Auf der Titelseite der
taz wägen Dominic Johnson und Bernd Pickert heute ab, ob das
Gerichtsurteil gegen Marine Le Pen, die bei den nächsten Wahlen nicht antreten darf (
unser Resümee), gut für die Demokratie ist. Ja, meint Pickert, "weil das Urteil den wichtigsten Grundsatz eines jeden Rechtsstaates bestätigt: Niemand steht über dem Gesetz." Die Kritik daran sei falsch, "denn sie fordert, Gerichte müssten in einem Strafverfahren gegen Politiker*innen politische über rechtliche Bewertungen stellen. Damit würde es sich dann tatsächlich um
politische Justiz handeln - wenn auch anders, als es die Rechtsradikalen stets behaupten. Denn genau sie kämen dann immer davon - man will sie ja nicht stärken. Als Nebeneffekt würde das Recht bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt, und wer glaubt, dass die Faschisten darauf nicht aufbauen, ist unfassbar naiv. Oder sollte sich genau ansehen,
was gerade in den USA passiert, wo ein notorischer Straftäter erst die Gerichte vier Jahre an der Nase herumgeführt hat, dann wieder antreten durfte und seit seinem Amtsantritt von der Macht aus die unabhängige Justiz frontal angreift."
Nein, meint hingegen Johnson, "denn der Ausschluss von Frankreichs populärster Politikerin von der nächsten Präsidentschaftswahl steht in keinem Verhältnis zur Schwere ihrer Straftaten.
Ähnlich wie Linke in der Türkei die Verfolgung des Istanbuler Bürgermeisters İmamoğlu als politisches Manöver gegen den aussichtsreichsten Widersacher von Präsident Erdoğan werten, so sehen jetzt Rechte in Frankreich im Wahlausschluss der Rechtspopulistenchefin Marine Le Pen einen vorauseilenden Putsch. Das Urteil ist eine
Steilvorlage für Verschwörungstheoretiker und Opferdiskurse."
Ja, es wäre "für den sozialen Frieden in Frankreich fraglos besser gewesen, das Gericht hätte sich damit begnügt, die Strafe ohne
sofortige Vollstreckung zu verhängen", kommentiert Martina Meister in der
Welt. Aber das Urteil haben sich Le Pen und ihre Entourage selber zuzuschreiben: "Nicht die Richter sind schuld, nicht die Demokratie, sondern ganz allein Le Pen, die von ihrem Vater die Ideologie geerbt hat - und auch ein System der Scheinanstellung in Brüssel, das sie nicht hinterfragt und abgeschafft, sondern perfektioniert hat." Le Pen und ihr Parteichef Jordan Bardella erhoffen sich nun "Petitionen und Protestmärsche. Aber sie spielen mit dem Feuer, wenn sie den Rechtsstaat diskreditieren und von der '
Tyrannei der Richter' sprechen.
Die Verhaftung
Ekrem Imamoglus löste "ein Aufbäumen aus", wie es die Türkei noch kaum erlebt hat,
hält der Schriftsteller
Ismail Güzelsoy in der
NZZ fest. Das gibt ihm Anlass zu leiser Hoffnung: "Erdogan musste einsehen, dass er Imamoglu nicht schlagen konnte, egal, wie er es auch anfing. So beschloss er, am 19. März zu illegalen Mitteln zu greifen, um seinen Rivalen aufzuhalten. Indes fasste eine große Mehrheit der Bevölkerung diesen Übergriff der Macht als zivilen Putsch auf, und von den angeblichen Beweisen ließ sich niemand überzeugen. Amin Maalouf hat die Bevölkerung des Nahen Ostens einmal so definiert: 'Es sind Menschen, die alles bedauern, sich aber um nichts kümmern.' Ein bitterer Satz. Er charakterisiert eine seelische Verfasstheit, bei der Gefühle gegenüber dem Verstand die Oberhand behalten. Die Türkei unterscheidet sich in dieser Hinsicht von den Völkern des Nahen Ostens. In der Türkei bedauert man zunächst, dann aber kümmert man sich. Und zwar bis zum Überdruss. Tatsächlich ist es schwer, uns wieder zum Sitzen zu bringen,
wenn wir einmal stehen."
Während Keir Starmer, Giorgia Meloni oder Emmanuel Macron nach wie vor das
Gespräch mit Erdogan suchen, geht Deutschland auf Distanz. Falsch
findet das
FAZ-Autor Friedrich Schmidt bei den
Ruhrbaronen: "Erdogan lässt sich nicht durch Appelle beeindrucken, und die demonstrative Kälte aus Berlin schwächt nicht ihn, sondern nur Deutschlands Einfluss. Andere Länder haben das erkannt: Frankreich verhandelt über Rüstungskooperationen, Italien sucht energiepolitische Partnerschaften, selbst Griechenland, trotz aller Spannungen, hält den Dialog aufrecht. Dabei geht es nicht darum, Werte über Bord zu werfen. Sondern darum, klüger zu agieren. Statt öffentlicher Verurteilungen, die Erdogan nur als Propagandamaterial dienen, könnte Deutschland
Reformkräfte in der Türkei gezielt unterstützen - durch wirtschaftliche Anreize, Bildungsprogramme, zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit. Statt sich aus sicherheitspolitischen Fragen herauszuhalten, sollte Berlin anerkennen, dass Stabilität in der Ägäis, im Nahen Osten, in der Energieversorgung ohne die Türkei nicht zu haben ist."
Bei
Zeit Online ist Marta Ahmedov nicht abgeneigt gegenüber der Idee einer allgemeinen Wehrpflicht zu Verteidigungszwecken. Die gesellschaftliche Debatte darüber sollte nicht auf die subjektive Frage "
Würdest du kämpfen?" reduziert werden, findet sie: "In den argumentativen Rahmen ihrer persönlichen Entscheidung ziehen die Autoren noch allerlei andere Dinge. Es wird davor gewarnt, dass Deutschland der 'Wille zum Frieden' abhandenkommen würde - als läge es nur am falschen Mindset hierzulande, dass Russland eine reale Bedrohung für Europa ist. Es wird suggeriert, dass es an mangelnden Bemühungen des Westens und der Ukraine läge, dass Russland dort immer noch Krieg führt - als sei es nicht Putin, der immer wieder Verhandlungen und Waffenstillstände ablehnte, wie zuletzt in der vergangenen Woche. In einem Text verharmlost
Ole Nymoen die Konsequenzen einer russischen Besatzung sogar als bloße '
Verschlechterung der Lebensumstände' und spricht sich mit diesem Argument für eine Kapitulation vor dem Aggressor aus."