9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dezember 2019

Pharmakologische Stimulation

31.12.2019. Politico.eu macht auf ein Jubiläum aufmerksam, das fast unbemerkt verstreicht: Vor zwanzig Jahren übergab Boris Jelzin die Schlüssel an einen unbekannten Geheimdienst-Apparatschik. Die taz bilanziert das Jahr 2019 als ein Jahr des weltweiten Aufbegehrens gegen Diktatur. Nicht die Konservativen haben die Wahl in Britannien gewonnen - sondern Labour hat sie verloren, schreibt Will Hutton im Observer. Die FAZ hat herausgefunden: CO2 kann das Klima verbessern. Es muss allerdings aus der richtigen Flasche kommen. Und der Perlentaucher dankt seinen LeserInnen, dass sie ihm trotz der misslichen Weltlage treu bleiben - Mögen die Zwanziger golden werden!

Alles ist so gut organisiert hier

30.12.2019. In Amerika wird nach einer ganzen Serie von Anschlägen über Antisemitismus diskutiert. Sehr enttäuscht äußert sich Ai Weiwei in der SZ über den Westen und dessen Rückgratlosigkeit gegenüber China. Aber immerhin: "Die deutsche Wirtschaft hat klar angekündigt, dass ihre Zukunft in China liege. Das ist sehr ehrlich." In der FAZ bestreitet Richard Schröder, dass bei der Wiedervereinigung so viele Fehler gemacht wurden, wie oft behautet. Die taz rät, auf die Vorteile einer vernetzten Medizin und einer persönlichen digitalen Gesundheitskarte zu verzichten.

Jammern oder brüllen

28.12.2019. Im Tagesspiegel verteidigt Max Czollek das Jüdische Museum als Plattform für Debatten über religiöse Vielfalt. Warum kann Israel nicht gegenüber Polen und Palästinensern so großzügig sein wie gegenüber den Deutschen, fragt Yishai Sarid in der FAZ. Die SZ ruft Spitzenpolitiker, Richter und Professoren auf, mal wieder unter Menschen zu gehen. Die New York Times überlegt, warum Skandale keinen Einfluss mehr aufs Wahlverhalten haben. Und ZeitOnline beklagt die politische und ästhetische Verwahrlosung des Mannes.

Wie jene letzten Menschen

27.12.2019. In La Règle du Jeu rätselt Bernard-Henri Lévy über die Motive der französischen Gewerkschaften, die die Regierung zur Aufgabe zwingen wollen. Welt-Autor Richard Herzinger glaubt nicht, dass sich die Beziehungen zwischen Britannien und Europa nach dem Brexit entspannen. In der SZ stimmt die Historikerin Hedwig Richter einen zaghaften Abgesang auf die Nation an. Die Zeit erzählt, wie der Recherchedienst Bellingcat mit Suchmaschinen und Geolocation Kriegsverbrechen aufklärt.

Alle Systeme herunterfahren

24.12.2019. Zaghaft aber stetig zeigt sich in der muslimischen Welt ein Trend zur Säkularisierung, hofft der türkische New-York-Times-Kolumnist Mustafa Akyol. Hermann L. Gremliza ist gestorben. Die Zeitungen würdigen den Polemiker. Die FAZ berichtet über die immer noch steigende Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland. in der NZZ erklärt der Kulturwissenschaftler Alexander Etkind, warum Öl und Erdgas die Entwicklung von Demokratie behindern. Aber sie behindern nicht ein schönes Weihnachtsfest, das die Perlentaucher hiermit all ihren Lesern wünschen!

Die Welt als Geisel

23.12.2019. Die SZ dokumentiert eine Rede Timothy Snyders, der das Problem heutiger Demokratien in ihrer mangelnden Zukunftsvision sieht. In Zeit online erklärt Tim O'Reilly, warum er noch an das Gute in den Algorithmen glaubt. Die taz fragt, warum der konfessionsübergreifende Religionsuntericht in Hamburg ausschließlich von Gläubigen (und solchen, die eine "Vokation" erwerben) abgehalten werden darf. Politico.eu beklagt den überproportionalen Einfluss der anglikanischen Kirche auf England.

Allein in Ürümqi

21.12.2019. Im Tagesspiegel schildert Dolkun Iza, vom Weltkongress der Uiguren, wie die Chinesen seit 2016 eine immer schärfere Unterdrückung gegen sein Volk betreiben. Die taz fragt, warum trotz der Aufstände in Algerien, Sudan, Libanon und Irak keine arabische Frühlingsstimmung mehr aufkommt. J. K. Rowling findet, dass Frausein etwas mit Biologie zu tun hat, und gilt Spiegel online und anderen Medien seitdem als Dementor*in. Der Bundestag könnte nach den nächsten Wahlen auf 850 Abgeordnete anwachsen - die FAZ fragt, warum er nicht fähig ist, sich zu verkleinern.

Die Mission Zeitungsverkauf

20.12.2019. Der Kampf gegen den Brexit ist verloren. In der SZ will Timothy Garton Ash den Remainern trotzdem Mut machen. Die Übermedien fragen sich, warum die SZ zwar über Jeffrey Epstein berichtet, nicht aber über dessen Kumpel John Brockman.  Bei den Zeitungsverlegern erklärt Mathias Döpfner, warum Zeitungen keine Subventionen wollen, höchstens eine klitzekleine (oder doch etwas größere?) Strukturförderung. Die taz malt sich aus, wie eine Zukunft nach der Klimakatastrophe aussieht: "Keine Hybride".

Für den Zaren gefertigt

19.12.2019. In der SZ fürchtet Jan-Werner Müller um die amerikanische Demokratie. In der NZZ kritisiert der ukrainische Autor Nikolai Klimeniouk die "gar nicht so latente" antiwestliche Haltung in Deutschland. In La Règle du Jeu verteidigt  Bernard-Henri Lévy seine Recherche zu kommunitaristischer Gewalt in Nigeria gegen Experten, die in Le Monde schreiben. Die New York Times beschreibt, wie die chinesische Polizei durch Vernetzung von Technologien so gut wie alles über ihre Bürger herausfindet.

Jedes Selfie legt ja Zeugnis ab

18.12.2019. Das Tablet Magazine recherchiert zum Antisemitismus in Britannien. In der taz tritt Nora Bossong zusammen mit intellektuellen Bündnisgenossinnen gegen Super Mario Philipp Ruch an. In der NZZ entwirft Volker Reinhardt eine Theologie des Selfies. Die NZZ deckt auch die herzlichen Beziehungen zwischen Roger Köppels Weltwoche und der chinesischen Botschaft auf. In Marianne attackiert Caroline Fourest Jean-Luc Mélenchon und hofft auf eine säkulare Linke.

Ein paar Schnurbäume

17.12.2019. Die neuen Wähler der Tories werden von der selben Wut angetrieben wie die Gilets jaunes, meint Politico. Netzpolitik warnt vor einem Ausbau der Internetüberwachung in Deutschland. Die SZ fürchtet die neuen Prognosemöglichkeiten der Algorithmen, die nicht nur Überwachung fördern, sondern gleich ganz das demokratische Gespräch ersticken. In der Welt fordert der Technologie-Investor David Rosskamp dagegen einen Marshallplan für die Digitalisierung Europas. Die FAZ erzählt, wie das Jüdische Museum Berlin zu einem Forum für Israel-Kritiker wurde. Die taz stülpt auf dem neuen Scharounplatz in Berlin den Mantelkragen hoch.

Selbst das Ich kam sich abhanden

16.12.2019. In der Welt warnt Udo Di Fabio vor einer Rhetorik des Notstands von rechts wie von links. Die Russen fürchten eine Invasion lateinischer Buchstaben, notiert die SZ. Boris Johnson und Jaroslaw Kaczynski  haben nicht viel gemein, außer, dass sie ihren Nationalismus mit Sozialpolitik verbinden, beobachtet Welt-Autor Thomas Schmid. Paris ist zum Wintersportort geworden: Scharf und unwiderruflich sind die  Überholmanöver der Pistenprofis, findet Libération.

Wo keine Chancen sind, findet er welche

14.12.2019. Nach dem Wahldesaster für Labour schäumen der Guardian und die New York Review of Books vor Wut über Jeremy Corbyn, der dem Land und dem NHS fünf weitere Tory-Jahre bescherte. Andrew Sullivan erkennt im New York Magazine Boris Johnsons Brillanz in einem Trumpismus ohne Trump. In der FAZ sehnt sich die Beiruter Soziologin Nadia Bou Ali nach einem Ende des sektierischen Staats im Libanon. Die FR verbeugt sich vor der Reporterlegende Nelly Bly, die einst aufdeckte, wie Hysterikerinnen hergestellt wurden. Und die taz verabschiedet Kalle Ruch, graue Eminenz und genialer Geschäftsführer der Zeitung, die anfangs nicht mal ein Bankkonto bekam.

Vor allem: bergab

13.12.2019. Die englischen Wähler haben dem Brexit ein zweites Mal zu einer massiven Mehrheit verholfen. Und ähnlich wie Donald Trump hat Wahlsieger Boris Johnson vor allem beim Proletariat Punkte gemacht, analysiert das New York Magazine. Die Welt und Hubertus Knabe sind mit dem jüngsten Gutachten zur Stasi-Verbindung des Berliner-Zeitung-Verlegers Holger Friedrich noch nicht zufrieden. Die SZ fragt mit  Emmanuel Terray, warum fast alle Revolutionen scheitern. Warum versagen die Begriffe des Antirassismus und des Postkolonialismus bei der Analyse so vieler Phänomene, fragen Yascha Mounk in Atlantic und Caroline Fetscher im Tagesspiegel.

Stattdessen hört man Applaus im ZdK

12.12.2019. Die Berliner Zeitung veröffentlicht das Gutachten über die Stasi-Aktivität ihres neuen Mit-Besitzers Holger Friedrich: So schlimm war es nicht, sagen Marianne Birthler und Ilko-Sascha Kowalczuk. Afrika ist ein "Labor digitaler Demagogen", warnt die taz mit Blick auf russische Einflussnahme im Sudan und anderen Ländern. Die FAZ wirft einen kritischen Blick auf den Streik in Frankreich. In der Zeit greift Heinrich August Winkler in den Hohenzollern-Streit ein und Christopher Clark und Wolfram Pyta an. Und Islamkritiker wehren sich in einem Offenen Brief an die EU gegen den Vorwurf der "Islamophobie".

Keine Auskünfte zum Planungsstand

11.12.2019. Übermorgen wird in Großbritannien gewählt. Der Guardian gibt eine offizielle Wahlempfehlung - verschweigt aber den Zwiespalt nicht. Die New York Times zeigt, wie auch in diesem Wahlkampf Desinformationskampagnen geführt wurden. Der Tagesspiegel fragt: Kann es sein, dass der Flughafen Tegel mal zum Denkmal wird? Die taz erzählt, wie sich die außerparlamentarische Opposition in Algerien gegen die Wahlen wehrt. geschichtedergegenwart.ch erzählt die Geschichte der Frauenhausbewegung.

Wie Schnee in der Sonne

10.12.2019. Ist das britische Parteiensystem intakt oder nicht intakt? taz und politico.eu sind sich etwas uneins. Der Ukraine-Gipfel in Paris löst bei Kommentatoren keine große Hoffnung aus. In der FAZ wendet sich der Historiker Richard Evans gegen Christopher Clark und findet, dass die Hohenzollern Hitler durchaus den Weg ebneten. Die Idee der offenen Internets wird zerschlagen, warnt Golem - zumindest, kann es sich nicht mehr unter .org-Domain anmelden. Ethan Zuckerman denkt in der CJR unterdessen darüber nach, ob gemeinnützige soziale Medien möglich sind. Und Adrian Lobe träumt in der Welt von einem europäischen Google.

Solange sie nur nicht zu uns kommen

09.12.2019. Im Observer erzählt ein entsetzter Nick Cohen, wie die Parteien in Britannien mit Internetwerbung vorgehen. In der NZZ analysiert Charles Lewinsky, wie wir schweigen, zum Beispiel zur Flüchtlingsfrage. In der taz fragt der Politologe Floris Biskamp, wie man die AfD nennen sollte: rechtspopulistisch, -radikal oder - extrem? Der Freitag lernt im NS-Dokumentationszentrum München, wie Vergangenheit lebendig bleibt. Der Spiegel findet: Man sollte sich Ebooks leihen.

In einer narrativen Prosa

07.12.2019. Die taz beleuchtet den Bismarck-Kult der AfD - der auch in Bismarcks Russland-Politik begründet ist. hpd.de erklärt, warum Kritik am Islam nicht rechts ist. Sind wir schon, rufen die Historiker Christian Geulen und Michael Sommer auf die Bitte der Bildungsministerin Anja Karliczek an Wissenschaftler, sich als "öffentliche Intellektuelle" zu fühlen. In Ihrem Blog zeigt sich Julia Reda entsetzt darüber, wie Frankreich die EU-Urheberrechtsreform verwirklichen will.

Für einen übergeordneten Zweck

06.12.2019. Im Tagesspiegel fragt Zafer Senocak, ob die Heimatfrage nur eine altmodische Frage ist. In Le Monde beschreibt der Historiker Mohammed Harbi die "immense kulturelle Regression" Algeriens nach Jahrzehnten des FLN-Regimes. Der Tagesspiegel will dem "Zentrum für politische Schönheit" die Entschuldigung nicht abnehmen. taz und FAZ versuchen den großen Streik in Frankreich zu verstehen.

Zapfenstreich abgesagt

05.12.2019. Das "Zentrum für politische Schönheit" entschuldigt sich auf seiner Website für seine Aktion "Sucht nach uns".  Götz Aly verteidigt die Aktion beim MDR, weil sie auf die Asche der Ermordeten aufmerksam macht. In Frankreich ist ab heute großer Streik: In der Zeit kritisiert der Philosoph Gaspard Koenig zwar Emmanuel Macrons zentralistische Politik, nicht aber seine Rentenreform. Krise auch in Großbritannien: Der New Statesman weigert sich, eine Wahlempfehlung auszusprechen - auch nicht für Labour.

Aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert

04.12.2019. Philipp Ruchs "Widerstandssäule" ruft heute eher befremdete bis bestürzte Reaktionen hervor: Wenn es Ruch um die Würde der Toten ginge, hätte er jüdische Organisationen einbezogen, kritisiert die taz. Die Toten des Holocaust werden inzwischen "von beiden Außenseiten des politischen Spektrums hemmungslos als Mittel zum Zweck missbraucht", konstatiert die NZZ. Die New York Times erzählt, wie die Chinesen aus der DNA der Uiguren ihre Gesichter rekonstruieren wollen. Und Netzpolitik weiß, warum wir weiter der Tracking-Werbung ausgesetzt werden: Die Presseverlage wollen es so.

Hoffentlich nur Fiktion

03.12.2019. Philipp Ruch und sein "Zentrum für politische Schönheit" stellen eine Stele mit (angeblicher?) Asche ermordeter Juden an die Stelle der Kroll-Oper, um einen neuen Faschismus zu verhindern. Berliner Zeitung, Tagesspiegel und SZ finden die Aktion sehr gut. Der Perlentaucher bekennt seinen Würgreflex. FAZ und SZ sehen einen Prozess auf die Hohenzollern zukommen. Netzpolitik erzählt den neuesten Streich der chinesischen Überwachungspolitik.

Gramscianischer Guerillakrieg

02.12.2019. Yascha Mounk erklärt der neuen sozialdemokratischen Führung in Zeit online das Denken der Arbeiterschaft: Ihre Interessen will sie vertreten sehen, Revolution will sie nicht. Politico.eu wirft ein Licht auf eine neue populistische Kulturpolitik in Flandern. In der NZZ nimmt der Publizist Kevin D. Williamson die kleinste Minderheit in Schutz.