9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2014

Eine große Insel der Glückseligkeit

31.05.2014. Tagesspiegel und taz sind sich uneins: ist Deutschland ein standhaftes gallisches Dorf im rechtspopulistischen Europa oder die Ursache des kontinentalen Rechtsrucks? Der BND will sich nicht von der Geheimdienstkonkurrenz abhängen lassen und investiert 300 Millionen in die Live-Überwachung sozialer Netzwerke, berichtet die SZ. Die FAZ geißelt die stümperhafte Desinformation durch ARD-Geschichtsdokus, Jeff Jarvis jene durch das Google-Urteil des EuGH.

Im Zweifel löschen

30.05.2014. Bundesstaatsanwalt und Bundesregierung wollen lieber nicht gegen NSA und BND vorgehen. Constanze Kurz in der FAZ und die Anwälte Niko Härting und Udo Vetter in ihren Blogs schildern das Ausmaß der Katastrophe. Katastrophe für die Demokratie auch in Frankreich -  Schuld daran ist unter anderem die Promiskuität zwischen Politik und Medien, von der die Rechtsextremen profitieren, meint Michel Wieviorka in Libération. Bei Google kann man sich jetzt austragen: Der Konzern wählt den Weg des geringsten Widerstandes, fürchtet Lawblogger Thomas Stadler.

Privilegierte Straftäter

28.05.2014. In welchem Ausmaß hintergeht der Staat seinen Souverän? Viele Medien befassen sich heute mit den Aktivitäten des BND: Der Laden ist höchst untransparent, merken Netzpolitik und SZ an. Thomas Stadler stellt in seinem Lawblog konkrete Fragen an die Bundesregierung. Zugleich stellt die Bundesanwaltschaft Ermittlungen zur NSA-Affäre ein - zur Empörung Heribert Prantls. Der Grünen-Politiker Malte Spitz prangert bei zeit.de die Überwachungslust des Staats an. Und in der Zeit lernen wir, was Pralinen mit Demokratie zu tun haben.

Fahrlässig unbefugt gewählt

27.05.2014. Entsetzen nach den Triumphen des Front national und der Ukip. In Frankreich fordert Bernard-Henri Lévy gar eine Regierung der nationalen Einheit. Kenan Malik und viele andere sehen die Voten für FN und Ukip vor allem als Quittung für ein Versagen der Linken und des Sozialstaats. Giovanni di Lorenzo wird für seine Doppelvotum vermutlich nicht bestraft werden, meint der Jurist Henning Ernst Müller im Beck-Blog - der Chefredakteur der Zeit hatte halt keine Ahnung. Kaum ist die Europawahl vorbei, fordert Mathias Döpfner laut Welt Aktionen gegen Google.

Was ist eigentlich Ihr Albtraum?

26.05.2014. Ein Schatten legt sich über Europa: Rechtspopulistische Parteien haben gerade in einigen der wichtigsten EU-Länder triumphiert - sie profitieren von den Schwächen der etablierten Parteien, meint Rue89. Der russische Obskurantismus und der Rechtsextremismus im Westen Europas passen gut zusammen, meint Viktor Jerofejew  in der FAZ. In der taz erzählt Werner Neske, Leiter eines Berliner Männerheims, vom Niedergang der Sozialarbeit. Futurezone.at schildert den Goldrausch im Silicon Valley. Und hat sich Giovanni Di Lorenzo bei der Europawahl strafbar gemacht?

Der anonymen Quelle

24.05.2014. Netzpolitik attackiert Innenminister Thomas de Maizière, der die NSA-Affäre um der guten Beziehungen der deutschen und amerikanischen Regierungen willen kleinredet. Große Internetfirmen wenden sich gegen Redeverbote von US-Behörden, meldet Engadget. Die Welt  druckt eine Rede Geert Maks, der auf die persönliche Dimension des Jahrhunderts der Katastrophen seit 1914 pocht. Die FAZ staunt über die künstlerischen Pläne Jacob Appelbaums, der die Statue des Henri-Nannen-Preiese wegen der Nazi-Vergangenheit Nannens umschmelzen lassen will.

Aufmüpfiges Lesen gegen den Strich

23.05.2014. In der taz erklärt Juri Andruchowytsch, wie die Maidan-Bewegung die Bürger der Ukrainer veränderte. Im Kongress wurde ein Gesetz, das die Befugnisse der NSA einschränken sollte, kastriert, melden Blogs in den USA. Die FAZ begibt sich unter Deutsche, die in Alanya leben. In der Welt fordert Pirat Christopher Lauer 500 Millionen Euro von Mathias Döpfner. Und das Metropolitan Museum stellt 400.000 Bilder von seinen Objekten für den allgemeinen Gebrauch online, meldet Engadget.

Das Fiasko der Beleuchtung

22.05.2014. Das Holocaust-Mahnmal ist marode, berichtet die SZ. Die Stelen, die innen hohl sind, zeigen grässliche Risse. Peter Eisenman ist nicht zu erreichen. Es wird viel über die Krautreporter diskutiert: Stefan Niggemeier verteidigt die Idee des kostenlosen Zugangs. Carta und Freitag haben marxistische Einwände. taz und Monika Grütters fechten gegen das Freihandelsabkommen mit den USA. In der FAZ ist heute Betriebsversammlung: Roland Berger droht. Im Guardian berichtet Neil Gaiman über syrische Flüchtlinge in Jordanien.

Allein das Wissen, dass man überwacht wird

21.05.2014. Bezwecken FAZ und Springer mit ihrer Kampagne gegen Google, dass Google per Gesetz gezwungen wird, Presse zu bevorzugen?, fragt Marcel Weiß in Neunetz. Die Überwachung und Konditionierung schleicht sich durch das Auto in unsere Gesellschaft, fürchtet die FAZ. Warum mokiert sich der Guardian über den Körper einer Opernsängerin?, fragt die Welt. Im Tagesspiegel hofft Andrej Kurkow, dass nicht Julia Timoschenko die ukrainischen Wahlen gewinnt. Und einige Iranerinnen sind festgenommen worden, weil sie ohne Kopftuch nach "Happy" tanzten. Wir binden das Video ein.

Vergiss Versöhnung

20.05.2014. Die Welt lernte bei der Timetotalk-Konferenz in Kiew auch einiges über Kontinuitäten im deutschen Geschichtsbild. In der FAZ freut sich Evgeny Morozov, dass man jetzt die Zeitungsarchive bemühen muss, um zu wissen, was man nicht wissen soll. Journalistenverbände wollen dagegen aber schon klagen. Isolde Charim staunt in der taz darüber, dass ausgerechnet ein Bart zum Symbol für Zweideutigkeit werden konnte. Und ausgerechnet die Bahamas? In der NZZ knöpft sich der Historiker Caspar Hirsch die Wissenschaftsverlage vor, die auf Kosten der Allgemeinheit Geld verdienen.

Öffentlicher Diskurs findet immer weniger statt

19.05.2014. Die Bild-Zeitung schlottert mit Mathias Döpfner: Muss ich vor Google Angst haben? Der SPD-Politiker Martin Schulz anwortet im Tagesspiegel: Stimmt richtig und wartet auf mich. In der FAZ fordert der Ökonomieprofessor Max Otte Erosionsschutz für die alten Medien. SZ und Eurozine berichten vom Treffen europäische Intellektueller in Kiew. In der NZZ kritisiert Rafik Schami die Syrienberichte in deutschen Medien.

Wichtig für gesellschaftliche Klärungen

17.05.2014. Timothy Snyder erläutert in der FAZ die merkwürdige Dynamik des Faschismusvorwurfs gegen die Ukraine. Die New York Review of Books informiert über die Todesfälle verhafteter Menschenrechtsaktivisten in China. Meedia beobachtet bang den Schulterschluss von SPD und FAZ. Die OSZE macht sich nach dem Google-Urteil des EuGH Sorgen um die Universalität des Internets. Und der New Yorker sieht mit der Netzneutralität den Amerikanischen Traum begraben.

Das Ende der Epoche des Schweigens

16.05.2014. Die Ukraine ist laut Adam Michnik in der Welt sehr wohl eine Nation. Die NZZ erklärt, was das ukrainische Nationalgefühl mit Tschernobyl zu tun hat. Emma freut sich über iranische Frauen, die auf Facebook das Kopftuch ablegen. Die Krautreporter sind auch deshalb zu unterstützen, weil die Öffentlich-Rechtlichen im Netz versagen, meint Neunetz. In der FAZ macht Sigmar Gabriel einen Diener. Das EuGH-Urteil gegen Suchmaschinen sorgt weiter für Debatten.

Die positive Sogwirkung

15.05.2014. Es wird weiter über das Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs diskutiert: Ist das Internet an die Stelle der Zeitungsöffentlichkeit getreten? Und wo beginnt das Recht auf Vergessen? Die New York Times hat einige der Schulmädchen getroffen, die Boko Haram entfliehen konnten. In der Zeit bringt Juli Zeh einen zweiten öffentlichen Brief an die Kanzlerin: "Mir will einfach nicht in den Kopf, warum Sie nicht reagieren." Und nebenbei: Die Kommunikation sämtlicher Bundestagsabgeordneter wird routinemäßig überwacht.

Wild winkend, hüpfend, johlend

14.05.2014. Google darf laut Europäischem Gerichtshof nicht mehr auf einen Zeitungsartikel verweisen, der selbst unbeanstandet bleibt. Die Zeitungen jubeln. Lawblogger Thomas Stadler ist entsetzt. Eine PBS-Dokumentation erzählt, wie die New York Times Informationen über Überwachung freiwillig unterdrückte. In der SZ kritisiert Terry Eagleton den Kapitalismus. Im Spiegel meint Asfa-Wossen Asserate zum Fall der entführten Mädchen in Nigeria: Das einzige Mittel gegen religiöse Gewalt ist Religion.

Aufgeräumt und sauber

13.05.2014. Die Welt rekonstruiert die Ereignisse von Odessa in der Nacht zum 2. Mai. In der NZZ beschwört Serhij Zhadan die Ukrainer auf beiden Seiten, es nicht zum Bürgerkrieg kommen zu lassen. Spiegel Online präsentiert einen fest an den Rechtsstaat DDR glaubenden Gregor Gysi in Hördokumenten. Dirk Lewandowski sucht bei irights.info nach Alternativen zu Google. In der FAZ klärt EU-Wettbewerskommissar Joaquín Almunia Mathias Döpfner darüber auf, dass er nicht dazu da ist, den Medien lästige Konkurrenz vom Leib zu halten. Und Neues von Glenn Greenwald und Edward Snowden.

Zahlreiche Verlautbarungen

12.05.2014. Die Ukraine existiert schon deshalb, weil sie Schauplatz der zentralen Verbrechen des 20. Jahrhunderts war, schreibt Timothy Snyder in der New Republic. In der Welt antwortet Hamed-Abdel Samad auf Joseph Croitorus in der SZ geäußerten Vorwurf der Geschichtsklitterung. Die FAZ freut sich, dass sich die Lehrer endlich gegen Pisa wehren. Wir binden Michelle Obamas Rede für die Mädchen in Nigeria ein. Aktualisiert: Sehr deutlich zu diesem Thema auch Wole Soyinka in der FAS.

Stets dieselben Bilder verbrannter Schulbänke

10.05.2014. Kein Interesse an den verschleppten Mädchen in Nigeria?, fragt Bettina Gaus in der taz an die Adresse der großen Medien. Caroline Fourest erklärt auf huffpo.fr den Unterschied zwischen Putins Rechtsextremen und den Rechtsextremen aus der Ukraine. In der SZ schlägt Horst Bredekamp eine Blauhelmtruppe für den antiwestlichen wie auch antiislamischen Hetzraum und Hort widerwärtiger Pornografie namens Internet vor. Cory Doctorow spricht sich dagegen im Guardian gegen Überwachung aus. Per Video binden wir eines der seltenen intelligenten Wesen auf dem Planeten ein.

Herbeigesehnter Phantomschmerz

09.05.2014. In der Welt erzählt der junge russischstämmige Journalist Filipp Piatov, warum seine Generation mit den Siegesfeiern zum 9. Mai nicht mehr so viel anfangen kann. Engadget erklärt, warum Google die Taxi-App Uber in seine Karten aufnimmt, aber nicht deren Konkurrenten. Google und NSA haben eng kooperiert, belegt Heise.de. Alle Zeitungen befassen sich weiter mit der Sammlung von Cornelius Gurlitt. Die SZ fragt: Wird Bayern sie überhaupt in die Schweiz ausreisen lassen?

Ein passendes Schloss mit einem Türmchen

08.05.2014. Richard Herzinger analysiert in der Welt die seltsame Einigkeit rechter und linker Autoren bei der Verteidigung Wladimir Putins. In Kiew werden sich auf Initiative Timothy Snyders einige bekannte Intellektuelle treffen, um über die Majdan-Bewegung zu diskutieren, meldet Eurozine. In der Zeit versucht Adam Soboczynski die allgemeine Indifferenz beim Thema Überwachung zu verstehen. Alle Zeitungen fragen sich, warum Cornelius Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermachte. Im New Yorker denkt Teju Cole über das Schicksal der in Nigeria entführten Mädchen nach.

Auch gern sehr kritisch

07.05.2014. Die Re:publica stimmt mit David Hasselhoff eine Hymne auf die Freiheit an, berichtet die Berliner Zeitung. In der NZZ antwortet Christopher Clark auf seine Kritiker. Auf Carta erfährt man, wie schwer es ist, eine kritische Veranstaltung zum Thema Rundfunkgebühren zu organisieren. In der futurezone antwortet Google-Kritiker Gerhard Reischl auf Mathias Döpfner: Nicht Google, Europa ist das Problem. Alle Zeitungen fragen: Was wird nach Cornelius Gurlitts Tod aus seiner Sammlung?

Deutscher Verursachungsanteil

06.05.2014. Im Schweizer Blick erklärt Joschka Fischer, wie Putin Russland ruiniert. Der Guardian fragt sich, ob die vielen prorussischen Kommentare unter Artikeln zur Ukraine gesteuert sind. In der FAZ rechnet Hans-Ulrich Wehler mit Christopher Clark ab. Der Tagesspiegel erklärt, dass seine Easyjet-Berichte ganz allein  auf seinem Mist gewachsen sind. Ilpost.it fragt: Wer sind die entführten Mädchen in Nigeria und warum wird so wenig über sie berichtet? Der Standard streitet über den Freihandel. Und Thomas Piketty ist überall.

Automatisierte Sortierung Einreisender

05.05.2014. Good news für die Überwachungsindustrie. Telekomfirmen, die der amerikanischen Regierung Daten liefern, sollen Straffreiheit garantiert bekommen, so Barack Obamas Vorschlag laut Guardian. In der FAZ setzt Juli Zeh Hoffnungen in die EU (alias Martin Schulz), um derartige Zumutungen abzuwehren. Vergebens, meint Zeit online mit Blick auf das Rahmenabkommen zum Datenschutz. Timothy Snyder sieht Russland in der SZ ganz und gar nicht als Sieger in der Ukraine-Krise. Die ostukrainische Bevölkerung ist erstaunlich passiv, meinen Serhij Zhadan in der FAS und Bernhard Clasen in der taz.

Keine Diplomatie, sondern Schaufensterdekoration

03.05.2014. Die sogenannten Russland-Versteher sind in Wirklichkeit Teil des russischen Propaganda-Apparats, meinen Karl Schlögel und Sonja Margolina. Volker Perthes spricht in der taz den Diplomaten Mut zu. In den USA toben Urheberrechtskämpfe um Karl Marx und David Foster Wallace. Guy Verhofstadt träumt in der FAZ von der Open-Source-Gesellschaft. Und die Welt fragt: Wex braucht schon geschlechtergerechte Sprache?

Gar nicht versteckte Vulgarität

02.05.2014. Die taz macht klar, warum Edward Snowden nicht in Moskau aussagen kann und nach Deutschland geholt werden sollte. In der FAZ analysieren Gerhard Baum und Constanze Kurz vor der Kanzlerin-Reise die Ohnmacht der Bundesregierung gegenüber NSA und Co. Die SZ fürchtet zudem, dass das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa die Rechtstaaten aushebelt. Netzpolitik informiert über die Unterdrückung von Blogs in Russland. In der Welt versucht der ukrainische Autor Serhij Zhadan, die ostukrainische Bevölkerung zu verstehen.