9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2015

Zeichen, die nicht trügen

30.05.2015. Im Guardian erklärt Chefredakteur Alan Rusbridger in seiner Abschiedsbilanz nochmal, warum er nicht an Paywalls glaubt. In der Welt hofft der türkische Krimiautor Emrah Serbes, dass es eine Fortsetzung für die die Gezi-Proteste geben wird. Die phil.Cologne lädt laut den Ruhrbaronen den Philosophen Peter Singer aus. Die SZ weiß, warum Homoehe in manchen Ländern leichter durchgeht als Recht auf Abtreibung. Und Sepp Blatter attackiert jetzt laut RTS ganz Amerika, das sich angeblich nur ärgert, die Fußball-WM 2022 nicht abhalten zu dürfen.

Sein Dasein als Abstraktum

29.05.2015. Das Korruptionsgeld der FIFA kommt nicht irgendwoher, sondern aus den Fernsehgeldern und -gebühren der großen Fußballnationen und macht die Sender zu Komplizen, meinen die FAZ und der Perlentaucher. Die SZ warnt vor der Abschaffung des Bargelds. Die Welt macht sich Hoffnungen für Kuba. Die Hacker sollten ihre Körper entdecken, meint die italienischen Aktivistin Tatiana Bazzichelli in der taz. Und Schokolade macht nun doch nicht schlank.

Mit laufendem Motor

28.05.2015. Die Fifa-Skandale gehen auch am Perlentaucher nicht vorbei. Wir verlinken auf eine Hymne über die US-Generalstaatsanwältin Loretta Lynch in politico.eu und auf eine Aktion von Designern gegen die Sklaverei beim Stadionbau in Qatar. Wie kommt es eigentlich, dass die Iren für die Homoehe stimmen und gleichzeitig bei Abtreibung so erzkonservativ bleiben, fragt quartz.com. Die New Republic fragt mit Blick auf die Soziologin Alice Goffman, ob teilnehmende Beobachtung die Fahrt eines Fluchtautos bei einer Mordaktion einschließt. Die taz stellt den Künstler Kcho vor, der den Kubanern WLAN gibt.

Nichts gegen Moral

27.05.2015. Bis im Pariser Pantheon eine Gleichstellung der Frauen erreicht ist, werden wohl noch ein paar hundert Jahre vergehen, meint Huffpo.fr. Milo Rau schreibt in der taz über sein Kongo-Tribunal. Franziska Augstein schreibt wieder für die FAZ, und zwar über die Ukraine. Sehr kritisch sieht Spiegel online das neue Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung. Die SZ fragt: Was macht Gottschalk nur mit all den Millionen, mit denen die ARD so munter jongliert? Und der Vatikan verwechselt sich laut Spiegel online mit der Menschheit.

Das Messer der Argumentation

26.05.2015. Der Standard und Politico.eu schildern Tücken, Lobbykämpfe und mögliche Vorzüge einer EU-Vereinheitlichung von Urheberrechten. Die Welt findet den Streit um Herfried Münkler angesichts der Political-Correctness-Kriege an amerikanischen Universitäten noch harmlos. Wolfgang Sofsky erinnert in seinem Blog an die Vorteile der Meinungsfreiheit. Im Guardian kann Cory Doctorow das Gemoser über Internet-Aktivisten nicht mehr hören. Slate.fr schildert den Islamismus-Schock in Japan.

Die traurigste Kohorte im ganzen System

23.05.2015. In der NZZ sperrt sich Vittrio Lampugnani gegen die kommerzielle Banalisierung der Städte durch Lounges. In der SZ erzählt Daniel Genis aus der amerikanischen Gefängniswelt. Das Blog der NYRB flüchtet vor Burundis Hallelujah Fußball Club. Die FAZ huldigt der antiimperialistischen Herrscherin Palmyras.

Abgründe bodenloser Enttäuschung

22.05.2015. In Libération empört sich Caroline Fourest über die Verkehrung von Opfern und Tätern in der Diskussion um Charlie Hebdo. In der SZ fragt die Charlie-Redakteurin Zineb El-Rhazoui, wie man ihr Islamophobie vorwerfen kann. In der NZZ sampelt DJ Spooky  Sun Ra, Apps und Open-Source-Kultur zu einem afrofuturistischen Rhizom. In der FAZ brandmarkt der Filmemacher und einstige Black Panther Jamal Jospeh die Umwandlung der amerikanischen Polizei in eine Besatzungsarmee. In der Berliner Zeitung schlägt Volkwin Marg vor, das Berliner Kulturforum zu untertunneln.

Mit stiller agnostischer Lust

21.05.2015. In der Zeit will sich Alain Finkielkraut nicht in die Lügentherapieschule schicken lassen. Außerdem streiten Patrick Sensburg und Constanze Kurz über die Macht der Geheimdienste. Die taz berichtet, wie Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer die Prinzessin des Nahen Ostens hofierte. Der Guardian berichtet, dass Palmyra unter die Kontrolle des IS gefallen ist. Der Tagesspiegel lernt von Stephen Greenblatt, was uns eine Erektion des Augustinus eingebracht hat. In der FR versichert der Religionssoziologe Detlef Pollack: Auf lange Sicht vertragen sich Politik und Religion nicht. Und die Berliner Zeitung erkennt den tieferen Sinn von Katzenvideos.

Wir sind so crazy, wir sind so anders

20.05.2015. Die NZZ berichtet, dass Russland jetzt auch Wissenschaftler als feindliche Agenten aus dem Land jagt. In der Berliner Zeitung erkennt Götz Aly im Volksentscheid die Geheimwaffe zur neubürgerlichen Besitzstandswahrung. In der taz wünscht sich Barbara Muraca die Freiheit, ein langlebiges Smartphone kaufen zu können. Das Münkler-Blog übt öffentliche, aber immer noch anonyme Selbstkritik. Die New York Times meldet unterdes, dass Neil LaBute sein Stück "Mohammed Gets a Boner" zurückgezogen hat.

Jetzt sitzt er am offenen Grab

19.05.2015. Luz verlässt Charlie Hebdo. In der Libé erklärt er seine Gründe. Die SZ liest in seinem berührenden Band "Catharsis" nach, wie er von Charb Abschied nimmt. In der FR fürchtet Ljudmila Ulitzkaja das Ende der russischen Kultur durch Selbst-Überhöhung. Die Welt sieht in Palmyra ein Symbol für die arabische Kultur vor dem Islam. Der Tagesspiegel lernt Affen als soziale und kulturelle Wesen zu begreifen. Die taz staunt, wieviel Aufregung nervende Studenten erzeugen können.

Der hyperliberale Schnack

18.05.2015. Die Diskussion um Mohammed-Karikaturen droht die Redaktion von Charlie Hebdo zu zerreißen, fürchtet die taz und meldet erste Abgänge und Rauswürfe. Die HuffPo.fr hat bereits mit Luz die "Catharsis" erlebt. Der Guardian möchte lieber keine islamische Reformation und schon gar keinen Luther. In der FAZ arbeitet Klaus Theweleit an der Parzellierung seiner Ichs. Die NZZ beschwört den Wert der antiken Oasenstadt Palmyra. Die Welt will die europäischen Grenzen schließen.

Was hast Du getan, um das da zu verhindern?

16.05.2015. Große Sorge um die antike Oasenstadt Palmyra, der sich der IS unaufhaltsam nähert: nicht nur die Vergangenheit, auch die Zukunft Syriens steht hier auf dem Spiel, mahnt die FAZ. Ausspähen unter Freunden geht gar nicht, findet der österreichische Grünen-Abgeordnete Peter Pilz und kündigt Strafanzeigen gegen BND und Bundeskanzleramt an. Mit der Seligsprechung von Óscar Romero definiert die Kirche Märtyrer neu, erläutert der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff in der taz. Und Marco d'Eramo amüsiert sich über die in Italien herrschende Auffassung, die ganze Welt blicke auf die Mailänder Expo.

Kein Leben in der Online-Welt

15.05.2015. Die NZZ lernt von Emmanuel Todd, dass eigentlich MAZ ist, wer Charlie sein will. In der Jungle World fragen Jens-Martin Eriksen & Frederik Stjernfelt, ob Minderheiten wirklich machtlos sind. Die Welt begräbt österreichische Opfermythen unter den Trümmern der "Perle des Reiches". The Daily Biest freut sich mit der NSA über den neuen Freedom Act. Die FAZ ätzt gegen Facebooks Instant Articles: Das Prinzip Aldi jetzt für die Presse. Netzpolitik fragt, wie sich opake Algorithmen mit der Pressefreiheit vertragen.

Ein Lutscher, ein Eis, ein Schaschlik

13.05.2015. In der Zeit erschauert Swetlana Alexijewitsch von dem Kult des Krieges in Russland. Die Welt gönnt sich darauf einen Putin. Im Merkur-Blog ruft Tobias Haberkorn den Religions-Weltbürgerkrieg aus. Die taz sucht nach einer feministischen Position im Kopftuchstreit. Die SZ entdeckt eine geradezu Pegida-hafte Kleinmut bei Berliner Studenten. Und laut turi2 werden jetzt die großen Rifts im Big Valley sichtbar: Während FAZ und Zeit mit Google kooperieren, setzen Spiegel und Bild auf Facebook.

Gott kann auf sich selbst aufpassen

12.05.2015. Im Guardian attackiert Chimamanda Adichie die amerikanischen Codes of silence und den unbedingten Willen zur Bequemlichkeit. In der SZ warnt Jared Diamond gar vor einem Putsch in den USA, in denen politisch alles stilsteht, nur die Bürgerwehren nicht. Die NZZ weist darauf hin, dass Charlie Hebdo kein Leitmedium war, sondern ein kleines Blatt anarchistischer Kindsköpfe. David Frum pocht in Atlantic auf das Recht zur Blasphemie. Die taz stellt fest, dass die Armen nicht mehr wählen gehen.

Es gab keine Zehn Gebote

11.05.2015. Die Presse versucht sich zu erklären, wie Emmanuel Todd am 11. Januar in Frankreich vier Millionen Zombiekatholiken sehen konnte. Die NZZ stellt das geplante House of One in Berlin vor. In der Berliner Zeitung hofft Gerd Lüdemann auf einen Abschied vom Ptolemäischen Weltbild auch in der Theologie. In der taz erklärt der Historiker Nikita Sokolow, warum Stalin nicht zum Tag der Befreiung paradieren ließ: "Stalin hasste die Frontkämpfer." Zu den deutsch-israelischen Beziehungen glaubt David Grossmann nicht an spontane Heilungen. In der Welt wünscht sich Marko Martin mehr Billigflieger nach Tel Aviv.

So viele praktische Tipps

09.05.2015. Die EU muss sich auf unangenehme Verhandlungen mit dem strahlenden Wahlsieger David Cameron gefasst machen, ahnen taz, Tagesspiegel und Guardian. Auch für Russen ist das Kriegsende eine zwiespältige Erinnerung, schreibt Michail Schischkin in der NZZ. In der Ukraine wird künftig nicht mehr an den Gräbern der Gefallenen getanzt, berichtet Maria Matios in der taz. Und Frank Schirrmacher versetzt die Welt noch einmal in epochale Schwingungen.

Angeblich so tiefe Geschichtskenntnis

08.05.2015. Eindrucksvolle Gedenkproduktion zum Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Zeitungen. 15 Seiten taz, zehn Seiten SZ. Das Gedenken selbst ist erneut zum Schlachtfeld geworden, meint die Welt. In der Huffpo.fr untersucht Liliane Kandel die Mentalität französischer Linker, die "nicht Charlie" sind. Mathias Döpfner will laut Horizont auch Geld von Google - aber nicht als Zuckerbrot aus der "Digital News Initative", sondern als Lohn ehrlicher Lobbyarbeit in Brüssel. Ein Verlierer der britischen Wahlen steht laut politico.eu schon fest: die Zeitungen - trotz ihrer Liebe zu Cameron.

Heideggero-Post-Dekonstrukto-Identitäts-Ressentimentismus

07.05.2015. Charlie Hebdo bekennt seine Enttäuschung über sechs Autoren, die es schafften, in so wenigen Worten so viele desinformierte Dummheiten zu verbreiten. In der Zeit verlangt Jens Jessen mehr Fairness von den ermordeten Karikaturisten. In der FAZ erzählt Wladimir Putin, wie seine Familie den Krieg erlebte, und Fereshta Ludin beteuert, dass sie das Kopftuch ablegt, falls sich herausstellt, dass es ein Symbol der Unterdrückung ist. Für Tablet liest Paul Berman André Glucksmanns "Voltaire contre-attaque" und attackiert den Panglossismus unserer Tage.

Der unerschütterliche Glaube an Chancen

06.05.2015. Das einzige, was den Terror entwaffnet, ist das Lachen, sagte Gérard Biard von Charlie Hebdo in seiner Dankesrede für den Preis des amerikanischen PEN. Bis zu welchem Ausmaß hat der BND für die NSA spioniert? Vor den entsetzten Augen der Regierung zeichnet sich laut Zeit online der düstere Umriss der Selektoren ab. Die FAZ macht sich Sorgen um Großbritannien vor den Wahlen. Die Medien begrüßen begeistert Neill MacGregor als Intendanten des Humboldt-Forums.

Enttäuschung über Europa

05.05.2015. Heute wird in New York der Preis des zerstrittenen amerikanischen PEN Clubs an Charlie Hebdo verliehen. Pierre Assouline und Bernard-Henri Lévy wundern sich angesichts der Debatte über das Ausmaß amerikanischer Ignoranz. Zu den Opfern der Flüchtlingskatastrophe zählen auch die europäischen Aufklärungsideale, meint die Politologin Nikita Dhawan in der taz. Mit Grauen diagnostiziert Sonja Margolina in der Welt das Schmelzen der Zeit im putinistischen Russland. Und laut taz muss sich der BND inzwischen gegen den Vorwurf des Landesverrats verwahren.

Macbeth ist ein Mörder kleinen Formats

04.05.2015. Morgen soll Charlie Hebdo in New York bei einer Gala des PEN Clubs ausgezeichnet werden. Auch wenn die deutschen Zeitungen das Thema beschweigen - in den USA, Großbritannien und Frankreich kocht die Debatte weiter. Schon 204 PEN-Mitglieder boykottieren die Gala, zählt Glenn Greenwald, der die Kampagne antreibt, stolz. Die britische Autorin Joan Smith verteidigt Charlie Hebdo im Independent, Eliot Weinberger sieht die Zeichner in der LRB als Populisten. BHL liest Caroline Fourests neues Buch "Eloge du Blasphème" und lernt etwas über die Mohammed-Karikaturen des Blattes. Und André Glucksmann bekämpft im Perlentaucher mit Voltaire das Infame.

Wie tolerant ist das denn?

02.05.2015. Gerade in ihrer Widersprüchlichkeit gibt die Mailänder Expo eine treffendes Bild unserer Gegenwart ab, findet die SZ. In der Charlie-Hebdo-Debatte ist die Zahl der PEN-internen Gegner mittlerweile auf 145 gestiegen. Die Jungle World möchte das ehrenwerte Gewerbe der Fluchthilfe rehabilitieren. Der eigentliche Skandal ist das System, schreibt Rolf Gössner in der taz mit Blick auf die nicht endenden Enthüllungen über die Geheimdienste. Und der Soziologe Igor Eidman vermutet in der FAZ: Putins Rückhalt in der russischen Bevölkerung wird überschätzt.