Tyrannei." In der Welt spricht Liao Yiwu über die Proteste in Hongkong und die chinesische Hightech-Diktatur. Die erweist sich auch in der Kontrolle der chinesischen Journalisten durch die Handy-App 'Studiere Xi, starke Nation', legt das chinamediaproject.org dar. In Spiegel online und der SZ wird das Kopftuch für Schülerinnen verteidigt.

Die Uhren wieder auf Null

29.08.2019. "Ein Affront gegen die Demokratie", titeln Financial Times und Guardian gleichlautend: Mit einem Verfahrenstrick hebele Boris Johnson die britische Demokratie aus. Werden die Proteste in Hongkong durch Kappung des Internetzugangs begraben, fragt Techcrunch - aber auch für die Pekinger Zentrale stünde hier enorm viel auf dem Spiel. Vor achtzig Jahren überfiel Hitler zusammen mit seinem Kumpel Stalin Polen. In Deutschland kräht kein Hahn danach, konstatiert die taz.

Offline mal wieder eine Avocado

28.08.2019. Bernard-Henri Lévy malt sich in La Règle du Jeu die Zerstörung der Hongkonger Demokratie-Bewegung durch China aus. In Zeit online erklärt der amerikanische Philosoph Mark R. Reiff, warum die Sozialdemokratie tendenziell ein Liberalismus ist. In der FAZ fordert der Historiker Felix Ackermann ein Dokumentationszentrum zur Zerstörung Polens und Osteuropas durch die Nazis - und zwar im Berliner Stadtschloss. epd Medien findet unter den AfD-Politikern eine erstaunlich große Menge an Journalisten.

Moralische Impulse

27.08.2019. Dass mit Mounir Baatour erstmals ein Homosexueller bei den tunesischen Präsidentschaftswahlen kandidiert, ist eine Sensation, schreibt Michaëlle Gagnet bei huffpo.fr - und schildert die drastische Unterdrückung der Schwulen in der einzigen arabischen Demokratie. In Zeit online plädiert der Philosoph Philipp Hübl für Nachdenken. taz und France Culture staunen über die religiöse Aufladung der Klimaproteste.

Zählend, statistisch, in Mittelwerten

26.08.2019. Die Digitalisierung wäre nicht entstanden, wenn die Gesellschaft sie nicht gewollt hätte, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in der Welt. Die FAZ beschreibt, wie sich die Stimmung gegenüber religiösen Minderheiten in Indonesien immer mehr verfinstert. Die FAZ analysiert auch die Widersprüche des Sytems "Ein Land - zwei Systeme", das zu den tragischen Protesten in Hongkong führt.

Die kleineren Blasen angreifen

24.08.2019. Im Guardian erklärt uns der Physiker Neil Johnson am Beispiel von Molekülen, wie man den Rechtsextremismus im Netz bekämpfen kann. Die Berliner Zeitung wundert sich angesichts des Phlegmas der Berliner Kulturpolitik nicht, dass Museumsdirektor Udo Kittelmann die Nationalgalerie verlässt. Taz und NZZ erinnern daran, dass China die vertraglichen Garantien für Hongkong nicht einhält. Der Tagesspiegel möchte gern wissen, warum Siemens ausgerechnet in Xinjiang investiert. Und die FAZ schlägt dem Hessischen Rundfunk vor (more or less), die Demokratieabgabe künftig nur noch von der Gruppe "35 und jünger" zu erheben.

Verabredung zur Vernichtung

23.08.2019. Vor genau achtzig Jahren schlossen Stalin und Hitler ihren Pakt: Bis heute wird er gern verdrängt und löst ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin Claudia Weber in der NZZ. Und bis heute arbeiten Deutsche und Russen gern über die Köpfe der Osteuropäer hinweg zusammen, notiert Richard Herzinger in der Welt. In der SZ bemerkt Karl-Markus Gauß, dass die Osteuropäer auch jenseits davon manche Gründe haben, auf den Westen sauer zu sein. Und um Grönland gibt's Gerangel, sagt der Südtiroler Extremabenteurer Robert Peroni. Vielleicht wird es nicht an Trump verkauft, aber die Chinesen sind schon da.

Monstrositätenhagel

22.08.2019. Die Medien sind sich uneins: Serviert Trump seine Absurditäten mit Kalkül, oder wird er schlicht verrückt? In der SZ erinnert der Ökonom Carl Benedikt Frey an das Schicksal der Laternenanzünder. Für die Zeit ist Dominic Cummings der Casaleggio der Brexiteers. Die Zeit erinnert auch an die ersten Sklaven in Nordamerika vor 400 Jahren.

Die Distanzen zwischen den Individuen

21.08.2019. Die NZZ erinnert an den Philosophen Hellmuth Plessner, dessen Plädoyer für Gesellschaft und gegen "Gemeinschaft" von großer Aktualität sei. In der FAZ sucht Jan-Werner Müller nach Autoren, die den Trumpismus intellektuell fundieren. NBC News hat das Medium gefunden, das die meisten pro-Trump-Anzeigen in sozialen Medien schaltet: Es handelt sich um die Epoch Times, Sprachrohr der Falun-Gong-Sekte. Und Rezo zerstört wieder, diesmal die Bild.

Diese Art von Macht

20.08.2019. Identitätspolitik hilft nicht, nur Ideenpolitik, ruft der Zukunftsforscher Daniel Dettling in der taz auch mit Blick auf die Wahlen in den neuen Ländern. Gegen den Soziologen Armin Nassehi verteidigt der Klimaschutzaktivist Niko Paech in der SZ die Idee einer Ökodiktatur. Twitter gibt bekannt, Hunderte von Konten aus Festlandchina zu sperren und will künftig keine Werbung von Staatsmedien mehr akzeptieren. In der NZZ klagt Niall Ferguson, dass Youtube und Facebook zu Zensurinstanzen werden.

Ein Fundament, das nicht fundiert

19.08.2019. Die SZ beschreibt, wie das gleichgeschaltete Festlandchina auf die Demonstranten in Hongkong reagiert.Die FAZ bringt einen passenden posthumen Text Agnes Hellers: Die Menschen sind frei, leider auch "frei, sich Diktatoren, Tyrannen, Oligarchen und totalitären Regimen zu unterwerfen". Anne Applebaum sieht die Hongkonger und Moskauer Demonstranten in der Washington Post als Vorhut des auch bei uns Kommenden. hpd.de kann den grotesken Protest gegen das Burka-Verbot in den Niederlanden nicht fassen.

Und dann sagen alle: Neid!

17.08.2019. Die taz blickt auf das Mittelmeer, die Wiege der europäischen Zivilisation - und schämt sich. Die Welt nimmt Italien vor deutschen Museumsdirektoren in Schutz. Im Intelligencer erkennt Andrew Sullivan den Unterschied zwischen einem Konservativen und einem Reaktionär. Und im Perlentaucher rät Richard Herzinger dem amerikanischen Botschafter, Lenin zu lesen.

Klar, durchlichtet, völlig monochrom

16.08.2019. "Dass eine Regierung in diesem Zeitalter der Information eine ganze Population für Tage vom Rest der Welt abschneiden kann, sagt eine Menge über die Zeiten, auf die wir zugehen", schreibt Arundhati Roy in der New York Times über die brutale Kaschmir-Politik Indiens. Tabletmag ist entsetzt, dass die israelische Regierug auf Druck Trumps eine Einreisegenehmigung für die Israel-Gegnerinnen Ilhan Omar und Rachida Tlaib zurückzog. Hubertus Knabe sieht in der NZZ die AfD als die Bürgerrechtspartei in einem Unterdrückungsstaat. In der SZ stellt Norbert Frei nochmal klar: Die Hohenzollern liebten die Nazis.

Wie schon 1989

15.08.2019. In der Welt schildert Szczepan Twardoch die Verachtung der polnischen Inteligencja für das Volk. In der FAZ zeigt Marco Ebert, wie sich Judith Butler im Namen des Antirassismus von der Aufklärung verabschiedet. Die taz schildert den höchst emotionalen Streit zwischen Südkoreanern und Japanern um die Geschichte. Mehrere Medien fürchte eine chinesische Intervention in Hongkong. Und die New York Times erinnert mit dem "1619 Project" an die Geschichte der Sklaverei.

Ernährt, versorgt und unterhalten

14.08.2019. In der NZZ geißelt Ma Jian die von der chinesischen Regierung betriebene Infantilisierung der Bürger. Netzpolitik beschreibt die Zeichen und Losungen der Hongkonger Demonstranten: "Sei Wasser." Die SZ erzählt, wie die japanische Regierung ihr Bild des Landes im Ausland kontrollieren will.  Facebook muss zugeben, dass der Konzern Audio-Nachrichten seiner Nutzer transkribiert hat, berichtet Bloomberg. Und das ist besonders peinlich für Mark Zuckerberg. Und die FAZ fragt: Wann werden Knabenchöre für Mädchen geöffnet?

Eine Art kultureller Entfremdung

13.08.2019. Matteo Salvini hat auch deshalb so viel Erfolg, weil die Italiener denken wie er, meint der Journalist Fabio Ghello in der taz. Im Tagesspiegel kritisiert Seyran Ates, dass Berlin das Tempelhofer Feld für eine Veranstaltung von Identitären freigeben. Nein, Trump ist kein Imperator, versichert der Historiker Niall Ferguson in der NZZ. In Brasilien war Youtube ein Hauptfaktor für den Erfolg Jair Bolsonaros, sagt die New York Times. Und in der Türkei versucht Tayyip Erdogan das Internet abzuschaffen, sagt Bülent Mümay in der FAZ.

Das panoptische Sahnehäubchen

12.08.2019. Im Tagesspiegel erklärt Bernhard Pörksen, warum er "diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker" über Filterblasen und Internet nicht mehr ertragen kann. In der FAZ versucht Ines Geipel, jene DDR-Generation zu verstehen, die heute besonders häufig AfD wählt. Der Observer erklärt, warum die britische Demokratie mehr als andere von der Ehrenhaftigkeit von Personen abhängt. Und Netzpolitik ruft: Schmeißt die Assistenzwanzen aus dem Fenster!

Nicht die geringste Spur des Vertrauens

10.08.2019. Mit seinem coup de force versucht Matteo Salvini die Macht in Italien an sich reißen. Die SZ fürchtet, dass ein gekränktes Italien sie ihm nur zu gern überlassen wird. Ein Rätsel bleibt dem  Tagesspiegel dennoch das Faible der Italiener für Schurken und Ohrfeigengesichter. Der Guardian kann auch nicht mehr sagen, ob Boris Johnson blufft oder die Demokratie aushebeln will. In der NZZ setzt Hans Ulrich Gumbrecht mit dem jungen Voltaire gegen Menschheitsbeglückung auf individuelle Skepsis. Statt nur mit der weißen Mittelschicht hätte die taz in Woodstock auch gern mit Schwarzen, Armen und Unterprivilegierten getanzt.

Vor der ungeliebten Haustür

09.08.2019. Matteo Salvini will in Italien durch Neuwahlen mehr Macht bekommen. Er steht in einer Linie mit Silvio Berlusconi, sagt Historiker Lutz Klinkhammer in der SZ. Vor allem aber pflegt seine Lega Nord intensive Beziehungen zu Putins Russland, belegt Bellingcat mit neuen Informationen. Ohne Opposition keine Revolution, sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz im Streit über die Auslöser des Mauerfalls. Und Mexiko verlangt von Spanien eine Entschuldigung für die Kolonisierung, berichtet Michi Strausfeld in der NZZ.

Pfeiftöne über Dialogen

08.08.2019. Im Tagesspiegel erklärt der Historiker Jens Späth, warum Demokraten immer Antifaschisten sind, Antifaschisten aber nicht immer Demokraten. Ausgerechnet die SZ fürchtet ausgerechnet bei Springer nach dem KKR-Deal um die Pressefreiheit. Politico.eu porträtiert Boris Johnsons gefürchteten Berater Dominic Cummings. In der FAZ schildert Viktor Jerofejew den Moskauer Bürgerkrieg. Die taz erzählt mit Georges Bensoussan die Geschichte der arabischen Juden.

Dieses Schweigen dröhnt besonders laut

07.08.2019. In der SZ erklärt Max Hollein, warum er es richtig findet, "dass Kulturgüter nicht nur geteilt werden, sondern dass sie auch an ganz anderen Orten ihre Wirkung entfalten". In der FAZ bringt der ehemalige Bürgerrechtlicher Werner Schulz eine donnernde Replik auf Detlef Pollack in der Debatte über die Bürgerrechtler und den Mauerfall: Revolutionen ereignen sich, "wenn einige Mutige voranschreiten". Welt, Zeit online und Indiskretion Ehrensache diskutieren über die Forderung, Kinder, die nicht deutsch können, getrennt einzuschulen.

Aus der Position der Vogelfreiheit

06.08.2019. Die amerikanischen Medien verarbeiten noch den Schock von El Paso und Dayton. Im Atlantic erklärt John Temple, der einst über das Massaker von Columbine berichtete, warum er keine Berichte über solche Mordanschläge mehr liest. In der New York Times zeigt der Terrorismusexperte Ali H. Soufan Verbindungslinien zwischen Dschihadisten und "White Supremacy"-Terroristen auf. Im Tagesspiegel fragt Julius H. Schoeps, wofür Identitätsfälschungen wie bei der Bloggerin Marie Sophie Hingst ein Symptom sind.

Bewusste Wahl

05.08.2019. Das Attentat von El Paso war das dritte "8chan"-Attentat in diesem Jahr. Bellingcat zeigt, wie diese rechtsextreme Plattform, auf der sich auch der Attentäter von Christchurch tummelte, den Täter von El Paso inspirierte. Die taz hat das Manifest des Täters gelesen, der sich auf die rassistische Idee des "Bevölkerungsaustauschs" bezieht, die auch in rechtspopulistischen Parteien populär ist. Die New York Times porträtiert Frederick Brennan, den Gründer von 8chan. Politico.eu erzählt, wie Jaroslaw Kaczynskis PiS-Partei Stimmung gegen Schwule macht und wie diese sich wehren.

Ausgerechnet wir Männer

03.08.2019. In der Irish Times macht Fintan O'Toole einen genialen Vorschlag: Es gibt eine Partei, die Boris Johnsons No-Deal-Kurs ein für alle Mal stoppen könnte, Sinn Fein. Im Tagesspiegel verteidigt Jan-Werner Müller die linke Idee von Identitätspolitik. Die taz bringt ein Gespräch mit dem Berliner Psychologen und Sozialarbeiter Kazim Erdogan über die Probleme von Männern türkischer Herkunft. Der Guardian macht eine Beobachtung im Kandidatenfeld für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen: Es ist vielfältiger denn je - aber kein einziger von ihnen ist nicht religiös.

Qua eigener Herkunft

02.08.2019. Der Tagesspiegel erklärt, was es mit dem "satisfaction paradox" bei AfD-Wählern auf sich hat: Es geht ihnen gut, und sie hassen trotzdem. Oskar Negt bleibt aber in der FR dabei: Der Kapitalismus war's gewesen. In der SZ fröstelt es Armin Nassehi angesichts der "sozialen Kälte" der Klimadebatte. Die NZZ analysiert das Problem der Gerontokratie in vielen afrikanischen Ländern. Der Guardian schildert die Angst der Iren vorm No Deal.

Als der Ottomotor erfunden wurde

01.08.2019. In der NYRB erzählt der iranische Dissident Kian Tajbakhsh, wie er von der Illusion geheilt wurde, die Islamische Republik lasse sich reformieren. Masih Alinejad berichtet auf Twitter, dass Frauen im Iran zu Gefängnis verurteilt wurden, weil sie sich auf Twitter ohne Kopftuch zeigten. In der Zeit verteidigt Andrea Böhm das Kopftuch gegen Alice Schwarzer. Und die Soziologin Sabine Hark verteidigt die Identitätstpolitik: Wichtig ist, wer spricht. Im übrigen herrscht in der Zeit die Apokalypse. Die taz erzählt, warum es vom Warschauer Aufstand keine Fotos gibt.