9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni 2021

Also macht er die Hecke weg

12.06.2021. Im Spiegel stellt sich der linke Intellektuelle Didier Eribon gegen hypersensible Wokeness und strenges Gendern. In der taz fragt der Philosoph Axel Honneth, ob den Menschen in der Wirtschaft die Demokratie ausgetrieben wird. Der FAZ schwant, dass "Bio" auf dem Land schwieriger ist als in der Stadt. In der NZZ erzählt  der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, wie er in in Algerien in Antisemitismus geschult wurde. Die FR erinnert an die vor zweihundert Jahren geborene Frauenrechtlerin und Autorin Luise Büchner.

Die Paniktrompete

11.06.2021. taz und FAZ schildern, was es in der Praxis heißen wird, dass Alexej Nawalnys Organisationen als "extremistisch" verboten werden: Repressionen und Gewalt. Die Aktion #allesdichtmachen hat vor sehr sehr langer Zeit großes Aufsehen erregt. Der Tagesspiegel wähnte rechte Kräfte am Werk. Nun darf der Initiator Dietrich Brüggemann im Tagesspiegel antworten. Wie wär's mal zu fragen, wo gerade genozidale Politik betrieben wird, unabhängig von der Frage, ob der Kolonialismus daran schuld ist, schlägt der Historiker Joachim Haeberlen im New Fascism Syllabus vor.

Ein weiterer Bedeutungsraum

10.06.2021. Auch der Satiriker und Putin-Kritiker Dmitri Bykow scheint schon 2019 Opfer einer an Nawalny erinnernden Giftgasattacke geworden zu sein, berichtet das investigative Magazin Bellingcat. Antisemitismus ist längst Pop, und damit längst Mainstream, konstatiert die Schriftstellerin Mirna Funk in der Zeit. Ebenfalls in der Zeit erinnert der Historiker Wolfram Wette an den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren. Götz Aly kritisiert in der Berliner Zeitung, dass des Überfalls nicht gedacht wird. Die NZZ kommt auf den Rassismus Rudolf Steiners zurück.

Und dabei kommen Aerosole zustande

09.06.2021. In Zeit online verteidigt der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, seine Äußerung, die Ostdeutschen seien "diktatursozialisiert". newfascismsyllabus.com und geschichtedergegenwart.ch bringen weitere zustimmende Texte zu A. Dirk Moses' Polemik gegen den "Katechismus der Deutschen". Die SZ  ist deprimiert über französische Zustände, wo rechts und links im Macron-Hass vereint sind. Und immer Ärger über Julie Burchill.

Selbstzerstörerische Prophetie

08.06.2021. Nach der Routine der Wahlsendungen zu Sachsen-Anhalt kommen nun auch einige tiefer schürfende Analysen. Ingo Schulze beklagt in der SZ die tiefen sozialen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Die Wahlen werfen im übrigen ein unheimliches Problem auf: Wie stark beeinflussen Prognosen und Medien den Ausgang von Wahlen, fragen Jürgen Kaube in der FAZ und Henryk Broder in der Welt. Die Debatte  um A. Dirk Moses' Polemik "Katechismus der Deutschen" geht weiter: Moses ist ein Sieferle von links, meint Volker Weiß in der taz.

Erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts

07.06.2021. Überall wird über Erinnerung diskutiert. Selbst im Programm der Grünen wird eine Erweiterung des Gedenkens gefordert: Das Wort "kolonial" kommt sechsmal vor, das Wort "Holocaust" überhaupt nicht, notiert Simon Strauß in der FAZ. Im Tagesspiegel fordert eine Autorengruppe eine "plurale Erinnerung". Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf A. Dirk Moses' Polemik über den "Katechismus der Deutschen". Götz Aly erklärt unterdessen in der Berliner Zeitung, warum auf dem Gelände der FU nach Knochen gesucht werden sollte.

Manchmal sagen Hände mehr als Worte

05.06.2021. taz und FAZ greifen die obszön-stalinistische Inszenierung des Roman-Protassewitsch-Interviews im belarussischen Staatsfernsehen auf. Die Debatte über den von A. Dirk Moses beklagten "Katechismus der Deutschen" in dem Blog newfascismsyllabus.com geht weiter: Für den Historiker Alan Confino ist sie eigentlich eine Debatte über Israel. In der Welt antwortet Zelda Biller auf einen Text von Fabian Wolff, der ebenfalls eine "Holocaust-Neurose" der Deutschen diagnostiziert hatte. In der SZ schreibt A.L. Kennedy über den deplorablen Zustand der britischen Medien.

Plurale Anerkennungsansprüche

04.06.2021. "Das belarussische Volk verdient es, in einem freien Land zu leben", sagt der belarussische Punker Igor Bancer in der taz. Aber den Demonstranten geht die Luft aus, ergänzt der belarussische Politologe Waleri Karbalewitsch ebenfalls in der taz. Demonstranten, die in Hongkong auf den Straßen an die Opfer des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens erinnern wollen, drohen jetzt fünf Jahre Haft, weiß die SZ. In der Welt fordert Ahmad Mansour: Muslimische Deutsche müssen die strikte Trennung von Religion und Staat bedingungslos anerkennen. Und in der taz hält der Soziologe Steffen Mau Identitätspolitik für ein Übergangsphänomen.

Wie Geister im Zentrum der Stadt

03.06.2021. Die Debatte über A. Dirk Moses geht weiter - Geschichtsprofessoren wie Frank Biess schwören ab vom "Katechismus der Deutschen". In der Zeit staunt Felix Heidenreich über das französische Hufeisen: Rinks und lechts lassen sich da leicht verwechseln - gelernt hat er es bei Philippe Corcuff. "Kopftücher bei Beamtinnen zu untersagen, ist nicht neutral", findet die die Jura-Studentin Rabia Küçüksahin im Tagesspiegel. Das Problem mit dem russischen Regime "besteht darin, dass es kaum noch einen friedlichen Ausweg offenlässt", sagt der in Moskau geborene Journalist Keith Gessen in der Welt.

Ein machtvolles Destillat

02.06.2021. Le Monde und die taz erzählen die Geschichte der Internate für Indigene in Kanada - wo viele Kinder Gewalt erlitten haben und gestorben sind. Neulich hatte der Historiker A. Dirk Moses über den "Katechismus der Deutschen" gespottet, der darin bestehe, den Holocaust für ein singuläres Ereignis zu halten. Der Historiker Neil Gregor stimmt ihm heute in geschichtedergegenwart.ch zu. Die SZ beklagt, dass immer weniger Kinder mit Down-Syndrom geboren werden. Wer sich mit einem Davidstern um den Hals bei einer propalästinensischen Demo blicken lässt, muss ein ganz schöner Dummkopf sein, schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming.

Tugenden der kindlichen Frömmigkeit

01.06.2021. Der Guardian und Le Monde erinnern an das Massaker von Tulsa vor hundert Jahren, einen der extremsten Ausbrüche rassistischer Gewalt in den USA. China antwortet mit einer "Dreikinderpolitik" auf den demografischen Schwund der Bevölkerung, berichtet die FAZ - aber die Chinesinnen antworten mit keinem Kind. Im Tagesspiegel wendet sich Claus Leggewie vehement gegen die Hufeisentheorie. Bei hpd.de erzählt eine feministische Aktivistin aus Irak, was es heißt, gegen das Kopftuch zu kämpfen.