Die
Ostdeutschen seien durch die Wende traumatisiert worden, deshalb wählen sie jetzt zur Pflege ihrer Wendewunden rechts, so geht - etwas verkürzt - die neue Erklärung für die Wahlergebnisse in Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Jaja, und das "
passende Narbenöl gibt's in der Drogerie um die Ecke",
spottet im
Zeit-Blog "10 nach 8" die in Bautzen geborene Autorin
Marlen Hobrack. Sie kann es nicht mehr hören, das Lied von der misshandelten ostdeutschen Identität: "Die ostdeutsche Seele, ob traumatisiert oder nicht, ist letztlich ein
rückwärtsgewandtes Konstrukt. Sie konnte erst entstehen, als das, was sie angeblich geschaffen hatte - der Staat namens DDR -, endgültig untergegangen und abgewickelt, die Erinnerung an Unterdrückung und Wendefreudentaumel verblasst war. Noch vor zehn Jahren gaben befragte ostdeutsche Twens, ich kann es selbst bezeugen, sehr stolz und wahrheitsgemäß an, dass ihre ostdeutsche Herkunft für sie keine Rolle spiele. Man sei eben deutsch, fühle sich sogar
eher europäisch."
Wie konnte er den
Rechtsextremismus in Ostdeutschland sein Leben lang übersehen,
fragt sich im
Tagesspiegel der 1991 in Magdeburg geborene Julius Betschka, dem der Hashtag
#baseballschlägerjahre (
mehr dazu hier) des
Zeit-Journalisten Christian Bangel die Augen öffnete. Es geht darin um die neunziger Jahre, als sich die Rechten im Osten formierten und
Linke und Ausländer zu jagen begannen, wie zum Beispiel bei den
Pfingstkrawallen in Magdeburg 1994, in deren Folge ein Afrikaner starb: "Auch in meiner Familie wurde über diese Zeit selten geredet. Soweit ich weiß, ist das auch in vielen anderen kein Thema. Es wird dieser Jahre nicht gedacht. Es scheint, als wären einfach alle froh, dass sie vorbei sind. Es gibt im Osten - was das betrifft -
keine Kultur des Erinnerns. Es ist eher eine des Schweigens."
"Haarsträubend"
findet es Birgit Walter auf
Zeit online, dass laut einer Studie des Berliner Instituts
Policy Matters 41 Prozent der Ostdeutschen das Recht auf
Meinungsfreiheit heute und in der DDR "locker auf eine Stufe stellen". Alles schon vergessen?, fragt sie, die lange vor dem Mauerfall als Kulturredakteurin der
Berliner Zeitung gearbeitet hatte. Kein Wort durfte man damals schreiben über die wirtschaftliche Misere der DDR oder Umweltprobleme. Aber auch ganz Banales war verboten: "Die Redakteure hatten das verminte Gelände meist auch ohne nachzuschlagen im Kopf. Niemandem wäre eingefallen, etwas über
Mangelwirtschaft,
Reisefreiheit,
Fluchtversuche oder die Devisenläden
Intershop zu schreiben. Schon
Fotos von Schiffen, Brücken und Autos hatten grundsätzlich zu unterbleiben. Sie konnten
Fernweh verursachen, an den maroden Zustand heimischer Brücken erinnern, unerfüllbare Motorisierungswünsche wecken. In der Regel gehörten auch
Speisen aller Art nicht in die Zeitung, keine Imbissstände auf Weihnachtsmärkten, keine Gaststätten. Leser sollten angesichts knapper Ressourcen und hoher Lebensmittelsubventionen
nicht noch zum Konsum animiert werden."
In der
SZ umkreist Julian Dörr die "
Manosphere", in der sich Antifeministen, Pick-Up-Artists, Incels und diverse Männerrechtsbewegungen versammeln. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sehen
Männer als Opfer eines erstarkenden Feminismus, was für Dörr letztlich
im Rechtsextremismus mündet. "Hier offenbart sich eine der größten Gefahren des Antifeminismus: Mit seiner Kritik an sich wandelnden Geschlechterrollen, seinem Beharren auf patriarchalen Strukturen sowie dem Mythos vom Mann als Verlierer der Emanzipation der Frauen hat der Antifeminismus Sympathisanten auch in der
konservativen,
bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Dort macht er dann eben
jene rechten Gedanken möglich, mit denen er seit jeher eng verbunden ist."