Die Neuen Länder stellen zwar nur 15 Prozent der Wahlberechtigten,
schreibt der Politologe
Wolfgang Schröder in der
taz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, aber sie hatten nach der Wende einen
überproportionalen Einfluss auf die gesamte Wählerschaft in Deutschland, unter anderem durch die
Entstehung der PDS als einer nicht koalitionsfähigen Partei im linken Spektrum, die sich vor der AfD zudem als Regionalpartei profilierte, und durch die starke
Basis für die AfD. Es reicht im übrigen nicht, immer wieder auf den
Mentalitäten der Neubürger herumzureiten, solange nicht
sozialen Unterschiede benannt sind, meint Schröder: "Während das
durchschnittliche Vermögen in Westdeutschland rund 200.000 Euro beträgt, liegt es im Osten bei unter 70.000 Euro. Die Arbeitslosenquote betrug 2018 im Osten des Landes 6,9 gegenüber 4,8 Prozent im Westen. Der Niedriglohnsektor liegt bei fast 40 Prozent aller Beschäftigten, im Westen sind es dagegen nur 20 Prozent. Es fehlt an Betrieben mit Forschung und Entwicklung, an komplexen Jobs."
Auch der Schriftsteller
Ingo Schulze kritisiert in seiner Rede zur Verleihung des Kunstpreises der Stadt Dresden, die die
SZ veröffentlicht, eine
andauernde Ungleichheit zwischen Ost und West, die er skandalös findet: "Heute gibt es kein Land in Europa, in dem einer Bevölkerung
so wenig an Grund und Boden, an
Immobilien und an
Betrieben gehört wie den Ostdeutschen im Osten Deutschlands, keine Bevölkerung, die dort, wo sie lebt, so wenige Führungsposten innehat wie die Ostdeutschen, sei es in den Betrieben, in den Medien, den Verwaltungen und Banken, beim Militär und der Polizei oder an den Gerichten und Universitäten. Bundesweit waren 2016 ganze
1,
7 Prozent der Ostdeutschen in Spitzenfunktionen bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent. Noch niederschmetternder ist nur: Es gibt keine Tendenz hin zur Angleichung. Weder wächst für Ostdeutsche der Besitz an Wohneigentum, Grund und Boden oder Unternehmen noch der an Führungspositionen. ... Die
Ungleichheit vererbt sich im wahrsten Sinne des Wortes fort."
In der
Welt meint Torsten Krauel - auch mit Blick auf die Behauptung des Ostbeauftragten
Marco Wanderwitz vor einigen Tagen, ein Teil der Ostdeutschen sei für die Demokratie verloren - zum Wahlergebnis in
Sachsen-
Anhalt: "Mit Reiner Haseloff hat ein in der DDR aufgewachsener Katholik gezeigt, dass die
Diktaturerfahrung in eine starke politische Mitte münden und so zu einem
Rettungsanker für die West-CDU werden kann. Die merkwürdige Debatte über demokratieunfähige Ostdeutsche endet an diesem Punkt zunächst."
Ähnlich sieht das Cerstin Gammelin in der
SZ: Die Wahl in Sachsen-Anhalt zeige weniger, dass die Ostdeutschen desinteressiert am Klimaschutz sind, sondern dass der ganze Diskurs
westdeutsch und unehrlich ist: "Zählt man die
Windräder, mit denen
Sachsen-
Anhalt zugestellt ist, entsteht der Eindruck, dass es die Energiewende ganz allein schultert: Im Land stehen
fast vier Mal so viele Windräder wie in Baden-Württemberg, in dem der grüne Ministerpräsident
Winfried Kretschmann ebenso lange regiert wie Haseloff - aber
medial als fortschrittlich wahrgenommen wird. Der Osten, das hat Michael Kretschmer, Haseloffs Kollege aus Sachsen gesagt, habe ein besonderes Gespür für Widersprüche. Das spiegeln auch die Wahlergebnisse. Wegen des riesigen Niedriglohnsektors fällt dort im Portemonnaie eher auf, dass man zwar
Licht ausmachen und Strom sparen kann, der
Strompreis aber trotzdem steigt."
Bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt war im übrigen
Schrödinger Katze unterwegs: Der
Blick aufs Ereignis hat das Ereignis verändert. Die Prognosen zur Wahl haben die Wahl so stark beeinflusst, dass sie die Prognosen am Ende selber Lügen straften, beobachtet Jürgen Kaube in der
FAZ: "Man könnte es eine
selbstzerstörerische Prophetie nennen". Die Wahlprognosen hatten nämlich mehr oder weniger ein Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU und AfD gesehen - in Wirklichkeit lag die Differenz dann bei
16 Prozent: "Die Demoskopen werden eine solche
Wirkung ihrer Vorhersagen freilich nicht gern zugeben. Denn darin läge nicht nur die Einsicht, dass es gar keine richtigen Wahlumfragen gibt, weil jede falsche sich mit ihrem Feedback entschuldigen könnte. Es hieße auch, dass Umfragen oder zumindest ihre Publikation politisch und nicht neutral zu betrachten wären. Womöglich unterbleibt auch deshalb eine Diskussion auf offener Bühne."
Auch Henryk Broder thematisiert das
krasse Versagen der Prognosen in der
Welt: "Wer denkt sich so was aus? Und wie schaffen es solche 'Prognosen' in die Medien, vom
Ahlener Tagblatt bis zur
Zossener Rundschau? Ich finde, die Mitarbeiter des
ARD-'Faktenfinders' oder das Team von
Correctiv, das sich zum 'investigativen Journalismus' bekennt, sollten solche Fragen auf ihre To-do-Listen setzen."
Als
Walter Smerling, Leiter der Bonner "Stiftung für Kunst", 2017 eine Schau mit Kunst aus Deutschland in Peking organisierte, dachte er, dass man "trotz politischer Differenzen" mit Kunst Brücken bauen kann,
erzählt er gerade noch dem
Tagesspiegel. Darum organisierte er anschließend die große
europäische Kunstausstellung "Diversity United" unter der Schirmherrschaft von
Frank-
Walter Steinmeier,
Emmanuel Macron und
Wladimir Putin. Der Traum vom Brückenbau ist geplatzt, berichtet Sonja Zekri in der
SZ. "Einer der Partner der Riesenschau ist der
Petersburger Dialog, eine Plattform für den Austausch zwischen beiden Ländern. Vor wenigen Tagen aber wurden drei Organisationen in Russland
für '
unerwünscht' erklärt, also de facto verboten, darunter
zwei Mitglieder des Petersburger Dialogs. Wer künftig mit dem Deutsch-Russischen Austausch oder dem Zentrum Liberale Moderne zusammenarbeitet, kann zu
sechs Jahren Haft verurteilt werden. Ihre Tätigkeit sei '
eine Bedrohung für die Grundlagen der verfassungsmäßigen Ordnung und die Sicherheit der Russischen Föderation', erklärte die russische Generalstaatsanwaltschaft. Das Ganze ist in mehr als einer Hinsicht bizarr. Der Petersburger Dialog wurde 2001 von Putin selbst und dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufen und galt Kritikern eher als
zu zahm, eine Honoratiorenveranstaltung." Putin, das steht wohl fest, wird bei der Eröffnung heute Abend nicht anwesend sein.