9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2019

Die ach so teure Heimat

31.05.2019. Christi Himmelfahrt hat auch nichts gebracht. Die Debatten toben weiter. Ordnen Sie folgende Aussagen den Zeitungen taz und FAZ zu: Youtube ist eine Chance. Youtube gehört reguliert.  Unterdessen kollabiert die Demokratie, fürchtet der Biologe Jared Diamond im Tagesspiegel. Es könnte aber doch noch sein, dass der Messias kommt, hoffen laut Libération ultraorthodoxe Jüdinnen in Jerusalem, die sich immer dicker einpacken, um ihre "Sittsamkeit" zu beweisen.

Es hat sich alles gespalten

29.05.2019. Streit um die von AKK geforderten Regeln für "Meinungsmache". Rechtlich gibt's da nix, meint der Anwalt Simon Assion in einem Twitter-Thread. Brauchen Youtuber demnächst Rundfunklizenzen, fragt die FAZ. Der Fall Relotius war ein Fall Spiegel resümiert die taz nach Veröffentlichung des Berichts einer externen Kommission. Blumig wird der Spiegel jetzt woanders: Er gibt seinen Literaturspiegel auf und gründet ein Magazin für Spiegel Bestseller, meldet buchreport. David Schalko hält in Zeit online Rückblick auf die ÖVP-FPÖ-Koalition und die begleitende Öffentlichkeit: "Bei unerwartet vielen hat man gemerkt, wie situationselastisch sie sind."

Trotz mehrerer Lagen Funktionskleidung

28.05.2019. Die Medien arbeiten die Europawahlen auf. In Frankreich zeigt das Wahlergebnis eine komplette Neustrukturierung der politischen Landschaft, konstatiert Le Monde. Der alleinstehende Nationalstaat, von dem die Brexiteers träumen, war in Europa noch nie die Lösung, sagt die Politologin Kathrin Bachleitner in der NZZ. In Deutschland fällt AKK unterdessen durch merkwürdige Äußerungen über Meinungsfreiheit in Wahlkampfzeiten auf. Außerdem: Die NZZ erzählt, wie der russische Youtuber Juri Dud die russische Öffentlichkeit aufstört.

Das Problem der veralteten Software

27.05.2019. Die Europawahlen sind gelaufen. Die traditionellen gemäßigten Parteien sind geschwächt (wenn nicht pulverisiert), die Grünen gestärkt. Die Rechtsextremen leider auch. Erste Reaktionen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Die NZZ bringt Eva Menasses Börne-Preisrede, in der die Autorin erklärt, warum sie die Zeitungsöffentlichkeit vermisst. Die SZ verteidigt dagegen die Freiheiten im Internet. Und Reuters macht am chinesischen Beispiel klar, was eine Klarnamenpflicht im Internet bedeutet.

Österreich gehört nicht dazu

25.05.2019. Morgen sind Europawahlen! In der NZZ fragt Hans Ulrich Gumbrecht, warum die Europäer eigentlich so unzufrieden sind. In der taz geißelt Franzobel die selbstgerechte Niedertracht der Österreicher. Allen Tränen zum Trotz wird der Guardian Theresa May nicht verzeihen. Der Spiegel veröffentlicht außerdem seinen Abschlussbericht zu seinem Starfälscher Claas Relotius, die SZ lernt dabei auch, wie an der Ericusspitze Arbeitsaufträge vergeben werden. Und im New Yorker hält sich Masha Gessen die Nase zu und springt für Julian Assange in die Bresche.

Zu viel Wind, zu viel Schmäh

24.05.2019. Im Tagesspiegel informiert Robert Menasse die Deutschen über die Österreicher: "Das versteht ihr Deutschen so schwer. Dass wir in Österreich zwei Faschismen hatten." Dabei wollte sich sogar Robert Musil den Deutschen anschließen, erinnert Thomas Schmid in der Welt. "In Österreich ist alles immer am schlimmsten gewesen," seufzt die NZZ mit Thomas Bernhard. Aber jetzt haben die Deutschen ja Rezo. Die FAZ stellt sich seinem wilden Dribbling zu fünft entgegen. Aber verhindert sie das Tor?

Eine Faust musste die Wahrheit umschließen

23.05.2019. Politico.eu schildert das Wirken der Bertelsmann-Stiftung, das (besonders auch für Bertelsmann) so segensreich ist. In der taz erzählen die schwulen Kulturaktivisten Tomasz Kitlinski und Pawel Leszkowicz, wie Polen kulturell gleichgeschaltet wird. Die FAZ teilt das Unbehagen der CDU über die 55-minütige Philippika des Youtube-Influencers Rezo mit dem Titel "Die Zerstörung der CDU". Die EU-Urheberrechtsreform dürfte vor allem bei jüngeren Bürgern eine Frustration hinterlassen haben, die sich am Sonntag bei den Wahlen ausdrücken könnte, vermutet golem.de.

Die schwarze Reichshälfte

22.05.2019. In der FAZ macht Armin Thurnher vom Falter noch mal den eigentlichen Skandal deutlich: die Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen, russlandfreundlichen, xenophoben und zynischen FPÖ. Presse und Wiener Kurier nennen auf Anregung von Ex-FPÖ-Funktionär Johann Gudenus einen Wiener Anwalt als Verkäufer des Strache-Videos. Muslimischer Antisemitismus? Jüdischer Hass auf Muslime? Iwo, meint Max Czollek in der taz: Islamismus und Antisemitismus, Rassismus und Hass auf Muslime sind Probleme der deutschen Gesellschaft. Die New York Times sekundiert: Erst der urdeutsche Antisemitismus macht den muslimischen hierzulande groß.

Das Schrumpfen nichtverwalteter Lebenszonen

21.05.2019. Die Diskussionen über das FPÖ-Video dominieren weiter: Beerdigen lässt sich jetzt die Idee, dass gemäßigte Rechte durch eine Koalition mit den bösen Buben Erfolg haben könnten, ist sich politico.eu sicher. Auch die medienethischen Aspekte werden weiter debattiert: Die Veröffentlichung war auf jeden Fall gerechtfertigt, ist man sich einig. Aber bleibt ein haut-goût? Das Land mit der schlimmsten Überwachung ist bekanntlich China, schreibt Kenan Malik im Observer. Und dann kommt Großbritannien. Und die NZZ outet Theodor W. Adorno als Vordenker der Gilets jaunes.

Die Nutzung eines Blitzlichts

20.05.2019. Was für ein Coup! Wir bringen ein wildes Allerlei aus Informationen, Spekulationen, Einschätzungen und praktischen Tipps für die Kontrolle von verwanzten Airbnb-Wohnungen. Neben dem politischen Erdbeben selbst interessiert natürlich am meisten die Frage: Wer war's? Die SPÖ? Die ÖVP? Das Zentrum für politische Schönheit? Außerdem: In der FAS spricht Ralph Ghadban über die vermurkste - heute FPÖ-ähnlich scheinende - Integrationspolitik der Ära Kohl, die die arabischen Clans erst möglich machte.

Gerade ziemlich zugekokst

18.05.2019. Ein Video, das wie inszeniertes Material aus einem Polit-Thriller aussieht, demaskiert den FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und stürzt die österreichische Regierung in eine schwere Krise: Kanzler Kurz will mit Strache nicht mehr arbeiten. SZ und Spiegel haben recherchiert, und es kursieren Gerüchte. In der NZZ erklärt die Soziologin Cornelia Koppetsch, warum die kosmopolitische Linke zum Feindbild so vieler Wähler geworden ist. "Soziale Medien wie Twitter unterlaufen die Gewaltenteilung", schreiben die Politolog*innen Jorinde Schulz und Rainer Mühlhoff in der taz , und fordern ein Amt für Kontrolle.

Entscheidungen in 8 bis 30 Sekunden

17.05.2019. "Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich." Der Standard druckt Daniel Kehlmanns Dankrede für den Anton-Wildgans-Preis, in der er Sebastian Kurz direkt attackiert. taz und Zeit online betrachten die willkürlichen Sperrungen bei Twitter und anderen Netzen vor den Europawahlen. Auch in Deutschland wird jetzt über ein Kopftuchverbot an Grundschulen diskutiert, berichtet Zeit online.

In der Kartause regnet es durchs Dach

16.05.2019. Alabama hat ein Abtreibungsgesetz beschlossen, das Ärztinnen 99 Jahre Gefängnis androht - wir binden einen Kommentar Stephen Colberts ein. "The Movement", Steve Bannons groß angekündigtes europäisches Netzwerk, ist ein Flop, berichtet die taz. Die NZZ interviewt Bannon trotzdem. Zeit online kritisiert die immer schärferen Sperrungen sozialer Netze, die Angst haben, extremistische Propaganda zu verbreiten. Die NZZ erinnert an die Vertreibung arabischer Juden.

Heiter plappern

15.05.2019. Es gibt keine Korrelation zwischen dem Aufstieg der Rechtspopulisten und dem Niedergang der Sozialdemokratie, schreibt Cas Mudde im Guardian. Im Atlantic widerlegt Benny Morris die amerikanische Politikerin Rashida Tlaib, die die Palästinenser als indirekte Opfer des Holocausts darstellte. In der FAZ fordert der Pro 7-Vorstand Conrad Albert einen Medienfonds. taz und Handelsblatt informieren eine Bahlsen-Erbin über die Geschichte der Zwangsarbeit.

Nullsummenspiel in der Endlosschleife

14.05.2019. Die NZZ erzählt, wie Ägyptens Staatschef Abdelfatah al-Sisi  gesellschaftliche Harmonie erreichen will. Die taz erzählt, wie die SZ Harmonie zwischen Print und Online erreichen will. In der Welt erklärt Roberto Saviano, dass Europa nicht ein Problem mit Flüchtlingen, sondern mit sich selbst hat.   Die Welt beleuchtet auch den aktuellen Zustand der Debatte, der alles andere als harmonisch ist. Und in Polen ist laut politico.eu die Harmonie mit der Kirche gefährdet.

Manierismen einer alten Elite

13.05.2019. In Polen löst ein Film über sexuellen Missbrauch in der Kirche Aufsehen aus - wir betten ihn ein. In seinem Blog erinnert Hubertus Knabe an den Schriftsteller Jürgen Fuchs, der vor zwanzig Jahren gestorben ist und der von der Stasi mit schändlichsten Mitteln verfolgt worden war.  Im Observer erklärt Nick Cohen, wie man die Briten verführt, indem man sich als Charakterkopf gibt. Große Empörung löst in den sozialen Medien ein Artikel Rainer Hanks aus der FAS  aus, der Greta Thunbergs Interventionen mit den Kinderkreuzzügen des Mittelalters vergleicht.

Ja, das wäre unangenehm

11.05.2019. taz und Welt bringen Deniz Yücels Verteidigungsschrift, die eigentlich eine Anklage gegen Tayyip Erdogan ist. In der NZZ ist Alan Rusbridger überzeugt: Die Menschen brauchen Journalismus nur dann, wenn er hilft, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Im Journalist setzt Julia Bönsch dagegen auf das feministische Projekt des effizienten Workflows. Der Guardian fragt, wann die Linke eigentlich die Großzügigkeit im Denken verloren hat. Und der Tagesspiegel fragt, ob Craft Beer nicht eigentlich nach Seife schmeckt.

Das Problem mit den lästigen Menschenrechten

10.05.2019. Als das Bundesverfassungsgericht entschied, ein "drittes Geschlecht" anzuerkennen, rechnete es mit 160.000 Menschen in Deutschland, die als "divers" gelten können. In Wirklichkeit sind es wohl eher 1.600, hat die Zeit recherchiert. Die FAZ feiert Susanne Schröters Kopftuchkonferenz als "Markstein bei der Rückbesinnung der Universitäten auf ihre intellektuellen Prinzipien". Welt-Autor Thomas Schmid erinnert an die Gründung der "Fasci italiani di combattimento" vor hundert Jahren. Der Guardian berichtet von der Angst der chinesischen Regierung vorm 4. Juni.

Diese europäische Spezialität

09.05.2019. FR, taz und Zeit befassen sich mit den Rechtspopulisten vor den Europa-Wahlen. Es ist ja schon vieles vergesellschaftet, und zwar zu Recht, schreibt Gerd Koenen in der Zeit mit Blick auf Kevin Kühnerts Forderungen. Die Uebermedien staunen unterdessen über die Welt, die sich von VW sozusagen freiwillig vergesellschaften lässt. Libération berichtet über die immer drastischere Politik gegen Abtreibung in amerikanischen Bundesstaaten. In der NZZ erzählt die Osteuropa-Historikerin Ekaterina Makhotina, wie die Sowjetunion den Krieg verdrängte.

Versandbeutelklammern und dergleichen

08.05.2019. FAZ-Kolumnist Bülent Mümay weiß, warum Tayyip Erdogan die Istanbuler Wahlen anficht: Weil er hier sein gesamtes Machtsystem aufgebaut hat. Aber die Istanbuler verlieren die Hoffnung auf Wahlen nicht, ist sich die taz sicher. In der FR erklären Victor Schiering und Önder Özgeday vom Verein Mogis, warum auch die Beschneidung von Jungen keine Petitesse ist und genauso bekämpft werden sollte wie weibliche Genitalverstümmelung. In der FAZ fordert der Medienwissenschaftler Hermann Rotermund freie Rundfunkratswahlen.

Modell Morgenröte

07.05.2019. Der Guardian und Bellingcat berichten, dass China die Moscheen der Uiguren zerstört. Die Agentur Reuters freut sich, dass zwei Journalisten, die zur Ermordung von Rohingya recherchierten, aus dem Gefängnis entlassen wurden. Erst die Osteuropäer haben ihn zu einem überzeugten Westler gemacht, schreibt Stephan Wackwitz in der taz. Aber die Demokratie in Tschechien ist alles andere als ungefährdet, erzählt die tschechische Autorin Radka Denemarková in der SZ.

Hobbys der Eliten

06.05.2019. Die Debatte um Kevin Kühnerts Vergesellschaftungsforderungen beschäftigt die chattering  classes nach wie vor fast ausschließlich: Wurde Kühnert in die Falle gelockt? Die FAZ ist sich uneines. In der NZZ erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova, warum die Sowjetunion der Belagerung Leningrads so wenig gedachte: Stalin hasste die Stadt. Der Observer zeigt, wie George Orwell die westlichen Verteidiger Stalins behandelte.

Die positiven Aspekte der Lösungen

04.05.2019. Und was wäre, wenn Wladimir Putin einfach Weißrussland schluckt, fragt  Viktor Jerofejew in der FAZ. Dann verdaut er es, meint er, und könnte nebenbei weiter Zar bleiben. Anne Applebaum erzählt in der Washington Post, wie in Spanien die Rechtspartei Vox groß wurde. Tagesspiegel und Salonkolumnisten befassen sich mit der Kommunikationsstrategie der Rechtspopulisten. Und taz und Guardian hoffen auf die Frauen des Sudan.

Ich habe das sehr ernst gemeint

03.05.2019. Kevin Kühnert will uns zwar unsere BMWs wegnehmen (oder sowas), aber keine Angst, die Revolution wird friedlich umgesetzt, beruhigt die taz. In der NZZ erzählt die Sinologin Alice Grünfelder, wie Hongkong gleichgeschaltet wird. Heise.de analysiert eine chinesische Polizei-App, die die lückenlose chinesische Überwachung der Uiguren noch verschärft. Heute ist Tag der Pressefreiheit. Aber die Journalisten sind heute allenfalls noch die fünfte Gewalt, meint Stefan Aust in der Welt. Und Zeit online fragt: Gibt es im Osten überhaupt noch Ossis?

BMW in dieser Form

02.05.2019. In der Zeit erklärt Kevin Kühnert, wie er die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands lösen will: durch Kollektivierung von BMW und allen Immobilienbesitzes. Ebenfalls in der Zeit kritisiert Jens Jessen die identitäre Linke, die die Idee des Universalismus aufgibt. Atlantic erzählt, wie Studenten in Philadelphia die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia loswerden wollen. Die SZ berichtet, wie das Nationalmuseum Warschau gleichgeschaltet wird.