9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

November 2021

Omikron

27.11.2021. Die neue Covid-Variante heißt Omikron. Sie ist sehr ansteckend, aber wie gefährlich sie ist, kann man noch nicht sagen, hält spektrum.de fest. Im New Statesman ist der Diplomat Peter Rickett  erschüttert über die Verschlechterung der Beziehungen zwischen London und Paris. Die SZ erklärt, warum Angehörige der Opfers des Olympia-Attentats von 1972 Entschädigung von den UN fordern. FAZ und taz setzen Erwartungen in Claudia Roth.

Fürsorglich, vor- und nachsorgend

26.11.2021. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth wird Nachfolgerin Monika Grütters' als Kulturbeautragte des Bundes. Die Meldung überrascht, weil es eigentlich hieß, dass die SPD das Amt bekommen sollte, notieren die Zeitungen. Roth wird die freien Szenen stärken, vermuten sie. Die taz freut sich, dass die Ampelkoalition verspricht, den NSU-Komplex aufzuarbeiten. Die Welt recherchiert zur Ditib, die in vielen Bundesländern Partner für den Religionsunterricht wird.

Allgemeine Solidaritätspflicht

25.11.2021. Der Koalitionsvertrag ist raus: Die Ampel steht auf rot, gelb und grün gleichzeitig. In den ersten Reaktionen pickt sich jeder raus, was er mag oder auch nicht. Außerdem: Jana Hensel in der Zeit und Deniz Yücel in der Welt reagieren ziemlich sauer auf Max Czolleks Interview in Spiegel online. Der Verfassungsrechtler Christoph Mölllers hat in der Zeit keine Bedenken gegen eine Impfpflicht.

Lernen, Kapuzenpullover zu tragen

24.11.2021. Im SZ-Gespräch erläutert der Religionshistoriker Helmut Zander die Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Querdenkern. Unterdessen wird Triage zur realen Perspektive, notiert die FAZ. Die EU ist sich der Gefahr, die vom Brexit ausgeht gar nicht bewusst, warnt der Politologe Eoin Drea bei politco.eu. Die NZZ fragt, warum die Amerikaner beschlagnahmte Nazikunst nicht an Deutschland zurückgeben. hpd.de erhofft sich von der Ampelkoalition eine Stärkung säkularer Positionen.

Der größte Gegenspieler von Veränderung

23.11.2021. Woher kommt die Impfverweigerung in Deutschland und Europa? In einem gemeinsamen Artikel für die FAZ staunen sogar Winfried Kretschmann und Markus Söder. Sie hätten auf Vernunft gesetzt. Aber nun setzen sie auf Impfpflicht und erklären, warum das der Idee der Freiheit nicht entgegensteht. Im Südwesten kommt die Verweigerung eher von (ehemals?) Grünen, fürchtet die taz. Im Osten ist sie der extremen Rechten näher und hat mit tiefstem Misstrauen gegen Wissenschaftlichkeit zu tun, die vom Kommunismus eingeimpft wurde, konstatiert die FAZ. Sonst noch ein Streit? Ach ja, das Kopftuch.

Aus dem Zug geworfen

22.11.2021. FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt besucht die Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau, der die Auflösung droht, weil sie sich nicht eilfertig genug als "ausländischer Agent" bezichtigt. Die SZ erklärt nochmal, warum von mRNA-Impfstoffen nichts zu befürchten ist. Die taz bespricht die Ausstellung "Ausgrenzung - Raub - Vernichtung", die am Beispiel eines Landstrichs in Baden-Württermberg zeigt, wie gründlich die Deutschen die Juden ausraubten. Nach einer Tagung stellt sich die Frage, ob alle Kulturgüter in den ethnologischen Museen zurückgegeben werden müssen. Gilt das auch für den Pergamon-Altar?, fragt der Tagesspiegel.

Bitte vier Stunden vor Abflug

20.11.2021. Auf ZeitOnline fordert die Philosophin Olga Shparaga die EU auf, mit Alexander Lukaschenko nicht nur über die Lage an den Grenze zu reden, sondern auch über die Lage in seinen Gefängnissen. Die taz erinnert daran, dass die Frauenquote nicht dem politischen Fortkommen von Männern dienen soll. Im Spiegel pocht Max Czollek darauf, auch ohne amtliche Besiegelung Jude zu sein. Die SZ möchte den Berliner Flughafen bitte abgerissen sehen.

Dass wir alle sehr feinstofflich sind

19.11.2021. Hätte Europa eine gemeinsame Migrationspolitik, könnte es nicht von Lukaschenko erpresst werden, meint die SZ. Allerdings müsste die neue Bundesregierung zugleich gegen Russland eine härtere Linie fahren, fordert der Historiker Jan C. Behrends bei libmod.de. Die FAZ sieht Xi Jinping bei der Vergottung zu. Im Dlf sucht der Soziologe Oliver Nachtwey nach den Ursachen deutschen Impfversagens. Die taz liest eine deprimierende Studie zur Kontinuität der Nazis in der Justiz der Bundesrepublik. In der FR fordert Niall Ferguson einen kalten Krieg gegen China.

Ausgerechnet die Etablierten

18.11.2021. In der FR erklärt der irakische Journalist Kamal Chomani, warum so viele Kurden aus seinem Land fliehen wollen. Die SZ notiert beschämt, wie fassungslos die Spanier auf Deutschland blicken. Die Zeit recherchiert zum "Klima der Angst" in der Berliner Zeitung. Und sie vermisst Frank Schirrmacher. Und eine wichtige RBB-Meldung für alle moribunden Berliner: "Auf den Friedhöfen im Berliner Bezirk Mitte können ab Mitte Dezember für drei Wochen keine Bestattungen stattfinden."

Wahrscheinlich zur Bewährung

17.11.2021. In der FAZ erzählt der chinesische Künstler Badiucao, wie ihn die chinesische Regierung bis hin nach Italien, wo er heute lebt, verfolgt. Hubertus Knabe bespricht in seinem Blog Freya Kliers Buch über Stasi-Morde. In der SZ zieht Ronen Steinke eine bittere Bilanz der deutschen Rechtsprechung zum Holocaust. Im Interview mit der FR wird der Soziologe Heinz Bude kategorisch bei Impfverweigerern.

Bereit zur Selbstverteidigung

16.11.2021. Die taz spricht mit zwei Repräsentantinnen von Memorial, die trotz der geplanten Auflösung der Organisation keineswegs kampfesmüde wirken. Die SZ fürchtet, dass die Parteistiftung der AfD zu einer Stärkung der "Neuen Rechten" auch an Hochschulen führen könnte. "Kindischer Trotz als 'Freiheit' - so tief sind Teile selbst des politischen Liberalismus gesunken", schreibt Gustav Seibt in der SZ zur Diskussion über Impfpflicht. In der NZZ hofft Robert Badinter, dass selbst in den USA die Todesstrafe abgeschafft wird.

Im karmischen Geschehen

15.11.2021. Während Alexander Lukaschenko an der Grenze zu Polen düstere Bilder produziert, verschärft er die Repression nach innen, berichtet die FAZ - immer drakonischer werden die Strafen. Martin Pollack appelliert im Standard an die EU, die Flüchtlinge aufzunehmen. Auf Twitter boostert  Irmgard Griss' emphatisches Plädoyer für die Vernunft die Widerstandskraft der Geimpften. Die Katholiken waren gar nicht so Nazi, wie Kurt Flasch behauptet, schreibt Hans Maier in der SZ.

Metamaterialien

13.11.2021. Während die Kölner und die Kölnerinnen mit ihren lustigen Hüten und geimpft Karneval feiern (für die SZ eine Episode in der Kulturgeschichte des Idiotentums), fordern in Welt und Berliner Zeitung letzte Kandidaten für die Intensivstation ein Ende der Impfdebatte. Österreich plant unterdessen einen Lockdown für Ungeimpfte. In Bosnien-Herzegowina lauert laut taz neue Kriegsgefahr. Wladimir Putin löst laut FAZ die Menschenrechtsgruppe "Memorial" auf. Und an der belarussischen Grenze erfrieren laut Caroline Fourest die Sieger über den Islamischen Staat.

In die Panik

12.11.2021. Ist es Zeit, eine Triage für Ungeimpfte zu erwägen, fragt Daniela Wakonigg bei hpd.de. Ist es wirklich so, dass Politik aus Angst vor ein paar krakeelenden Dummköpfen nicht agiert, fragt Mely Kiyak in Zeit online. In der SZ fürchtet Karl Schlögel, dass es in Berlin eine Inflation der Mahnmale für Opfer des Zweiten Weltkriegs gibt: "Es wäre besser gewesen, eine Denkmal-Lösung zu finden, die alle einbezieht." Xi Jinping ist in China jetzt quasi Gott, resümiert Jürgen Kremb in seinem Blog die Ergebnisse des Sechsten Plenums des ZKs der KPCh.

Wir werden uns alle irgendwann anstecken müssen

11.11.2021. Voilà, willkommen in der vierten Welle! "Ich halte es für sicher, dass man kontakteinschränkende Maßnahmen braucht", sagt Christian Drosten in der Zeit. In Österreich wird das Gänseessen zum Martinstag schon storniert, berichtet die taz. Bei Unherd erzählt Ayaan Hirsi Ali, wie sie lernte, dass Cancel Culture nicht nur islamistisch ist. Die FAZ prüft die Pläne für eine antiwoke Uni in Austin. In der Welt ruft Deniz Yücel an die Adresse der polnischen Grenzsoldaten: "Lasst sie doch einfach kommen." Die SZ will lieber Sanktionen gegen Belarus.

Drei unzusammenhängende Sätze, mehr kommt da nicht

10.11.2021. Alexander Lukaschenko schleust Flüchtlinge nach Europa ein, um in erster Linie Deutschland unter Druck zu setzen und seine eigene Existenz abzusichern, meint die Menschenrechtsaktivistin Olga Karatsch in der taz. Die  Nobelpreisträgerinnen Svetlana Alexijewitsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller und Olga Tokarczuk richten einen Aufruf an die EU, das Asylrecht zu respektieren. In der SZ findet es Nils Minkmar schwer fassbar, wie lethargisch die Politik auf das Ansteigen der Infektionsraten und auf die Impfskeptiker reagiert. Die "Freiheit" der Impfgegner gefährdet vor allem all jene mit anderen Krankheiten, deren Operationen jetzt warten müssen, meint Jo Schilling bei heise.de.

Gut gesteuerte Aktion

09.11.2021. An der Grenze zwischen Belarus und Polen spitzt sich die  Lage zu. Polen macht laut SZ Moskau für diese Zuspitzung verantwortlich. Die Dirk-Moses-Anhänger fragen nicht, ob der Holocaust singulär ist oder nicht, sondern ob es zeitgemäß ist, darüber zu reden, kritisiert der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ. Um Wahrheit geht es auch der neuen Universität in Austin, verspricht der Anglist Pano Kanelos im Substack-Blog von Bari Weiss. Bei heise.de fürchtet Julia Reda, dass der "Digital Services Act" der EU zu vorauseilender Zensur führt. Und warum impfen die Spanier so gut, fragt Zeit online.

Beängstigende 537

08.11.2021. Auf 14 Millionen Personen schätzt die FAZ die Zahl der Deutschen, die sich partout nicht impfen lassen will: Sie werden maßgeblich über den Verlauf der vierten Corona-Welle entscheiden. Linke Antisemiten sagen nicht "Ich hasse Juden", erklärt David Baddiel in der FAS, "es geht um etwas Unauffälligeres, Schleichenderes". Zeit online ist enttäuscht von den Plänen zur Baupolitik der kommenden Ampelkoalition.

Alles in Ordnung?

06.11.2021. Die taz empfiehlt der Trans-Bewegung, für Gleichberechtigung zu kämpfen anstatt vermeintliche EndgegnerInnen zu jagen. Ebenfalls in der taz schildert der Reporter Samidullah Mahdi die Lage derJournalistInnen in Afghanistan. In der NZZ erzählt Bernd Stegemann, wie er sich aus dem perpetuum mobile der Wut befreite. Die SZ lernt vom British Museum, was das neue Fortschrittlich ist: Nationalstaatliche Eigentumsrechte für völlig überholt zu halten. Im Börsenblatt empfiehlt Deniz Yücel der Buchmesse, die Schmuddelverlage künftig neben dem Herrenklo zu platzieren.

Wassermelone essen

05.11.2021. "Wie ein schrecklicher Angsttraum, wenn man seinen Namen an jeder Wand kleben sieht": Kathleen Stock hat sich in der BBC erstmals öffentlich zu ihrem Rückzug aus der Uni Sussex geäußert. Es gibt keine "Cancel Culture", versichert Stanford-Professor Adrian Daub in der WoZ. Mit den rechtsradikalen Spendern für das Berliner Stadtschloss hat sich nicht der Spenderverein blamiert, sondern die Bundespolitik, meint Andreas Kilb in der FAZ. Die Welt erklärt, was "zusammenhaltssensibler Journalismus" ist.

Kompatibel mit bürgerlicher Reputation

04.11.2021. Wurde das schicke dicke Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses von einem Rechtsradikalen finanziert? Das Humboldt Forum ist laut SZ schockiert und lässt ermitteln. Vor 17 Jahren verbrannte der gefesselte Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone im Dessauer Polizeigewahrsam. Ein Gutachten zeigt, dass er wohl angesteckt wurde, berichtet die taz. Das Kopftuch ist "Freiheit und Freude", behauptete der Europarat noch bis vor kurzem, dann protestierte laut Welt die französische Regierung. Welche Chancen haben säkulare Ideen in der neuen Koalition, fragt hpd.de.

Die eigene Geschichte derart umzudeuten

03.11.2021. In China steht alles zum besten. Naja, jedenfalls dürfen seit August in China keine "negativen Prognosen zur chinesischen Wirtschaft" mehr verbreitet werden, erzählt Zeit online.  Nicht ihre antisemitischen Positionierungen sind das Problem, sondern dass die Bild-Zeitung eine rassistische Kampagne gegen sie fuhr, meint Nemi El-Hassan in der Berliner Zeitung. Immerhin hat nun auch Polen erfahren, dass Migration alle angeht, konstatiert die SZ und ruft nach einem Migrationspakt zur Bewältigung der neuen Flüchtlingskrise. Die FAZ berichtet, dass die nicaraguanische Autorin Gioconda Belli, einst eine sandinistische Kämpferin, nun zum zweiten Mal ins Exil geht.

Im Zustand der Selbsttrunkenheit

02.11.2021. Rebranding ist in Mode, schreibt Kenan Malik im Observer - Unis benennen Gebäude um im Namen einer antirassistischen Komplexitätsreduktion. Dass der nordmazedonische Ministerpräsident zurückgetreten ist, bedeutet auch eine Niederlage der EU, findet die FAZWoke ist nicht progressiv, konstatiert Jan Feddersen in der taz nach dem Rücktritt der britischen Professorin Kathleen Stock. Die SZ fordert ein "Superministerium der zukünftigen Lebensraumplanung".

Der Dieb und der Blutsauger

01.11.2021. In der FAZ beschreiben Christopher Walker und Jessica Ludwig, wie Russland und China immer mehr die Institutionen des Westens infiltrieren und beeinflussen. Und Kirill Rogow  beschreibt die neue Symbiose von Autokratie und Kapitalismus. Philipp Sarasin  sucht in geschichtedergegenwart.ch nach den Gründen für Michel Foucaults anhaltende Beliebtheit. In der NZZ fragt Alain Finkielkraut: "Was ist Antirassismus also geworden? Ein Verbot, der Realität ins Auge zu sehen." In der FAZ erzählt der ehemalige Mafioso Luigi Bonaventura, was es heißt, im Milieu der 'ndrangheta  aufzuwachsen.