9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November 2018

Und alles führte ins Verderben

30.11.2018. The European bringt einen Facebook-Beitrag Hamed Abdel-Samads, den Facebook wegen angeblicher "Hassrede" gestrichen hatte - Abdel-Samad attackiert dort jene deutschen Muslime, die immer nur Deutschland kritisieren. Die neueste Runde der Islamkonferenz hat begonnen, und schon gibt es Ärger, berichtet die Zeit. Die taz bringt ein Dossier zum Bündnis zwischen rechtspopulistischen und -extremen Parteien und christlichen "Lebensschützern".  In der NZZ erinnert Bora Cosic an die Gründung des jugoslawischen Königreichs vor hundert Jahren.

Raum der Stille

29.11.2018. Zur Restitutionsdebatte äußert sich jetzt auch Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung und stimmt den Forderungen mit Einschränkungen zu. In Frankreich gibt es einen kritischen Museumsdirektor in dieser Frage, berichtet die Zeit. Aber der wird sowieso pensioniert. Im Philomag ruft Nancy Fraser im Namen eines linken Populismus zu einer Politik der Spaltung auf. Vollends demontiert ist Tariq Ramadan, nachdem er nun auch die Unterstützung von Katar verliert, weiß Libération.

Der entscheidende Erfahrungsunterschied

28.11.2018. Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums, widersetzt sich in Dlf Kultur den weitreichenden Forderungen Bénédicte Savoys zur Restitution afrikanischer Kunst. Netzpolitik spricht mit dem Whistleblower Christopher Wylie, der eine intensivere Aufarbeitung des Cambridge-Analytica-Skandals fordert. Ursula Pachl vom europäischen Verbraucherschutzverband erklärt in SZ-Online, warum sie Beschwerde gegen Googles Erhebung von Standortdaten der Nutzer einlegen will. Libération fragt: Wo ist der Fotograf Lu Guang?

An diesem Graben entschied sich die Wahl

27.11.2018. In der SZ erklärt Guido Gryseels vom belgischen Afrika-Museum, warum er erst Provenienzforschung betreiben will, bevor er Kunstwerke zurückgibt.  Im Tagesspiegel beschreibt die libanesische Autorin Iman Humaydan, wie ein bürgerlicher Staat abhanden kommt. Die FAZ stellt den Denker der Stunde vor: Christophe Guilluy versteht die Gilets jaunes, und mehr noch: die rebellierende Provinz der Weltgesellschaft. In der Washington Post fragt Anne Appplebaum, ob Wladimir Putin aus innenpolitischen Gründen neue Scharmützel sucht. 

In allem, was lebt, lebt der Wille

26.11.2018. Die NZZ besucht Ungarn, ein Land, in dem zwei lebhaft diskutierende Menschen auf der Straße bereits als Demonstration gelten. In Berlin tagten Experten zur Frage der Restitution von Kunstwerken an ehemalige Kolonien, fanden laut taz aber keine definitive Antwort. Das Museum von Dahomey, wohin einige von Emmanuel Macron zurückgegebene Statuen wohl gelangen sollen, sieht traurig aus, konstatiert RFI. Laut Observer muss sich Facebook nach Beschlagnahme einiger Dokumente zu Cambridge Analytica nun weitere Fragen stellen lassen.

Tonnen von dem Zeug

24.11.2018. In der NZZ fürchtet Damiano Cantone, dass Italien zum Paternalismus zurückkehrt: Künftig wird der Staat überwachen, dass niemand sein Bürgergeld für Zigaretten, Alkohol oder Pornos ausgibt. In der FAZ betont die Etnologin Larissa Förster, dass kolonialisierte Gesellschaften den Kunstraub schon immer für Unrecht hielten. Im Guardian fordert auch Simon Jenkins: Gebt den Osterinseln ihre Statue zurück. In der Financial Times fragt Lionel Barber resigniert: Wen interessieren eigentlich noch Scoops?

Millionenfache Ichs

23.11.2018. Heute übergeben Bénédicte Savoy und Felwine Sarr ihren Bericht zur Restitution afrikanischer Kunst an Emmanuel Macron - sie fordern eine fast totale Rückgabe und stoßen damit bisher kaum auf kritische Reaktionen. Eine wirkliche Debatte ist zu dem Bericht aber noch nicht entbrannt: Die Welt drängt zunächst auf Entschlüsselung der Objektbiografien. Laut Tagesspiegel äußert sich Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eher skeptisch. Außerdem: Wie geht's weiter mit der SPD? Was macht die AfD mit ihren Millionen? Und das Klima mit Gender?

Vierstufiger Irritationsindex

22.11.2018. Der Bericht von Benedicte Savoy und Felwine Sarr zur Restitution afrikanischer Kunstwerke, der zugleich eine Handreichung für Emmanuel Macron sein soll, wird die Debatte auf ein neues Niveau heben, ist die SZ sicher. Für die NZZ stellt er eine "brillante Rücksichtslosigkeit" dar, auch weil wesentlich mehr Werke zurückgegeben werden sollen als bisher gefordert. In der Zeit  gibt die "Initiative säkularer Islam" ihre Gründung bekannt. In seinem Blog erzählt der österreichische Anchorman Armin Wolf, wie Politiker Medienregie übernehmen.

Offerte an die Bevölkerung flacher Inselstaaten

21.11.2018. Zumindest in der Ost-Ukraine arbeiten Linkspartei und AfD als Wahlbeobachter für Russland traut zusammen, erzählt die investigative Plattform Codastory. Donald Trump veröffentlicht eine Liebeserklärung an Saudi-Arabien, die New York Times ruft zur Rebellion der Abgeordneten auf. In der SZ träumt Claus Leggewie von einem Klimapass, der eine unkomplizierte Migration erlaubt. Le Point hat den Bericht von Bénédicte Savoy über die Restitution afrikanischer Kunstwerke aus französischen Museen schon gelesen. Das europäische Leistungsschutzrecht wird vor allem ein Axel-Springer-Recht sein, erklärt Julia Reda im Standard.

Zuverlässig passive Stützen

20.11.2018. In Frankreich ist Revolution oder zumindest "Jacquerie". Die Medien versuchen die überraschend breite Bewegung der "Gilet jaunes" einzuschätzen, die ihre Diesel gegen eine Erhöhung der Benzinsteuer verteidigen. Götz Aly erinnert in seiner Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis auch an die 3.000 Studenten, die in der Münchner Universität das Todesurteil gegen die Scholls beklatschten. Aber in der Berliner Zeitung lobt er auch den Willen der Deutschen, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Die taz berichtet über die zügig voranschreitende Gleichschaltung Hongkongs.

Ganze Stadtviertel der Namenlosen

19.11.2018. Im Standard erzählt Wladimir Sorokin, wie Putin Russland die Zukunft raubte. Wir werden uns noch nach der unprätenziösen, vernünftigen Politik Angela Merkels zurücksehnen, prophezeit Herfried Münkler in der NZZ. In der FAZ plädiert Simon Strauß für mehr Autorität und Hierarchie, um die entfesselte Debatte zu bändigen. Im Tagesspiegel erzählt der im Exil lebende Uigure Ilham Lutfi von der Verfolgung der Uiguren durch die chinesischen Behörden.

Don't be Sorry, Be Angry

17.11.2018. Carole Cadwalladr macht in NYRDaily klar, dass Trump und Brexit unauflöslich miteinander verbunden sind.  Es gibt eine Wahrheit im Krieg, auch im Syrienkrieg, und auch Gut und Böse lassen sich unterscheiden, sagt die Politologin Kristin Helberg an die Adresse all der Medien, die mal den Experten A, und dann Experten B interviewen.  Der Künstler Nils Pooker begründet im Blog  des Marta-Museums in Herford, warum es für ihn ein Skandal ist, dass das Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim Rechte auf Reproduktionen gemeinfreier Bilder geltend macht.

Jenes Fremdheitsgefühl

16.11.2018. Der Guardian fragt: Warum eigentlich verzichten so viele dezidierte Brexit-Anhänger darauf, den Brexit mitzugestalten und verlassen die Regierung? Soll das Gendersternchen in die amtliche Rechtschreibung eingeführt werden, oder ist das Gewalt an der Grammatik, fragt der Dlf. Aufruhr bei Facebook nach der Enthüllung der New York Times, dass der Konzern zur Not nicht mal davor zurückschreckt, George Soros anzuschwärzen. Und die FR erklärt, warum die öffentlich-rechtlichen Sender immer noch Gebühren für Zweitwohnungen wollen.

Die kleinen Bestechungen

15.11.2018. Theresa Mays Brexit-Kompromiss mit der EU ist von ihrem Kabinett abgesegnet. Dem Guardian graut jetzt nur noch vor dem Parlament. In der NZZ prangert Steven Pinker linken Kulturpessimismus an.  Die New York Times bringt eine aufwändige Recherche über das unzureichende Krisenmanagement bei Facebook. Reuters erzählt, wie China sein System der Überwachung der Bürger per Personalausweis nach Venezuela exportiert. In der Welt wendet sich der Gymnasiallehrer Rainer Werner gegen das Kopftuch in Schulen. Aktualisiert: und außerdem die neue Tellkamp-Debatte.

Nicht nur, dass man nicht weiß

14.11.2018. Die Irish Times unterscheidet mit Blick auf die Brexit-Anhänger zwischen drei Formen der Ignoranz: absichtliches Unwissen, krasse Selbsttäuschung und "pig ignorance". Die SZ erzählt, wie die Stadt Chemnitz ihren Ruf retten will. Die New York Times bringt eine dreiteilige Videoserie über russische Einflussnahme bei den amerikanischen Wahlen. Wieviele Paywalls werden die Leser von Medien wohl bezahlen, fragt das Nieman Lab. Die FAZ beklagt die öffentlich-rechtliche Schmonzettenexpansion.

8 Millionen Aktivitäten zur ethnischen Einheit

13.11.2018. Im Guardian beschreibt der Sinologe Timothy Grose die brutale Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung von China.  Laut New York Times präsentiert die Türkei neue Audiodokumente, die nachweisen sollen, dass Jamal Khashoggi auf höchste Weisung ermordet wurde. Politico.com erklärt, was es mit dem "Intellectual Dark Web" (IDW) auf sich hat. Und der Guardian freut sich über eine Million Leser, die ihn unterstützen.

Verhängnisvolles Zusammendenken

12.11.2018. In der FAZ erzählt Alexander Gallus, was die Novemberrevolution in den Köpfen der Rechtsextremisten anrichtete. Robert Menasse und Ullrike Guérot riefen von mehreren Berliner Balkonen die Europäische Repubilk aus. Der Text ist in der Berliner Zeitung zu lesen, das Publikum war schütter. Golem.de erläutert, was Katarina Barley am Leistungsschutzrecht kritisiert, und warum sich die Zeitungen bei der der Eprivacy-Verordnung mit Google und Co. auf einmal so gut verstehen.

Das zu sehen, ist unheimlich

10.11.2018. In der Welt erklärt Per Leo, dass es im Kampf gegen Rechts nicht reicht, seine Haltung zu demonstrieren: Man braucht Strategie. Auch die taz warnt vor Konfliktscheu. Außerdem erinnert sie an die große Frauenrechtlerin Marie Juchacz. Die Berliner Zeitung ruft: Die SPD hat 1919 die Arbeiterbewegung nicht verraten, sondern gerettet. Peter Sloterdijk wirft die Frage auf, ob wir zur Freiheit genötigt werden. Die NYRB beschreibt den innigen Clinch von CNN und Donald Trump. Und Britannien droht Jo Johnson zufolge: Vasallentum oder Chaos.

Ein Bruchteil jener Aufmerksamkeit

09.11.2018. Das Humboldt-Forum wird wohl doch erst später eröffnet, meldet die SZ, und das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst werden gerupft. Die taz fragt, warum sich Deutschland mit dem 9. November so schwer tut. Und warum wird der Novemberrevolution kaum gedacht? In der SZ fordert Heribert Prantl, dass der 9. November zum Feiertag erklärt wird. Die internationale Journalistenschaft streitet über den Clash zwischen Donald Trump und dem CNN-Reporter Jim Acosta.

Mit einem Handstreich

08.11.2018. In der FAZ erzählt Georg Stefan Troller, 1922 geboren,wie die Juden in Wien in der Pogromnacht vor achtzig Jahren schikaniert wurden. Julius Schoeps vermutet im Tagesspiegel, dass die Bevölkerung nichts gegen die Pogromnacht unternahm, weil die Kirchen sich duckten. CNN  legt dar, wie Donald Trump seine größere Mehrheit im Senat nutzt, um die Untersuchungen zu seinem Wahlkampf abzuwürgen - Trump entzieht einem CNN-Journalisten zugleich die Akkreditierung. 

Foucault nannte das Diskurspolizei

07.11.2018. Leise Hoffnung nach den Midterm-Wahlen: Die Demokraten sollen sich das Konfetti aus dem Haar schütteln und jetzt bloß keinen Mist bauen, meint die New York Times. In der FR spricht Yehuda Bauer über die Zeit, als die Palästinenser noch keine Palästinenser waren. Die FAZ giftet gegen Bundesjustizministerin Katarina Barley, die das Leistungsschutzrecht in Frage stellte. Und Amazon verdient laut Handelsblatt jeden fünften Euro im deutschen Buchmarkt (off- und online zusammengenommen).

Sonst ist die Debatte so hilflos

06.11.2018. Nach dem Mord an der Aktivistin Kateryna Gandsjuk äußern Bürgerrechtsgruppen scharfe Kritik an den ukrainischen Behörden, berichtet Radio Free Europe. Tim Berners-Lee lanciert eine Charta für eine freies Internet, berichtet der Business Insider. Auf der Website von Rowohlt erklärt die Kolumnistin Margarete Stokowski, warum sie in der Buchhandlung Lehmkuhl in München nicht lesen wollte - und der Buchhändler Michael Lemling erklärt in der SZ, warum er es für richtig hält, auch Bücher von Rechtsintellektuellen anzubieten.

Der Lärm hat kaum mehr ästhetische Bedeutung

05.11.2018. Herta Müller schaut in einer Rede, die im Tagesspiegel abgedruckt ist, nach Osteuropa und erblickt ein Zerrbild von 1989. Der Neubeginn von 1918 war von Anfang an vergiftet, ruft Heinrich August Winkler in der FAZ in Erinnerung. Die ukrainische Aktivistin Kateryna Gandsjuk ist ermordet worden, meldet Radio Free EuropeLe Monde blickt nach Kiel. Und die NZZ  fragt bang: "Wird in Zukunft Stille herrschen?"

Referendum über das Zeitalter des Donald Trump

03.11.2018. Im New York Magazine macht Andrew Sullivan den Amerikanern Mut: Schon vor zwei Jahren waren sie gegen Trump in der Mehrheit, und diesmal wird die Mehrheit größer sein. Nein, das Attentat von Pittsburgh war kein Attentat gegen Religion, es war eines gegen Juden, weil sie Juden sind, insistiert Yair Rosenberg in der Washington Post. Fact-Checking hat auch Schattenseiten,  erklärt der Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmann in der NZZ.

Indolenz damals, Indolenz heute

02.11.2018. Die taz erinnert an die Konferenz von Evian vor achtzig Jahren, wo sich die Staaten nicht auf die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge einigen konnten.  Der Tagesspiegel bringt einen Abgesang des Dramatikers Moritz Rinke auf Angela Merkel. Die Organisation Freedom House zeigt in einem Bericht, wie Regierungen das Internet kapern und mit dem Argument, "Fake News" zu bekämpfen, jegliche Kritik ersticken. Spiegel online berichtet, wie Jan Böhmermann mit einer müden Pointe der Kritik ausweicht.

Freiheitsverwöhnung

01.11.2018. Die CDU wird nach rechts rücken. Die taz würde einen Kandidaten Friedrich Merz begrüßen, weil er ein "Garant für klare Fronten" wäre. Jens Spahn legt in der FAZ einen Grundsatztext vor, in dem er behauptet, das die CDU eigentlich gar nicht nach rechts rücken muss - solange es nur christlich und familienfreundlich zugeht. Der Zeit wird bei beiden mulmig. Die New York Times erzählt, wie Donald Trump und seine rechtsextremen Weggenossen die Diabolisierung George Soros' betrieben haben.