9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2019 - Gesellschaft

In der FAZ ärgert sich Wolfgang Krischke über die Halbherzigkeit, mit der Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank den AfD-Gründer und altneuen Wirtschaftsprof Bernd Lucke gegen die Angriffe von Studierenden verteidigt. Auch die Spitzfindigkeiten des Uni-Präsidenten Dieter Lenzen gehen ihm gegen den Strich: "In einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt beklagt sich Dieter Lenzen über einen 'Brei von Halbgewusstem und Halbverdautem', der über den Köpfen ausgeschüttet werde. Zu diesem Brei zählt er auch die Ansicht, die Störaktionen seien ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Tatsächlich, so Lenzen, gehe es allein um Wissenschaftsfreiheit, denn nur wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht politische Meinungen dürften Gegenstand akademischer Lehre sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2019 - Gesellschaft

Beschneidung von Männern ist selten ein Thema. Sehr interessant schreibt die Historikerin Gesine Krüger auf geschichtedergegenwart.ch über den südafrikanischen Netflix-Film "The Wound (Inxeba)" von 2017, der gleich zwei Tabuthemen aufgreift, Beschneidung in Initationslagern für junge Männer und Homosexualität. Zunächst spricht sie über die Rolle der traditionellen "Führer" von Communities, die ihren Status auch dem Antikolonialismus verdanken. Sie wachen über die Praxis: "Die Vorstellung, dass der Film jahrhundertealte, geheimnisvolle Zeremonien zeigen würde, die auch in der deutschen Filmkritik immer wieder auftaucht, übersieht, dass die Teilnahme an einem Beschneidungslager heutzutage sehr moderne Voraussetzungen hat. Die jungen Männer müssen 18 Jahre alt, also im staatsbürgerlichen Sinne volljährig, sein und ein medizinisches Zeugnis vorlegen. Allerdings gibt es auch viele illegale Initiationsschulen, die bereits jüngere Teenager aufnehmen, und jedes Jahr sterben tragischerweise zahlreiche junge Männer an den Folgen von Infektionen aufgrund mangelhafter Wundversorgung und anderer Probleme in den Initiationsschulen."

Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor diskriminiert - je älter, desto schlimmer, schreibt Simone Schmollack im Zeit-Blog 10 nach acht: "Personalentscheider*innen schielen vor allem nach jungen Mitarbeiter*innen. Mit denen läuft es unkompliziert: Die Jungen wollen was werden, fügen sich also eher und schweigen, wenn sie mit Entscheidungen und Vorgängen nicht einverstanden sind. Oder, wie ein Abteilungsleiter mir mal sagte: 'Wir nehmen keine alten Frauen, die kann man nicht mehr formen.' An dieser Stelle paart sich Altersdiskriminierung mit Frauenabwertung: Sobald Frauen über bestimmte Erfahrungen verfügen und verstehen, wie es läuft, können sie gefährlich werden. Sie könnten ja einen Anspruch auf Führungsposten erheben und möglicherweise einen Mann verdrängen. Oder, anders formuliert: Die männliche Angst vor Frauen, die keine Angst mehr haben, die sagen, was sie denken, die über Fachwissen verfügen und obendrein noch führen können, ist nach wie vor groß."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2019 - Gesellschaft

Schrumpft die City, ruft Nicholas Shaxson im Guardian. Nach dem Brexit will Britannien das Steuerparadies Nummer 1 werden, das es im Grunde jetzt schon sei, führt er aus. Aber ein Finanzsektor, der größer ist, als es eine Volkswirtschaft braucht, höhle die Gesellschaft als ganze aus: "Ein übergroßer Finanzsektor führt auch zu zerstörerischen Finanzkrisen. Schmutziges Geld aus dem Ausland, das in den britischen Immobilienmarkt fließt, hilft dem oberen einen Prozent, aber schadet dem Vereinigten Königreich insgesamt..., indem es die Preise für Eigentum in die Höhe treibt, Millionen Menschen auf die Armutsleiter oder noch tiefer in die Schulden schubst. Kurz, zu viel Finanzwirtschaft macht uns arm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Gesellschaft

"Kultur" kann ein Zwangssystem sein. In der FAZ unterhält sich Anna Vollmer mit der Aktivistin Memory Banda, die in Malawi gegen eine kulturelle Praxis kämpft. Mädchen werden dort in Initiationscamps gesteckt: "Sie lernen dort etwas über kulturelle Werte, was gut ist, aber sie werden auch in die Sexualität eingeführt. Am letzten Tag des Camps wird ein Mann eingeladen, der alle Mädchen dort vergewaltigt, damit sie zu erwachsenen Frauen werden. Manchmal muss auch das Mädchen selbst einen Mann suchen, der sie 'zur Frau macht'. Diese Tradition ist völlig zerstörerisch. Die Mädchen bekommen gesagt: Du bist nun erwachsen! Die meisten verlassen danach die Schule oder werden schwanger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2019 - Gesellschaft

Es ist zwar weithin anerkannt, dass Antisemitismus eine böse Sache ist, aber er hat auch eine von Arthur Buckow in der Jungle World spöttisch benannte praktische Seite: "Antisemiten sind immer nur die anderen. Das ist das Komfortable am Antisemitismus." Ein Kampf gegen Antisemitismus, so Buckow, ist darum nur glaubhaft, wo er unkomfortabel ist: "Und das heißt, ihn zuerst im je eigenen Milieu aufzunehmen - dort also, wo es weh tut. Denn Aufklärung ist laut Max Horkheimer zuallererst Selbstaufklärung und Naivitätsverlust. Kompromisslosigkeit ist hier keine Phrase, sondern beweist sich durch eine gewisse, gut begründbare Bündnisunfähigkeit sowie durch eine trotzige Diskursunfähigkeit."

In der FAZ berichtet Paul Ingendaay vom Besuch Ronald S. Lauders vom Jüdischen Weltkongress in der Synagoge von Halle: "'Wo war die Polizei?', fragt Lauder immer wieder. 'Sie war nicht da', sagt der Gemeindevorsteher. Nach Einschätzungen des BKA stellte die Jüdische Gemeinde Halle keinen auffälligen Risikopunkt dar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Gesellschaft

Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress (WJC), wird am Montag Angela Merkel mit der Theodor-Herzl-Medaille auszeichnen. In der FAZ kommt er auf eine neue Umfrage zurück, die einen in Deutschland ziemlich konsistenten Antisemitismus nachweist (unser Resümee). "Wenn es ein Land auf der Erde gibt, das extrem empfindsam sein sollte, wenn es um Antisemitismus geht, dann ist es Deutschland. Die Parteien und gesellschaftlichen Eliten in diesem Land haben es jedoch versäumt, alle Formen des Antisemitismus von ganz rechts und ganz links konsequent zu bekämpfen. Und anscheinend hat dies dazu beigetragen, dass viele Menschen in Deutschland nie aufgehört - oder jüngst wieder begonnen - haben, diesem Hass zu glauben."

Der Osten, dem Helmut Kohl einst "blühende Landschaften" versprach, ist heute eine "Palliativstation", meint die Schweizer Politikberaterin Christina E. Zech in der NZZ und erklärt: Der Westen hätte nach der Wende auch in kommunale Strukturen und politische Bildung investieren müssen: "Westdeutschland erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg viele materielle Güter durch den Marshall-Plan. Parallel dazu wurden jedoch auch systematische demokratische Bildungsprogramme auf allen Ebenen etabliert: für Beamte und Politiker, für Journalisten und für den Nachwuchs per Lehrplan in den Schulen. Letzteres wurde im Osten sträflich vernachlässigt. (...) Das Schulfach Politik wurde nirgends im Osten systematisch eingeführt. Als ein namhafter Verlag zwanzig Jahre nach der Wende bei sächsischen Lehrkräften deren Bedarf an Lehrmitteln in Gemeinschaftskunde erfragte, hieß es: Das Fach stehe erst in den letzten Schuljahren auf dem Stundenplan. Doch es werde fast nirgends unterrichtet, denn es gebe zu wenig ausgebildete Lehrkräfte. Und selbst diese hätten Angst davor, dass ein Halbwüchsiger, der rhetorisch perfekt in rechtsextremem Denken geschult sei, ihnen das Wort im Mund verdrehe und den Unterricht schmeiße."

Rechtsextreme Attentäter
sind weder "Einzeltäter" noch "wirr", sondern handeln bewusst und verfügen über ein "konsistentes" Weltbild, schreibt der Kunst- und Kulturtheoretiker Jörg Scheller in der NZZ, um dieses Bild dann vor allem ästhetisch zu erklären: "Rechtsextremistische Weltbilder sind stark und kontrastreich. Sie sind so beruhigend wie energetisierend. Die empirische Realität indes ist unübersichtlich, widersprüchlich, widerständig und wandelbar. Für Rechtsextreme, die sich als heroische Künstler, als souveräne Autoren verstehen, ist der Eigensinn der Realität ein Affront. Es ist für sie unerhört, dass auch Feministinnen, Liberale oder Migranten an diesem Bild mitmalen wollen!Und weil sie die Welt da draußen nicht mit virtuellen Pinselstrichen verändern können, greifen sie irgendwann zur Waffe. Sie setzen ihr Kunstwerk fort. Aber sie malen mit Blut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2019 - Gesellschaft

Soll man mit Rechtspopulisten reden? Nein, schreiben im Tagesspiegel Shimon Stein, Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheit Studien, und der Historiker Moshe Zimmermann: "Das ist eben die Zwickmühle der Demokratie: Um wehrhaft zu sein, muss sie Freiheiten einschränken, die sonst als Waffen von ihren Feinden missbraucht werden. Die Bereitschaft zum Dialog, zum Meinungsaustausch, verwenden Populisten als Waffe. Populisten, die 'das System' unterwandern wollen, benutzen die Dialogbereitschaft der Vertreter des 'Systems', um die Grundbegriffe der Demokratie neu zu besetzen - und somit ihr Weltbild zu verbreiten. Man täuscht die 'authentische Demokratie', das 'authentische Volk', die 'authentische Freiheitsliebe' vor und schafft somit eine neue Auslegung der Verfassung, des Grundgesetzes, des Anstandes. Der Dialog wird zum Köder, zur Einladung für die Umwertung der Grundwerte der Demokratie."

Ebenfalls im Tagesspiegel erinnert Malte Lehming die Linke nachdrücklich an das Recht auf freie Meinungsäußerung: "Immer mehr Deutsche beklagen ein repressives Meinungsklima. In der jüngsten Shell-Studie meinten 68 Prozent der Zwölf- bis 27-Jährigen, dass man 'nichts Schlechtes über Ausländer sagen kann, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden'. Laut dem Autor der Studie hat eine Mehrheit der Jugend das Gefühl, dass zu sehr mit Denkverboten operiert wird. Eine Allensbach-Umfrage ermittelte, dass 41 Prozent der Deutschen der Ansicht sind, dass die 'Politische Korrektheit' übertrieben wird. 35 Prozent sagen, freie Meinungsäußerungen seien nur noch im privaten Kreis möglich."

Laut einer anderen repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses (WJC) hegen"27 Prozent aller Deutschen und 18 Prozent einer als Elite kategorisierten Bevölkerungsgruppe antisemitische Gedanken", meldet Stefan Kornelius indes in der SZ.

"Jetzt erst recht sollten Juden in Deutschland ihren Anspruch deutlich machen, im Land zu bleiben, aber als selbstbewusste Juden", schreibt der Soziologe Nathan Sznaider in der NZZ: "Das muss nicht unbedingt heißen, dass Juden sich bewaffnen sollten, um sich gegen ihre Angreifer zu wehren. Aber es soll auch nicht heißen, blind auf die staatlichen Institutionen und auf den guten Willen der Mehrheitsgesellschaft zu vertrauen."

Und noch eine Umfrage über diese trüben Zeiten: Die Forschungsorganisation "More in Common" legt eine Studie zur Seelenlage der Deutschen vor, deren Ergebnisse beunruhigend klingen. Allerdings sind die Methoden der Organisation, über die sich Christian Bangel von Zeit online mit der "More in Common"-Chefin für Deutschland Laura-Kristine Krause unterhält, umstritten - die Organisation ist in mehreren Ländern tätig und hat auch in den USA eine "ermüdete Mitte" diagnostiziert. Zu Deutschland sagt Krause: "Die Zutaten, die in Großbritannien, Frankreich und den USA, also den anderen More-in-Common-Ländern, zu einer toxischen politischen Atmosphäre geführt haben, die gibt es in Deutschland auch. Sie liegen auf dem Tisch, aber sagen wir: Sie sind noch nicht im Topf. Der Ton wird schärfer, es gibt wenige gemeinsame Informationsquellen, und die Menschen werten diejenigen ab, die sie nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft sehen."

Ganz besonders betrüblich liest sich vor allem ein Befund der Studie: 60 Prozent der Deutschen meinen angeblich, es solle "endlich ein Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit" bezogen werden - der Politologe Yascha Mounk kommentiert ihn in einem Twitter-Thread.

In unserer differenzierten, vielfach durch Machtteilung abgesicherten Gesellschaft ist ein konzertiertes Handeln gegen eine globale Herausforderung den Klimawandel kaum möglich, schreibt Armin Nassehi in der Zeit: "Selbst bei Konsens über Grundziele, wie sie in Resolutionen vereinbart werden, reagieren die unterschiedlichen Instanzen der Gesellschaft nach ihren je eigenen Regeln und Erfolgskriterien. Politik ohne Machtchance ist ebenso unmöglich wie ökonomisches Handeln ohne Markterfolg. Die Funktionsstelle fürs Ganze gibt es nicht, und wo man sie einzurichten sich anschickt, werden die Standards der Moderne unterlaufen."

Vielleicht ist die Bewegung "Extinction Rebellion", die vor allem auf Panik setzt, deshalb intellektuell so dürftig. So schildert sie jedenfalls die taz-Redakteurin Katharina Schipkowski nach Lektüre der Schrift "Common Sense for the 21st Century" des Mitbegründers Roger Hallam: "Mit einem gesellschaftlichen Prozess, in dem kritisch denkende Menschen zusammen Pläne diskutieren und Strategien entwickeln, hat das nicht viel zu tun. Auch nicht mit der Annahme, dass mehrere Köpfe mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen schlauer sind als ein einzelner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2019 - Gesellschaft



(Via emma.de) Überall prangt zur Zeit in Berlin eine Anzeigenkampagne mit dem schönen Titel "Wir sind Rechtsstaat". Eines der Motive zeigt einen lachenden jungen Muslim und einen lachenden jungen Juden auf einem Tandem. Einige bekannte Feministinnen, darunter Luise Pusch, Helke Sander und Eva Quistorp kritisieren in einem offenem Brief an das Bundesjustizministerium die allzu harmlose Präsentation: "Weit effektvoller wäre es, wenn Sie schreiben würden,
- dass jeder* hier glauben kann, was sie* will, solange der Glaube und daraus folgende Taten nicht gegen das Grundgesetz verstoßen,
- dass Menschen nicht verfolgt werden dürfen, wenn sie sich von der Religion lossagen möchten, in die sie hineingeboren wurden,
- dass auch Religionslosigkeit akzeptabel ist und durch das Grundgesetz geschützt.
Großartig wäre auch ein Plakat, das darauf hinweist, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind - möglichst in mehreren Sprachen." Der größte Kritikpunkt der Autorinnen: "Jetzt ist die gut gemeinte Idee lediglich eine Verschwendung von Steuergeldern. Das schrecklichste Problemfeld in unserem Land und weltweit - die Gewalt gegen Frauen, der tagtägliche Femizid - wird nicht einmal erwähnt!" Alle Motive der Kampagne sind hier zu sehen.

Mit Theodor Wonja Michael ist einer der letzten schwarzen Zeitzeugen der NS-Geschichte im Alter von 94 Jahren gestorben. Im taz-Nachruf schreibt Vanessa Spanbauer: "Ihm war es immer wichtig zu betonen, dass Schwarzsein und Deutschsein eine Selbstverständlichkeit ist. Es ist nichts, was sich ausschließt, auch wenn dieser Umstand für viele bis heute schwer zu akzeptieren ist. Rassismus ist ein Thema, welches Michael immer klar ansprechen konnte." Weitere Nachrufe in Zeit online (hier) und Freitag (hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2019 - Gesellschaft

In Halle haben die Behörden "die Juden alleingelassen", schreibt  Andrew Mark Bennett in einem Artikel über das Attentat von Halle im Tabletmagazine - obwohl die Gemeinde zumindest für die Feiertage um Polizeischutz gebeten hatte. "In Halle blieb den Juden nichts anderes übrig als sich selbst zu retten. Dafür stützten sie sich auf das Sicherheitssystem der Synagoge, die von der Jewish Agency for Israel gespendet worden war, mit Unterstützung des Helmsley Charitable Trust. Diese Sicherheitskameras ermöglichten es den Juden im Inneren, schnell informierte Entscheidungen zu treffen, um an Ort und Stelle Schutz zu finden und die Türen zu verbarrikadieren. Der frustrierte Terrorist, der die Tür nicht öffnen konnte, hoffte laut, 'vielleicht kommen sie ja raus'. Dank des Sicherheitssystems war das nicht möglich."

Zum gleichen Thema schreibt Ariane Lemme in der taz: "Teil des Problems ist, dass sich uns nicht der Magen umdreht angesichts der Tatsache, dass es diesen Schutz überhaupt braucht." Drei taz-Reporter begeben sich auf Erkundung in jüdischen Gemeinden in Deutschland. Marian Offman von der jüdischen Gemeinde in München sagt: "Mein erster Gedanke, als ich von dem Attentat hörte, war, dass wir uns jetzt in eine neue Phase hineinbewegen, was den Antisemitismus und die Bedrohung der jüdischen Bevölkerung angeht.

Auch in den Schulen nimmt der Antisemitismus immer mehr zu, berichtet der Lehrer Rainer Werner in der Welt. Da paart sich oft der muslimische Antisemitismus mit linken antiisraelischen Affekten. "Während arabische Schüler Israel als 'Kindermörderland' verunglimpfen, argumentieren deutsche Schüler differenzierter, weil sie wissen, dass Judenhass in Deutschland ein Tabu darstellt: 'Gegen die Juden in Deutschland habe ich nichts, aber wie sich die Israelis in Palästina aufführen …' Als der ehemalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) die Politik Israels im besetzten Westjordanland ein 'Apartheitsregime' nannte, pflichteten ihm Schüler bei: 'Endlich mal einer, der es wagt, die Wahrheit zu sagen.' Diese Haltung kennen wir eigentlich nur von der extremen Rechten. Anscheinend schlummern ähnliche Ressentiments auch in den Köpfen junger Menschen, die sich dem linksliberalen Spektrum zuordnen und sich für tolerant halten."

Eher beunruhigend liest sich das Getöse der Leerformeln, das Bundesfamilienmiministerin Franziska Giffey im Tagesspiegel serviert. "Niemand stellt die Krebsvorsorge infrage. Genauso selbstverständlich muss es für uns sein, unsere Demokratie vor Angriffen zu schützen und zu verteidigen. Halle muss dafür der letzte Weckruf gewesen sein. Und wir fangen nicht bei Null an, sondern wir haben dafür ein europaweit einzigartiges Instrument: Das Bundesförderprogramm 'Demokratie leben!', mit dem die Bundesregierung seit 2015 Projekte zur Stärkung unserer Demokratie und zur Extremismusbekämpfung unterstützt, angefangen mit 40 Millionen Euro in 2015 mittlerweile mit über 100 Millionen Euro pro Jahr." Na, dann.

Den gegenwärtigen Irrsinn politischer Auseinandersetzung dokumentiert Götz Aly in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung. Eine Studentin aus dem "RefRat" der HU (entspricht dem Asta) verklagt den Historiker Jörg Baberowski wegen eines Facebook-Posts, in dem er sie als dumm bezeichnete. Die ganze Auseinandersetzung liest sich bei Aly so: "Die Studentin Bafta Sarbo, hatte im September einen auf die aktuelle Berichterstattung der Bild-Zeitung bezogenen Tweet als 'sehr gut' bezeichnet, der frei nach Ulrike Meinhof so lautete: 'Wir sagen natürlich, die Springer-Journalisten sind Schweine, wir sagen, der Typ an der Tastatur ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen… und natürlich kann geschossen werden.' Baberowski bezeichnete das als unfassbar dumm, linksextrem und antidemokratisch. Worauf Frau Sarbo im Tagesspiegel verbreiten durfte: 'Wenn ich mir einmal so anschaue, mit was für Personen Herr Baberowski sich umgibt, bezweifle ich stark, dass er die Fähigkeit besitzt, zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten zu unterscheiden.'" Die taz berichtet hier über den neuen Streit um Baberowski.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2019 - Gesellschaft

Dass die Leute Rassismus nicht erkennen, wo er ist, liegt auch an falschem Geschichtsunterricht, meint Tobias Ginsburg in der taz, der bei diesem Thema Bildungsarbeit macht und bei einer Veranstaltung Björn Höckes just am Tag des Halle-Anschlags lauter Leuten begegnete, die den Raissmusverdacht weit von sich wiesen: "In der Schule liest man 'Die Welle', schaut einen kitschig-schaurigen KZ-Film, lernt Jahreszahlen - und beschwert sich hinterher, dass dieses doofe Dritte Reich und die lästige Ermordung der europäischen Juden viel zu viel durchgekaut wurde. Aber wie ein Rassist seinen Rassismus begründet, wie der Antisemit seinen Judenhass legitimiert, wo die Attraktivität solcher Vorstellungen liegt, damit beschäftigt man sich nicht."

Sie Ostdeutschen sind nicht abgehängt, schreibt der Religionssoziologe Detlef Pollack im Tagesspiegel, auch unter Bezug auf Umfragen. Viele äußerten sich annähernd so zufrieden mit der Demokratie wie die Westdeutschen. Allerdings verdanke sich der in den letzten dreißig Jahren errungene Wohlstand oft nicht eigener Leistung, sondern Transfers aus dem Westen: "Die Ostdeutschen wissen, dass sie ihn nur zu einem Teil den eigenen Anstrengungen verdanken. Wenn man die ostdeutschen Regionen außerhalb der Großstädte besucht, sieht man auf den ersten Blick, dass sich viele von ihnen in den durchsanierten Städten und Gemeinden wie Fremdkörper bewegen, die das, was sie an glänzenden Stahl-, Glas- und Betonkonstruktionen umgibt, nicht als ihr Eigenes erkennen - sofern sie denn überhaupt außer Haus gehen und nicht im Privaten bleiben."