Die staatliche Entführung des belarussischen Bloggers
Roman Protassewitsch, der das Portal
Nexta mit betrieb, ist vor allem ein Schlag gegen die entstehende Öffentlichkeit in Belarus, die vor allem eine
Internetöffentlichkeit ist, schreibt Felix Ackermann in der
FAZ in einem sehr informativen Hintergrundtext. Eine besondere Rolle spielte das Portal
tut.by, das einige Tage vor der Verhaftung Protassewitschs geschlossen wurde. "Der französische Historiker Ernest Renan hatte einst die Nation als
tägliches Plebiszit beschrieben, das in der synchronen Lektüre der Zeitung am Frühstückstisch zum Ausdruck kommt. Genau dieses Bild trifft auf
tut.by in Belarus zu: Ganz unterschiedliche Angehörige der sonst stark zersplitterten Gesellschaft nutzten es zur gleichen Zeit auf ihren Mobiltelefonen, ganz gleich, ob sie am Schreibtisch, in der Metro oder auf dem Sofa sitzen." Dreizehn der
tut.by-Journalisten sind laut Ackermann inzwischen in Haft.
Allein mit Sanktionen wird man Lukaschenko nicht aufhalten können, meint der britische Historiker
Alexander Clarkson im
Zeit-Online-
Gespräch mit Malte Born. Autokratische Regime trifft man am besten durch
Migration, meint er: "Wenn die EU das Lukaschenko-Regime wirklich treffen will, muss sie ihren Arbeitsmarkt für
Arbeitskräfte aus Belarus öffnen. Diesen Zugang haben aktuell vor allem IT-Fachkräfte. Die EU sollte ihre Grenzen für breite Bevölkerungsschichten öffnen: Fachkräfte aus der Landwirtschaft, dem Gesundheitssektor, der Industrie. (…) Regimes brechen immer zusammen,
wenn die Elite zerbröselt. Lukaschenko hatte trotz des großen Drucks aus der Bevölkerung immer die Kontrolle über die Sicherheitskräfte und große Teile der wirtschaftlichen Elite. Je mehr Menschen aus den starken Wirtschaftssektoren abwandern, desto größer wird der Druck auf Lukaschenko und desto größer werden auch die
Kosten für Russland, das Regime am Leben zu halten."
Auch Leonid Ragozin
glaubt in
politico.eu nicht so sehr an
Sanktionen. Viel mehr fordert er, dass die EU
Akteure der Zivilgesellschaften Russlands und Belarus' tatkräftig unterstützt - etwa durch großzügige Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen. Viele positive Ansätze gibt es schon: "Ganze Sektoren sowohl der russischen als auch der belarussischen Zivilgesellschaft finden in dieser unruhigen Zeit
Zuflucht in der EU: Aktivisten, Journalisten, Pädagogen, Menschenrechtler. EU-Länder sind zum Hauptstützpunkt für die führende Figuren der belarussischen Opposition und für wichtige Mitarbeiter in Nawalnys Bewegung geworden. Große russischsprachige Medien wie
Meduza und Bildungseinrichtungen wie die überwiegend belarussische European University of Humanities in Vilnius operieren von den
baltischen Ländern aus. Die neu gegründete Free Russian University mit Sitz in Riga ist mit russischen Spitzenleuten hochkarätig besetzt und bietet kostenlose Online-Kurse für alle an, die sich hier bewerben."
Nach sieben Jahren Gesprächen hat die
Schweiz gestern die Verhandlungen mit der EU über den Abschluss eines
institutionellen Rahmenvertrags abgebrochen,
berichtet Johannes Ritter im
FAZ.Net. In der
Republik kommentiert Roger De Weck, einst Chefredakteur der
Zeit, und zeichnet das Bild einer dysfunktionalen und arroganten
Schweizer Politik und eines gleichgültigen Publikums. Erstaunlich das Symptom, an dem er das festmacht: "Ausgerechnet die Eidgenossenschaft mit ihrem ausgebauten Gesundheitswesen beklagt
deutlich mehr Covid-19-Tote pro Einwohnerin als ihre Nachbarländer Deutschland und Österreich. Doch war
das Sterben bloß in der Weihnachtszeit ein größeres Medienthema. Ziemlich indolent, unempfindlich gegenüber Schmerz hat die veröffentlichte Meinung die Opfer
mehr beschwiegen als betrauert. Die sehr realen Corona-Toten gehören nicht zur Schweizer Realität."
Ausgerechnet
die Grünen weigern sich in Hessen, Akten zu den
NSU-Ermittlungen, bei denen sich ein krasses Versagen der Behörden erwies, öffentlich zu machen - aus Rücksicht auf den Koalitionspartner CDU. Die Grünen offenbaren hier mit ihrer bloß formalen Argumentation eine "
sture Beamtenlogik",
kommentiert Ulrich Schulte in der
taz: "Der Rechtsstaat hat gegenüber diesen Menschen
eine Bringschuld. Er muss nicht nur vollständig aufklären, sondern auch das
Trauma heilen, das der NSU-Terror verursacht hat. Die Grünen in Hessen scheitern an diesem Anspruch bisher grandios."
Es war ein "
schwerer Fehler", dass sich die
Grünen für eine Kanzlerkandidatur entschieden haben,
meint Thomas Schmid, der ihnen in der
Welt ein zur Schau gestelltes "
Gefühl moralischer Überlegenheit" vorwirft, das sie mit Fridays for Future verbinde: "Die Ziele sind allesamt hehr,
nicht befleckt vom Schmutz des Lebens 'normaler' Menschen: Frieden, gesunde Umwelt, Gendergerechtigkeit, sanfte Energie, Fahrradwege,
keine Armut,
keine Gewalt, Solidarität und so weiter. Der FFF-Fehler besteht darin, zu glauben, dies alles zu fordern, sei unmittelbar und sogleich auch schon Politik. Und die Grünen trauen sich nicht, dem entschieden zu widersprechen. In dem Sinne sind sie eine Klientelpartei wie andere Parteien auch - samt dem dazugehörenden
Klientel-
Opportunismus."