9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

April 2019

Allein du selbst zu sein

30.04.2019. Zum ersten Mal seit Jahren publiziert der Islamische Staat ein Video seines Chefs Abu Bakr al-Baghdadi. Le Monde und Libération fragen nach der Strategie der Terrorgruppe, nachdem sie ihr "Staatsgebiet" verloren hat. In Zeit online erklärt die Expertin Ferda Ataman das Ende der Fremdenfeindlichkeit. Jetzt ist Rassismus angesagt. In der NZZ beklagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann den "Ruf nach Vorschriften, nach Verboten, nach Regelungen", der an den Unis neuerdings von unten komme.

Die Fähigkeit zur Bosheit

29.04.2019. Während alle Welt noch rätselt, wie Putin-freundlich der neue ukrainische Präsident genau ist, antwortet Wolodimir Selenski mit einer ziemlich frechen Retourkutsche auf Putins Ankündigung, die Vergabe russischer Pässe an ukrainische Bürger zu erleichtern, berichtet die AFP. Woher kommt die Asymmetrie in den Reaktionen auf die Terrorattentate in Christchurch und Sri Lanka, fragt Brendan O'Neill in Medium. Und die FPÖ legt dem ORF-Anchorman Armin Wolf laut turi2 nahe, doch mal ein Sabbatical einzulegen.

Alles richtig gemacht

27.04.2019. Spanien ist nicht so dunkel, wie Deutsche und die Vox-Partei es gerne hätten, ruft in der Welt der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina. Die taz erkennt in der Frage der gendergerechten Sprache: Nicht korrekt setzt sich durch, sondern schön. Die SZ erklärt dennoch, wie der stimmlose glottale Plosiv gebildet wird. Die FAZ staunt, was es sich New Yorker kosten lassen, in ihrem schicken Shed mal neben einem echten Arbeiter zu sitzen.

Mit kalter Präzision

26.04.2019. "Toleranz, Respekt und Verständnis" sind doch eine gute Sache. Allerdings könnte der Sultan von Brunei die kulturrelativistische Linke in Verlegenheit bringen, da er sie für die Todesstrafe gegen Homosexuelle fordert, fürchten die Salonkolumnisten. In der NZZ kritisiert Pascal Bruckner die Mobilisierung von Kindern für politische Anliegen. Die Entscheidung über Abtreibung liegt bei der Frau, auch wenn beim Embryo Trisomie 21 festgestellt wird, beharrt Reinhard Merkel in der FAZ. Immer mehr wird Südostasien zum islamistischen Hotspot, konstatiert der Economist.

Gesums von Mikroerzählungen

25.04.2019. Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter will an der Uni Frankfurt eine Diskussion über das Kopftuch veranstalten. Einigen an der Uni studierenden Sittenwächtern passt das nicht: Sie fordern die Absage der Veranstaltung und die Absetzung Schröters - wegen "antimuslimischem Rassismus". Alain Finkielkraut widerfährt laut Marianne in Frankreich Ähnliches. In der Welt erklärt Richard Schröder die "posttotalitäre Situation" in den Neuen Ländern. Golem.de erzählt, wie Internet und Überwachung in China fusionierten.

Ein Grammophon und ein paar Platten

24.04.2019. Auf The Daily Beast hält es die Terrorismus-Expertin Rita Katz für wahrscheinlich, dass der IS für das Attentat von Sri Lanka verantwortlich ist und schildert die neue Strategie der Terrorgruppe in Asien. Recode.net und der Journalist Karl Bode auf Medium bringen Hintergrundtexte zur Rolle der sozialen Medien in Sri Lanka. Die Todesstrafe für Homosexualität in Brunei kann nur mit einem universellen Menschenrechtsdiskurs bekämpft werden, insistiert Jan Feddersen in der tazSZ-Journalist Jörg Häntzschel begibt sich nach Kamerun, um mit Museumsleuten über Restitution zu sprechen.

Vergleichsweise schwerelos

23.04.2019. Christen sind heute die am stärksten verfolgte religiöse Gruppe, sagt der Priester Giles Fraser im Guardian nach den Attentaten von Sri Lanka. Bei den "Ted Talks" hielt die Observer-Journalistin Carole Cadwalladr, die über Machenschaften im Brexit-Wahlkampf recherchiert hat, eine Aufsehen erregende Rede: Facebook zerstöre die Demokratie. Die NZZ verteidigt mit John Stuart Mill den Wert der Lüge. Die FAS bringt einen Nachruf auf den Fußgänger.

Die Zukunft des zerstörten Spitzturms

20.04.2019. Der Mueller-Report ist nun in Gänze zu lesen - und bei weitem nicht ohne Sprengkraft. Unter anderem stellt sich laut thedailybeast.com heraus, dass Julian Assange einen Angestellten der Demokratischen Partei anschwärzte, um seine russischen Quellen zu schützen. Die Irish Times kritisiert den Stillstand in der nordirischen Politik, die die Unruhen in Derry - die zum Tod der Journalistin  Lyra McKee führten - erst möglich machten. Notre Dame soll schnell wieder aufgebaut werden. Aber wie, fragen die Zeitungen. Und dann sind da die Probleme von Leica mit China.

Entkoppelter Sonderdiskurs

18.04.2019. In der Zeit macht der Kriminologe Christian Pfeiffer der katholischen Kirche in Deutschland, namentlich den Bischöfen Reinhard Marx und Stephan Ackermann, schwere Vorwürfe in der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Der Staat wird Zeitungen künftig subventionieren, man weiß nur noch nicht, wie, berichtet die taz. In FR und Tagesspiegel wird ernstlich darüber debattiert, ob man um Notre Dame trauern darf. In der SZ fordert die Lehrerin und Autorin Julia Wöllenstein den Verzicht von Religionsunterricht an Schulen und ein Kopftuchverbot bis zum 16. Lebensjahr.

Notre Dame du Peuple

17.04.2019. Ein Funke, ein Feuerzeug, ein schon abgestellter, aber noch heißer Schneidbrenner können das Feuer in Notre Dame ausgelöst haben. 850 Jahre Geschichte sind in vier Stunden abgebrannt, klagt der Notre-Dame-Organist Olivier Latry in Le Monde - der immerhin froh sein kann, dass seine Orgel noch heil ist. In der NZZ fragt der Soziologe Rainer Schützeichel, ob alles so wiederaufgebaut werden soll, wie es war. Außerdem: Netzpolitik und Golem fragen nach den Folgen der EU-Urheberrechtsreform.

Das Volk ist der Maurer

16.04.2019. Notre Dame hat gebrannt, aber Notre Dame ist nicht abgebrannt. Erleichterung im Unglück, dass die Struktur und die Türme stehenblieben und ein Wiederaufbau möglich ist. Dennoch: Der Dachstuhl trug nicht nur das Dach, sondern auch französische Identität, schreibt Laurent Joffrin in Libération - sowohl Jeanne d'Arc, als auch Victor Hugo sind mit diesem Ort verbunden.  Außerdem: die EU-Urheberrechtsreform ist durchgewunken.

Vicos Endstadium

15.04.2019. Repression im Internet: Die Chinesen haben eine Software entwickelt, die es ermöglicht, die Uiguren als Gruppe zu kontrollieren und überwachen, berichtet die New York Times. In der Daily Mail wendet sich Alan Rusbridger gegen ein "White Paper" der britischen Regierung, das in vagen Begriffen gegen Online-Fehlverhalten vorgehen will. In der taz tritt der ehemalige Whistleblower Daniel Ellsberg für Julian Assange ein. Außerdem: Es ist Karwoche, und in der FAZ verteidigt der Philosoph Otfried Höffe das christliche Institut des Ehegattensplitting.

Man greift Außenseiter an

13.04.2019. Im Fall Julian Assange vermisst der New Yorker die Solidarität der Medien, die allesamt die Enthüllungen von Wikileaks veröffentlichten. In der SZ ahnt James Ball: Der Angriff auf die Pressefreiheit funktioniert am besten über die Schwachstellen. Ebenfalls in der SZ räumt Wilhelm Heitmeyer mit einem Missverständnis auf: Die AfD sei nicht populistisch, meint er, sondern autoritär nationalradikal. In der NZZ attackiert Slavoj Zizek das Konzept der fluiden Identität als bourgeoise Subjektivität. Guardian und taz blicken hoffnungsvoll auf die Straßen von Khartoum.

Diese Schaumschläger

12.04.2019. Julian Assange sollte nicht wegen seiner Leaks ins Gefängnis gesteckt werden, meinen die meisten. Allzuviel zu befürchten hat er aber vielleicht nicht, wendet politico.eu ein. Die Verschiebung des Brexit gibt Zeit, das für die Brexiteers kalamitöse Buch "9 Lessons in Brexit" des ehemaligen britischen Botschafters in Brüssel Ivan Rogers zu lesen, findet die taz. Andreas Rödder erklärt im Freitag, wie ein heute moderner Konservatismus aussehen könnte.

Wie Kerzen auf einem Friedhof

11.04.2019. Rassismus gegen Ostdeutsche? In der Welt antwortet ein wütender Richard Schröder auf die These der Migrationsforscherin Naika Foroutan. Britannien wird den Brexit schon verkraften, meint Timothy Garton Ash in der SZ, mehr Sorgen macht er sich um den Rest der EU. In der Zeit vergleicht sich Philipp Ruch mit Amnesty (und gewinnt). Im Standard erklärt der Philosoph Rudolf Burger, warum er die Ringparabel für gefährlich hält. Außerdem: Ein schwarzes Loch grinst uns an.

Das Bild eines Landes, das hoffen will

10.04.2019. In der NZZ schreibt Kamel Daoud über die Lage in Algerien: "Ich bin nicht pessimistisch, aber wachsam." Die EU hat die Demontage des Rechtsstaats in Ungarn erst möglich gemacht, schreibt ein Professor Central European University bei Zeit online. Die Welt staunt über Martin Mosebach, der den Papst mit Hitler und Stalin vergleicht. Die Ausstellung "Contemporary Muslims Fashions" hat ein politisches Programm: Sie betreibt die Desolidarierung mit allen Frauen, die sich vom Kopftuch befreien wollen, meinen mena-watch.de und Jungle World.

Kein hinreichender Tatverdacht

09.04.2019. "Schönheit und Widerstand" bedeutet für sie das Kopftuch, bekennt Ilhan Omar in der Vogue. In der Washington Post rufen Masih Alinejad und Roya Hakakian ihre Schwestern in der Welt auf, Nasrin Sotoudeh zu unterstützen, die im Iran zu 38 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie Frauen verteidigte, die gegen den Hidschab aufbegehrten. Ach nee, das "Zentrum für politische Schönheit" ist doch nicht kriminell: Das Verfahren ist eingestellt, meldet unter anderem Netzpolitik. Und im Guardian schreibt Timothy Garton Ash: Rees-Mogg ist Britanniens Alice Weidel.

Wenn Liberale und Linke nicht so versagt hätten

08.04.2019. im Tagesspiegel streiten Alice Schwarzer und Margarete Stokowski über den Feminismus und den Islam. Die FAS feiert "maßvolle" Mode als Ausdrucksmedium. In der SZ wundert sich Heribert Prantl sehr über einen Staatsanwalt, der das "Zentrum für politische Schönheit" verfolgt und selber der AfD spendet. In Britannien ist die Zerknirschung über den Brexit so groß, dass selbst der prominente Brexiteer Peter Osborne in Open Democracy bereit ist, ihn ein bisschen aufzuschieben.

Ihre Privatsphäre, ihre Religiosität, ihr Modestil

06.04.2019. Von der EU-Urheberrechtsreform profitieren zwar Medienkonzerne und die Kulturindustrie und vielleicht auch ein wenig deren Urheber, aber nicht die Urheber aus den neuen Medien wie Blogger, Self-Publisher oder Youtube-Journalisten, stellt heise.de fest. taz und NZZ erinnern an den Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren - die französische Mitverantwortung ist immer noch nicht aufgearbeitet.  In der FR attackiert ein Modefachmann das "konservativ-feministische Lager", das die "Mündigkeit muslimischer Frauen" infrage stelle. Der Tagesspiegel warnt vor Referenden.

Haufen von Dingen

05.04.2019. Die taz vermisst bei der Frankfurter Ausstellung über muslimische Mode denn doch eine irgendwie geartete politische Position. In der Welt antwortet Thea Dorn auf Kritik an ihrem Zeit-Essay über Toleranz und macht sich Gedanken über den Zustand der Debatte. SZ und FR fragen, wie parteiisch die Thüringer Staatsanwaltschaft ist, die gegen das Zentrum für Politische Schönheit ermittelt. In Frankreich erregt ein Buch über "Qatar Papers" Aufsehen, das zeigt, wie der katarische Geheimdienst die Politik in europäischen Ländern zugunsten der Muslimbrüder beeinflusst.

Autoritäre Potenziale

04.04.2019. Die Ausstellung über "sittsame" Mode in Frankfurt sorgt weiter für Debatten. Das Kopftuch ist eine Befreiung, erläutert in der Zeit die Modehistorikerin Barbara Vinken in einer köstlichen dialektischen Volte. Auch andere weiße Alpha-Frauen in FAZ, SZ und Zeit lächeln ihren apart verschleierten Geschlechtsgenossinnen aus anderen Kulturen huldvoll zu. Einige Stimmen der "Initiative Säkularer Islam", die sich in Emma äußern, und auch der Perlentaucher sind nicht einverstanden. Außerdem: Gegen das "Zentrum für Politische Schönheit" wird wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. SZ und Netzpolitik erläutern, dass der Paragraf, der hier zur Anwendung kommt, noch aus dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat stammt.

Nur Stoff

03.04.2019. Morgen wird in Frankfurt die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" eröffnet. Susanne Schröter in der FAZ und Sonja Zekri in der SZ sind darüber denkbar entgegengesetzter Auffassung. Lale Akgün erklärt bei hpd.de, warum die SPD Säkulare braucht, etwa um über "die rituelle Beschneidung von Jungen, Sterbehilfe und vieles mehr" zu diskutieren. Bloomberg bringt eine für Google recht peinliche Recherche: Youtube-Chefin Susan Wojcicki soll so gut wir gar nichts getan haben, um rechtsextreme Inhalte einzudämmen. Silicon Valley ist sowieso ziemlich faul, meint Peter Thiel in der NZZ.

Etwas, um aus der Sackgasse zu kommen

02.04.2019. In der taz beklagt Naika Foroutan eine "Migrantisierung der Ostdeutschen". Aber sie hat auch einen Trost: "Ostdeutsche sind weniger stark von Rassismus betroffen als Muslime." Wolfgang Tischer  macht im Literaturcafé auf nicht so erfreuliche Folgen der EU-Urheberrechtsreform für die Urheber aufmerksam. Mark Zuckerbergs Vorschläge für internationalen Datenschutz im Internet stoßen auf Skepsis. Die SZ setzt ihre Diskussion über Künstliche Intelligenz fort. Beim Thema Brexit gibt's nur noch Ratlosigkeit.

Unerbittlich negativ

01.04.2019. In Zeit online erzählt der syrische Arzt Ahmad Helmi, wie das syrische Regime mit systematischer Folter und mit Terror die Bevölkerung gleichschaltet. Im New Stateman beschreibt Martin Fletcher, ehemals Times, wie die britische Presse den extremsten unter den Brexiteers jahrzehntelang half. Mark Zuckerberg fordert in einem Blogbeitrag eine internationale Regulierung des Internets. Es sei "grundverkehrt, die ökologische Frage zu privatisieren, statt sie zu politisieren", schreibt Ralf Fücks in Spiegel online mit Blick auf die "Fridays for Future"-Bewegung. Und der Standard feiert die Slowaken.