9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2780 Presseschau-Absätze - Seite 160 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2019 - Gesellschaft

Auf Zeit online fordert Simone Rodan-Benzaquen, Leiterin der europäischen Büros des American Jewish Committee, eine "konsequente Null-Toleranz-Politik" bei antisemitischen Übergriffen. Das heißt für sie, "nicht länger zögern, selbst den kleinsten antisemitischen Vorfall lautstark zu verurteilen, wer auch immer die Täter sind. Antisemitischen Demonstrationen, die als antiisraelische Proteste getarnt sind, darf nicht länger mit Gleichmut begegnet werden. Ihre abscheulichen Parolen dürfen nicht länger von unserer Kritik verschont bleiben. Warum gehen nicht mehr Menschen gegen den jährlich stattfindenden antisemitischen Quds-Tag auf die Straße?"

Vor einigen Tagen hat der Medienproduzent Walid Nakschbandi im Tagesspiegel die Muslime in Deutschland aufgefordert, sich gegen "deutschtümelnde Beleidigungen und Herabwürdigungen" zu wehren, die er hier zulande überall sieht: "Das mit dem Nichtauffallen klappt nicht. Ich weiß genau, wie viele von euch täglich von Unbekannten auf der Straße, in der Kassenschlange, auf dem Parkplatz oder im Büro als 'Terrorist', 'Sozialschmarotzer' oder sonst was beschimpft werdet - stets abgerundet mit dem Befehl 'Geh nach Hause!' oder 'Verpiss dich!'. Wie lange noch? Wenn ihr als Bürger dieses Landes und Mitglieder dieser Gesellschaft ernst genommen werden wollt, dann müsst ihr euch schon auch selbst ernst nehmen, sonst wird das nie etwas."

Seyran Ates kann dagegen die ewige Klage über die  "armen und unterdrückten Muslime" und "die deutschen Täter" nicht mehr hören. Vielleicht kann man sich ja mal an die eigene Nase fassen, empfiehlt sie Nakschbandi: "Ich betreibe eine liberale Moschee in Berlin. Und von wem bekomme ich Morddrohungen, Häme und Hetze? Zu 98 Prozent von Muslimen, die mich als Nestbeschmutzerin hinstellen. Und linksgerichtete Postkolonialisten betrachten mich als Provokation für arme konservative Muslime. ... Wer objektiv und differenziert schreiben will, darf nicht verallgemeinernd nur die Rassisten auf der Seite der Deutschen betrachten, sondern muss ehrlich genug sein und beschreiben, wie rassistisch und deutschenfeindlich manche Muslime und Migranten sind - obwohl sie in freiwillig in Deutschland leben."

In der FR warnt Amos Goldberg, Professor für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, die Deutschen davor, sich von der israelischen Regierung manipulieren zu lassen. Vor allem die Verurteilung des BDS durch den Bundestag ist für ihn ein Symptom, "wie das politische System in Deutschland rapide die freie Rede erodiert, wenn es um Israel und Palästina geht, und wie der öffentliche Diskurs in Diffamierung und Rufmord abgleitet. ... Wenn Sie nicht für diese Werte kämpfen, gerade auch im Kontext sensibler Themen, könnte sich Deutschland in fünf oder zehn Jahren in ein weiteres illiberales Bollwerk verwandeln. Seine Politik könnte dann der Israels, Ungarns und Polens ähneln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2019 - Gesellschaft

Wien wird mit seinen vielen Gemeinde- und geförderten Wohnungen gern als Paradies der Mieter dargestellt. Es ist aber nur ein Paradies für Mieter, die bereits eine Wohnung haben, Neumieter haben kaum Chancen, und es kommt zu Verzerrungen und Phänomenen der Korruption, schreibt Jana Lapper in der taz: "Um die geförderten Wohnungen entsteht oft ein dubioses Geschacher: Einzelne Zimmer und ganze Wohnungen werden illegal untervermietet oder durch das sogenannte 'Eintrittsrecht' legal an Familienmitglieder weitergereicht - ohne dass die Bedürftigkeit noch mal geprüft würde. Denn das geschieht nur beim Einzug. In Wien kennt man deshalb Politiker und Richterinnen, die im Gemeindebau wohnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2019 - Gesellschaft

Osteuropäerinnen würden in Deutschland oft nur als Reinigungskräfte und Altenpflegerinnen wahrgenommen, behauptete kürzlich auf Zeit online die kroatische Schriftstellerin und Dramatikerin Ivana Sajko: "Die einstigen sogenannten Gastarbeiter waren ein frühes Symptom unserer Modernität, schreibt der kroatische Philosoph Boris Buden. Sie waren die Boten des globalen Kapitalismus, Menschen ohne Heimat, die in dem Land, das sie verlassen hatten, genauso der Kritik ausgesetzt waren wie in jenem, in dem sie arbeiteten. Sie waren Verdammte dieser Erde, in der sie buchstäblich mit eigenen Händen wühlten, wenn sie in der Landwirtschaft aushalfen. In einer solchen Welt waren und sind Varianten des Putzens und anderer Hausarbeiten häufig die einzigen Formen der sicheren Beschäftigung für Frauen, da sie komplementär zu ihren Rollen als Pflegerinnen, Köchinnen und Hausfrauen in ihrem familiären Umfeld sind."

Verdammte dieser Erde? Geht's noch, fragt Miranda Jakiša, Professorin für Süd- und Ostslawische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Uni, die Sajkos Beschreibung maßlos übertrieben findet. "Nur in der Erinnerung Kroatiens, Bosniens, Serbiens, in der Erinnerung der jugoslawischen Nachfolgestaaten gelten die Gastarbeiterinnen bis heute als bemitleidete Putzfrauen. Aus der Ferne konnten und können sich die Daheimgebliebenen weder die Arbeitsbereitschaft, den eisernen Aufstiegswillen und das zukunftsgerichtete Durchhaltevermögen dieser Jugoslawinnen erklären noch ihre allmähliche Sozialisation in den Aufnahmegesellschaften nachvollziehen. Dabei trugen die jugoslawischen Gastarbeiter, wie der Südosteuropahistoriker Ulf Brunnbauer zeigen kann, signifikant zum jugoslawischen Staatshaushalt bei, der schon bald fest mit den Devisen rechnete, die seine Diaspora regelmäßig nach Hause schickte. Das und die unzähligen mit Gastarbeitergeld gebauten Häuser und Betriebe in Bosnien, Kroatien, Nordmazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien sind eine Leistung der südosteuropäischen Arbeitsmigrantinnen, die bis heute nicht gewürdigt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2019 - Gesellschaft

Die Berliner Beratungsstelle gegen Zwangsheirat der Organisation "Terre des Femmes" schließt aus finanziellen Gründen, berichtet Antje Lang-Lendorff in der taz. An mangelnder Nachfrage lag es nicht: "2017 waren den Berliner Einrichtungen demnach 570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung bekannt. Mit 93 Prozent gehörten größtenteils Mädchen und Frauen zu den Betroffenen. Die meisten waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. In 444 Fällen gab es auch einen Hinweis zum Migrationshintergrund: Etwa die Hälfte stammte demnach aus einer arabischen Familie, 20 Prozent hatten türkische Wurzeln, 15 Prozent stammten aus Ländern des Balkans." Den Betroffenen bleibt als Hilfe dann nur noch die Onlineberatung von Papatya, die aber auch mit unzureichenden finanziellen Mitteln kämpft.

Natürlich wurden in der deutschen Integrationsgeschichte Fehler gemacht, aber das ist längst nicht der einzige Grund für Clankriminalität, schreibt die Kriminologin Dorothee Dienstbühl bei Tagesspiegel Causa und verweist auf Clan-Strukturen wie ein eigenes Rechtssystem, Anspruchshaltung, Familie als Schutzmacht und vor allem eine "einstudierte Opferrolle". Sie fordert: "Das Ausmaß von Kriminalität und die offene Verachtung gegenüber dem Rechtsstaat und seinen Gesetzen muss konkret benannt werden. Das Ausleben eigener Regeln, die grundrechtlich verbürgte Rechte ignorieren, ist keine migrationstypische Erscheinungsform, die unter bedingungslose Akzeptanz kultureller Vielfalt aufzufassen wäre. Denn es handelt sich innerhalb der ethnischen Minderheiten selbst lediglich um Minderheiten, die kriminell auffällig werden. Doch genau sie dominieren die Straße und geben dort die Spielregeln vor. Sie sind es, die sämtlichen Integrationsbemühungen zuwiderlaufen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2019 - Gesellschaft

Eine moderne Stadtpolitik der Nachhaltigkeit, der Reduzierung von Autos und der Prüfung der Luftqualität ist eben auch eine Politik, die mehr den Bobos und weniger den Leuten zugute kommt, schreibt Christoph Winder in einem Paris-Spaziergang für den Standard mit Blick auf die hochmodische Politik der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo: Die Bobos " können sich relativ bequem mit Bus, Metro, Rad oder zu Fuß zwischen ihren Lebens- und Arbeitsbereichen hin- und herbewegen. Weitere Transfers mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Wohnort in einer, sagen wir, nordwestlichen Banlieue zu einer Arbeitsstelle im Südosten können dagegen gern einmal zwei Stunden oder mehr in Anspruch nehmen."
Stichwörter: Paris, Nachhaltigkeit, Banlieue

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2019 - Gesellschaft

Schon die Überschrift bei Netzpolitik ist so süß, dass man den Artikel zitieren muss: "Der enthemmte Maaßen zeigt, wie gefährlich der Verfassungsschutz ist." Kaum ruhiggestellt mit seiner dicken Beamtenpension ist "der ehemalige Präsident des Inlandsgeheimdienstes mit dem irreführenden Namen 'Verfassungsschutz'" Hans-Georg Maaßen in der Tat vor allem in den sozialen Medien unterwegs und retweetet mit Vorliebe rechtsextreme Seiten, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisieren, beobachtet Markus Reuter: "Maaßen ist der geheimdienstgewordene Sarrazin der Christdemokraten, der Matussek unter den Schlapphüten, eine Erika Steinbach mit Nickelbrille. Doch im Gegensatz zu diesen Leuten war er bis letztes Jahr Chef einer Behörde mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und weitreichenden Ermittlungsbefugnissen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2019 - Gesellschaft

"Flugscham" bei Menschen auslösen, die aus purem Egoismus in den Urlaub fliegen, ist eine gute Sache, findet Svenja Bergt in der taz. Noch wichtiger ist ihr aber, dass die Menschen letztlich gehorchen. "Die Frage ist: Wie reagiert die Bevölkerung darauf, wenn es nicht mehr darum geht, freiwillig etwas zu ändern, oder darum, nett und kuschelig zu einer kleinen Verhaltensänderung gestupst zu werden, sondern um klare Ge- und Verbote? Solche, die die Gewohnheiten einschränken und lieb gewonnene Verhaltensweisen nicht mehr möglich machen? Wird es Demonstrationen geben für ein Recht auf Steak?"

Der Historiker Patrice Poutrus plädiert im Gespräch mit drei tazlern verhement gegen Naika Foroutan oder Jana Hensel, die die "Ostdeutschen" identitätspolistisch als Opfergruppe sehen wollen: "Natürlich gibt es etwas, das Ostdeutsche mal mehr und mal weniger teilen. Gerade in der Distinktionserfahrung nach der 'Wende' liegt auch etwas, das zu einer verbindenden ostdeutschen Identität kultiviert werden konnte. Zum Problem aber wird, wenn diese geteilten Erfahrungen zu etwas Unhintergehbarem, zu etwas meine ganze Person Bestimmenden erhoben werden sollen."

Ayaan Hirsi Ali denkt im Wall Street Journal über die Israel-Obsession der demokratischen Abgeordneten Ilhan Omar nach, die wie Ali aus einer Flüchtlingsfamilie aus Somalia stammt. Auch sie selbst sei selbstverständlich mit Antisemitismus aufgewachsen, schreibt Ali. Und sie beschreibt, wie sich der Islamismus neumodischen Diskursen anschmiegt: "Islamisten haben wohl verstanden, wie sie muslimischen Antisemitismus mit dem vagen Begriff der 'sozialen Gerechtigkeit' in der amerikanischen Linken verbinden. Sie haben es geschafft, ihre Agenda in das progressive Framework der Unterdrückten gegen die Unterdrücker einzupassen. Identitätspolitik und Opferkultur versorgen auch die Islamisten mit dem Vokabular, um ihre Kritiker mit Beschuldigungen wie 'Islamophobie', 'white privilege' und 'mangelnder Sensibilität' zu belegen." Alis Artikel ist über diesen Tweet zu lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2019 - Gesellschaft

Klar fordert der Tourismus seinen Preis, schreibt FAZ-Reiseredakteur Jakob Strobel y Serra zu seiner Ehrenrettung, aber den norwegischen Fjorden schadet die Lachszucht vielleicht mehr als alle Kreuzfahrten, und dass die Ramblas von Barcelona so verkommen sind, liegt nicht nur an den Touristen, sondern auch an der Habgier katalanischer Geschäftsleute: "Man kann die Iberische Halbinsel kreuz und quer bereisen, um dann festzustellen, dass außer Barcelona, San Sebastián im Hochsommer und Palma de Mallorca in der allerdings inzwischen fast endlos währenden Hochsaison keine einzige Stadt in Spanien und Portugal ein existentielles Problem mit 'Overtourism' hat. Solche Beispiele für die segensreiche Janusköpfigkeit des Tourismus gibt es ohne Zahl. Berlin hat ganz bestimmt ein ernsthaftes Problem mit touristischer Überfüllung, aber trotz allen Partylärms an der Oberbaumbrücke kann sich kein Mensch von Sinn und Verstand ernsthaft das verranzte SO36 aus alten Mauerzeiten zurückwünschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2019 - Gesellschaft

Peter Kümmel singt in der Zeit eine Hymne auf all die heutigen Pasionaras - denn Pasionaros sind nicht dabei -, die uns mit heiliger Unbedingtheit in die Suppe spucken: "Greta zeigt, dass ein vom Asperger-Syndrom betroffenes Mädchen angemessener auf unsere Lage zu reagieren vermag als der angeblich gesunde Menschenverstand. Greta ist, um es in der Sprache ihrer Altersgenossen zu sagen, nicht in der Lage, zu chillen. Diese durch Belohnungen nicht zu bestechende Frau versteht keine Späße, sie tritt ernst und unerbittlich auf wie die Verkörperung unserer Schuld."

Evelyn Finger trifft für die Zeit die Flüchtlingsanwältin Insa Graefe von der Hamburger Beratungsstelle "Fluchtpunkt". Auf die Frage, wann sie zum sich zum letzten Mal geärgert hat, muss sie nicht lange nachdenken: "Vorige Woche kam eine iranische Architektin und Menschenrechtsaktivistin zu mir, die in ihrer Heimat schwer gefoltert wurde. Ihrem Antrag auf Asyl waren mehrere Atteste beigelegt - doch die tauchten im ablehnenden Bescheid überhaupt nicht auf. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schickte eine pauschale Ablehnung aus vorgefertigten Textbausteinen. Bei der Anhörung der Iranerin hatte zudem eine junge Afghanin gedolmetscht, der nicht nur grundlegendes Vokabular fehlte, sodass sie ständig mit Google Translate hantierte, sondern die auch den politischen Kontext der Folterungen nicht verstand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2019 - Gesellschaft

Kann man die Internierungslager an der amerikanisch-mexikanischen Grenze wirklich mit Konzentrationslagern vergleichen, wie es die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez kürzlich tat? Aber selbstverständlich, meint Arno Widmann in der FR: "Alle Wissenschaft basiert auf dem Vergleich. Wir erkennen die Dinge, in dem wir sie mit einander vergleichen. Das gilt für kleine Kinder und für große Kosmologen. Jedes Atom, das schwerer ist als Beryllium, sei es in unserem Körper oder wo auch immer im Universum, verdankt seine Existenz der Elementsynthese im Innern der Sterne. Erst das genaue Vergleichen hat uns darüber belehrt. Die Behauptung, etwas sei einzigartig und unvergleichbar, ist ein Denkverbot. Da soll etwas auf ein Podest gestellt und angeschaut, angebetet, aber auf keinen Fall soll es verstanden werden."